Angst hat große Augen

Werkleitz Festival 2010
Angst hat große Augen
12. 10. bis 17. 10. 2010

künstlerische Leitung:

Zuschauer im Eröffnungsprogramm
Foto: Wieland Krause, 2010
Zuschauer im Eröffnungsprogramm (Foto: Wieland Krause, 2010)
Verwaltungsdirektor Alexander Farenholz (Foto: Wieland Krause, 2010)
Künstlerischer Leiter des Festivals, Daniel Herrmann (Foto: Wieland Krause, 2010)
Europaminister Sachsen-Anhalt, Rainer Robra (Foto: Wieland Krause, 2010)
KUNSTrePUBLIK – Philip Horst, Daniel Seiple, MarkusLohmann, Harry Sachs, Matthias Einhoff (v.l.n.r.) (Foto: Wieland Krause, 2010)
Angst in Form – Austellungseröffnung im Festivalzentrum (Thalia Theater Halle) (Foto: Wieland Krause, 2010)
Angst in Form – Austellungseröffnung im Festivalzentrum (Thalia Theater Halle) (Foto: Wieland Krause, 2010)
Angst in Form – Austellungseröffnung im Festivalzentrum (Thalia Theater Halle) (Foto: Wieland Krause, 2010)
Angst in Form – Austellungseröffnung im Festivalzentrum (Thalia Theater Halle) (Foto: Wieland Krause, 2010)
Angst in Form – Austellungseröffnung im Festivalzentrum (Thalia Theater Halle) (Foto: Wieland Krause, 2010)
Angst in Form – Austellungseröffnung im Festivalzentrum (Thalia Theater Halle) (Foto: Wieland Krause, 2010)
Angst hören – moderiertes Konzert (Philharmonische Kammerorchester Wernigerode, Phillip Barczewski, Hans Rotman)
Angst hören – moderiertes Konzert (Philharmonische Kammerorchester Wernigerode, Phillip Barczewski, Hans Rotman)
Angst hören – moderiertes Konzert (Philharmonische Kammerorchester Wernigerode, Phillip Barczewski, Hans Rotman)
Angst hören – moderiertes Konzert (Philharmonische Kammerorchester Wernigerode, Phillip Barczewski, Hans Rotman)

Die Gesellschaft der großen Augen

„Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Angst“, schrieb Albert Camus 1946.1 Die extrem grausamen Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges hatten sich tief in das kollektive Bewusstseins der Welt gefressen und ließen für die Zukunft das Schlimmste befürchten. Tatsächlich war die Angst vor einem neuen, jetzt atomaren Desaster bis zum Ende des Kalten Krieges allgegenwärtig.2 Aber auch die lange Epoche des Friedens in Zentraleuropa, der unerhörte Reichtum und das relative Funktionieren der europäischen Demokratien scheinen an dem Grundgefühl der Angst wenig zu ändern. Migration, Ölpreisschock, Vergiftung der Lebensmittel, Waldsterben, Tschernobyl, Rationalisierung, Arbeitslosigkeit, Globalisierung, Überwachungsstaat, Terrorismus, Klimawandel, Schweinegrippe, Vogelgrippe, Rinderwahn, Bankencrash und Eurokrise sowie das demographisch prognostizierte Aussterben der europäischen Völker. Jedes Jahr, so scheint es, werden mehrere apokalyptische Szenarien durchgespielt, manche, wie der Millenium-Bug, waren dabei medial ausgesprochen erfolgreich, andere, wie die Warnungen vor einem finalen Kometeneinschlag, fristeten eher ein kümmerliches Dasein. Für den Einzelnen ist es dabei schwer zu durchschauen, wie groß die angekündigten Bedrohungen tatsächlich sind. Wissenschaftliche Vorhersagen sind meist widersprüchlich und für Laien kaum nachprüfbar. Angst ist auch ein wirksames Mittel, um Menschen zu manipulieren. Ob es um schärfere Sicherheitsgesetze geht, stärkere Umweltmaßnahmen, Spendenbereitschaft oder Arbeitsleistung; gesellschaftliche Gruppen von Ministerien über Parteien, Wirtschaftsverbände bis hin zu Nichtregierungsorganisationen zeichnen düstere Zukunftsprognosen, um bestimmte Interessen durchzusetzen.3 Massenmedien helfen, Angstszenarien zu vermitteln, Angst verkauft sich gut an den Rezipienten. Dem entgegen steht die Angst gerade von Umweltverbänden vor der Angstgewöhnung, allzu oft wurde der Weltuntergang schon ausgerufen und trat dann doch nicht ein.

Der Titel des Werkleitz Festivals, Angst hat große Augen, ist ein Sprichwort aus dem slawischen Sprachraum. Es verweist auf eine zentrale physiologische Reaktion: Geweitete Pupillen und erhöhte sensuelle Aufmerksamkeit sollen dem Menschen alle Informationen weiterleiten, die er benötigt, um auf die angstauslösende Gefahr adäquat und lebenserhaltend reagieren zu können. Gleichzeitig erhöhen sich Muskelanspannung, Blutdruck, Herz- und Atmungsfrequenz. Das Individuum rüstet sich für Kampf oder Flucht. Doch in der zeitgenössischen Welt sind diese ehemals existentiell notwendigen Reaktionen kaum noch von Nutzen. Im Gegenteil, wer heute Angst zeigt, zum Beispiel im Bewerbungsgespräch, hat eigentlich schon verloren. Weder kann er seinen peinigenden Prüfer angreifen, noch vor ihm davonlaufen; beides würde mit der Höchststrafe „durchgefallen“ gewertet. Die vollkommene Beherrschung der Gefühle ist zum Ideal des zeitgenössischen Menschen geworden, er soll sich selbst kontrollieren, wie er die von ihm geschaffene Technik um sich herum kontrolliert. So wird die Angst (wie auch die Aggression), problematisch, ja pathologisch,4 wovon die schier unendliche Liste an Angstkrankheiten auf Wikipedia beredt Zeugnis ablegt.5

Tatsächlich ist Angst jedoch nach wie vor lebensnotwendig. Sie warnt uns vor den zahlreichen, auch in unserer TÜV-geprüften Gesellschaft immer noch vorhandenen physischen Gefahren; so mahnen die improvisierten Altäre am Straßenrand vor der mangelnden Angst jugendlicher Autofahrer. Menschen ganz ohne Angst, wie sehr kleine Kinder, leben äußerst gefährlich (und umso mehr Angst haben die Eltern um sie). Angst hat aber auch eine zentrale soziale Funktion, sie warnt uns davor, ungute Beziehungen gleich welcher Art zu knüpfen. Funktioniert dieses Warnsystem nicht, können die Folgen für das Individuum fatal sein.

Wie also verhält es sich mit der Angst in unserer Gesellschaft? Was sind reale Ängste, was Hysterien und was ist vielleicht auch nur Lust an inszenierter Angst? Wie notwendig ist Angst zum Überleben, und wie wird sie manipuliert?

Wir haben uns entschieden, diese Fragen im Werkleitz Festival von drei Polen aus anzugehen:

In Kooperation mit dem wissenschaftlichen Netzwerk Spielformen der Angst und dem Institut für Soziologie der Martin Luther Universität Halle haben wir im April das Symposium Angst im Gespräch veranstaltet; in den Vorträgen ging es vor allem um die Frage nach der medialen Vermittlung von Angst – von den Schwierigkeiten der Begriffsfindung zum Thema über den Horrorfilm bis hin zu Kriminologie und Statistik der Angst.

Die Berliner KUNSTrePUBLIK veranstaltet die Angst in Form. Acht künstlerische Positionen wurden ausgewählt, das Thema im öffentlichen Raum zu verorten. Die Spannbreite der Projekte reicht von subtilen, kaum bemerkbaren Eingriffen bis zur großen, sensationellen Inszenierung und zeigt die Vielzahl der Ängste auf, die uns „draußen“ erwarten.

Im Filmprogramm Angst in der Schwarzen Schachtel laufen 56 selten zu sehende Filme zum Thema, das sind 56 verschiedene Perspektiven auf Angst aus den Jahren 1920 bis 2010, von klassischen Dokumentarfilmen über den kurzen Spielfilm bis hin zu Werbung, Lehr- und Spionagefilmen. Künstlerische Inszenierungen und Re-Inszenierungen der Angst treffen auf autobiographische Erfahrungen und wissenschaftliche Manipulationen.

Kooperationen, Ausstellungen, Lesungen und Exkursionen bilden das Forum im Vorfeld des Festivals.

Das Sprichwort Angst hat große Augen verweist schließlich nicht nur auf ein Symptom der Angst, sondern es steht im Kontext des Festivals auch für eine Form der Kommunikation, in der sich die eigenen Ängste in den Augen des Anderen spiegeln.

Daniel Herrmann und Marcel Schwierin

1Albert Camus,
 Weder Opfer noch Henker, Zürich 2006

2 In der DDR war die Kriegsangst vielleicht noch ausgeprägter als in Westdeutschland. Kaum ein Interview in einem Defa-Dokumentarfilm, in dem nicht der besondere Wunsch nach Erhalt des Friedens geäußert wurde. Der Kampf für den Frieden war in der DDR aber auch Staatsdoktrin und wurde in gewaltigen Aufmärschen zelebriert, wohingegen in der Bundesrepublik die Friedensbewegung eher als wehrkraftzersetzend galt.

3 Die vielleicht provokanteste These dazu hat Naomi Klein in ihrem Buch Die Schock-Strategie aufgestellt (Fischer Tb. 2008).

4Prof. Dr. R. Landgraf, Neurobiologie und Genetik der Angst im Tiermodell. In: Der Nervenarzt, Nr. 74(3), März 2003, S. 274f.

5Interessanterweise ist die Liste auf der deutschsprachigen Wikipedia[25.7.2010],weit umfangreicher als die der englischen Seite.Die deutsche wurde noch nicht wissenschaftlich „entrümpelt“.http://de. wikipedia.org/wiki/Liste_der_Phobien undhttp://en. wikipedia.org/wiki/List_of_phobias

Text von

Daniel Herrmann und Marcel Schwierin

Publikation

Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen

Mit Texten von
Andreas Käuser, Petra Maria Meyer, Robert Pfaller u. a.

8,–€

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