wolf, ziege, kohl oder guten appetit! lobo, cabra, col o ¡buen provecho!

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction

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wolf, ziege, kohl oder guten appetit! lobo, cabra, col o ¡buen provecho!
D 1998

Performance von innen

Als wir 6.15 Uhr im Regen an der Saalefähre ankamen, warteten die ersten Besucher, die letzten der vorangegangenen Partynacht, auf irgendwas. Wir begannen unseren Dialog ohne Worte: den Ort beschreitend, positionierend, stumm singend, den Vögeln nachlauschend, ufernd, rufnachahmend. Die Nachtschwärmer verließen uns, bevor der Fährbetrieb um 8 Uhr begann. Der Schwimmkörper transportiert bis zu drei Autos, nur die Strömung des Wassers nutzend, von einer Seite des Flusses auf die andere. Wir installierten unseren simplen Kommunikationsmechanismus parallel zur Fähre über den Fluß. Ich begann ein dreieckiges Areal von 22 auf 11 auf 19 Schritt zu untersuchen. Das Flußufer mischte sich mit mitgebrachtem Material, Archäologie des Ortes und Aufbau der Konversation über den Fluß bestimmten die nächsten Stunden.
Mein Areal war dieses trockenliegende Boot. Ich begann Botschaften zu formulieren. Ein dunkler Mercedes fuhr direkt ins Areal, ich löste den Teddy und der rollte auf dem Seil gegen das Auto, das daraufhin woanders geparkt wurde. Ich hatte das Gefühl, daß meine Mitteilungen an die Situation des trockenliegenden Bootes anknüpften, dabei verbanden sich die mitgebrachten Utensilien mit dem Ort und jedes ankommende Detail veränderte die Atmosphäre.

Senden und Empfangen von Botschaften gelang meist gleichzeitig, also Geben und beschenkt werden vermischten sich, dabei begegneten sich die Sendungen in der Mitte des Flusses, ich erinnere mich an den ersten Stein – der tanzte auf der Wasseroberfläche – während die Tüte oben am Seil vorbeizog. „Die Frau ist verrückt.“ sagte eine Frau auf der Fähre, vermutend, daß ich nicht verstehen könne. Ich schrie: „Verrückt, verrückt!“

Ich goß Rotwein in die Vertiefungen der Pflastersteine am Ufer, Leuten, die das Areal betraten, übertrug sich eine Aufmerksamkeit für sehr kleine Veränderungen. Selten waren Leute mutig genug, nahe ans Boot heranzukommen, Details wahrzunehmen.

Der Hund wechselte die Seiten nach ganz hündischen Gesichtspunkten.

Ein Fotograf näherte sich mir und ich verbrannte gerade Streichhölzer am Fluß. Als ich die Abgebrannten zurück in die Schachtel mit dem blauen Europakreis packte, begann er zu lachen. Im Hintergrund hörte ich: „Die schicken sich das immer hin und her. Das machen die den ganzen Tag?“ und Lachen. Kinder sandten Zeichnungen und Papierflieger über den Fluß.

Es war eine Überraschung, als wir nach neuneinhalb Stunden die Seiten wechselten, meine Installation von Ferne zu sehen: wie ein Segel aus alter Zeit, das Boot bereitend für eine Reise weit.

Wir versammelten alle Relikte unserer Konversation abschliessend auf der Leine, die wurde schwer und der Fluß erlangte die Oberhand. Eine halbe Stunde vor 18 Uhr standen wir uns gegenüber, wartend den letzten Transport.

What time is in Germany?

Es kamen Besucher, das Finale zu erleben, was ist das Ende nach zwölf Stunden Arbeit?

Boris Nieslony: wolf, ziege, kohl oder guten appetit! lobo, cabra, col o ¡buen provecho!

Einige Sätze über ein stilles Ereignis, welches zwölf Stunden dauerte. Das – Übersetzen – ein Thema zum Schwärmen. Ein Märchen. Das Märchen eines subtilen Transports, Liebesbriefe, die ihren Weg gehen, sich in der Mitte treffen. Treffen? In der Passage sein. Informationen wechseln die Seiten. Kann man das überhaupt (unterfuß) Information nennen? Nachrichten setzen über, Rufen, Schreien und Winken. Ein Nacheinander und Gleichzeitigkeit im Singen.

Ort der Performance, Fähre Werkleitz, parallel ihres Übersetzens. Beginn Sonntag morgens um sechs, Ende abends um sechs.

Die Installation bestand in der Einrichtung einer Transportschnur, die über zwei Rollen lief und den Transport von kleineren Gegenständen, Briefen, Papieren etc. von dem einen Ufer an das andere erlaubte.

Mit den erreichten und zugespielten Dingen, Texten um seinen Standpunkt herum Mikroinstallationen errichten, Mikrosensationen der persönlichen Bedeutung.

Am Ende, die Seiten waren auch gewechselt, die Dinge wieder genommen, aneinandergereiht, ein langer Satz einer Sprache des Unmittelbaren, die Zeit berufen und dann dies alles zum Teil rettend, zum anderen dem Fluß überlassen.

Matthias Jackisch (D) & Elvira Santamaria (MX), wolf, ziege, kohl oder guten appetit! lobo, cabra, col o ¡buen provecho!, Performance Fähre Werkleitz - Groß Rosenburg, 1998

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