Passing America

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Werkleitz Festival 2008 Amerika

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Passing America
25. 10. 2008

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So gut wie alle Deutschen lernen Amerika zunächst über die Medien kennen. Doch in den Tausenden und Abertausenden von amerikanischen Filmen, die in Deutschland laufen, dominieren in einer seltsamen Monotonie vor allem zwei Typen der Landschaft: die unendlichen Weiten des mittleren Westens und die Großstadtschluchten der Megastädte. Die Western stehen für die wilde Unberührtheit der Natur, in der vor allem Männer noch richtige – das heißt tötende – Männer sind. Die Großstädte sind die spannungsvolle Antithese dazu, Bilder einer überbordenden Moderne, in der es letztlich aber genauso rustikal zugeht – weshalb sie gerne auch mit dem Klischee des Großstadtdschungels belegt werden. Durch die medialen Darstellungen werden diese Landschaften auch denen zur zweiten Heimat, die sie noch nie betreten haben. Die Filme dieses Programms sind reale oder imaginäre Reisen durch Amerika, sie stehen auf die eine oder andere Weise in der Tradition des amerikanischen Reisefilms, des Roadmovies.

Kurt Kren, einer der wichtigsten europäischen Avantgarde-Filmer nach 1945, zog 1978 in die USA, wo es finanziell mit ihm schnell bergab ging. Er lebte lange Zeit ohne Wohnsitz und mit Gelegenheitsarbeiten, lernte also die Schattenseite des amerikanischen Traums kennen. 39/81: Which Way to CA? ist ein „echtes“ Roadmovie: Im Zentrum des Films stehen Krens Autos und Straßenbilder. Seine beiläufige Handkamera und die trüben Grautöne arbeiten der üblichen, opulenten Bildgewalt des Genres entgegen, und dennoch sind auch diese Bilder seltsam vertraut, jedoch eher aus der Fotografie etwa eines Robert Frank (1).

Isabell Spengler wuchs als Kind der 68er Generation auf. In Psychic Tequila Tarot spielt sie das Hippiekind Leila: Was immer Leila als Teenager auch anstellte, ihre Eltern waren durch nichts zu schockieren. In Psychic Tequila Tarot fährt Leila in einem riesigen, seltsam geschmückten Straßenkreuzer durch Kalifornien, lädt Fremde zum gemeinsamen Trinken ein, legt ihnen Tarotkarten und erfüllt ihre erotischen Wünsche. Das verwirrende Spiel der Identitätszitate – vom Lonesome Rider über die Wahrsagerin bis zur Prostituierten – verunsichert Eingeladene wie Zuschauer: „Während sich für die Kunden in der exzessiven geistigen wie körperlichen Hingabe Leilas die Möglichkeit einer Reflexion ihrer unterdrückten Wünsche und Impulse eröffnet, gewinnt die Kunstfigur Leila erst durch die Erfüllung und Personifizierung dieser Wünsche eine sich zunehmend verdichtende Identität.“ (I. S.)

New York Portrait: Chapter Two
sind Stadtansichten der zur Ikone stilisierten Metropole, deren Erscheinungsbild durch die filmische Form völlig verwandelt wird: Als Stummfilm verschwinden Hektik und Betriebsamkeit (besonders die berühmten Polizeisirenen fehlen auffällig); die statische Kamera nimmt ihr jede Dynamik; die präzisen Auf- und Abblenden, die jede Einstellung isolieren, verweigern die psychologische Erzählung. Die Abbildung der Hypermoderne in einer Reduktion, die an japanische Tuschezeichnungen erinnert(2).

Dem Einfluss der Wildwestmythologie auf die aggressive amerikanische Außenpolitik geht Destiny Manifesto nach. Die von außen oft so schwer nachvollziehbare Widersprüchlichkeit der USA, die als älteste Demokratie der Welt dennoch exzessive Gewalt nach innen wie außen praktiziert, mag tatsächlich seinen Ursprung in den tief verwurzelten Frontier-Erfahrungen haben, in denen sowohl Natur als auch andere Menschen beständig als Feinde auftraten, gegen die es sich zu wehren galt. Zumindest sind es überwiegend die Nachfahren dieser Siedler, die ihrer Regierung auch im Desaster des Irak-Krieges unverbrüchlich die Treue halten.

Die Freiheit des Westens endet an der schwerbewachten Grenze zu Mexiko. Um Mexikaner schon am Versuch des Grenzübertritts zu hindern, schalten die mexikanische und amerikanische Regierung Spots, die auf die Gefahren dieser Unternehmungen hinweisen sollen. Die in den USA lebende Mexikanerin Gabriela Monroy produziert dagegen Anti-Spots: Borderline Disorder: Episode 6: Pic-nic fängt in einer einzigen Einstellung die ganze Tragik ein, die diese Situation für Menschen bedeuten kann. Der riesige, menschenfeindliche Zaun erinnert in Deutschland fatal an die frühere innerdeutsche Grenze und ruft das Zitat Reagans in Erinnerung: „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“

Passing Suburbia ist eine Parodie des Roadmovies in Deutschland. In einer Kamerafahrt um die typische Ödnis einer neuen deutschen Eigenheimsiedlung tauchen seltsame Gestalten auf: Dragking-Cowboys. Einerseits verkörpern sie den Traum der großen weiten Welt, von dem in solchen Siedlungen gar nichts mehr übrig zu sein scheint, andererseits stehen sie wie Wächter vor den Häusern und erinnern so an Gated Communities, die neuen Festungen des amerikanischen Mittelstandes, die wahrscheinlich früher oder später auch nach Deutschland kommen werden – wie fast alles, was in der Neuen Welt ausgebrütet wird.

Die allermeisten Reisen durch Amerika werden vor dem Bildschirm gemacht, in der Rezeption von  Spielfilmen. So ist es nur konsequent, dass auch in Deutschland Found-Footage-Künstler überwiegend mit Zitaten aus Hollywood-Filmen arbeiten. Die Entwicklung dieser Auseinandersetzung ließe sich exemplarisch an dem Werk Christoph Girardets nachvollziehen, der inzwischen einen eigenen Kosmos aus fremdem Material erstellt hat, der von den frühen Stummfilmen, über Monumentalfilm und Melodram bis hin zum Horrorfilm reicht. Storyboard markiert einen Endpunkt dieser langen Reise: Statt assoziativer Verdichtung der Emotionen aus zweiter Hand, wie sie für den Found-Footage-Film typisch sind, werden die Bilder hier in der Montage dissoziiert, jegliche Bedeutung wird aufgelöst, zurück bleibt nur noch die leere Geste – wie eine Erinnerung an längst vergangene Emotionen.

Marcel Schwierin


(1) Robert Frank: Die Amerikaner. 1958.
(2) Die Montageform, bei der jede Einstellung durch Schwarzfilm isoliert ist, wird im Experimentalfilm auch als Haiku bezeichnet.

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