Der schlafende Darwin

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Der schlafende Darwin

Naturkundemuseen sind über ihre eigentliche Funktion hinaus zu beliebten Veranstaltungsorten geworden. Und das hat nicht nur mit einer „Event-Kultur“, die nach immer abgefahreneren „Locations“ sucht, zu tun. Es spiegelt vielmehr die Tendenz, dass man die Natur, ihre Geschichte und die in ihr waltenden Gesetze doch auch „sehen“ können möchte. Die Emphase des „Sehens“ ist natürlich nicht neu. Es gebe nichts genau Definiertes, außer es werde exakt beschrieben: Um aber exakt zu beschreiben, müsse man gesehen, nochmals gesehen und geprüft haben, forderte der französische Naturforscher Buffon. Buffon polemisierte damit allerdings gegen die Gewohnheit des vorrevolutionären 18. Jahrhunderts, Naturphänomene an Hand toter, ausgestopfter Bälger in einem starren System zu ordnen. Die vielfältige, variantenreiche Natur schien ihm aus kaum wahrnehmbaren Nuancen zu bestehen, denen man nur durch ständige Beobachtung auch am lebenden Objekt auf die Spur komme. Und genau das, nämlich die aktuelle Bewegung, die man auch Verhalten nennt, speichert natürlich kein Museum.
Was aber geschieht in einem Naturkundemuseum? Man sammelt Präparate aus der Natur, konserviert sie und erstellt so ein Archiv der Natur, um eventuelle Zusammenhänge unter den Phänomenen verstehen zu lernen. Der Film While Darwin Sleeps zeigt mit mehr als 3000 Insekten, von denen jedes in einem einzigen Einzelbild „eingefangen“ wird, einen winzigen Ausschnitt aus den riesigen Sammlungsbeständen der Naturkundemuseen. Der Regisseut Paul Bush montiert die Bilder dabei so, dass sie zu einem psychedelischen Traumpanorama werden.
Der Film ist ein wunderbarer Hinweis darauf, dass man vor dem Hintergrund der Frage, wie wahr, wie real Geschichte sein kann, sozusagen immer mit dem Unsachlichen rechnen muss. Ein Bogen, den das Filmprojekt Lurch von Boris Hars-Tschachotin weiterspannt.
Der Regisseur hatte 1999 als erster die Erlaubnis erhalten, seinen Film in den der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Räumen der Reptilienabteilung des Berliner Naturkundemuseums zu drehen. Der „Lurch“ verlässt  diesen genau definierten Raum nie. Zwischen gläsernen Vitrinen, die mit länglichen Rundgläsern, in denen Frösche, Schlangen und Fische schwimmen, vollgestellt sind, bewegt er sich sprachlos schleichend. Seine Aufgabe ist es, die durch Verdunstung entstehenden Verluste des Konservierungsalkohols durch Nachfüllen zu ersetzen. Man sieht und hört ihn ein Glas öffnen. Er füllt etwas nach. Er registriert mit einem kratzenden Füller in den Bestandslisten seine Arbeit. Bis ihm ein Glas runterfällt und zerspringt. Danach sieht man ihn die Finger in den Alkohol dippen. Er beginnt zu trinken und das Weinglas, in das er den Stoff füllt, passt zur Sorgfalt, mit der er seine Getränke wählt. Einmal schreckt er kurz auf, als sein Chef vorbeikommt. Der Professor im weißen Kittel führt andere Männer in weißen Kitteln mit den Worten durch die Sammlung: „Eigentlich gibt es hier keine toten Tiere, sondern nur eine Überfülle an Leben. Eine Arche Noah.“ Es ist eine der Stärken des Filmes, dass er diese Worten nicht überstrapaziert. Mit der „Überfülle des Lebens“ konfrontiert er den Zuschauer nicht. Die Präparate bleiben immer unidentifizierbar. Mit einer Ausnahme: den Schlußbildern, die den „Lurch“, selbst zum Sammlungsgegenstand geworden, tot in einem Reagenzglas im Alkohol ruhend zeigen. Etwas aufgedunsen und ausgebleicht, hat er sich ziemlich schnell dem Aussehen der Tiere in den Gläsern angepasst.
Das Eindringen in das Innere des Museums ist hier endgültig vollzogen. Ein Weg, den auch Hanns Zischler in seinem monumentalen Projekt Vorstoss ins Innere. Streifzüge durch das Berliner Museum für Naturkunde nachzeichnet. Das Buchprojekt enthält aktuelle Texte, Leporellos und eine DVD-ROM, zu der auch der Film Lurch gehört. In der Zoologischen Sammlung in Halle wird daraus in Zusammenarbeit mit dem Biologen Frank Steinheimer, der einst auch am Berliner Naturkundemuseum arbeitete, aber keine Feier des unfruchtbaren Todes, sondern vielmehr eine Wiederbelebung Darwins.

Filmprogramm

  • While Darwin Sleeps …, Paul Bush, UK 2004, 5 min
  • Lurch, Boris Hars-Tschachotin, DE 2001, 20 min

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