Some Engels

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Some Engels
2013
Some Engels, 2013, © Sven Johne
Some Engels, 2013, © Sven Johne
© Falk Wenzel
Some Engels, 2013, © Sven Johne
© Jeno Eugène Detvay

Es ist Nachmittag in einem anonymen Berliner Großstadtbüro, als einige Schauspieler für eine Rolle vorsprechen. Ein junger amerikanischer Casting-Direktor aus Brooklyn NY sucht offensichtlich nach einem Darsteller, der in einem nicht weiter benannten Filmprojekt die Rolle des Friedrich Engels verkörpert. Er soll am Grab des Freundes und Weggefährten Karl Marx jene Trauerrede halten, die dieser am 17. März 1883 zu dessen Beerdigung in London in englischer Sprache hielt und der damals nicht mehr als elf Trauergäste folgten.

Die sechs zum Casting geladenen Schauspieler geben einen kurzen Einblick in ihr Leben, ihre beruflich mehr oder minder erfolgreiche Vergangenheit und versuchen, sich unter den zunehmend sichtbar werdenden spitzfindigen Quälereien des Casting-Direktors als geeignete Kandidaten für die Rolle zu präsentieren. Sie wenden sich der Kamera zu, variieren ihre Stimme, versuchen sich engagiert in die Rolle des alten Engels hineinzuversetzen und geben dabei tiefen Einblick in den Zustand ihrer eigenen Seelen. Die von Sven Johne für diese Rolle verpflichteten Schauspieler verkörpern die unterschiedlichsten Charaktere: Da ist zum einen der traurige, alte, einfühlsame Freund, der die Worte überraschend innig wiedergibt und den ehrlichen Abschied zelebriert, da ist jener desillusionierte Protagonist, dessen Gesichtszüge nach einem mäßig distanzierten, aber schauspielerisch souveränen Vortrag die Enttäuschung darüber nicht verbergen können, dass es nicht einmal zu einem „Auf Wiedersehen“ des Casting-Direktors reicht. Einen anderen Darsteller hingegen, der in seinen Bewegungen und Äußerungen so jungenhaft wirkt, dass er für die Rolle des 63-jährigen Engels gar nicht in Frage kommen kann, überschüttet der Gleichaltrige mit Aufmerksamkeit, und jener überzeugend andere Engels, der jugendlich kämpferisch wirkende, kräftige Max Baum, wird sogar mit den Worten verabschiedet, dass er die Rolle besser verkörpert habe, als alle seine Vorgänger.

Letztlich merkt der Betrachter schnell: Der Casting-Direktor entscheidet nach persönlicher Sympathie – nicht nach den zum historischen Vorbild passenden Charakterzügen. Abgesehen von einem Blick auf ein altes Schwarz-Weiß-Foto verschwendet er keine Zeit mit dem Gedanken an größtmögliche Realitätsnähe oder gar auf die Frage danach, wer Engels und Marx wirklich gewesen sind. Für ihn bleiben sowohl die historischen Personen als auch die gesamte Situation fremd. Der Casting-Direktor, der gerade noch einfühlsam der Rede des Siegfried Uhlitzsch1 lauschte, wird so zum Protagonisten einer Welt, die nur noch nach Äußerlichkeiten urteilt, lässt die Schauspieler sich vor der Kamera drehen, ihre Hände präsentieren und einen unpassenden Bart überziehen. Letztlich wird der Betrachter subtil verführt, sich in der Rolle des Casting-Direktors der Szenerie zu nähern, sogar der Versuchung zu erliegen, sich mit diesem zu identifizieren, um im nächsten Moment zu der erschreckenden Einsicht zu gelangen, dass dieser durch die unzähligen Stunden, die er es gewohnt ist für das Reality-TV zu casten, den Blick für das reale Leben verloren hat.

Nach Ansicht des bekannten Kommunismus-Experten Wolfgang Leonhard war das Interesse an Marx nie so groß wie heute. Marx’ und Engels’ Darstellungen zur politischen Ökonomie verlieren in den letzten Jahrzehnten plötzlich den Beinamen „Utopie“ und werden als tiefgreifende wissenschaftliche Analyse beschrieben, denn die von ihnen „formulierte Werttheorie, die nicht die Beschreibung der Erscheinungen des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, sondern die Analyse der grundsätzlichen Bewegungsgesetze der kapitalistischen Ökonomie und der aus ihnen entstehenden fetischistischen Bewußtseinsformen zum Gegenstand hat, hat von ihrer Gültigkeit nichts verloren. Die von Marx analysierte und kritisierte Warenförmigkeit der Gesellschaft besteht weiter. Die Fetischformen des Werts bestimmen das Leben der Menschen, anstatt dass die Menschen ihr Dasein selbstbewußt planen. Die gesamte Gesellschaft erscheint heute — mehr noch als zu Marx Zeiten — als mystifizierter Zusammenhang.“2

Sven Johne konstruiert in der Handlung seines Films diesen Gegensatz: Die Schauspieler sollen ausgerechnet am Grab jener Person sprechen, die am radikalsten die Idee einer freien und gerechten Gesellschaft vertreten hat, sind aber selbst in der ökonomischen Situation einer Gegenwart gefangen, die das Gegenteil darstellt. Sie wehren sich nicht, können nur geduldig ausharren, sind ohnmächtig ausgeliefert, selbst dann, wenn sich ein ungeschulter Casting-Direktor subtiler Taktiken bedient, um menschliche Würde zu zerstören.

Beunruhigend schildert Sven Johne in seinen Figuren den schleichenden Abbau des eigenen Selbstwertes, der über die Entbehrungen der Jahre, über die ständig unerfüllten Hoffnungen auf eine sich in neuem Licht präsentierende Zukunft allen Teilnehmern mehr oder minder anzumerken ist.Die schwankenden Überzeugungen der Protagonisten, die nach und nach ihre Ideale aufgeben, kontrastierenam Ende mit dem Wissen umradikale Gesellschaftskritik und utopische Gesellschaftsentwürfe, die von antiken Schriften über die klassischen Utopisten Thomas Morus,Tommaso Campanellaund Étienne-Gabriel Morelly bis zu den radikalen Gesellschaftsmodellen von Karl Marx und Friedrich Engels reichen.

Immer wieder stehen in Sven Johnes Arbeiten vielschichtige Auseinandersetzungen mit der Wirklichkeit im Mittelpunkt. Ob, wie zuletzt imGriechenlandzyklus (2011), lakonisch erzählte Geschichten ein ambivalentes und widerstreitendes Bild der Krisensituation des Landes zeigen oder in den Ostdeutschen Landschaften (2005) und Wachwechsel (2003) in dokumentarischer Art zweifelhafte Berichte und hinterfragbare Schilderungen von seltsamen Sachverhalten im Mittelpunkt stehen oder ob, wie in Großmeister der Täuschung (2005), von einem Parkwächter berichtet wird, der in seinem Garten ein Raumschiff baute, oder die Geschichte von einem kleinen Ort in der Provinz erzählt wird, der sich zur Westernstadt umrüsten ließ (Wanderung durch die Lausitz, 2006), Sven Johnes mediale Berichterstattungen, die auf Text- und Materialsammlungen basieren, verraten letztlich immer ein sehr feines Gespür für gesellschaftliche Zusammenhänge.

Verkettungenund komplexe Spannungsverhältnisse wie jene zwischen Bild und Text sind es, die Sven Johne interessieren. Die Verknüpfung von Sprache und Bild, wie sie seinen konzeptuellen Arbeiten eigen ist, kommt auch in Some Engels zum Einsatz, um kritisch ein System zu analysieren, in dem Peinlichkeit für den Erfolg erforderlich ist, in dem sich Unterhaltung, Ablenkung und Zerstreuung über alles stellen und in der die Hoffnungen und Utopien immer kleiner, immer unscheinbarer und bedeutungsloser geworden sind. Ist das Verhältnis zwischen Wahrheit, Wirklichkeit und den Bildern überhaupt darstellbar? Haben wir wirklich die Möglichkeit, eine Wahrheit in den Geschichten Sven Johnes zu finden, gibt es objektiv reale Anhaltspunkte in dokumentarisch angelegten Berichten und Materialien? Sven Johne zeigt uns mit seinen Geschichten, dass es viele Wahrheiten gibt und jeder sich selbst aufmachen muss, die für sich zutreffende zu finden.

Annegret Laabs

1 Alle Schauspieler werden mit Namen genannt, was ihre reale Präsenz unterstreicht, und verkörpert durch reale Schauspieler, deren persönlicher Lebensweg nicht sehr weit von jenem der Filmprotagonisten entfernt ist.

2 Zit. nach Stephan Grigat, Kritik und Utopie. Gesellschaftskritik am Ende des 20. Jahrhunderts und der Marxsche Kommunismus. In: Weg und Ziel, 4/1997.

Autor des Textes

Annegret Laabs

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