real[work]: Internet

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4. Werkleitz Biennale real[work]
real[work]: Internet

kuratiert von:

Ohne Gott baut der Mensch sein Paradies, das Internet.

Etwa seit Mitte der achtziger Jahre zeichnet sich ab, dass mit Hilfe der Technologie, die die sozioökonomische Entwicklung des ausgehenden 20. Jahrhunderts maßgeblich prägt, viele Tätigkeiten von Zwängen befreit werden können, die die Industrialisierung mit sich brachte.

Damit einhergehend wandelt sich auch das erst im Verlauf der Industrialisierung gewachsene, heutige Verständnis von Arbeit als räumlich und zeitlich festgelegte, kontinuierlich abzuleistende Erwerbsarbeit. Arbeit zerfällt in viele Formen – die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit, Wohn- und Arbeitsort, Lernen und Arbeiten, Arbeit und Ruhestand, abhängiger und selbstständiger Beschäftigung, Produzenten und Konsumenten sowie zwischen Betrieben und Branchen werden zunehmend unscharf.

Überall dort, wo so grundlegende Kategorien wie Arbeitszeit, Arbeitsort, Arbeitsleistung und Arbeitsplatz verschwimmen, zerbröselt auch das Fundament unseres Gebäudes aus Vereinbarungen, Normen, Regeln, Gesetzen, Organisationsformen, Strukturen und Institutionen, das unsere Verhaltensmuster und Wertesysteme stärker prägt, als uns bewusst ist.
Ulrich Klotz 1

Vorarbeit

Ohne Gott baut der Mensch sein Paradies, das Internet. Die Überwindung von Raum und Zeit, von Mühe und Arbeit ist sein Ziel. Maschinen bedeuten das Ende der Arbeit und den Beginn ewiger Freizeit. Alles wird leicht und mühelos. Die Last einer jahrmillionen langen Evolution fällt von uns ab, die Resourcen in der jenseitigen Welt sind grenzenlos.
Die reale materielle Welt wird vergeistigt und verewigt, indem sie sich im Internet abbildet. Das Netz vergrößert den Einzelnen, die Summe der Einzelnen ist unbegrenzt. Nur das Jenseits hat für alle genug. Wieviel Information können alle Atome der Welt speichern?
Nie waren wir dem Paradies so nahe.
Die Abbildung der Welt überwindet den Tod. Des Einzelnen und der Welt. In Bits und Bytes gemeißelt, irgendeine Kopie wird das Ende der Welt schon überleben, mein Ende jedenfalls.
Die Zeit des Umbruchs bietet neue Chancen. Die Ersten werden die Größten sein. Für die Zeit des Umbruchs gelten neue Gesetze, die kristallinen Strukuren des Diesseits treiben den Geist zu neuen Grenzen.
Die immaterielle Abbildung der Welt im Netz ist der zweite Urknall, die Verbindung allen Wissens beendet die Zersplitterung durch den Raum, die Vertreibung aus dem Paradies und schafft den neuen Weltgeist.
Der Zugriff auf alles macht mächtig. Ich bin überall. Ich bin grenzenlos. Ich bin ewig.
Das mobile Telefon ist Telepathie für Doofe. Ich brauche mich nicht mehr zur Welt zu entwickeln, die Welt entwickelt sich zu mir. Die Früchte fallen in den geöffneten Mund. Die Früchte am Baum der Erkenntnis haben keinen Fehl, der Biss kennt keine Reue.


Parallelarbeit

Das Internet ist der Turbo des Informations- und Kommunikationszeitalters. Die weltweite Vernetzung schafft einen gemeinsamen Informationspool. Neue Kommunikationsmöglichkeiten machen die Produktion effektiver. Arbeit wird rar. Globalisierung.
Das industrielle Zeitalter geht zu Ende und mit ihm die Arbeit in ihrer traditionellen Form. Immer mehr kann von immer Wenigeren produziert werden. Die Frage taucht auf, ob beim Übergang vom Industrie- zum Informations- und Dienstleistungszeitalter genügend Arbeitsplätze geschaffen werden, um eine Teilung der Gesellschaft in Habende und Nicht-Habende zu verhindern.
„Das Ende der Arbeit“ (Jeremy Rifkin) erfordert ein Umdenken vom privaten Sektor (Markt) und öffentlichen Sektor (Regierung) einerseits zu einem zivilen Sektor (gemeinnützige Einrichtungen) andererseits. Dazu muss die Regierung entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Eine Verteilung von Einkommen unabhängig vom klassischen Begriff der Arbeit scheint nötig.
Im „Age of Access“ geht Rifkin noch weiter: Arbeitsethos löst sich im Spielethos auf, wenn die Ware Arbeit von der Ware Spiel verdrängt wird. Kulturproduktion ersetzt die Industrieproduktion, der Zugriff auf Information den Besitz materieller Güter. Die Kontrolle des Zugriffs schließlich generiert den Profit.
Für die antiken Völker hatte Arbeit keinen besonderen Wert, man ließ Sklaven arbeiten. Seit Calvin und Luther ist Arbeit Mittel zur Selbsterziehung, Dienst an der Gemeinschaft und an der göttlichen Wertordnung. Wie Max Weber Anfang des 20. Jahrhunderts festgestellt hat, hat die protestantische Ethik auf die Wirtschaftsgesinnung und die Entwicklung des Kapitalismus Einfluss ausgeübt. Mit oder ohne Glauben ist Arbeit somit Bedingung eines sinnvollen Lebens. Arbeitslosigkeit ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern auch ein psychisches: Arbeitslosigkeit entzieht die Existenzberechtigung.
In der Region Sachsen-Anhalt, insbesondere im Landkreis Schönebeck, dem Standort der Werkleitz Biennale, besitzt das Anliegen von real[work] besondere Signifikanz: Seit Jahren wird hier mit zum Teil weit über zwanzig Prozent die höchste Arbeitslosenquote der Bundesrepublik verzeichnet. Der plötzliche Verlust traditioneller Arbeitsressourcen erfolgte in Folge der Schließung vieler ostdeutscher Industriebetriebe nach Rationalisierungen oder westlichen Übernahmen.
Die Ausstellung hat zwei Zielrichtungen: Zum Einen zu zeigen, wie das Internet den Begriff der Arbeit verändert, und zum Anderen die Menschen anzuspornen, sich nicht in ihr Schicksal zu ergeben, Eigeninitiative zu entwickeln und möglicherweise durch einen erweiterten Arbeitsbegriff zu neuem Selbstverständnis zu kommen.
Mit der Verkopplung mit dem Begriff Arbeit ist die Ausstellung zugleich Reality Check. Wo verbessert das Internet die Lebenssituation? Kann das Internet eine positive Rolle bei der Umgestaltung der Gesellschaft spielen oder ist es für Wenige ein Gewinn und für Viele ein Fluch?


Hauptarbeit

Anfang Januar 2000 habe ich unter http://www. kulturserver.de eine Seite ins Netz gestellt, auf der ich zum Einreichen von Netart-Projekten zum Thema von real[work] bis zum 15. April 2000 aufforderte und die Prozedur beschreibe. Das Internet selbst wird für die Ausschreibung genutzt, alle eingereichten Arbeiten sind aufrufbar und der Prozess ist damit transparent. Nur auf die Ausschreibung eingereichte Arbeiten kommen in die Auswahl. Damit soll eine andere Auswahl von Netart möglich werden.
Die URL haben Kollaborateure und ich über einen Anfangsverteiler an 360 Adressen und Mailinglisten, an schätzungsweise 10.000 Einzeladressaten verschickt, von denen etwa 1000 die Seite besucht und schließlich 64 Projekte eingereicht haben. Im Kommunikationsprozess mit den Künstlern habe ich 180 Mails bekommen und 60 beantwortet.
Am Ende habe ich fünf Netart-Projekte ausgewählt, die sich mit dem Thema beschäftigen und mir gefallen haben, einige andere Projekte aus dem Umfeld der Umdeutung des Arbeitsbegriffes tragen weitere Aspekte zum Thema bei.
Der Bezug zum Thema real[work] ist bei der Auswahl ein entscheidender Punkt. Je genauer die Frage, desto besser die Antwort.

Text von

Benjamin Heidersberger

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