Archaic Smile

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Archaic Smile

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Archaic Smile

Bart Rutten

KURT D’HAESELEER, Archaic Smile

Historie mit einem archaischen Lächeln

Die Anfangssequenz noch vor dem Vorspann von Kurt D’Haeseleers Archaic Smile ist ein starkes und entscheidendes erstes Kapitel. Aus einer dichten, scheinbar atmenden oder wie ein Herz pumpenden Unschärfe, eingehüllt in eine ausgedehnte Schwade aus Grün und Rot und bedeckt von einer Struktur, die an Adern erinnert, steigen Bilder einer Gruppe von Menschen auf. Sie warten in einer Halle aus dem 19. Jahrhundert, bei der es sich möglicherweise um eine Fabrik oder einen Bahnhof handelt. Die Menschen – es sind Zeitgenossen – warten auf ihre Abreise. Die nächste Einstellung, rückwärts abgespielt, zeigt andere Menschen näher zur Kamera, die sich entfernen und wieder zum Teil der Gruppe werden. Die Filmmusik schwillt an, als verkündete sie, dass gleich etwas Bedeutendes passiert. Dann erscheint spiegelverkehrt der Filmtitel, was nahelegt, dass er nicht für den realen Zuschauer, sondern für die Menschen im Film gedacht ist. Es scheint, als müssten sie informiert werden über das, worauf auch immer sie warten. Sie sind somit die tatsächlichen Zuschauer, die auf die Erlaubnis zum Betreten des Schauplatzes warten. Während sich der Film entwickelt, finden wir uns selbst in der Rolle wieder, anderen Menschen beim Betrachten einer Repräsentation von Geschichte zuzusehen.

Im weiteren Verlauf des Films sind verschwommene Aufnahmen von kämpfenden Soldaten zu sehen, Explosionen und Rauch brechen durch den biomorphen Layer der Videografiken. Es folgen Aufnahmen von Betrachtern, die von der Tribüne eines Amphitheaters eine Aufführung verfolgen. Bilder von Rittern zu Pferde, von Militär des 18. Jahrhunderts und römischen Soldaten ziehen vorüber, und diese verschiedenen Epochen verschmelzen in einem impressionistischen Videomix. Ab und zu beherrscht ein Layer, vergleichbar einer dichten Wolke, den Vordergrund, der nur kurze Eindrücke von Bewegung und Rüstung ermöglicht. Der Schuss aus einer Waffe und deren starker Rauch sorgen für spektakuläre Videografiken, die wiederum das Video als Medium thematisieren. In anderen Teilen verschwindet dieser Layer gänzlich und wir erhalten eine klare Sicht auf das, was sich als historische Sehenswürdigkeit versteht, so zum Beispiel in der abschließenden Szene, in der wir die kontinuierliche Einstellung eines beeindruckenden, mittelalterlichen Schlossturmes sehen. Doch dann fängt der Turm an, sich zu bewegen, und es ist, als verfolgte man eine digitale Intervention in die Wirklichkeit. Dem Betrachter von Archaic Smile wird ebenso wie den Zuschauern im Film klar, dass alles, was man gesehen hat, eine Aufnahme ist, die wahrscheinlich täuscht.

Worum handelt es sich bei einem historischen Bild? Kurt D’Haeseleer erforscht diese Problemstellung, indem er sich auf das Phänomen des Reenactments konzentriert. Zu diesen Veranstaltungen treffen sich Leute, die sich in historische Kostüme kleiden und geschichtsträchtige Kämpfe nachstellen. Diese Events lassen sich bis in die Antike verfolgen, als Armeen Schaukämpfe zur Unterhaltung der herrschenden Klassen aufführten. Seit dem 19. Jahrhundert führen Amateure, vor allem in den USA, solche Reenactments durch, wiederholen etwa den Unabhängigkeitskrieg als Akt des jährlichen Gedenkens. In den vergangenen Jahrzehnten sind Reenactments mit Thematiken wie „Römisches Reich“ oder „Zweiter Weltkrieg“ ungemein populär, und das Phänomen hat sich auch in Europa verbreitet. Die Teilnehmer versuchen, wesentliche Ereignisse der Vergangenheit so detailgetreu wie möglich nachzustellen. Es ist einem magischen Vorhaben vergleichbar, dem Versuch einer Zeitreise in die Vergangenheit, um damalige Ereignisse nachzuempfinden. Es handelt sich um das Verlangen, Geschichte als Abenteuer zu erfahren und ein Paralleluniversum zu kreieren, fern der heutigen Zeit, in der die Teilnehmer leben. So entstand der historische Themenpark, in dem Menschen umherstreifen können – in einer Anlage mit neu errichteten historischen Gebäuden und Angestellten, die in passenden Kostümen umherlaufen. Diese Parks und Reenactments funktionieren in der heutigen Gesellschaft als „Live-Repräsentationen“, als Ergänzung zu den vertrauteren Darstellungen in Film und Fernsehen.

Die Konzentration auf die Doppelmoral einer solchen Repräsentation, und zwar der Live- versus der Kino-Repräsentation, zeichnet D’Haeseleers Portraits aus. Er fokussiert die Risse in Repräsentationen. Jegliche Art von Magie verschwindet, wenn ein zeitgenössisches Haus im Hintergrund sichtbar wird, ein römischer Soldat ein Mikrophon in seiner Hand hält oder eine Figur, die als Dienstmagd einer Versorgungseinheit der Armee verkleidet ist, einen Fotoapparat aus ihrer Tasche holt und die Szene, deren Teil sie ist, fotografiert. Kameras tauchen den gesamten Film hindurch auf. Anscheinend verbindet Betrachter und Teilnehmer der tiefe Glaube an das Festhalten dieser inszenierten, unechten Realität durch Fotoapparate oder Videokameras. An dieser Stelle bricht die raue dokumentarische Realität herein – Archaic Smile bleibt nicht länger in der filmischen Tradition von Maskierung und Imitation. Das Thema ist nicht mehr die Geschichte selbst, es sind die Menschen, die mit den Bildern der Geschichte hantieren. Dies spiegelt unser Verlangen, Geschichte zu verstehen, indem wir sie in Bilder übertragen, die wir begreifen können, mit filmischen Mitteln, die unserer Kontrolle unterliegen

Archaic Smile konfrontiert uns mit der Frage nach der Grundlage zeitgenössischer Repräsentation von Geschichte. Ändert sich deren Definition? Werden Geschichtsbücher durch Hollywood ersetzt, das mehr oder weniger ein Monopol in der Visualisierung von Geschichte erlangt hat? Reenactments sind Live-Darstellungen historischer Ereignisse. Indem D’Haeseleer sie abfilmt, verortet er sie erneut in ihrer filmischen Tradition. Der Soundtrack von Archaic Smile nutzt und verarbeitet das musikalische Thema einer dramatischen Filmmusik und spricht damit unsere Erinnerungen historischer Dramen an, die wir früher gesehen haben. Wir sind es gewohnt, in historische Kostüme gekleidete Menschen zu betrachten. Sie liefern eine Interpretation der Vergangenheit, in der Fakt und Fiktion, gerahmt von einem Soundtrack, koexistieren.

Doch noch grundsätzlicher könnte man sagen, dass der Film sich mit dem menschlichen Verständnis des Bildes an sich auseinandersetzt. Man könnte sogar sagen, dass menschliche Erkenntnis und Erfahrung von Bildern fast eins zu eins gezeigt werden. Der Betrachter ist versucht, den grafischen Layer des Videos mit einer menschlichen Membran zu vergleichen. Die Aufnahmen sehen wie ein mikrobiologisches Bild aus, als ob man das Gehirn selbst in einer extremen Großaufnahme sähe oder spezifischer: den Ort, an dem das Sehen stattfindet, den Ort, an dem wir die Außenwelt dank komplexer synaptischer Prozesse erfahren. In der ständigen Bewegung dieser an Adern erinnernden Struktur deutet sich der Rhythmus lebender Materie an. Der Soundtrack weckt ebenfalls Assoziationen an eine Membran, da das gebrochene Tempo der wellenförmigen Beats ein lebendiges Kontinuum erzeugt. Das ist das absolute Maximum der Nahaufnahme eines Bildes.

Neben diesen offensichtlichen Referenzen muss noch eine deutliche Bemerkung dazu gemacht werden, wie die Videografik eingesetzt wird. Kurt D’Haeseleer ist für seine extremen Videomanipulationen bekannt. Er hat verschiedene Arbeiten geschaffen, in denen die Aufnahmen starken grafischen Eingriffen unterzogen wurden. Dieser Stil ist in der Kunstwelt und darüber hinaus allgemein anerkannt. D’Haeseleer hat mit Theatermachern, Tänzern und Musikern zusammengearbeitet und Sets für Live-Kinoaufführungen und VJing gestaltet. Er verfügt über einen höchst individuellen Stil und setzt Videografiken ein, die in der Standardsoftware nicht vorhanden sind. Sie sind sozusagen „von Hand gemacht“. In diesem Sinne spiegeln sich seine Untersuchungen über die Authentizität von Bildern in dieser Arbeitsweise.

Seine Manipulationen dekonstruieren einen Grundaspekt des digitalen Videobildes. Sie erlauben ihm das Kombinieren und Auswechseln von Pixeln unterschiedlicher Einzelbilder. D’Haeseleer manipuliert Bilder, indem er sie zwingt, auf die Parameter anderer Bilder zu reagieren. Mit diesem Ansatz kann er nur teilweise vorhersehen, wie das Ergebnis ausfallen wird. „Das kann man mit dem Entwickeln analoger Fotografien vergleichen, deren Ergebnis immer eine Überraschung ist“, so D’Haeseleer. Indem er sich auf diese prozessbasierte Vorgehensweise stützt, vermag er es, den Zufall zu integrieren und das Bildmaterial „lebendig“ zu halten.

Doch das bedeutet auch, dass Informationen unterschiedlicher Momente der aufgenommenen Zeit auf einer mikroskopischen Ebene miteinander vertauscht werden. Eine derartige Behandlung von Videoaufnahmen unterminiert unsere Wahrnehmung von Zeit und damit unsere Geschichtsrezeption, wie wir sie durch das filmische Medium gewohnt sind. Es ist der Prozess des Sehens von Geschichte, den wir hier sehen, und zwar aus unglaublichen Perspektiven. Reenactments stehen metaphorisch für die Unfähigkeit des Menschen, eine wirkliche Darstellung für die Bilder der Vergangenheit zu finden. D’Haeseleer zeigt dies, ohne ein Urteil zu fällen, aber mit einem „Archaic Smile“ – einem archaischen Lächeln.

Kurt D’Haeseleer, Archaic Smile

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