Linking Rings

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Utopien vermeiden Ausstellungsparcours
Linking Rings
DE 2013
Linking Rings, 2013, © Nasan Tur
Linking Rings, 2013, © Nasan Tur
© Jeno Eugène Detvay
Linking Rings, 2013, © Nasan Tur
© Wieland Krause
Linking Rings, 2013, © Nasan Tur
© Wieland Krause

Nasan Tur arbeitet mit unterschiedlichen Medien wie Fotografie, Video, Performance, Intervention, Objekt, Skulptur und Installation und untersucht in seinem Werk vor allem die Konstitution und die Strukturen von Gemeinschaft und Gesellschaft. Dabei thematisiert er vielfältige Aspekte von Beziehungen:Beziehungen zwischen Individuen, zwischen Mensch und sozialem/urbanem Umfeld, Konventionen und deren Bruch, zwischen Kulturen, zwischen Kunst und Betrachter.Tur geht es darum, einzelne Momente zu isolieren und so das Unausgesprochene in diesen Beziehungen ans Licht zu bringen oder, wie er selbst sagt, „das nicht Sichtbare anwesend und das nicht Anwesende sichtbar zu machen“. Seine Untersuchungen der Prozesse von Gemeinschafts- und Gesellschaftsbildung verlaufen vor allem entlang der Begriffe Körper und Aktion, Sprache und Kommunikation, Spur und Erinnerung oder Illusion und Manipulation. Wesentliche Bestandteile seiner künstlerischen Arbeit sind das Prozesshafte, das Performative und Interaktive, wobei er sich selbst immer wieder zum Protagonisten der Szenerie macht.

Wiederkehrendes Motiv seiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Körper und Umfeld, zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Man sieht den Künstler mit Badehose bekleidet inmitten von Berlin in einer Pfütze liegen und baden (The Puddle and the Blue Sky, 2001) oder Purzelbäume schlagen im Terminal des Frankfurter Flughafens, auf einer Straßenkreuzung in Tokio, auf dem Taksim-Platz in Istanbul oder in Mexiko Stadt (Somersaulting Man, 2001–2004). In beiden Performances geht es um die Konfrontation von erwartetem und abweichendem Verhalten, mit der Tur eine wie auch immer geartete Reaktion der involvierten Beobachter provoziert, die zunächst nicht wissen, dass es sich um Kunstaktionen handelt. Zu sehen sind Nichtbeachtung, ungläubiges Gelächter und Kopfschütteln, interessiertes Beobachten und Neugier, vor allem aber ein gewisses Gefühl von Hilflosigkeit und Unsicherheit, das angesichts dieses eigenartigen Verhaltens entsteht. Festzustellen ist, dass sich die Reaktionen weltweit gleichen, es also offensichtlich Situationen gibt, in denen Menschen sich kulturübergreifend nahezu identisch verhalten.

Ein wesentlicher Aspekt der Arbeit von Nasan Tur ist die Partizipation des Betrachters, der in die Lage versetzt wird, das Spannungsverhältnis von Aktion und Reaktion selbst zu erfahren. Mit Backpacks (2006) beispielsweise stellt der Künstler verschiedene Rucksäcke bereit, die ausgeliehen und im öffentlichen Raum benutzt werden können. Auf metallenen Tragegestellen sind Utensilien für unterschiedliche Tätigkeiten versammelt: Es gibt den Koch-Rucksack, den Fan-Rucksack, den Redner-Rucksack, den Sabotage-Rucksack, den Demonstrations-Rucksack. Wo und für wen man kocht, was man sabotiert, wofür oder wogegen man demonstriert, bleibt der eigenen Entscheidung überlassen. Hier bietet sich dem Nutzer die Möglichkeit, seinen üblichen Erfahrungsraum zu verlassen. Im Rollentausch setzt der Künstler sein Werk der Teilhabe anderer aus, um es über den Umweg individueller Erlebnis- und Erkenntnisprozesse wieder in den Ausstellungsraum zu bringen. Dorthin werden die Rucksäcke zurückgebracht, und dort werden auch die Filme gezeigt, die die Nutzer während ihrer Aktionen machten. Hier treffen sie dann abermals auf einen möglichen Nutzer, der sie in Form einer erneuten Partizipation dem subjektiven Erfahrungsraum aussetzen wird.

Andere Arbeiten kombinieren den Aspekt der Partizipation mit der Frage nach der Konstitution von Sprache und Kommunikation, dem Verhältnis von Verstehen und Verständigung. Was ich euch schon immer sagen wollte (2006) besteht aus einem Mikrofon mit Lautsprecheranlage, das vor dem jeweiligen Ausstellungsgebäude zur Straße hin ausgerichtet ist. Jeder Besucher kann davon Gebrauch machen oder auch nicht. Tritt er in Aktion, wird die Trennung von Innen und Außen, von Kunstraum und realer Welt, aber auch von Anonymität und Disposition aufgehoben. Der Sprechende entscheidet sich, mit einer ihm unbekannten Öffentlichkeit zu kommunizieren, bleibt aber gleichzeitig vor unmittelbaren Reaktionen durch den Kunstkontext „geschützt“. Auf Sprache und öffentlichen Raum bezieht sich auch City says… (2007–2011). Für diese serielle Arbeit sammelt der Künstler am jeweiligen Ausstellungsort Graffitis, wobei ihn nicht die Tags der Sprayer-Szenen interessieren, sondern sogenannte Message-Graffitis, jene Botschaften also, mit denen eine signifikante Aussage getroffen wird. In einer Performance sprayt der Künstler dann im Ausstellungsraum all diese Sprüche nach und nach übereinander auf eine Wand, so dass eine undurchdringliche und unlesbare Fläche entsteht. Aus den Zeichen wird ein Bild, in dem sich der appellative Charakter und die Aussagekraft der Botschaften verlieren. Im übertragenen Sinne steht das abstrakte Farbfeld für den Verlust von Bedeutung und die Schwierigkeiten jeglicher Kommunikation. Auch die Sprache und Wirkkraft von politischen Parolen finden Eingang in Nasan Turs Werk, wie in der Neonarbeit Komunismus Soziallismus Kapietalismus (2008), die auf den Moment der Irritation setzt. Die Verschiebung, die durch minimale Veränderung der Schreibweise entsteht, und das ironische Wortspiel stellen nicht nur den Aussagewert der Begriffe in Frage. Es geht hier auch darum, wie diese Begriffe gebraucht werden, welche Bedeutungen sie in unterschiedlichen Systemen haben und wie sich diese im Lauf der Zeit verändern.

Der Frage, welche Bedeutung Erinnerung hinsichtlich der Selbstvergewisserung, Identitätsbildung und der individuellen Verortung innerhalb der Gesellschaft hat, ist Nasan Tur in mehreren Arbeiten nachgegangen. Die Arbeit Like New (2007) etwa besteht aus Artefakten aus der Alltagswelt: Mehrere glänzend geputzte Paare von Männerschuhen in verschiedenen Größen stehen auf schwarz lackierten Sockeln in der Größe von Schuhkartons. Tur hat diese Schuhe von einem Straßenschuhputzer so aufpolieren lassen, dass sie fast neu aussehen, wären da nicht die Spuren der Benutzung. Im Sinne einer dinglichen Verkörperung der Existenz des ehemaligen Eigentümers evozieren die Schuhe Vorstellungen über sein Leben, seinen Charakter und sozialen Status und liefern nicht zuletzt einen Anstoß zum Überdenken des Verhältnisses von Identität und Differenz. Bei Good News (2009) hingegen handelt es sich um eine Zeitung, die in hohen Stapeln im Ausstellungsraum ausliegt und von den Besuchern mitgenommen werden kann. Sie enthält Bilder, die der Künstler in verschiedenen internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen der letzten 35 Jahre recherchierte. Dabei handelt es sich ausschließlich um „gute“ Nachrichten aus Politik, Gesellschaft, Forschung oder Sport: die Eröffnung der Olympischen Spiele in München 1972, die Hochzeit von Lady Diana und Prinz Charles 1981, der Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan 1988, der Fall der Mauer 1989, die Entlassung von Nelson Mandela nach 27 Jahren Haft 1990, die Marktreife von Viagra 1998, der Sturz von Saddam Hussein 2003 oder die Wahl von Barrack Obama zum Präsidenten der USA 2008. Beim Blättern in der Zeitung werden die Ereignisse wieder ins Gedächtnis gerufen, und man versucht sich zu erinnern, wie man sie persönlich erlebt hat, ob man sie überhaupt wahrgenommen hat und wenn ja, mit welchen Gefühlen. Man überlegt, ob man davon betroffen war oder nicht, welche Projektionen und Erwartungen diese Bilder bei ihrem Erscheinen ausgelöst haben und welche davon eingelöst wurden. Die zehnteilige Videoinstallation Collective Notice (2009) wiederum thematisiert ein düsteres Kapitel der Weltgeschichte. Sie handelt von Menschen aus aller Welt, die aufgrund ihrer politischen Aktivitäten in ihren Heimatländern spurlos verschwanden. Nasan Tur hat zehn Straßenkünstlern je ein Foto von zehn verschwundenen Personen gegeben, sie beauftragt, ein Porträt zu zeichnen, und den Prozess des Zeichnens gefilmt. Die Ausstellungssituation simuliert den Arbeitsplatz der Zeichner: Die Videos laufen auf Flachbildschirmen, die schräg auf je einer Staffelei platziert sind, vor der jeweils ein Stuhl steht. Die Abspielzeit eines jeden Films beträgt etwa eine Stunde, in der sich das gezeichnete Bild langsam materialisiert. Zeit, sich mit den Porträtierten und ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, sie wahrzunehmen, sich ihrer zu erinnern. Alle Filme zusammen umfassen ungefähr neun Stunden Spielzeit, eine Länge, die es beinahe unmöglich macht, die Arbeit in ihrer Gänze zu rezipieren – so wie es fast unmöglich scheint, die Gesamtheit all der verschwundenen Menschen zu überschauen.

Nasan Tur hat sich wiederholt auch mit der Beziehung von Produktion und Wert auseinandergesetzt und der Frage, welche Rolle Wahrheit und Täuschung, Illusion und Manipulation dabei spielen.In der Skulptur Nichts geht mehr / Rien ne va plus (2006) etwa rollt und klackert eine Roulettekugel unaufhörlich auf dem sich drehenden Kessel. Der Moment der Entscheidung tritt nicht ein, da die Kugel auf keiner der Zahlen ihren Platz findet, sondern immer wieder herausspringt. Sie wird zum Sinnbild für das In-der-Schwebe-Halten des entscheidenden Augenblicks, erzählt in ihrem Endlosloop nicht nur von Gewinn und Verlust, Hoffnung und Enttäuschung, sondern auch von das Leben determinierenden Prozessen, gesellschaftlichen Setzungen und innerlichen Trieben. Mit Variationen von Kapital (2013) untersucht der Künstler das Verhältnis von Arbeit, Massenproduktion und künstlerischem Handeln. Das Werk verweist auf Das Kapital von Karl Marx und besteht aus 800 im Raster angebrachten Zeichnungen, die je eine abweichende Schreibweise des Wortes „Kapital“ zeigen. Diese wurden aus 40.000 möglichen, durch einen Computer generierten Abweichungen der ursprünglichen Schreibweise ausgewählt und vom Künstler mit Tusche auf handgerissenes Papier gezeichnet. Dazu werden vier Videoarbeiten gezeigt, in denen Banker in Frankfurt und Berlin diese abweichenden Schreibweisen aussprechen. Hier werden nicht nur die Beziehungen von mechanischer und handwerklicher Produktion angesprochen, sondern auch die Krisen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems und dessen vollziehende, wesentlich mitverantwortliche Arbeitskräfte.

Nasan Turs Beitrag für das Werkleitz Festival wurde von René Block kuratiert. Die für Utopien vermeiden neu konzipierte Skulptur Linking Rings (2013) ist im Zusammenhang mit jüngeren Arbeiten zu sehen, in denen die Magie als Synonym für Manipulation steht. Mehrere miteinander verschränkte Ringe aus poliertem Metall sind von der Decke hängend installiert und fächern sich über dem Boden auf. Der Künstler zitiert hier die sogenannten Magischen Ringe der Zauberkünstler, die bei ihren Vorführungen diese scheinbar fest ineinandergefügten soliden Metallringe trennen und wieder verbinden – und damit eine Illusion erzeugen. Der Begriff „Illusion“, entlehnt vom lateinischen illūdere (täuschen, betrügen, verspotten, spielen), beschreibt die falsche Deutung von tatsächlichen Sinneswahrnehmungen oder eine beschönigende, dem Wunschdenken entsprechende Selbsttäuschung über einen in Wirklichkeit weniger positiven Sachverhalt. Linking Rings stellt die Frage nach unseren Wahrnehmungsformen bzw. danach, wie diese innerhalb der aktuellen sozio-ökonomischen Strukturen und künstlich geschaffenen Kommunikationsformen der globalisierten Welt manipuliert und geprägt werden.

Die künstlerischen Strategien von Nasan Tur sind primär darauf ausgerichtet, einen Prozess in Gang zu setzen, in dem Spontaneität und Nicht-Kalkulierbarkeit eine zentrale Rolle spielen. Der Künstler dringt in alltägliche Kontexte und soziale Handlungsfelder ein und konterkariert das Festgefahrensein konstruierter Weltbilder und die normierten Strukturen des Sehens, Denkens und Handelns. Er ermöglicht dem Betrachter die Erfahrung der eigenen Präsenz: Damit eröffnen sichneue Handlungs(spiel)räume und die Möglichkeit eines sich neu konstituierenden Verhältnisses zwischen sich selbst und der Welt.

Barbara Heinrich

Autor des Textes

Barbara Heinrich

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