In the Radius of a Rim

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Werkleitz Jubiläums Festival 2013 Utopien vermeiden

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Utopien vermeiden Ausstellungsparcours
In the Radius of a Rim
YE 2013
In the Radius of a Rim, 2013, © Salwa Aleryani
In the Radius of a Rim, 2013, © Salwa Aleryani
© Wieland Krause
In the Radius of a Rim, 2013, © Salwa Aleryani
© Wieland Krause
In the Radius of a Rim, c Salwa Aleryani
In the Radius of a Rim, c Salwa Aleryani
In the Radius of a Rim, c Salwa Aleryani
In the Radius of a Rim, c Salwa Aleryani
In the Radius of a Rim, c Salwa Aleryani
In the Radius of a Rim, c Salwa Aleryani

Eine Konversation voller Löcher: Prozesse, die funktionieren

Wie wir uns kennenlernten

Zuerst lernten wir uns schreibend kennen. Dann trafen wir uns im jemenitischen Sanaa. Damals schien es uns sofort plausibel, uns vorzustellen, was passieren würde. Später, nachdem wir lange Gespräche geführt hatten, meinteSalwasie zu mir, ihre rissigen Lippen hätten sie noch lange, nachdem ich gegangen war, an das erinnert, worüber wir geredet hatten. Rissige Lippen. Das schien plausibel.

Damit begann eine Reihe von Unterhaltungen, schriftlich, bei denen wir Bilder von Orten austauschten und Geschichten. Die Assoziationen, die sich aus Erinnerungen, Fakten und Fiktionen ergaben, lieferten die Umrisse für ein Kunstwerk, das erfahrbar werden sollte und den Anstoß zu folgendem Text gab, als eine Art Nachlese der ortsspezifischen Arbeit, die Salwa Aleryani für das Werkleitz Festival Utopien vermeiden 2013 konzipierte.

In dieser Konstellation einer Konversation schweift sie ab und findet eine Reihe von Notizen, erwähnt unterwegs einen Park, beschreibt die Begegnung zwischen Schuhen und einem Tisch, erinnert sich an ein verlorengegangenes Bein und notiert, wie Worte spielen, Kunst werkelt, wie wir korrigieren, Dinge tun, mit der Utopie, dem Frühling und der Hoffnung. Der Text und seine Löcher stellen Ausschnitte unserer Kommunikation dar, in der die erste, die zweite und die dritte Person an einem dreibeinigen Tisch Platz genommen haben und euch, die Leserinnen und Leser, um Unterstützung bitten.

„Wo wir von Parks reden, kennst du die Geschichte von der Militärbasis, die in einen Park verwandelt werden sollte?“, fragte sie. Nein, die kannte ich nicht. „Als Teil der jüngsten militärischen Umstrukturierung. Sie haben das sogenannte al-Firqa al-Ula Mudara’, befehligt von General Ali Mohsen al-Ahmar, aufgelöst und angeordnet, daraus einen öffentlichen Park zu machen. Zuerst dachten alle, das sei ein Witz.“ Dann fügte sie hinzu: „Ich überlege, wie man das im Kontext von Utopien vermeiden und einem pragmatischen Utopismus verstehen würde.“

[Wie wir uns kennenlernten ist lediglich ein Vorwort für das fortzusetzende Format.]

Ich fand diese Notizen in dieser Reihenfolge

planierte Straßen

klaffende Löcher

spritzendes Wasser

blubbernder Schaum

quietschende Tore

rutschende Kids

schaukelnde Kinder

nach Wasser gegraben

es sprudelte hervor

ödes Land wurde grün

um aufzusteigen, muss man hinabsteigen

wenn man tief nach Wasser gräbt

pflanzt man Bäume, die hoch wachsen

wenn du durstig bist, isst du eine Blume, die dein Wasser getrunken hat

Schießpulver/Blume/befestigt/Kies/Tor/Übertretung/Wolke/abreißen/grün/Flagge/Datum/Fuß/Schuh/Flipflop/barfuß

wir haben die Behälter abgeflacht, um schneller zu sein. um schneller runterzukommen. wir wollten Tempo. von oben nach unten. sie wollten Tempo von A nach B.

schäumender Mund

Wir kannten den Park nicht

Es ging gar nicht so sehr darum, ob ich den Park kannte oder nicht. Ich wusste nicht, wo wir enden würden. Es gab da so eine schwelende Dysphorie, welche die Utopien auf Distanz und im Zaum hielt.

Notizen zu Tischen

ein Tisch kann mehrere Dinge sein. spielt auf das Wesen der Gedanken an

oben ist für die Erwachsenen reserviert und unten verstecken sich die Kinder

es ist im Park, wo wir sitzen, während die Kinder spielen

ein Verhandlungstisch, schief, vielleicht sogar instabil,

aber unter dem Tisch schlüpfe ich aus meinen Schuhen

Die (Schuhe) Stiefel, vor Ort, von Delphine geliehen. Sie passen.“

Wo ist dein Bein?

„Ich habe vergessen, dir zu erzählen“, sagte sie, „dass Xenia bei Werkleitz während der Arbeit ab und zu auf die irdenen Tischbeine zu sprechen kam und meinte: ‚Wo ist dein Bein? Wir müssen deine Beine bewegen. Sind deine Beine nass geworden?’ Dann machten wir uns über die Phantomgliedmaßen lustig.“

Wenn es der Definition nach, die eher aus der Neurologie stammt, eine Empfindung von etwas ist, das einmal existiert hat, aber dann verschwunden ist, steckt darin auch die Idee des „guten“ Phantoms und des „bösen“ Phantoms. Das böse ist das Empfinden von Schmerz in einem amputierten Körperteil, das gute ist das Gefühl, dass es dieses Körperteil gibt, was wiederum genutzt werden kann, um eine Prothese zu animieren und zu aktivieren. Was, wenn man es auf die Utopie anwenden würde, als Phantom der Hoffnung? Fällt es denen, die sie noch lange nach ihrem Verschwinden (wenn es darum geht, dass sie weg ist) nachhaltig spüren, leichter, ihre Prothese zu animieren und zu aktivieren?

Worte spielen auch

Die Arbeit ist nicht ganz, weil sie ein Loch hat, und vielleicht auch, weil alles um sie herum nicht ganz ist. Wie können wir das Gefühl, dass sie sich nicht ganz anfühlt, korrigieren? Warum sollte die Arbeit nicht ganz so sein?

[„Soll ich das aufschreiben?“, fragtest du während unserer Skype-Unterhaltung.]

Über das Kunstwerk

Ich hatte erfahren, dass das Werk selbst, ein Erdhügel, für eine trockene Umgebung gedacht war, allerdings wurde der Hügel, wenn es regnete, mächtig, schwer und dunkel und war dann am besten vor einem schwarzen Nachthimmel zu sehen. Nicht dass die Projektionsfläche in der Röhre dadurch irgendwie klarer wurde, der Hügel war so einfach am besten zu sehen.


In der Tat sammelte sich, wenn es regnete, im Inneren der Röhre Kondenswasser, so dass man manchmal kaum etwas sehen konnte. Es negierte sich selbst. Ich mache mir Sorgen; das Ganze erscheint mir zunehmend wie die bloße Romantisierung einer unüberlegten Landschaft.

Wann immer wir versuchten, über die logistischen Aspekte der Arbeit nachzudenken, den Regen, den Zugang, den Sound etc., fertigte ich eine Zeichnung an, um das Problem zu lösen. Ich machte x Illustrationen, um mehrere Lösungen zu finden. Beim Durchblättern der Seiten sahen sie alle gleich aus. Im Grunde waren sie auch alle gleich. Wie bei der Google-Suche nach Frühling / Arabischer Frühling. Wie oft ich es auch versuchte, am Ende war es immer die gleiche Zeichnung. (Das Skizzenbuch habe ich am Flughafen vergessen.) Romantisiere ich schon wieder einen Fehler? Nicht alles daran kann poetisch sein, so sehr ich mir das auch wünsche. Wo also zieht man die Grenze? Ich glaube, das würde ich gern korrigieren, das verzweifelte Auffüllen aller Lücken, die durch etwas hinterlassen wurden, mit Poesie. Was gewissermaßen darauf verweist, Utopien aktiv zu vermeiden.

Ein Kunstwerk korrigieren

Es gab zwingende Fakten: Die 1970er Jahre waren im Jemen eine Ära der Korrektur, ‘Ahd al-Tasheeh, und ebenso wichtiger Fragen: Wenn ein Jahrzehnt korrigiert werden kann, warum nicht ein Kunstwerk?


Vor einem Monat oder so sah ich Here is Always Somewhere Else, hast du ihn auch gesehen? Ein Dokumentarfilm über Bas Jan Ader. Als ich das, was ich geschrieben hatte, noch einmal las und wieder an Korrektur dachte, fiel mir ein, dass darin ein Freund von ihm erzählt, wie er im Zeichenunterricht immer wieder auf dasselbe Blatt Papier zeichnete. Er radierte aus, zeichnete neu und radierte so oft, dass am Ende nur ein völlig verknittertes, fast schon durchsichtiges Stück Papier übrig war. Ist das womöglich der Inbegriff der Korrektur?

Über Utopie

Heutzutage braucht es nicht viel, um nicht mehr an Utopien zu glauben. Weißt du noch, positiver Pessimismus und pragmatischer Utopismus? Offenbar gibt es da eine ganze Liste: absurde Argumentation, frustrierter Idealismus, unmittelbare Wunscherfüllung etc.

Über den Frühling

Mit den Jahreszeiten vertue ich mich immer, und bei meiner alljährlichen Suche mit „Wann fängt der Frühling an?“ wollte Google mich andauernd korrigieren. „Meinten Sie: „Wann hat der Arabische Frühling angefangen?“, egal, wie ich die Frage formulierte. Also gab ich auf.

Über (Hilflosigkeit) Hoffnung

Nicht nur, dass ich auf Horoskope und Glückskekse zurückgriff, ich begann auch noch, mich in erlernte Hilflosigkeit einzulesen. Hast du schon mal davon gehört? Es ist eine Theorie, die sich mit den Folgen von gefühltem Kontrollverlust befasst und in deren Rahmen Versuche mit Hunden durchgeführt wurden. Es gab zwei Gruppen, eine wurde Elektroschocks ausgesetzt, denen sie entgehen konnte. Die andere wurde Elektroschocks ausgesetzt, denen sie nicht entgehen und die sie nicht kontrollieren konnte. Dann wurden beide in eine Versuchsanordnung gesetzt, in der sie dem Elektroschock durch das Springen über ein Hindernis entgehen konnten, wobei aber nur die erste Gruppe fortwährende Fluchtversuche unternahm, die zweite dagegen verhielt sich hilflos und versuchte es nicht einmal. Es gab viele Diskussionen über die Genauigkeit dieser Studie, und später distanzierte man sich davon, das Negative zu erforschen auf der Suche nach dem Positiven. Man ging den umgekehrten Weg und beschäftigte sich mit den Folgen der Verstärkung und der Erleichterung von gefühlter Kontrolle, d. h. mit erlernter Hoffnung.

Aus irgendeinem Grund ist mir das im Gedächtnis geblieben, vielleicht als kulturelle Bedingung? Ich denke darüber nach, was gerade passiert, zumindest mit mir, die ich jahrzehntelang gelernt habe, mich unverbesserlichen Systemen gegenüber hilflos zu fühlen, was ich jetzt wieder verlerne, indem ich meine Angst überwinde. Im Augenblick scheinen wir uns auf einer steilen Lernkurve zwischen Hilflosigkeit und Hoffnung zu befinden. Und keiner weiß genau, was das eine und das andere bedeutet und was wir damit machen können. Meiner eher pessimistischen Grundeinstellung zum Trotz habe ich immer noch die Hoffnung, dass wir es vielleicht schaffen können, die Kurve zu kriegen, und dass, mit der richtigen Portion an Vertrauen, aus dieser dann auch keine Kehrtwende wird.

Sarah Rifky

Autor des Textes

Sarah Rifky

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