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Ein langsamer Pullover
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Ein langsamer Pullover, Astrid Queck
© Astrid Queck
Das Zusammenleben von Schaf und Mensch ist eine Jahrtausende alte Geschichte. Nutzung von Wolle ist unvermeidbar mit der Haltung von Schafen oder anderer Wolltieren verbunden. Dazu gehört neben dem Füttern und Tränken, das Scheren, die Gesundheitsfürsorge, die Geburtshilfe und Lämmeraufzucht, die Herdenplanung und Weideorganisation. Das sind ausdauernde Tätigkeiten, viele Handlungen wiederholen sich täglich, monatlich oder jährlich. Aus Sonne, Erde, Wasser wächst Pflanzenmasse, die Lebensgrundlage der Schafe. Das Schaf selbst wächst zwei Jahre lang, eine Schafherde könnte vielleicht ins Unendliche wachsen. Am Ende eines jeden Jahreskreislaufes trägt das Schaf ein Kleid aus langer Wolle. Das Wachstum des Haares ist ein gleichzeitig unsichtbares und sichtbares Wunder. Wollschafe brauchen den Menschen, sie müssen geschoren werden, sonst würde ihre Wolle zur Belastung. Damit wir Menschen Kleidungsstücke aus Schafwolle tragen können, müssen wir viele Stunden in verschiedene Techniken des textilen Verarbeitens investieren. Wir können dieses Tun über Generationen zurückverfolgen und schöpfen dabei aus einem uralten Erfahrungsschatz. Viele der verwendeten Handwerkszeuge sind sehr alt, andere jünger.
Zur Entstehung eines Pullovers aus Wolle gehören das Scheren, Sortieren, Zupfen, Waschen, Kämmen, Spinnen, Zwirnen und Wickeln. Rohwolle wird zu gekämmter Wolle und schließlich zu Garn. Weitere gestalterische und planerische Arbeit wie Wiegen, Zählen, Rechnen, Zeichnen und schließlich das Stricken folgen. Für den langsamen Pullover braucht es Zeit. Zeit ist in unserer Welt Kapital. Die Künstlerinnen verbrachten viele Stunden mit der Arbeit an dem langsamen Pullover. In der vergehenden Zeit ist keine andere physische Handlung möglich, aber sie können geistig und mental bei uns sein. Ihre Arbeit am Pullover ist langsam, im Sinne von stressfrei, frei von Kontrolle und Unterdrückung. Reines textiles Handwerk ist in unsere Welt aus der kapitalistischen Warenproduktionskette gefallen, nicht effizient oder nach betriebswirtschaflichen Gesichtspunkten verwertbar. Sie machen es trotzdem, obwohl sie ahnen, dass ein langsamer Pullover nur ein Luxusobjekt sein kann. Das langsame Verarbeiten von Wolle ist befreit, es ist Genuss oder Kunst und trotzdem trotzige Wertschöpfung. Schafhaltung und Wollverarbeitung bringen sie zur Ruhe, holen sie ins Jetzt und balancieren sie aus. Während der langsame Pullover entsteht, lässt sich die schnelle Taktung ihres Lebens nicht fernhalten. Sie denken, fühlen, verarbeiten während sie spinnen oder stricken und die Welt dreht sich weiter.