Warum ich gar nicht weg war

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Werkleitz Festival 2008 Amerika
Warum ich gar nicht weg war

Ich bin gespalten. 1948 wurde ich in den USA geboren, 1988 entschied ich mich dazu, das Land vorübergehend zu verlassen. Seitdem bin ich nie länger als ein paar Wochen dort gewesen. Ich ging, weil ich Skulpturen aus rohem Latex machen wollte, das direkt von malaysischen Bäumen stammt, und ich musste mir den Apparat meines Nationalstaates mal von außen ansehen. Es war die Ära Reagan; ich war Kurator am Cleveland Museum of Art, unterrichtete am Cleveland Institute of Art und trat als Performance-Künstler auf. Meine Performances waren zusehends zynisch geworden – ihre Kritik richtete sich an und gegen dieselbe Klasse von bürgerlich-liberalen Humanisten, der auch ich entstammte. Die Reagan-Administration wusch ihr Geld in Afrika, um in Mittel- und Südamerika verdeckte Kriege und rechte Diktaturen zu finanzieren. Gleich einem verwaisten Kind, welches das Loch im Deich mit dem Finger zu stopfen versucht, befinden sich die US-Liberalen seit dem Zusammenbruch der globalen Linken in einer permanenten Krise. Nein, nicht nur in einer Krise … in einer Hypokrisie. Wie andere Liberale auch versuchte ich, mich mit den Völkern der Entwicklungsländer solidarisch zu erklären, deren Pro-Kopf-Verbrauch an globalen Ressourcen etwa einem Hundertstel des unseren entsprach. Jahre später fasste die aus Singapur stammende Autorin Lucy Davis in einem anderen Kontext den Widerspruch zusammen, in dem ich mich damals befand:

„Wie kann man einen deterministischen Diskurs/eine deterministische Darstellung kritisieren, ohne die Logik des Diskurses zu reproduzieren, den man kritisiert? Und wie können Künstler als privilegierte Orakel der kulturalistischen Logik des Spätkapitalismus einen kulturellen Essentialismus unterwandern, der sie privilegiert?“1

Also nahm ich einen Posten als Dozent für Bildhauerei an der University of Science in Malaysia an und wurde, was Abdul R. JanMohamed ein„specular border intellectual“,„neither quite an exile nor an immigrant“ nennt, ich wurde ein Grenzintellektueller, weder ganz Exilant noch ganz Immigrant, gefangen im Kontrapunktischen des Nicht-Drinnen und Nicht-Draußen. Abdul fragt:

„Wie kann man sich an der Grenze verorten? Welche Art von Raum charakterisiert sie? Theoretisch und eigentlich auch praktisch sind Grenzen weder innerhalb noch außerhalb des Territoriums, das sie definieren, sie kennzeichnen lediglich den Unterschied zwischen Innen und Außen, sie sind Punkte unendlicher Regression. Daher ist es nicht so, dass dort verortete Intellektuelle quasi auf der Grenze ‚sitzen’; sie sind vielmehr gezwungen, sich selbst als die Grenze zu konstituieren.“22

Abdul ignoriert hier eine Hälfte des faustischen Staatsbürgerschafthandels, denn die Grenze konstituiert auch den Staat. Trotz meiner Bildung und liberalen Gesinnung war mir gar nicht bewusst, wie sehr ich ein Produkt des dogmatischen Regimes der USA war und somit von dieser Nation konstituiert wurde, und wie ich im Gegenzug gleichzeitig diese Nation konstituierte.

Das einzige, das sicherer ist als der Tod und die Steuern, ist die Interpellation, jenes Ereignis, durch das eine Person von der herrschenden Ideologie herbeigerufen, an Bord geholt und in ein Subjekt verwandelt wird. Untertan, Unterwerfung, Unterjochung sind in der politischen Philosophie des Westens Konzepte, die zusammengehören. Das Selbst als Agens und als Objekt des Blickes und der Macht des anderen sind co-determinant, sie beeinflussen sich gegenseitig, und der Ort, an dem diese Co-Determinanz stattfindet, ist fast immer die Bühne des Nationalstaates. Während einige Ideologien universalistische Ansprüche erheben, ist die transformative Macht der meisten Ideologien eng mit den Entwicklungszielen einer Nation verbunden. Dieser Prozess ist alles andere als passiv, hier identifizieren sich eine auf lokale Bedingungen ausgerichtete Beschreibung der Welt und ein beschriebenes/beschreibendes Subjekt miteinander. Noch dazu nimmt diese Identifikation die Form einer kreativen Komplizenschaft in der Organisation des Staates an. Der Bürger produziert den Staat, der das Subjekt als Bürger identifiziert. Eine solche Interpellation trägt man immer mit sich herum. Man kann sich ihrer zwar erwehren, doch sobald sie einem einmal eingeflößt wurde, kann man sich nicht mehr von ihr frei machen.

1988, an meinem zweiten oder dritten Tag in Asien, sah ich mich in einen internen ontologischen Monolog über Menschen mit mehr oder weniger deutlichen ostasiatischen Zügen verstrickt: „Diese Menschen wirken, als hätten sie ein Bewusstsein … als hätten sie eine Seele….“ Dieser Monolog überraschte mich. Normalerweise versuche ich geflissentlich, das Wort „Seele“ im mystischen oder vitalistischen Sinne eines Geistes, der irgendwie vom Körper getrennt werden kann, zu vermeiden. Hier fand es plötzlich Eingang in meine Sprache. Es traf mich wie der sprichwörtliche Schlag: Das muss eingeflößte Ideologie sein, die durch mich spricht, in flagranti erwischt.

In dem Jahrzehnt, das auf das Ende der Feindseligkeiten in Korea folgte, flößten Volksschullehrer und Eltern meiner Generation eine nationalistische Doktrin ein, die amerikanischen Kindern Kriegsgeschehnisse erklären sollte; eines davon war die von den Chinesen und Koreanern angewandte sogenannte Stoßtaktik. Ich erinnere mich an folgende Erklärung: „Den Chinesen ist ihr Leben nichts wert. Sie denken als Masse. Es kümmert sie nicht, ob sie sterben. Sie haben kein Bewusstsein. Sie haben keine Seele.“ Diese Zuschreibungen spiegelten das völlig propagandistische Umfeld der McCarthy-Ära und der Jahre der „roten Gefahr“ in den 1950ern und 1960ern mit ihren Mythen, Schmierblattartikeln, Plakaten, Filmen und ihrer politischen Rhetorik wider. In diesem Fall war meine Wahrnehmung asiatischer Menschen vorbestimmt von einer Art rassistischem Stereotyp, das für gewöhnlich in Kriegszeiten benutzt wird, um das Leben des Feindes abzuwerten und die Schuld der Überlebenden zu mildern. Meine Generation wurde zur Staatsbürgerschaft aufgerufen durch die Tatsache, diesem asiatischen Krieg und seinen propagandistischen Folgen schon sehr früh ausgesetzt gewesen zu sein. Dies war unsere Vorbereitung auf das Töten und Getötetwerden in Amerikas nächstem Krieg in Asien: Vietnam. Dementsprechend bereiteten der Vietnamkrieg und seine Folgen die nachfolgende Generation auf die verdeckten Kriege in Mittelamerika und jene im Irak und in Afghanistan vor. Nun werden der Irak und Afghanistan wieder eine neue Generation darauf vorbereiten, ihr Leben in den Kriegen der Zukunft zu lassen.

Ich stand auf einer geschäftigen Straße in Bangkok, als ich diese unheimliche Stimme aus meinem Unterbewusstsein aufsteigen hörte. Ich war so geschockt, dass ich mich hinsetzen musste. Diese Begebenheit zwang mich, über die Wirkungsweise von Propaganda und Indoktrination nachzudenken und darüber, wie es dazu gekommen war, dass ich ausgerechnet dieses Projekt der ideologischen Konditionierung verkörpern sollte. Ich hatte die Lektionen des amerikanischen Nationalismus mit jeder Zelle und jeder Synapse meines Körpers aufgenommen und war ein „wahrer Gläubiger“ geworden. Schlimmer noch, ich war mir dessen gar nicht bewusst. Ich war arroganterweise davon ausgegangen, dieser Art von Konditionierung mit Intelligenz und gesundem Menschenverstand entkommen zu sein. Ich konnte meine Interpellation nicht als solche erkennen, bis ich das Umfeld der Indoktrination verlassen und ein anderes nationales Umfeld betreten hatte, in dem die konstitutiven Signifikanten des Systems ohne ihre mythische Naturalisierung dastanden. Als ein Knotenpunkt der nationalen Indoktrinationsschaltung erschien mir dieses linguistisch konstituierte „Ich“, das wiederum andere konstituierte, nun wie ein innerer Fremder. Die Subjektivität wurde zum Ort einer erkenntnistheoretischen Krise. Ich erkannte mich selbst als Subjekt und Unterworfener zugleich. Ich war nicht mehr eins, ich war gespalten.

Diese Art der Indoktrination findet in anderen Staaten sicher auch statt. Die Moderne ist voll von Beispielen, doch tröstet mich das nicht. Eine Untersuchung der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts zeigt, dass die Vereinigten Staaten kleinere, an Ressourcen reiche Nachbarn häufig mit symbolischer Gewalt und militärischem Imperialismus bedroht haben. Das frühere Fehlen der Erkenntnis meiner eigenen Indoktrination und die Vergesslichkeit vieler meiner Mitbürger machen die Abenteuerlust der USA nur noch gefährlicher.

Sich seiner Indoktrination bewusst zu werden ist dennoch kein Allheilmittel und entbindet auch nicht von der Verantwortung für ihre tief greifende Wirkung. Meine Erleuchtung in Bangkok zog mich lediglich in den Bann eines weiteren Stereotyps, das hier in diesem Text verbleibt: das eines Westlers, dessen ‚Herz der Finsternis’ im Lacanschen Spiegel des Orients seine Offenbarung findet. Ich, der ich zuvor Asiaten als unter einem wesentlichen Mangel (an Bewusstsein oder Seele) leidend betrachtete, beschreibe mich nun selbst als unter einem anderen Mangel leidend (Selbsterkenntnis). So offenbart sich schon die Schablone von Subjekt und Subjektivität selbst als unablässiges Hin und Her defizitärer Beziehungen: Entweder fehlt mir was oder dem Anderen.

Das Weggehen hat mich gelehrt, dass einem erst durch das Verlassen des eigenen Staates oder Heims bewusst wird, inwiefern man sein Repräsentant ist oder nicht. Hat meine Nation mich einerseits gelehrt, für ihre Machtdemonstrationen blind zu sein, so hat sie mir andererseits die schreckliche Wahrheit über ideologische Konditionierung und die Grenzen moralischer Genesung aufgezeigt.

EPILOG:

In ihrem Buch Wie Institutionen denken erklärt Mary Douglas, dass unsere Institutionen und Organisationen nicht nur einen Großteil des Denkens für uns übernehmen, sondern dass sie auch Aufbewahrungsorte für unsere gemeinsamen kulturellen Erinnerungen sind. Davon konnte ich mich 2006 kurz vor dem Treffen des IWF mit der Weltbank-Gruppe in Singapur überzeugen, als ich wie schon so oft die Grenze von Malaysia nach Singapur überquerte. Während der Passkontrolle wurde ich vom Strom der übrigen Reisenden getrennt und zur Befragung in einen kleinen Nebenraum geführt. Das war an sich nicht merkwürdig. An 15-minütige Wartezeiten beim Passieren der Grenze war ich gewöhnt, die gingen wahrscheinlich auf meine frühere Zeugenaussage als Experte im Team für die Verteidigung singapurischer Künstler zurück, die wegen Obszönität angeklagt waren. Aber diesmal war aufgrund der erhöhten Sicherheitsvorkehrungen um das Treffen der beiden Weltinstitutionen alles etwas anders.

Ich wurde in einen größeren Raum gebracht und dort nicht nur von zwei Grenzbeamten verhört, sondern auch von Zivilbeamten des Ministeriums für Innere Sicherheit. Sie stellten mir mehrere in Beziehung zueinander stehende Reihen von Fragen: Wen ich besuchen wolle; ob ich schon einmal verhaftet worden sei; ob ich irgendwelchen nationalen oder internationalen politischen oder außerparlamentarischen Gruppierung angehöre; was meine Meinung zur Politik und Zensur in Singapur sei. Sie baten mich, meine Ansichten über Kunst und Performance sowie meine politischen Überzeugungen kundzutun. Und so weiter und so fort. Nach jeder Fragerunde verschwanden sie in einem Raum und kehrten nach einer Weile mit detaillierteren Fragen zurück, die wegen meines schlechten Gedächtnisses zu einer wahren Zerreißprobe wurden. Irgendwann kamen sie in ihren Fragen auf eine kurze Festnahme ohne offizielle Verhaftung zu sprechen, die einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Washington D. C. in der Zeit um 1970 gefolgt war. Ich war erstaunt, dass sie dieses Detail aus meiner grauen Vorzeit aufgedeckt hatten. Es bewies, dass sie Zugang zu einer digitalen Akte hatten, in der dieses Ereignis aufgelistet war und die auf einem Computer in den USA abgespeichert war. Dieses Verhör an der singapurischen Grenze war meine erste Begegnung mit Washingtons neuer globaler „Krieg gegen den Terror“-Datenbank. Die nationalen Grenzen – die Orte, wo traditionell ein Wechsel von einem Informationsregister und Sicherheitsprotokoll zu einem anderen stattfindet – zwischen diesen beiden Staaten waren verschmolzen. Die Grenze des Stadtstaates Singapur ging nun in die Staatsgrenze der Vereinigten Staaten über. Plötzlich wurde mir klar, dass ich die Staaten 1988 nie wirklich verlassen hatte; somit verloren nationale Zugehörigkeit und staatsbürgerliche Rituale an Bedeutung, und aus „Heim“ wurde „unheimlich“.

Kuala Lumpur/Helsinki 2008

1 Vgl. Davis, Lucy, 2001, Making Difference, unveröffentlichte Masters Dissertation, Einleitung: ix)

2 Vgl. Abdul R. JanMohamed. 1993. Worldliness-Without-World, Homelessness-As-Home: Toward a Definition of the Specular Border Intellectual, in Edward Said: A Critical Reader. Edited by M. Sprinker. Oxford UK & Cambridge, USA: Blackwell: S. 103.