Der Kuss der Mary Pickford

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Der Kuss der Mary Pickford
24. 10. 2008
SU 1927

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Wenig bekannt ist, dass sich die junge Sowjetunion keineswegs als Gegner Amerikas sah, im Gegenteil, die USA waren ja auch ein revolutionäres Land. Gegen den schlechten Ruf, den sie selbst in den Vereinigten Staaten hatte, drehte sie sogar einen Film: Die seltsamen Abenteuer des Mr. West im Lande der Bolschewiki aus dem Jahre 1924, eine Komödie, die die negative Berichterstattung der amerikanischen Medien über die Sowjetunion als reine Unkenntnis entlarven sollte. Andererseits litt die junge sowjetische Kinematographie sowohl ökonomisch wie künstlerisch unter dem Erfolg Hollywoods, unter dem „süßen Kleinbürgergift der Mary-Pickford-Filme, die auf Ausbeutung und systematische Anstachelung der selbst bei unserem gesunden und fortschrittlichen Publikum noch vorhandenen kleinbürgerlichen Anlagen hin getrimmt sind.“1 1927 besuchten Douglas Fairbanks und Mary Pickford – beide große Bewunderer des Panzerkreuzer Potemkin – die Sowjetunion. Wie überall auf der Welt wurden sie auch hier als Stars gefeiert, ihr Reisewaggon mit Girlanden geschmückt. Der Regisseur Sergej Komarov näherte sich ihnen mit einem angeblichen Wochenschauteam und drehte einige kurze Szenen mit den beiden, unter anderem einen Kuss, den Mary Pickford dem Komödienstar Igor Ilyinsky gab. Um diese scheindokumentarischen Szenen herum drehte Komarov anschließend eine Satire: Ein junger, in der Liebe glückloser Kinoangestellter bekommt durch einen Zufall einen Kuss von Mary Pickford und wird so zum Gegenstand fanatischer weiblicher Bewunderung, die ihm zwar ein Rendezvous mit seiner Angebeteten, aber keine Ruhe vor seinen Verfolgerinnen einbringt. Während Der Kuss der Mary Pickford inhaltlich die hysterische, „kleinbürgerliche“ Vergötterung der kapitalistischen Leinwandstars kritisiert, übernimmt er in der Form überraschenderweise die Rasanz amerikanischer Slapstickkomödien und kombiniert diese mit der Qualität kollektiver sowjetischer Schauspielkunst – was den zu Unrecht sehr selten gespielten Film auch heute noch so sehenswert macht. Damit befindet sich dieses Werk in einem typischen, bis heute bestehenden Dilemma gegenüber Hollywood, das gleichermaßen Bewunderung wie Ablehnung hervorbringt. Douglas Fairbanks übrigens erfuhr nie von seiner Rolle als unfreiwilliger Gaststar des sowjetischen Films, Mary Pickford erst Jahrzehnte später.

Marcel Schwierin

1 Sergej Eisenstein: Schriften 1. München 1974. S.228.

Pozeluj Meri Pikford, Sergei Komarov, SU 1927, 35mm, SW, stumm, 60 min

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