Angst in der schwarzen Schachtel – Filmprogramm

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Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen
Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen
Angst in der schwarzen Schachtel – Filmprogramm
12. 10. bis 17. 10. 2010

kuratiert von:

Härlig är jorden – World of Glory, 1991, © Roy Andersson

Das Kino ist ein beliebter Ort der Angstlust. Der Betrachter kann sich in Krimis und Thrillern, Kriegs-, Horror- und Katastrophenfilmen den schrecklichsten Szenarien aussetzen, und doch wird ihm nichts geschehen. Vielleicht vergisst er für einen Augenblick, sein Popcorn zu essen. Es gibt aber auch andere Filme über Angst. Von eben jenen handelt dieses Programm. In dem Kino der Geheimdienste sehen wir Schulungsfilme der Stasi, die nie für das Licht der Öffentlichkeit bestimmt waren. Seltsame, oft komische Dokumente, die kaum das Leid derer erahnen lassen, die in den Fokus dieser Überwachungsprofis und Filmamateure gerieten. Die Filme Abraham – ein Versuch und Repetition reflektieren zwei im wahrsten Sinne fürchterliche psychologische Untersuchungen, das Milgram- und das Stanford-Experiment, einmal als „authentischer“ Dokumentarfilm, einmal als künstlerische Re-Inszenierung. Der japanische, spät wiederentdeckte Stummfilmklassiker Eine Seite des Wahnsinns, den wir mit einem Benshi (Filmerzähler) und Livemusik aufführen, zieht den Betrachter genauso in den Abgrund der menschlichen Seele wie der auf Super-8 gedrehte, „manische“ Künstlerfilm Apologies. Die sehr persönlichen Dokumentarfilme Eine Million Kredit ist normal, sagt mein Großvater, A Stranger in Her Own City und Boys erzählen von den Ängsten des Erwachsenwerdens aus der Perspektive völlig verschiedener Gesellschaften, während die Programme Fear Within und Der Krieg, der bleibt von den Schäden berichten, die Gewalt und Krieg bei den Menschen hinterlassen. Die große, dunkle und „lebende“ Fläche von Cuero vivo hingegen scheint die Urangst des Menschen direkt anzusprechen. Dem entgegen stehen aber auch ironische Selbstinszenierungen von Künstlern, die sich freiwillig und zur Freude des Publikums den absurdesten Angstsituationen aussetzen, die Polizei als Freund und Helfer allzu wörtlich nehmen oder die Katastophenszenarien der Medien im Modellbauformat nachspielen.

Zwei Gastkuratoren bereichern mit ihrer Auswahl und ihrer Expertise das Festival: Karin Fritzsche (Berlin), Mitbegründerin und Kuratorin des Film Festival Cottbus und Mitherausgeberin des Klassikers GegenbilderFilmische Subversion in der DDR sowie Brent Klinkum (Caen), Gründer und Direktor des französischen Zentrums Transat Vidéo und Mitglied der Ankaufskommission Neue Medien des Centre Georges Pompidou.

Das Filmprogramm als Ganzes umfasst 90 Jahre Filmgeschichte und präsentiert die unterschiedlichsten Formate: Spiel-, Dokumentar- und Experimentalfilme, Künstlervideos, Lehr- und Werbefilme, ja sogar einen vollkommen abstrakten Film. So entsteht aus 56 sehr unterschiedlichen künstlerischen Perspektiven ein ganzer Kosmos der Angst in der Schwarzen Schachtel.

Text von

Marcel Schwierin

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