Shanti Plus

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DE 2006
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Wir wussten aus zuverlässigen Quellen, dass Arambol der Ort ist, den wir suchten. Ein kleines Dorf an der Nordspitze von Goas Küste mit überwiegend katholischer Bevölkerung. Man hatte uns erzählt, Arambol sei das „Verheissene Land“ für Hippies unserer Tage. Und tatsächlich: das Dorf ist das Ziel, das Zuhause für Diejenigen, die auf der Suche nach einem besonderen Indien sind, das man keineswegs überall auf dem Subkontinent findet. Arambol ist eine Projektion von Indien, die vor allem in den Köpfen derjenigen existiert, die sich von Indien spirituelle Erleuchtung besonderer Art erhoffen.

Noch vor zehn Jahren war Arambol ein verschlafenes Dorf, die Einwohner lebten von Fischfang und Landwirtschaft für den eigenen Bedarf. Heute vermieten sie Zimmer und kleine Strandhütten an Hippies, betreiben kleine Lebensmittelgeschäfte, Internetcafes, oder bieten Yoga-Unterricht und ayurvedische Massagen an, um die Anspannungen eines „falschen Lebensstils“ vergessen zu machen. Arambol ist auch ein Anziehungspunkt für fliegende Händler aus weit entlegenen Regionen Indiens geworden. Sie kommen mit Bündeln und Kisten voller Kleider und modischer Gadgets, die ganz gezielt für den Geschmack der Hippies -zumeist in Handarbeit - kreiert werden. Einer von ihnen ist  Ram, 24. Seine Familie lebt in Pushkar, Rajasthan, wo seine Schwestern, Tanten und Cousinen unablässig Nachschub fuer Rams kleines Geschaeft am Strand sticken, weben, naehen. Nach fünf Sommern ist Arambol Rams eigentliches Zuhause geworden. Tagtäglich lernt er neue Leute kennen, die sich nicht um seine eher niedrige Stellung innerhalb der indischen Gesellschaft scheren - oder sie nicht kennen. Ram flirtet mit blonden Mädchen, die in seinem Geschäft nach neuen Kleidern suchen. Viele lassen sich zum Tee einladen, dabei liest er in ihren Handflächen die Lebenslinien, analysiert die Energiepunkte und präsentiert die ganze „Shanti-Shanti-Show“ im vollen Bewusstsein, welchen Effekt sie auf sein Publikum hat. Mit mancher Kundin verabredet sich Ram zu den Parties, von der er seiner Familie im fernen Rajasthan nie etwas erzählt.

Auf sonderbare Weise ermöglicht Arambol vielen Indern, die hier ihr Geld verdienen, kleine Fluchten aus einer Welt voller komplizierter Hierarchien und sozialer Tabus. Lola, die am Strand Badetücher und Fusskettchen verkauft, verplaudert ganze Nachmittage mit Hippies aus England, Österreich, Israel, Deutschland. Inzwischen hat sie einen Call-Center-Akzent angenommen. Passend dazu nennen sich Kamala, Parvati und Renuka am Strand Lola, Sonia und Sandra, weil sich die Fremden ihren indischen Namen nicht merken können. Neue Namen eröffnen neue Möglichkeiten. Lolas Herkunft, ihre Lebensumstände haben verhindert, dass sie eine Schule besuchen konnte. Trotzdem gibt es für Lola Glücksmomente im Arbeitsalltag, zum Beispiel, wenn sie einem Briten in oranger Yoga-Kluft erklärt, wie man das Shiva-Symbol zeichnet. Solche Augenblicke von Anerkennung werden ihr selten geschenkt, wenn sie mit Indern handelt.

„Indien ist nicht nur eine Nation, ein Staat, ein Land. Indien ist mehr als das: eine Metapher, Poesie, unsichtbar und real zugleich. Vibrierend von Energiefeldern, die kein anderes Land sein eigen nennen kann“, schreibt Osho in „Life’s Mysteries“. Oshos Bücher gehören zu den Bestsellern im einzigen Buchladen von Arambol. Gewappnet mit dem Glauben an die große spirituelle Einheit suchen und finden Hippies Zeichen und Bedeutungen überall. Dabei ist es wichtig, in die eigene Seele zu schauen. Zu Introspektionszwecken gehen viele zu Neeru, einer Deutschen, die es geschafft hat, das schönste Haus auf den Klippen von Arambol zu ihrem Domizil zu machen. Dort finden zweimal in der Woche „Satsangs“ statt, geführte Meditationen mit etwas Lebenshilfe. Es geht um Probleme, die durch „zu viel Nachdenken, Grübeln, Nachfragen“ entstehen. Neeru bietet Lösungen an: einer Schwedin erklärt sie, das Schweden nur in ihrem Kopf existiert, Indien dagegen ihr wirkliches Zuhause sei. Neeru verbringt seit über 20 Jahren die Saison in Arambol. Nie hat hat einer der Dorfbewohner ihre „Satsangs“ besucht, man lässt sie machen. Es ist, als befinde sich Neerus spirituelles Indien auf einem anderen Planeten. Die Inder interessiert das alles nur insofern, als sie die Hippies auf dem Rückweg vom „Satsang“ möglichst dazu bringen wollen, in ihren Lokalen einkehren.

Die Restaurants in Arambol sind eine exakte Reflexion der veränderten Geschmacksnerven und Essgelüste von Westlern, die seit Wochen und Monaten in Indien leben. Es gibt sogar Nutella-Pizza, für Phasen extremer Regression. Wie jedwede Ästhetik in Arambol ist die Architektur flüchtig, improvisiert, viele Gäste lieben es, direkt im Sand auf grossen Kissen zu sitzen. Es fühlt sich authentisch an. In den Lokalen sitzen nur Ausländer, die stundenlang über ihre spirituellen Reiseerlebnisse fachsimplen. Kein einziger Inder weit und breit, allein die Kellner und Köche sorgen für das indische Flair.

Es ist von größter Bedeutung, sich in Indien indisch zu fühlen. Aber was und wo ist dieses mythische Indien? Es gibt viele Interpretationen. Besonders populär in Arambol ist die Version eines älteren Hippies aus England, der stets in hautengen Tiger-Leggings auftritt. Er nennt sich Pranaji und ist Dauergast in Arambol. Mit anderen  Hippies spielt er in einer Band namens “Bindoobabas”. Die Lieder gehen um seine große Liebesaffäre mit Indien - Lola, Sonia und Sandra summen leise mit, wenn er im goldenen Sonnenuntergang am Strand mit der Gitarre in der Hand, die Locken im Wind spielt: 

Oh, Indien!
Du wirst immer meine große Liebe bleiben.
Du bist kostbarer als der seltendste Diamant,
Kein Land, das Dir gleichkommt.
Oh Indien! Du bist das einzige Land für mich.
Was würden wohl meine Nachbarn sagen,
Würde ich Dich mitnehmen, zum Tee bei meiner Mama?

Severina, die Masseuse, hat für diese Art von Romantik keine Antenne. Sie ist überzeugt, dass die Hippies mit ihren Ausflügen in den Hinduismus und ihrer Suche nach Shanti niemals ihren eigenen, christlichen Glauben aufgegeben hätten, wenn ihre Eltern es mit der Religionserziehung etwas ernster genommen hätten.

Dieses Video dokumentiert unsere Treffen und Gespräche mit Indern die in Arambol leben, arbeiten und ihr Geld verdienen. 

DE 2006, Video, 32 min

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