Streetism!

Root Event

Werkleitz Jubiläums Festival 2013 Utopien vermeiden
Filmprogramm
Streetism!
18. 10. 2013
21. 10. 2013

kuratiert von:

anwesend:

Mathieu Tremblin (FilmemacherIn)
,
Vladimir Turner (FilmemacherIn)

Liebe Künstler, verbrennt die Manifeste! Liebe Kuratoren, hört endlich auf, immer neue Fragen zu stellen, die doch nie jemand beantworten kann! Und liebe Besucher und Zuschauer, lasst uns Utopien und immer neue Versprechungen vermeiden und konkretes Handeln favorisieren! Das Filmprogramm Streetism! stellt deshalb Künstler vor, die anpacken. Künstler, die raus auf die Straße gehen, dorthin, wo das Leben tobt, und versuchen, die Welt im Kleinen zu verändern. Es werden 17 Dokumentationen aus ganz Europa von Performances, Interventionen und Skulpturen im öffentlichen Raum gezeigt, 17 individuelle Strategien, die mit viel Spaß und Spiel eine künstlerische Formen des Widerstands darstellen. Denn Kultur entsteht durch Spiel – den Spaß daran und die daraus entstehende Spannung.

„[Der Mensch] ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb Friedrich Schiller. Und der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga prägte den Begriff „Homo ludens“, der spielende Mensch, der für die Street-Art-Künstler so treffend ist. Die Stadt selbst wird dabei zum Kunstwerk, das frei gestaltet wird und quasi als Laboratorium für eine spielerische Revolutionierung des Alltags dient.

Street“-„Art“

Warum sollte man sonst so fieberhaft Verbindungen ziehen, wenn nicht deshalb, weil die Dinge so beängstigend unverbunden erscheinen?“Hal Foster, An Archival Impulse

Bei vielen Ausstellungstiteln sehnt man sich nach einem „O. T.“. Die US-Kuratorin Rebecca Uchill hat aus diesem Missstand einen unterhaltsamen Titel-Generator für faule Kuratoren gemacht. Arbitrary Extravaganza: Post-Painterly Art of Sameness und After the Imagination: The Dysfunction of Gender sind nur zwei Beispiele, die der Zufallsgenerator ausspuckt. Utopien vermeiden hieß das Werkleitz Jubiläums Festival, basierend auf der gleichnamigen Neonleuchtschrift des Künstlers Martin Conraths. Ein schöner Titel, der provoziert, irgendwie fremd wirkt, trotzdem poetisch und aktuell ist. Aber: Eben eine Klammer, nur eine Schublade. Woher kommt der Drang, die Dinge in Schubladen zu packen, sie zu ordnen, zu benennen und in Kategorien abzulegen?

Evolutionstheoretiker sagen, dass Kategorien unser Überleben sichern. Die Fähigkeit bringt Ordnung in den zunächst chaotischen Strom unserer Sinneswahrnehmungen. Der Mensch kann damit blitzschnell brauchbare von unbrauchbarer Nahrung unterscheiden und gefährliche Situationen von ungefährlichen. Mustererkennung nennt sich diese Leistung, bei der Informationen auf Wiederholungen, Ähnlichkeiten und Gesetzmäßigkeiten geprüft und anschließend klassifiziert werden. „Es bestimmt natürlich unsere Kulturpraxis, weil wir mit diesem Apparat unsere Kultur bilden, weil wir mit diesen kognitiven Apparaten alle zusammen wirken und das wahrscheinlich eine der Eigenschaften ist, die wir mitbringen in diese kulturelle Welt: Kategorien zu bilden“, sagt die Psychologin Claudia Friedrich von der Universität Hamburg. Und wo die utopischen und dystopischen Visionen verblassen, bleibt nur der Versuch der Mustererkennung.

Zum Festival durfte ich zwei Filmprogramme kuratieren und vier Künstler (Mathieu Tremblin, Vladimir Turner, Barbara Visser, Alain Della Negra) einladen. Und je länger ich im Bereich Neue Medien arbeite, desto mehr freue ich mich über den persönlichen Austausch, Anfassen statt Anstupsen, Augen- statt E-Mail-Kontakt. Das macht den Reiz von Festivals aus, und manchmal ist dieser Austausch wichtiger als die Ausstellung oder das Filmprogramm selbst. Die Treffen, die Gespräche, die Konflikte. Nach solchen Festivals ist mein Akku wieder voll und ich kehre voller Tatendrang und frischer Ideen zurück. Kurzum: Es hat verdammt viel Spaß gemacht. Katalogtexte schreiben macht weniger Spaß. Das Festival ist vorbei, das Erlebte soll dokumentiert und in Buchform im Regal abgelegt werden können. 6.000 bis 12.000 Zeichen inklusive Leerzeichen soll mein Text haben, schreibt mir der künstlerische Leiter. „Wir hatten überlegt, dass es vielleicht interessant wäre, wenn du deine Gedanken zur Street-Art mit eurer Aktion in Dresden verbinden würdest, denn das ist ja eine Form des von dir beschriebenen spielerischen/pragmatischen Utopismus. Man wird zu einem Festival eingeladen und macht gleich bei der Gelegenheit etwas Neues.“

Pragmatischer Utopismus? Wieder so eine schöne Schublade. Mir bisher unbekannt. Habe ich natürlich sofort gegoogelt um zu sehen, ob sich den Begriff schon jemand reserviert hat. Der deutsche Philosoph Peter Seyferth schrieb für das Buch Anarchismusreflexionen einen Beitrag mit dem Titel Pragmatischer Utopismus, und auch der dänische Architekt Bjarke Ingels beschreibt seine Entwürfe als pragmatisch-utopische Architektur. Sein Werk existiere zwischen zwei herrschenden Extremen: der Avantgarde voll wilder Ideen, aber eben so realitätsfern, dass sie nur kuriose Randerscheinungen bleiben, und daneben die in der Realität existierenden, vorhersehbaren, langweiligen und pragmatischen Gebäudeklötze.

„Meine Skulpturen funktionieren im Museum nicht auf die gleiche Weise. Es ist, als würde man einen Feuerwerkskörper ins Wasser stecken und ihm sagen: Explodiere!“, erzählte mir einmal der US-Künstler Mark Jenkins bei einer Ausstellung. „Im Museum sind wir wie Löwen im Zoo.“ Und das ist das Problem. Ich hatte für das Filmprogramm zwei Künstler (Tremblin/Turner) eingeladen, die im und mit dem öffentlichen Raum arbeiten. Die Filme sind aber nicht das Werk, sondern nur Dokumentationen. Die Kunst braucht den Nährboden der Straße, lebt von der Überraschung der Passanten, von der Nutzung der Alltagsgegenstände und Stadtmöbel. Auf dem Weg nach Halle hatte ich die Möglichkeit, bei einem Off-Space in Dresden, dem C. Rockefeller Center for the contemporary Arts, eine Ausstellung zu realisieren. Ist das schon pragmatischer Utopismus? Aus der Not eine Tugend machen? Man freut sich als freier Kurator eben über alle Möglichkeiten, und als junger Künstler erhofft man sich von jeder Ausstellung ein wenig mehr Ruhm.

Tremblin und Turner realisierten für die Ausstellung ein paar Arbeiten im Stadtraum von Dresden – aber wirklich aufgerieben hat uns vor allem die Frage, was im Kunstraum gezeigt werden sollte. Und die große Frage: Wie kann man Kunst aus dem öffentlichen Raum sinnvoll in einen Innenraum transportieren, ohne leblose Artefakte zu präsentieren? Außerdem hatten wir hitzige Debatten über den Begriff „Street-Art“, noch so eine Schublade. Schon immer prägten Künstler und Kritiker selbst die Begriffe der Kunstgeschichte. Der Historiker Richard Wollheim prägte den Begriff „Minimalismus“, der Künstler Theo van Doesburg den Begriff „Konkrete Kunst“ und der Kritiker Louis Vauxcelles den Begriff „Fauvismus“. Ich habe noch keinen Künstler kennengelernt, der den Begriff „Street-Art“ nicht furchtbar findet – trotzdem surfen sie alle gerne auf der aktuellen Beliebtheitswelle dieser neuen rebellischen Bewegung, quasi dem nächsten großen Ding der Postskateboard-Generation.

Die Lösung war dann auch wieder pragmatisch: In der Ausstellung wurden lediglich Zitate zu den künstlerischen Arbeiten präsentiert, darauf projizierten wir ein paar Video-Dokumentationen und der Hauptbestandteil der Ausstellung bestand in einer Performance, die wir Art Therapy Group nannten. Ich als Kurator übernahm die Rolle eines Psychiaters, die Künstler kamen auf die Couch und sollten über ihre Probleme mit der Kunst und auch über den Begriff „Street-Art“ reden, das Publikum wurde in die Behandlung integriert und mittherapiert. Am Ende gab es eine kleine Publikation mit den schönsten Wortmeldungen des Abends. Und so entstand die wunderbare Wortschöpfung: „Street“-„Art“. Da ist einfach alles drin: dieser beknackte Bindestrich (Determinativkompositum) sowie die Anführungszeichen als Indiz für Ironie, Wortspiel und Distanz. „Kunst“, die in solchen Anführungszeichen steht, spiegelt stets die Skepsis wieder, auf die neue Kunstformen oft stoßen. Es erinnert auch an die „Bild“-Zeitung, die die Abkürzung DDR stets in Anführungszeichen setzte, um deutlich zu machen, dass sie die DDR nicht anerkannte. Inzwischen kann man Anführungszeichen als Ehrentitel tragen. Außerdem findet auch gleich noch eine Distanz zur Straße statt, deshalb steht auch „Street“ in Anführungszeichen, denn oft landet die Kunst eben auch in der Galerie und auf dem Kunstmarkt und wird dann eigentlich auch lieber unter dem Label „Urbane Kunst“ verkauft. Sie ist dann noch immer rebellisch genug, und niemand wundert sich darüber, dass die Kunst nicht mehr auf der Straße stattfindet.

Praxis sei auf unbestimmte Zeit vertagt, schrieb Theodor W. Adorno und meinte damit jene Praxis, die auf die Herstellung eines gesellschaftlichen Zustandes zielt, in dem freies Handeln möglich wäre. Und damit den fiktiven Nicht-Ort, die Utopie. Handlung. On Producing Possibilities lautet das Thema der Bukarest Biennale 2010. Was für ein absurder Titel, dachte ich damals. Dabei ist es so einleuchtend: Utopien sind das Opium des Volkes, es kommt darauf an, die Welt aktiv zu verändern, im Kleinen, und konkretes Handeln zu favorisieren. „Kunstwerke begeben sich hinaus aus der empirischen Welt und bringen eine dieser entgegengesetzte eigenen Wesens hervor, so als ob auch diese ein Seiendes wäre“, sagte Adorno. Mathieu Tremblin nennt seine Interventionen treffenderweise „Propositions“, französisch für Vorschläge. Sie zwingen nichts auf, schlagen einfach nur vor, sind individuelle Antworten, können ignoriert oder bejubelt werden. Aber: Sie sind. Sie sind Handlung und erschaffen eine neue Wirklichkeit.

Und das Ende dieser beängstigend unverbundenen Aneinanderreihung von Gedanken? Glücklich über die schaurigschöne, kunstvolle Wortschöpfung „Street“-„Art“ handelte Tremblin sofort und fing an, den Begriff überall in der Realität zu verankern, wie zum Beispiel mittels Sprühdose und Marker an der Werkleitz Ausstellungshalle – und wurde prompt von einem Sicherheitsbeamten in flagranti erwischt und rausgeworfen.

Alain Bieber

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