Täuschung

Root Event

Videokunst- und Kurzfilmfest Facing the Artwork
Täuschung
11. 6. 2011

anwesend:

Petko Dourmana (KünstlerIn)
,
Anne Hartog (KünstlerIn)
Schwarzes Loch © Johanna Reich

Die Täuschung ist eine der spannendsten Möglichkeit der elektronischen Medien. Gleichzeitig stellt sie auch ein grundlegendes menschliches Bedürfnis dar. Aus dieser Kombination ergibt sich die Faszination der irreführenden bewegten Bilder. Ihr Ursprung reicht weit über Schattenspiele und erfundene Reiseberichte bis zur Tarnung im Urwald und in den Religionen zurück. Im Groben kann man optische und imaginäre Täuschungen unterscheiden. Dieses Programm besitzt seinen Schwerpunkt im Visuellen, bietet aber auch spielerische Grenzüberschreitungen. Die Kamera stellt dabei oft eine wichtige subjektive Perspektive dar.

Eine der direktesten Möglichkeiten zur visuellen Täuschung ist die Verwendung des Kamerabildes als fixierte Perspektive. Damit sieht man das Geschehen nur als zweidimensionale Ebene und kann wie bei einer Theateraufführung leicht getäuscht werden. So zu Beispiel bei dem Video „Line“, in dem eine schwarz gekleidete Person auf einer Bild füllenden weißen Wand eine senkrechte schwarze Linie pinselt und am Ende vor dem schwarzen Hintergrund vollständig verschwindet, oder ebenjene Figur sich im Schnee wälzend eine schwarzes Loch erzeugt.

Eine etwas komplexere Art der Täuschung ist die Ausnutzung der Physiologie des menschlichen Auges, welches als stärksten Reiz Bewegung wahrnimmt, erst später Kontrast, Farben und zuletzt  konkrete Formen. Im Video „Spin“ lenkt die sich ununterbrochen drehende Drehtür die Aufmerksamkeit von den wechselnden Umgebungen ab. Ähnlich funktioniert „Revision“, wo ein mehrteiliges Fenster im Vordergrund einen Rahmen bildet, hinter dem in einem Hof immer unwahrscheinlichere Ambiente entstehen.

Bei „Dew Point“ kann man nicht entscheiden, ob es sich um eine absichtliche Bildmanipulation handelt oder tatsächlich eine Person im Nebel gerade an der Sichtgrenze erscheint und verschwindet. Bei anderen Videos geschieht die Täuschung schon am aufgenommenen Objekt. „Post Global Warming Survival Kit“ zeigt Bilder, die man in der Realität nicht sieht. Eine Infrarotkamera zeigt eine Installation, die nur von Infrarotlampen beleuchtet ist und für das bloße Auge im totalen Dunkel liegt. Die Manipulation des Videobildes kann auch sehr subtil auf der Bildebene erfolgen, wie bei „This art piece was seeking my reflection“, wo das Bild des Betrachters immer wieder gespiegelt und verzerrt auf den Oberflächen von Bildern erscheint.

Eine andere Art der Verfremdung des Videobildes ist die Defragmentierung, die Zerlegung in Einzelteile wie bei „Loop“, in der unterschiedliche Zeitebenen einer S-Bahnfahrt in verschachtelten Rechtecken gleichzeitig zu sehen sind und eine eigenartige Bewegung in Zeit und Raum hervorbringt.
Ganz ohne technische Manipulation funktioniert „Are You Looking At Me?“. Die scheinbar einfache Aufnahme einer Straßensituation täuscht über die Tatsache hinweg, dass die Präsenz der Kamera einen manipulativen Eingriff darstellt, der das Verhalten der Passanten beeinflusst. Die Kamera ist eben nicht nur technisches Werkzeug, sondern auch Zauberkasten und ein Medium, welches die Welt verändern kann.

Text von

Eike Berg

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