They Won’t Give Peace a Chance - That Was Just a Dream Some of Us Had

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Werkleitz Festival 2008 Amerika

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They Won’t Give Peace a Chance - That Was Just a Dream Some of Us Had
26. 10. 2008

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Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die USA die Guten. Sie hatten nicht nur den Nationalsozialismus und das imperiale Japan besiegt und damit zwei der brutalsten Besatzungsregime der Geschichte beendet, sondern sie standen auch im Vergleich zu den anderen Siegern, den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich und der stalinistischen Sowjetunion, moralisch vorbildlich da. Auch die bis zum Zweiten Weltkrieg intensiv diskutierte Frage, ob autoritäre Regime oder Demokratien besser seien, schien endgültig entschieden. Der ökonomische Erfolg der USA, die 1953 44,7% der Weltproduktion stellten, schien Systemkritik lächerlich zu machen (1). Doch in den 60er Jahren drehte sich das Bild. Der extrem grausam geführte Vietnamkrieg verband sich mit dem Aufbegehren gegen den inneramerikanischen Rassismus. Die reihenweise Ermordung oppositioneller und liberaler Politiker, von den Kennedys über Martin Luther King bis zu Malcolm X, verstärkte den Eindruck eines aggressiven Systems, zumal die USA in ihrer antikommunistischen Außenpolitik repressive Regierungen in der ganzen Welt unterstützten. Andererseits waren die 60er Jahre auch die Zeit der amerikanischen Erneuerung: Die Anti-Rassismus- und die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung entwickelten nicht nur neue Formen des gewaltfreien Widerstandes (Sit In, Teach In, die über das Vorbild Gandhis letztlich auf Thoreau zurückgingen)(2), sondern sie entwickelten ein völlig neues Lebensgefühl, das sich vielleicht weltweit ebenso durchsetzte wie das ökonomische Erfolgsmodell der 50er, zumindest auf der symbolischen Ebene der Bilder. Umso größer war der Schock, als sich die Geschichte nach 1990 zu wiederholen schien: Zunächst waren die USA strahlender Sieger in dem Kalten Krieg gegen die Sowjetunion, um dann im Irak das gewonnene moralische Kapital extrem schnell zu verspielen. Aber obwohl der inneramerikanische Protest gegen den Irak-Krieg schon vor dem Krieg begann (im Gegensatz zum Vietnamkrieg, der zunächst in der amerikanischen Öffentlichkeit kaum diskutiert wurde) (3), hat dieser Protest keine Strahlkraft. Sehr deutlich wird dies, wenn man zwei Filme aus der kritischen Veteranenbewegung vergleicht: Der abendfüllende Winter Soldier  von 1972 ist in seiner spröden Radikalität ein Meilenstein des politischen Dokumentarfilms, wohingegen Winter Soldier: Iraq and Afghanistan  von 2008 eher wie eine brave Fernsehdokumentation wirkt (4).

Das folgende Programm besteht aus zwei Teilen: Die ersten fünf Arbeiten sind zeitgenössische Filme, die Rassismus und Krieg aus sehr unterschiedlichen kulturellen und filmischen Perspektiven thematisieren, wohingegen die weiteren drei Filme auf der Metaebene des Zitats arbeiten.

Die Kritik am Vietnamkrieg im DDR-Film war in den meisten Fällen schlichte Feindpropaganda. Eine Ausnahme bildet Robert Jackson klagt an, der mit Zitaten des amerikanischen Chefanklägers in Nürnberg arbeitet; eine Argumentation, der man sich selbst heute nur schwer entziehen kann.

Auch White Christmas kombiniert amerikanische Kultur, genauer Schlager, mit ätzender Kritik am Vietnamkrieg. Ziel dieses kurzen Agitprop-Filmes – der sich ja an die deutsche, nicht an die amerikanische Öffentlichkeit wendete – war es, bürgerlichen Wohlstand und Behaglichkeit mit dem fernen Krieg zu kontrastieren – wie eigentlich die gesamte Kritik der 68er sich weniger gegen die USA speziell, als gegen das kapitalistische System als Ganzes richtete.

Genau umgekehrt arbeitet Jonas Mekas in der Time & Fortune Vietnam Newsreel: Ein Fake-Interview mit dem „Lappländischen Kriegsminister“ wirft eine Außenperspektive auf den eigenen Krieg und diskutiert in ironischer Verzweiflung die Frage, ob man Vietcongs nicht auch billiger töten könne. Während sich die weiße Studentenschaft in den USA überwiegend mit dem Krieg in Südostasien auseinandersetzte, stand für die Afroamerikaner die eigene Situation im Vordergrund: Der Krieg in Vietnam und die Situation der Schwarzen in den USA waren für sie nur zwei Varianten desselben Rassismus (5).

Crowded thematisiert im Stil des Direct Cinema die Situation der schwarzen Häftlinge, die bis heute einen überproportionalen Anteil der amerikanischen Gefängnisinsassen stellen. Während der Film die Überfüllung und die heruntergekommene Gefängnisarchitektur kritisiert, fragt man sich in Erinnerung an Bilder zeitgenössischer US-Hochsicherheitsgefängnisse, ob sich die Situation nicht eher verschlimmert hat.

Die DDR positionierte sich in der inneramerikanischen Auseinandersetzung klar auf der Seite der Afroamerikaner, teils aus echter Solidarität, teils aus propagandistischer Berechnung. Wenn Ralph Abernathy hingegen in Free Angela Davisversichert wird, dass in der DDR „kein Platz für Rassismus“ sei, so erscheint das angesichts des heutigen Rassismus gerade in Ostdeutschland doch ziemlich abstrus.

Perfect Film zeigt die Medialisierung des Mordes an Malcolm X anhand ihrer Abfälle: Die unbearbeitete Resterolle – am Ende eines Filmschnitts klebt der Schnittassistent alle Reste mehr oder weniger chronologisch zusammen – zeigt die Outtakes, die Wiederholungen, die Eitelkeiten der Zeugen, aber nicht das Ereignis selbst, welches dadurch für den Betrachter umso präsenter wird.

Das Massaker von My Lai, bei dem amerikanische Soldaten ein ganzes Dorf ermordeten, war einer der entscheidenden Wendepunkte im Vietnamkrieg. In der Folge gab es zahlreiche Aussagen von Vietnam-Veteranen über begangene Kriegsverbrechen vor offiziellen und inoffiziellen Kommissionen, das moralische Ansehen der USA war auf einem Tiefpunkt, der Krieg vor der Öffentlichkeit nicht mehr zu rechtfertigen. Der Schauspieler, der in Acting Facts die Aussagen von Soldaten rezitiert, wirkt in seiner sparsamen Gestik wie ein Anti-Denkmal: Statt aus „ewigem“  Material gehauen, agiert er in einem zeitbasierten Medium; er erinnert nicht an Ruhmestaten, sondern an Verbrechen, und er stellt mit jedem Satz die Frage nach der Gültigkeit menschlicher und medialer Erinnerung.

So grausam der Vietnamkrieg war, so wichtig war sein Ende: Es dürfte selten in der Geschichte der Menschheit eine militärisch so überlegene Macht auf inneren moralischen Druck hin einen Krieg beendet haben. Auch der Rassismus scheint von außen betrachtet ein Relikt der Vergangenheit: Mit einem schwarzen Verteidigungsminister, einer Außenministerin und jetzt einem nominierten Präsidentschaftskandidaten stehen Afroamerikanern die höchsten Regierungsämter offen. Doch spricht man mit amerikanischen Intellektuellen über die Anti-Rassismus- und Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, so erfährt man tiefe Enttäuschung. Nicht wenige halten das ganze Projekt für völlig gescheitert, der Rassismus sei jetzt nur verdeckt und damit umso effektiver und der Irak-Krieg mitsamt Guantanamo und Abu Ghraib beweise, dass die USA an Vietnam nahtlos anknüpften.

In CALIFORNIA/blue sitzt Abbey Williams mit ihrem iPod in einer Ikea Filiale und singt die Zeilen von Joni Mitchell aus dem Jahre 1971 mit: „Sittin’ in a park in Paris, France; readin’ the news and it’s all bad. They won’t give peace a chance, that was just a dream some of us had.“ Die Künstlerin zitiert dabei nicht nur die Friedensbewegung, sondern auch die performative Videokunst der 70er Jahre und verlegt das Ganze in die künstlichen Wohlfühlwelten des schwedischen Möbelmultis. Von dem revolutionären Geist ist nur noch die Geste geblieben; Kunst und Künstlerin sind schon nahtlos mit der sie umgebenden Konsumwelt verschmolzen.

Marcel Schwierin

(1) Vgl. Philipp Gassert: Die USA und der Kalte Krieg. In: Kleine Geschichte der USA. Stuttgart 2007, S. 432.
(2) Vgl. Henry D. Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Boston 1849/1866.
(3) Vgl. Noam Chomsky: Hybris. München 2006, S. 52f.
(4) Winter Soldier ist auf DVD erschienen (ASIN: B000F3AILI), „Winter Soldier: Iraq and Afghanistan“ Vertrieb durch http://www. ivaw.org
(5) Vgl. hierzu die Black Panther Newsreel  von 1968: http://www. ubu.com/film/varda.html

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