If You Ever Have the Blues ...

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Werkleitz Festival 2008 Amerika

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If You Ever Have the Blues ...
25. 10. 2008

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Die multiethnische Basis der amerikanischen Kultur ist ein wesentlicher Faktor ihres Erfolges: Sie konnte sich nicht – wie in anderen Gesellschaften – auf eine gemeinsame, Jahrhunderte alte Überlieferung stützen, sondern musste sich zum einen neu erfinden, zum anderen in ihrer Kulturproduktion darauf achten, dass sie möglichst viele der eingewanderten Kulturkreise ansprechen konnte. So wurden die USA schon lange, bevor es den Begriff gab, zum misstrauisch beäugten Exempel der Globalisierung. Nirgends ist das so erfolgreich geschehen wie in der Musik, die ausgerechnet von denen ausging, die nie nach Amerika wollten und die dort keinerlei Rechte hatten: den afroamerikanischen Sklaven. Diese sprachen nicht die Sprache ihrer Peiniger. Aus verschiedensten Regionen stammend, konnten sie sich auch untereinander nur schwer verständigen. Ihr wichtigstes Ausdrucksmittel wurde daher die Musik, in der sich Elemente afrikanischer und europäischer Musik zu etwas völlig Neuem verbanden. Vielleicht noch erstaunlicher als ihre Entstehung ist der unglaubliche Erfolg, den der Blues mit seinen inzwischen schier unendlichen Nachfolgestilen hatte: Trotz des ausgeprägten Rassismus in den USA und des heftigen Widerstandes der etablierten, europäisch dominierten Musik, eroberte er nicht nur sehr schnell Amerika, sondern die ganze Welt. Insbesondere scheint sich jede Jugendgeneration aufs Neue mit ihrer eigenen Version des Pop zu identifizieren, vielleicht weil es immer wieder um eine ähnliche Situation geht: Identitätsbildung aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus.

Das folgende Programm ist eine „Parallelmontage“ aus schwarze Musik thematisierenden Filmen der USA und Musikfilmen der DDR.

Symphony in Black: A Rhapsody of Negro Life
verfolgt ganz offensichtlich den Zweck, die noch nicht etablierte schwarze Musik visuell zu vermitteln. Die heroisierenden Arbeitsbilder, ganz im Stile der 30er Jahre, gehen über zu einem unglaubwürdigen Mittelklassedrama um Eifersucht und Liebesschmerz. Dennoch wird die Verbindung aus Emotionen – vor allem Leid – und Musik deutlich und berührend.

Jazz war in der DDR als Musik der Unterdrückten schnell akzeptiert (1). Rock’n’Roll dagegen wurde als „Veitstanz“ heftigst abgelehnt; wie übrigens auch lange in der BRD (2) Die explosive, rebellische Energie elektrisierte nicht nur die Unterdrückten im fernen Amerika, sondern auch die eigene Jugend und war daher offensichtlich zu bedrohlich. Während der erste Augenzeuge von 1958 eine abenteuerliche Logik zwischen den beiden Unheilen Rock’n’Roll und Wehrpflicht entwickelt, wird im zweiten Augenzeugen von 1959 eine eigene Schöpfung vorgestellt, die dem verhassten Gezappel den Garaus machen sollte: Der „Lipsi Nr. 1“, ein, wie spätere Wochenschauen zugeben mussten, etwas „müder“ Tanz.

The Blues Accordin’ to Lightnin’ Hopkins ist ein Portrait des legendären Musikers und mehr noch seiner Lebenswelt in Texas. Blues, so wird in diesem Film spürbar, ist nicht nur eine Musik, sondern eine Lebenseinstellung, die sowohl der Trauer um das beständig erlittene Unrecht Ausdruck verleiht, als auch gleichzeitig einer enormen Lebensfreude, die den gesamten Alltag zu durchdringen scheint. Das Besondere an dem Film ist, dass die Intensität seiner Beobachtung den Betrachter an dieser Kultur teilhaben lässt. „If you ever have the blues, remember what I tell you, you will always hear it in your heart.“

Alle Anstrengungen der DDR, die jugendliche Musikkultur zu kontrollieren, sei es durch Verbote, sei es durch Gegenangebote, konnten das Bedürfnis nach einem anderen, eigenen Ausdruck nicht dauerhaft verhindern. Einmal in der Woche schrein dokumentiert zu der Musik der Rockgruppe Pankow eine „illegale“ Disko, in der die Jugendlichen ihren eigenen Sehnsüchten nachgehen konnten – offensichtlich nach dem Vorbild amerikanischer Leinwandrebellen. Konnte schon die Jugend nicht kontrolliert werden, so wurde doch wenigstens der Film verboten.

Als man Anfang der 80er das Gefühl hatte, die rebellische Energie des Pop habe sich endgültig im Discosound aufgelöst, kam der Hip-Hop, wieder aus dem Ghetto, wieder von der Straße, wieder von ganz unten. Mehr noch als seine Vorläufer Rock’n’Roll oder Rock sprach er nicht nur Jugendliche, sondern auch Kinder weltweit an, sogar entschiedene Feinde der USA drücken sich im Rap aus. Beatbox, alternate take portraitiert die „fünfte Säule“ des Hip-Hop, den Beatbox, bei der die Künstler alle Geräusche mit ihrem eigenen Körper erzeugen. Es scheint, als sei die innovative Kraft der amerikanischen Musiksubkultur nach wie vor ungebrochen.

Marcel Schwierin


(1) Zum Beispiel in dem Dokumentarfilm Vom Lebensweg des Jazz (Wolfgang Bartsch, GDR/DDR 1956). Jazz wurde auch routinemäßig zur Untermalung von DDR-Wochenschaubeiträgen verwendet, in denen es um den Befreiungskampf der Afroamerikaner ging.

(2) „Zu Berlins größtem Halbstarkenkrawall artete heute Nacht der Versuch des amerikanischen Massenaufpeitschers Bill Haley aus, auf dem Sportpalast-Podium eine Kostprobe seiner Zuckungen, Schreie und Gitarrenschläge darzubieten. Nach vierzig mühsam überstandenen Minuten ging die Veranstaltung in einem unbeschreiblichen Getöse unter. Mr. Haley und seine Veitstanz-Instrumentalisten flohen Hals über Kopf zum Bühnenausgang hinaus.“ (Der Abend, 27.10.1958)

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