Lost Nation

Root Event

5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Lost Nation
DE 1999-2002

Versuch einer Verfassung für ein Land, das nicht mehr existiert

Artikel 1

Ein Platz/eine Bibliothek/eine Installation über verschwundene Nationen: Jugoslawien, Tschechoslowakei, Ost- und Westdeutschland, Sowjetunion, Zaire, und so weiter. BesucherInnen erhalten einen weltweiten Mitgliedsausweis und können dort, in einer entsprechend gestalteten Umgebung, in Büchern blättern und lesen. Sie suchen vergeblich nach theoretischen Informationen oder Analysen von Ländern aus vergangenen Zeiten. Aber sie finden eine ausgezeichnete Sammlung von originalen Publikationen. Authentische Reiseführer aus der Vergangenheit, farbenprächtige Fotobände, die in den jeweiligen oder anderen Ländern herausgegeben wurden, beschreiben in fremder oder vertrauter Sprache Wege in und durch Länder, die es nicht mehr gibt, rühmen die Pracht von Denkmälern, die inzwischen gesprengt worden sind, und loben das friedliche Zusammenleben von Völkern, die sich nunmehr in ihren eigenen jungen Nationen verbarrikadiert haben. Lost Nation bedeutet: Pack deine Koffer und zieh los.

Artikel 2

Die Welt. Im Zeitalter von CNN, www und Mac Donald’s, in unserem „glocal village“ („global“ und „local“, da ja sogar die Weltbürger ihre Wurzeln an einem Ort haben), wissen die Menschen nicht mehr so genau, was „die Nation“ eigentlich ist. Als kürzlich regionale Niederlassungen internationaler Konzerne geschlossen wurden (so wie Renault und Levi’s in Belgien), führten uns die damit verbundenen Schwierigkeiten zur Vermutung, dass die Nationen immer mehr zur Seite gedrängt, wenn nicht sogar überhaupt verschwinden werden. Die Haupteigenschaft eines Nationalstaates, seine Souveränität, scheint eine bloße zeitlich begrenzte Einbildung gewesen zu sein. Es zeigt sich immer mehr, daß die Wirtschaft an der Macht ist, nicht die Politik. Es
scheint, als werden die wichtigsten Entscheidungen in den Vorstandssitzungen der multinationalen Konzerne getroffen, und nicht von Regierungsmitgliedern. Der Unterschied zwischen beiden ist vielleicht nicht so groß, wie es auf den ersten Blick aussieht. Eine Regierung ist den Gesetzen der kapitalistischen Marktwirtschaft genau so unterworfen wie eine Vorstandsversammlung. Dazu scheint es keine Alternative zu geben. Inzwischen gibt es auch ernsthafte Zweifel an der manchmal geäußerten Meinung, dass nämlich die Nationen größer werden müssen. Glaubt wirklich jemand, dass sich das zukünftige politische Europa jemals gegen die internationale freie Marktwirtschaft behaupten wird?

Artikel 3

Die Nation. Lost Nation steht für eine der sichtbaren Folgen der Globalisierung. Die Nationalstaaten scheinen die kapitalistische Weltwirtschaft, von der sie so gründlich durchdrungen sind, nicht mehr im Griff zu haben. Es ist kein Zufall, dass die meisten Opfer des letzten Jahrzehnts kommunistische Staaten waren. Dies lässt uns vermuten, dass das Verschwinden bestimmter Staaten nur ein Nebeneffekt des Zusammenbruchs eines bestimmten Staatssystems ist. Lost Nation könnte die Bezeichnung für eine Stimmung sein, von der die nüchterne Analyse
der Fakten verdrängt wird. Schließlich spielen Nationalstaaten heute immer noch eine wichtige Rolle, auch wenn manchmal anderes behauptet wird. Lost Nation bietet einen Rückblick auf nicht mehr existierende Staaten, obwohl an deren Stelle neue Staaten entstanden sind. Lost Nation als „trompe l’oeil“: In den letzten zehn Jahren sind tatsächlich mehr neue Staaten entstanden als verschwunden (man zähle nur die Bruchstücke der zerfallenen Sowjetunion). Die Nationalstaaten sind in Wirklichkeit nicht mehr die einzigen politischen Spieler im weltweiten Wirtschaftssystem. Die Städte und die städtischen Regionen spielen eine immer wichtigere Rolle.

Artikel 4

Die Stadt. Die amerikanische Politökonomin Saskia Sassen zeigt überzeugend auf, wie eine begrenzte Anzahl von Städten (New York, London, Tokio) die für die Globalisierung notwendigen Bedingungen erfüllen. Internationale Banken und große Konzerne richten ihre Hauptquartiere mit Vorliebe in den gut vernetzten Zentren der Weltstädte ein. Sogar für Brüssel (der Ausgangspunkt von Lost Nation) fällt dann und wann etwas ab. Dazu trägt der Status als „Europahauptstadt“ bei, auch wenn er zugegebenermaßen noch nicht gefestigt ist. Die Manager der
Banken und Unternehmen arbeiten hart, werden gut bezahlt und fühlen sich vom Lebensstil in den Städten angezogen. Sie wohnen lieber im Zentrum als in einem flämischen oder wallonischen Vorstadtbezirk. Immobilienmakler erkennen den Trend am Markt und kaufen heruntergekommene Liegenschaften auf, um sie entsprechend dem Geschmack dieser städtischen Elite zu renovieren. Andere wiederum eröffnen alle zwei Monate ein neues Restaurant im Zentrum, wo die Inneneinrichtung die gleiche Bedeutung hat wie die Speisen auf dem Teller. Diese zweischneidige Dynamik in der Brüsseler Innenstadt (durch Gentrification und Segregation) kann als lokaler Effekt der Globalisierung gesehen werden. Folgerichtig begann Lost Nation im März 99 in einem Gebäude in dieser Gegend seine zweideutige Metamorphose. Einen Monat vor der offiziellen Eröffnung gaben die Tätigkeiten im Erdgeschoß Anlass für allerlei Vermutungen. Wird das ein weiteres teures Restaurant, oder eine gestylte Bar? Jetzt, ein Jahr später, hier in Österreich in seiner Grazer Version, ist Lost Nation zum echten Belgischen Exportartikel geworden. Lost Nation als Symptom der Globelgisierung.

Artikel 5

Ein Dorf. Nehmen wir einmal an, wir stellen für eine Minute das Denken ein. Keine Analysen mehr, geben wir uns unserem Gefühl hin. Dann erkennen wir: Die Staaten haben den Kampf verloren, die Zukunft gehört den Städten. Nicht den Regionen, oder sollte man sagen: den städtischen Regionen? So gesehen schaut es nicht gut aus für die Dörfer. Die Globalisierung steigert die Bedeutung der grossen Weltstädte immer mehr. In diesem Prozess entsteht eine Peripherie, die Gefahr läuft, vom Weltgeschehen abgekoppelt zu werden. Lost Nation wird so nicht nur zu einer möglichen Metapher für die Globalisierung, sondern auch zum Namen eines perfekten Beispiels für dörfliches Geschehen: ein kleiner unansehnlicher Ort, wörtlich in der Mitte von Nirgendwo – LOST NATION, Iowa. Wir waren dort zu Besuch, mit einer Videokamera bewaffnet, und wurden vom Bürgermeister der 467-EinwohnerInnen-Gemeinde empfangen. AusstellungsbesucherInnen können eine Filmreportage über LOST NATION, Iowa in Lost Nation sehen; es ist wohl kein Platz/keine Bibliothek /keine Installation heutzutage ohne Fernsehen ganz vollständig.

Artikel 6

Das Universum. Das Reisen im Weltraum ist die beste Metapher für das kollektive Streben danach, dem Platz des Menschen in der Hochtechnologie-Gesellschaft eine Bedeutung zu geben. In anderen Worten: Weltraumfahrten beflügeln die Fantasie. Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht davon träumt, die Gesetze der Schwerkraft ignorieren zu können, um die Unendlichkeit des Universums zu sehen; vor allem aber, um auf unser irdisches Dasein aus einer Position herabzublicken, die bis vor kurzem ausschließlich einem oder mehreren Göttern vorbehalten war. Dieses gemeinsame kulturelle Ziel hat mehrere Namen: NASA, Mir, Ariane … Sie alle sind Ikonen, die der Realität und Fantasie gleichermaßen Gestalt geben, Wissenschaft mit Science Fiction verbinden und für die Weltraumforschung im institutionellen und im volkstümlichen Sinn stehen. Weltraumfahrten sind sprachlicher Ausdruck für die Sehnsucht nach einer anderen, besseren
Welt. Der Weltraum ist die letzte, die endgültige Grenze, der Ort, von dem Sterbliche nur träumen können. Es ist die Geschichte von Utopia im Maßstab des planetarischen Kapitalismus. Die Ufologie geht noch einen Schritt weiter, indem sie ein Volk und eine Nation konstruiert, die mit uns nichts gemein haben: die Alien-Nation. Es kann kein Zufall sein, dass seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Verblassen des Kommunismus das Phantom des „Roten Teufels“ durch die Invasion aus dem Weltraum ersetzt wurde. Wir hören nur von Ufos und Außerirdischen, aber diesmal kommen sie von weiter her als vom roten Planeten Mars.

Herman Asselberghs, Dieter Lesage (mit Ann Clicteur, Johan Grimonprez und Els Opsomer)

Herman Asselberghs, Dieter Lesage (mit Ann Clicteur, Johan Grimonprez und Els Opsomer), Installation aus zahlreichen Büchern (Bildbände, Reiseführer etc.), Schriftzügen, Lichtgestaltung und diversem Inventar, 1999-2002. Ausstellungsort: Bürgerzentrum Tornitz.

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