Detroit Industries

Root Event

4. Werkleitz Biennale real[work]
Detroit Industries
DE 2000
© Thomas Bruns
© Thomas Bruns
© Thomas Bruns

Detroit als das ehemalige Zentrum industrieller Produktion und der damit einhergehenden Produktionslogik und Ideologie des Fordismus ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Brennpunkt des Interesses. Die Folgen der Automatisierung und Verlagerung von Produktionsstätten zeigen sich hier in besonders drastischer Art und Weise. Die Gegenüberstellung der aktuellen Situation dort mit der gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage in den neuen Bundesländern, eröffnet eine Ebene des Vergleichs jenseits des Klischees wirtschaftlicher und politischer Systeme. Ohne eine Gleichsetzung vorzunehmen oder eine Zukunftsvision heraufbeschwören zu wollen, wird deutlich, das Parallelen durchaus feststellbar sind. Ingo Vetter und Annette Weisser haben für die Werkleitz Biennale ein lang geplantes Projekt realisiert. Die Recherche und gesuchten Begegnungen der beiden KünstlerInnen konzentrierten sich auf die Entwicklung der zerstörten und zum Teil „renaturierten“ Innenstadt Detroits durch Initiativen verschiedener Bewegungen der Alternativ-Kultur. Die großen Fotografien zeigen Gebäude in der Innenstadt von Detroit, das World-Headquarter von Ford, das Gebäude des ehemaligen Hauptbahnhofs und eine von zahlreichen Brachflächen in der Innenstadt. Die kleineren Fotos dokumentieren exemplarisch die Arbeitsweise des „Detroit Agriculture Networks“, einen losen Zusammenschlusses von ca.150 Kleinbauern in der City von Detroit. Eine weitere Fotografie zeigt ein 1932 im Auftrag von Edsel Ford ausgeführtes Wandgemälde von Diego Rivera für das Detroit Institut of Art.
Ausschnitte aus einem Interview mit Lee Burns, einem der Mitbegründer des „Detroit Agriculture Network“ sind in der Küche hinter dem Ausstellungsraum zu sehen.

„Es geht nicht um die Produktion von Kohlköpfen, sondern um die Erschaffung von Werten.“

In Detroit macht der Fordismus seit fast hundert Jahren Experimente mit lebenden Menschen. Die aber experimentieren zurück und kompostieren beispielsweise Autobatterien oder dekontaminieren den schwermetallverseuchten Boden durch das Anpflanzen von Alfalfa. Als wir gerüchteweise hörten, daß ausgerechnet in Detroit Landwirtschaft betrieben würde, hatten wir spektakuläre Szenerien im Kopf von Maisfeldern zwischen zerfallenden Fabrikhallen, die einer völlig verarmten und von „der Regierung“ im Stich gelassenen Bevölkerung das nackte Überleben sicherte. Wer und vor allem warum in Detroit Land bestellt, ist jedoch wesentlich interessanter als die Tatsache, dass das geschieht: Denn wenn es in Detroit eines im Überfluß gibt, dann brachliegendes Gelände. Das war nicht immer so. In der Blütezeit Detroits der 30er bis 60er Jahre entstanden zwischen den Automobilfabriken der „Großen Drei“ – Ford, General Motors und Chrysler – ausgedehnte Arbeiterwohnsiedlungen. Die Entvölkerung nahm ihren Anfang 1967, als die aufgestaute Wut der afroamerikanischen DetroiterInnen über eine unverhohlen rassistisch agierende Polizei sich entlud in wochenlangen Straßensschlachten. Danach begann der Exodus der weißen Mittelschicht in die Vororte von Detroit. Durch den Einbruch des nordamerikanischen Automobilmarktes im Zuge der ersten Ölkrise von 1971 verloren Tausende ihren Arbeitsplatz und als sich der Markt in den 80er Jahren wieder erholte, hatten die Autobarone entdeckt, daß es sich im gewerkschaftlich unorganisierten Süden der USA reibungsloser produzieren ließ als in Detroit. Über Jahre hinweg wurden viele der leerstehenden Häuser in der „Devil´s Night“– der Nacht vor Halloween – abgefackelt, ein Spektakel, an dem sich neben Kids aus der Nachbarschaft auch Pyromanen aus dem ganzen Land sowie Agenten der Stadtverwaltung beteiligten. Die übriggebliebenen Ruinen wurden zum Teil abgeräumt, ausgedehnte Wiesenlandschaften entstanden.

Ein unbebautes Grundstück kostet in Detroit zwischen $500 und $3000. Viele derjenigen, die in der Stadt geblieben sind, haben Land hinzugekauft und ihre Privatgärten ausgedehnt auf verlassene Nachbargrundstücke. Seit einigen Jahren ziehen wieder jüngere Leute zurück in Stadt, viele von ihnen betreiben wilde Schrebergärten Ein Teil dieser unterschiedlichen Aktivitäten ist im „Detroit Agriculture Network“ zusammengefaßt, ein loser Verband von ca. 150 KleinproduzentInnen, die ihren Überschuß auch auf dem samstäglichen „Farmer´s Market“ verkaufen. Das Motto des D. A. N.– „Growing People and Communities“ – deutet jedoch bereits daraufhin, daß es nicht nur um die Erzeugung von billigen Lebensmitteln geht. (An jeder Ecke gibt es Hamburger für weniger als 1$ zu kaufen.) In verschiedenen Gesprächen wurde deutlich, daß das Hauptinteresse der Farmer die positive Veränderung der sozialen Beziehungen im direkten Umfeld ist. Lee Burns zum Beispiel, ein Ingenieur aus Cleveland und wie viele Nachfahren ehemaliger Sklaven aus den Südstaaten sein Leben lang Teilzeitfarmer, zog nach seiner Pensionierung nach Detroit, um sich der Erziehung seiner Enkeltochter zu widmen. Nach und nach erwarb er 31 Grundstücke (Lots, 1 Lot = ca. 300qm) über die ganze Stadt verteilt. Er schaffte Geräte an, die er in einem offenen Schuppen verwahrt. Nachdem der erste Rasenmäher geklaut wurde, kaufte er zwei neue und informierte die Nachbarschaft, daß er seine Gerätschaften sehr gerne ausleiht – eine Vereinbarung, die bis auf kleinere Rückschläge seitdem eingehalten wird. Mr. Burns, wie ihn die Nachbarschaft respektvoll nennt, züchtet gigantische Wassermelonen und wartet, bis die Leute fragen: Wow, wie hast du das gemacht Viele geben nach einer Saison ihren Garten wieder auf, etliche bleiben dabei. Lee Burns pflanzt überall in der Stadt Walnußbäume, die langsam wachsen und nach Jahren erst Früchte tragen. In einer einem Umfeld, in dem weder die sozialen und familiären Beziehungen noch die gebaute Umwelt konsistent zu sein scheinen, ist das eine kühne Investition in die Zukunft, deren Symbolgehalt von der Community offenbar auch verstanden wird.

Gut befreundet mit Lee Burns ist das Ehepaar Barbara Reene und Paul Weertz, die die Alfalfa-Bodenentgiftungen initiiert haben. Beide arbeiten als Lehrer an einer Schule für junge Mütter, die dort einen Highschool-Abschluß machen können. Die beiden kümmern sie sich um den großen Schulgarten, der neben Gemüsebeeten und einer Obstbaumplantage auch Ziegen, Hasen, Hühner, Enten und ein Pony beherbergt. Barbara erzählt, daß die Schülerinnen durch die Betreuung der Tiere oft erst die grundlegenden Zusammenhänge von Sexualität verstehen: „Im Fernsehen haben alle ständig Sex miteinander, aber nie wird jemand schwanger.“

Todd Bushbaker, der zur Zeit sein Geld mit dem Renovieren von Geschäftshäusern im Business District verdient, ist vor kurzem erst nach Detroit gezogen. Er hat für $14.000 ein Haus gekauft und beackert in seiner Freizeit ein verlassenes Nachbargrundstück. Er hat uns die Felder und Gärten des Detroit Agriculture Network gezeigt, die wir ohne seine Hilfe nicht gefunden hätten. Oft ist mitten in einer wiesenbewachsenen Brache ein kleines Stück kultiviert, von der Straße aus nicht zu erkennen. Die Tarnung ist eine Vorsichtsmaßnahme gegenüber den Sensenmännern der Stadtverwaltung. Unter dem Vorwand, daß der Verkehr behindert würde oder flüchtige Verdächtige im Dickicht verschwinden könnten, werden z. B. die Alfalfa-Felder regelmäßig abgeräumt. Vor allem soll damit aber vehindert werden, daß sich die Kleinfarmer in den Innenstadt etablieren und damit die Nutzungskonzepte der Stadtverwaltung behindern: Diese betreibt die „Aufwertung” der ghettoisierten Quartiere vornehmlich durch die Ansiedlung von (weißem) Kapital, welches aus den Vororten zurück in die Stadt gelockt werden soll. Der Zerfall leerstehender Häuser, Drogenhandel oder Prostitution werden bewußt toleriert in Gebieten, für die ein konkreter Bebauungsplan vorliegt. Dadurch fallen in diesen „Enpowerment Zones“ die Grundstückspreise in den Keller, die letzten AnwohnerInnen verlassen das Quartier oder werden zwangsumgesiedelt. Wenn sich innerhalb einer bestimmten Frist keine Käufer finden, fallen die Grundstücke an die Stadt. Die wiederum kann dann etwaigen Interessenten große, zusammenhängende Flächen zu Dumpingpreisen anbieten. Die Besetzung bzw. der Ankauf von Land durch die Kleinfarmer durchkreuzen diese zynische Spekulation.

Obwohl das Detroit Agriculture Network es den Mitgliedern erleichtert, für ihre Aktivitäten eine Öffentlichkeit herzustellen, stehen unsere GesprächspartnerInnen der Programmatik des D. A. N. eher skeptisch gegenüber. Sie kritisieren vor allem die ökonomistische Ausrichtung. Es könne nicht darum gehen, städtische Landwirtschaft als Berufsperspektive zu propagieren. Vielmehr soll durch die Verbesserung des Lebensumfeldes und der sozialen Beziehungen innerhalb der Community das Selbstbewußtsein der MitarbeiterInnen gestärkt werden, um es ihnen zu ermöglichen, auch weitergesteckte Ziele zu verfolgen.

Ingo Vetter & Annette Weisser, DE 2000, Detroit Industries

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