Paneer Tikka bei Pizza Hut

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Werkleitz Festival 2008 Amerika
Paneer Tikka bei Pizza Hut

In den letzten Jahren tauchte in Indien immer häufiger eine Zutat namens Cilantro auf den Speisekarten vornehmer Restaurants auf. Gäste, die exotisch klingende Gerichte wie Cilantro-Hühnchen bestellen, wissen selten, was sie erwartet und wären zweifelsohne enttäuscht, würde man ihnen sagen, dass Cilantro schlicht und ergreifend die aus dem Spanischen kommende amerikanische Bezeichnung für Koriander ist. Als eine der gängigsten Zutaten der indischen Küche ist Koriander so billig, dass die Gemüsehändler bei einem guten Kauf für gewöhnlich kostenlos einen Bund dazugeben. Eine horrende Restaurantrechnung wäre damit also kaum zu rechtfertigen.

Der Einzug von Cilantro in die indische Küche ist eines der merkwürdigeren Anzeichen für den wachsenden kulturellen Einfluss der Vereinigten Staaten auf Indien. Ein offensichtlicheres Phänomen war während des ungeheuer populären Cricketturniers der Indian Premier League IPL Mitte 2008 zu beobachten. Die Namen der Teams in diesem neuen Wettbewerb waren denen aus der amerikanischen Sportwelt nachempfunden: Anstatt der Chicago Bulls oder der Miami Dolphins gab es die Delhi Daredevils und die Rajasthan Royals. Auch Cheerleader, die zum festen Inventar des amerikanischen Mannschaftssports gehören und in Ländern wie Deutschland oft belächelt werden, waren integraler Bestandteil des IPL-Spektakels. Das ging sogar so weit, dass die Bangalore Royal Challengers sich Cheerleader von den Washington Redskins ausgeliehen hatten, um ihre Tänzerinnen zu trainieren.

Wie vorauszusehen, stießen die Cheerleader bei den Konservativen auf Widerstand. In einigen Städten wurden sie gebeten, weniger freizügige Outfits zu tragen; in anderen wurden sie einfach verboten. Diese Episode zeigt einmal mehr, wie sehr sich die indische Bevölkerung vor angeblich verderblichen westlichen Einflüssen auf die indische Kultur fürchtet. Von Anbeginn der europäischen Kolonialherrschaft wurden derartige Bedenken immer wieder laut. Geändert hat sich lediglich das Land, das als vorherrschende Quelle des Kulturimperialismus gilt. Was zwei Jahrhunderte lang Großbritannien vorbehalten war, trifft seit zwei Jahrzehnten auf die Vereinigten Staaten von Amerika zu.

Diese Verschiebung kennzeichnet nicht nur einen geografischen Wechsel, sondern auch eine Veränderung in der Definition des Kulturbegriffs. Zur Zeit der Unabhängigkeit Indiens im Jahre 1947 und für einige Jahre danach war der Begriff Kultur vornehmlich der so genannten Hochkultur vorbehalten. Populäre Formen wie das kommerzielle Kino, Werbung und Popmusik hatten in einem zivilisatorischen Diskurs keinen Platz. Die indische Intelligentsia war der Ansicht, die Vereinigten Staaten seien weitgehend kulturlos. Wenn man schon nach einer anderen Art zu denken, einem anderen Lebensstil strebte, dann nach dem Beispiel Europas im Allgemeinen und Englands im Besonderen.

Will man untersuchen, wie es dazu kam, dass die USA die kulturelle Arena Indiens dominieren konnten, lohnt es sich, mit dem Beispiel eines frühen bedeutsamen und direkten Austauschs zwischen Indien und dieser Nation zu beginnen: dem Besuch Swami Vivekanandas in den USA und seiner Rede vor dem Parlament der Religionen in Chicago im Jahre 1893, einer Begegnung, die fest im indischen Bewusstsein verankert ist. Die wirtschaftliche Entwicklung dieses jungen Landes beeindruckte Vivekananda so sehr, dass er sich fragte, ob und wie ein gleichberechtigter Austausch mit seiner verarmten Heimat wohl möglich sein könnte. Seine Lösung war wie folgt: Die Vereinigten Staaten könnten Indien im Tausch gegen spirituelle Erleuchtung technologische Expertise liefern. Mit anderen Worten bestand der einzige funktionierende Rahmen, in dem beide Länder gleichberechtigt bestehen konnten, darin, eines von beiden als Quelle spiritueller Weisheit zu sehen und das andere als Quelle materiellen Fortschritts.

Es sollte jedoch noch sechs Jahrzehnte dauern, bis der Gedanke an Indien als spirituellem Bestimmungsort in den USA an Popularität gewann. Die Beat-Generation begann sich für östliche Philosophien zu interessieren: Basierend auf Gary Snyders Faszination für den Buddhismus schrieb Jack Kerouac The Dharma Bums (Gammler, Zen und hohe Berge), und Allen Ginsberg unternahm ausgedehnte Reisen nach Indien. Die Nachfolger der Beat-Generation, die Hippies, schufen eine Verbindung zwischen Haight Ashbury und Goa. Viele flogen nach Europa und nahmen anschließend den Landweg nach Indien quer durch Asien, der als der Hippie-Pfad bekannt werden sollte.

In den 1960er Jahren gab es zudem eine kurze Zeit, in der Indien und die Vereinigten Staaten beinahe eine politische Allianz gebildet hätten. John Kenneth Galbraith wurde von John F. Kennedy zum amerikanischen Botschafter in Indien ernannt und freundete sich mit dem indischen Premierminister Jawaharlal Nehru an. Galbraith überredete Jacqueline Kennedy, den Subkontinent zu besuchen, und der Rummel um die Reise der charismatischen First Lady war ein frühes Anzeichen für die wachsende Besessenheit der indischen Medien von berühmten Persönlichkeiten. Als Indien und China Ende 1962 im Krieg waren, bat Nehru Kennedy um militärische Hilfe und kehrte damit der von ihm selbst kultivierten Position der Äquidistanz von beiden Supermächten den Rücken. Kurz darauf wurde Kennedy erschossen, und auch Nehru verstarb bald. Indien schlidderte in eine Periode des wirtschaftlichen Isolationismus: Die Steuern stiegen in den Himmel, eine Reihe in Privatbesitz befindlicher Industriezweige und Banken wurde nationalisiert, und multinationale Konzerne wurden demotiviert, sich in Indien zu engagieren. Unter Indira Gandhi rückte das Land deutlich auf die sowjetische Seite der Gleichung des Kalten Kriegs, obgleich es seine offizielle Position der Blockfreiheit beibehielt.

Unterdessen gaben die von den USA in Vietnam begangenen Gräueltaten überall in der Dritten Welt Anlass zu einer Fülle von Feindseligkeiten. Die hegemonialen Ambitionen der US-Außenpolitik verstimmten viele Inder ebenso sehr wie die pazifistische Gegenkultur der Hippies. In den urbanen Zentren sah eine kleine Minderheit von jungen

Indern ihre Vision von Freiheit in dem Kult um Sex, Drugs and Rock’n’Roll in Erfüllung gehen, doch für die meisten ihrer Landsleute war ein solcher Lebensstil abstoßend, wenngleich das Interesse, das die Touristen an mystischen Traditionen bekundeten, der verunsicherten Zivilisation eine gewisse Wertschätzung vermittelte.

Der durch die Hippie-Besucher aufgekommene Eindruck, alle Westler seien zügellose Freigeister, wurde durch amerikanische Filme und Fernsehsendungen nur noch bestärkt. Als die indische Regierung in den 1990er Jahren einer Liberalisierung des Landes zustimmte und das staatliche Monopol auf die Unterhaltungsmedien aufgehoben wurde, stieg der Konsum dieser Medien explosionsartig an. Sofort fürchteten die Traditionalisten, dass ausländische Sender die Wellen des Äthers in Beschlag nehmen und den indischen Geist verderben könnten. In den Kindertagen des Satellitenfernsehens schien es in der Tat, als seien ihre Bedenken nicht völlig grundlos. Über Rupert Murdochs Star TV wurden die beiden Soaps Reich und Schön und California Clan ungeheuer populär, CNN und die BBC wurden die wichtigsten Quellen für internationale Nachrichten, und MTV fand in indischen Jugendlichen eine bereitwillige Fanbasis.

Mit der Ausbreitung des Kabelfernsehens gingen die Zuschauerzahlen für englischsprachige Sendungen zurück. Und ein lokaler Sender namens Zee TV wurde durch die Produktion von Hindi-Soaps und Talentwettbewerben bald zum beliebtesten Sender des Landes. Die beiden multinationalen Sender Star und Sony holten erst wieder auf, als sie ihr Programm auf indische Inhalte umstellten. Star verdankte seinen Aufstieg zum Spitzenreiter der Einschaltquoten der unglaublich beliebten Serie Kyunki Saas Bhi Kabhi Bahu Thi, die sich hauptsächlich um Familienstreitigkeiten drehte, weit entfernt von den Bettgeschichten in Reich und Schön.

In der indischen Filmindustrie waren ganz ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Als Jurassic Park 1993 zu einem Megahit wurde, verlangten lokale Produzenten kurzerhand einen Boykott der synchronisierten Versionen von Hollywoodfilmen. Durch ungehemmte Piraterie befand sich die Industrie damals in einem Abwärtstrend. Doch das Blatt sollte sich wenden, als 1994 der familienfreundliche Bollywoodfilm Hum Aapke Hain Kaun (oder HAHK) in die Kinos kam. Um Piraterie zu vermeiden, hütete die Produktionsfirma die Filmkopien wie ihren Augapfel, außerdem ließ sie vor dem Filmstart viele Kinos renovieren, um sie für ein gehobeneres Publikum attraktiv zu machen. HAHK dreht sich fast ausschließlich um die Vorbereitungen für eine Hochzeit, gefolgt von der aufwendigen Zeremonie selbst. Damit kennzeichnete der Film unter anderem das Ende einer Ära, die offenkundigem Konsum eher ablehnend gegenüberstand.

Im Jahr darauf konnte Dilwale Dulhaniya Le Jayenge (Wer zuerst kommt, kriegt die Braut oder DDLJ) auf dem Erfolg von HAHK aufbauen. Der Protagonist des Films weigert sich, mit der Frau, die er liebt, durchzubrennen und versucht stattdessen, die Anerkennung ihres Vaters zu gewinnen. Der Großteil von DDLJ spielt im Ausland und lehrt uns etwas, das seitdem in Dutzenden von Wohlfühlfilmen dieser Art wiederholt wurde: dass Inder sehr wohl Weltbürger sein können, ohne ihre kulturellen Wurzeln zu verlieren. Das Hindikino hatte innerhalb des üblichen Musical-Romanzen-Formats eine Formel gefunden, die für Familien und Jugendliche in den Städten attraktiv war, insbesondere für jene, die in die teuren Multiplexe strömten, welche die unabhängigen Kinos nach und nach ersetzten. Die Bedrohung durch Hollywood ließ nach, und Studios wie Sony, Disney und Fox kamen zu dem Schluss, dass das Potential des indischen Marktes nur anzuzapfen sei, indem man lokal Filme produzierte.

Während die kommerzielle Filmindustrie ein neues Selbstbewusstsein erlangte, sorgte ein wachsendes akademisches Interesse an Populärkultur dafür, dass Bollywood plötzlich in Kreisen thematisiert wurde, die seine Produktionen zuvor belächelt hatten. Der Boom der Massenmedien führte zu grundlegenden Veränderungen in der Kulturdebatte, was den Vereinigten Staaten als dem Ursprungsland der Popkultur zu größerem Ansehen und Respekt verhalf. Darüber wuchs auch das kulturelle Selbstvertrauen wohlhabender Inder. Bis Anfang der 1990er Jahre war in Nachtclubs nur ausländischer Sound zu hören; indische Musik war definitiv out. Das hat sich komplett geändert. Heute spielen die Clubs hauptsächlich bhangra und Hindifilmsongs, so dass Freunde von Rock, Techno und Hip-Hop es schwer haben, Orte zu finden, die ihren Musikgeschmack bedienen.

Als letztes Beispiel für die Aufwertung und Bevorzugung indischer Produkte im Zeitalter der Globalisierung möchte ich kurz auf die Erfahrung multinationaler Lebensmittel- und Getränkehersteller zu sprechen kommen. Die meisten hatten Schwierigkeiten, auf dem indischen Markt Fuß zu fassen. Kellogg’s ist es nicht gelungen, Einheimische süchtig nach Cornflakes zu machen, und Coca Cola und Pepsi müssen trotz anhaltender Werbekampagnen erst noch Gewinne einfahren. McDonald’s und Pizza Hut war von Anfang an klar, dass eine vernünftige Geschäftsstrategie eine Anpassung an indische Gewohnheiten beinhaltet, und so bieten sie Speisen ohne Rind- oder Schweinefleisch an. Ob Sie es glauben oder nicht, in Indien bekommt man bei McDonald’s kein rotes Fleisch. Stattdessen gibt es Menüs wie Paneer Salsa Wrap, Shahi Chicken McCurry Pan und McAloo Tikki.

Was ich hier beschrieben habe, soll nicht heißen, dass indische Satellitensender intelligente Soaps mit innovativen Handlungen bringen oder dass Bollywood vor Kreativität strotzt und ganz versessen darauf ist, dem komplexen Gesellschaftsgefüge der Nation seine Erzählstimme zu leihen, oder gar, dass Zweigstellen von Pizza Hut in Delhi nahrhaftes Essen für anspruchsvolle Gaumen anbieten. Ganz im Gegenteil. Dennoch liefert Indien all jenen, die Wert darauf legen, dass ein Volk sich seine Sitten und Bräuche bewahrt, anstatt sich von fremden Einflüssen überschwemmen zu lassen, den Beweis, dass die viel beschworenen homogenisierenden Auswirkungen der Globalisierung völlig übertrieben sind.

Nichtsdestotrotz glauben viele indische Akademiker und Aktivisten, dass eine solche Homogenisierung stattfindet. Die in Bombay ansässige Künstlerin Sharmila Samant verlieh dieser Ansicht in ihrer Videoarbeit Global Clones sowie einer Installation mit dem Titel Loca Cola Ausdruck. Chintan Upadhyay, ein ebenfalls in Bombay lebender sehr erfolgreicher Künstler, schuf eine Serie von „clone baby“-Gemälden und Skulpturen, welche die Idee propagieren, überall sei nun alles gleich.

Was ich an dieser Perspektive problematisch finde, ist, dass sie keinen Unterschied macht zwischen intra-nationaler/intra-städtischer Vielfalt auf der einen und internationaler/inter-städtischer Vielfalt auf der anderen Seite. Der Zuzug von türkischen Migranten in Kreuzberg hat zur kulturellen Vielfalt Berlins beigetragen, aber die Verschiedenheit von Berlin und Istanbul verringert. Briten haben eine Vorliebe für die indische Küche entwickelt, was aber bedeutet, dass ihnen eine Entdeckung abgeht, wenn sie Indien besuchen. Objektiv ist kaum zu leugnen, dass für die Bewohner großer Städte die Auswahl in Bezug auf Shopping, Freizeitangebote und Beschäftigungsmöglichkeiten im Zeitalter der Globalisierung exponentiell zugenommen hat. Sei es die Eröffnung eines Supermarktes, einer Biennale oder eines Bioladens, mit jedem neuen Angebot erhöht sich vor Ort die Auswahl an Alternativen. Gleichzeitig wird aber auch die Variation zwischen diesem und anderen Orten der Welt immer kleiner, denn die gleiche Art von Kunst, die gleichen Produkte werden auch woanders erhältlich. Im Allgemeinen verhält sich die „Intra“-Vielfalt umgekehrt proportional zur „Inter“-Vielfalt, und beide sind untrennbar miteinander verbunden. Die Apotheose dieser Tendenz zeigt sich in der wichtigsten Erfindung des Globalisierungszeitalters: dem World Wide Web. Das Internet wurde schnell zu einer unabdingbaren Ressource, die alle Arten von Informationen unglaublich leicht zugänglich macht, aber überall auf der Welt gleich ist: Lokale Varianten sind ihm wesensfremd.

Während ich über den wachsenden Einfluss der Vereinigten Staaten und über Faktoren wie Immigration und neue Technologien und deren Auswirkungen auf kulturelle Gewohnheiten spreche, behaupte ich, dass sich der Geschmack der Inder in den letzten zwanzig Jahren nicht großartig verändert hat. Ein Widerspruch? Mag sein. Er kann jedoch aufgelöst werden, wenn wir Kultur als Epiphanie, als Aha-Erlebnis, betrachten und nicht als Verschwörung. Theoretiker, die den USA und der Globalisierung ablehnend gegenüberstehen, beschwören ein Modell, nach dem die USA ein neues Imperium anführen, das von freien Märkten und Präventivkriegen angetrieben wird und in dem der IWF, die Weltbank und die WHO bloße Marionetten sind, die zu allem Ja und Amen sagen. Ausdruck findet diese Auffassung beispielsweise in Shilpa Guptas Kidney Supermarket, einer Installation, die illegalen Organhandel mit Konsumdenken in Verbindung bringt sowie einem globalen System, das darauf ausgerichtet ist, den Reichen zu nützen und die Armen auszubeuten. Logisch ist diese Verbindung nur aufrechtzuerhalten, wenn der Handel mit Nieren in konsumorientierten Nationen wie den USA florieren würde. Die Tatsache, dass dem nicht so ist, legt nahe, dass in Indien illegaler Handel dort stattfinden kann, wo neue Technologien auf traditionelle Hierarchien treffen. Eine der bedauernswerten Konsequenzen des postkolonialen Diskurses, der die akademische Welt Südasiens beherrscht, ist das Verschließen vor der Tatsache, dass die indische Gesellschaft sich seit 3000 Jahren auf die strikteste Hierarchie gründet, die die Menschheit je erdacht hat: das System der Kasten und Unterkasten. Lange vor der Kolonisation und der Globalisierung wusste die indische Bevölkerung schon alles, was es über Ausbeutung zu wissen gibt.

Die selektive Abtreibung weiblicher Föten in Indien liefert eine Parallele zum Nierenhandel, auch hier treffen relativ neue medizinische Verfahren wie die Fruchtwasseruntersuchung auf traditionelle Vorurteile. Die weit verbreitete Tötung weiblicher Föten ist genauso wenig eine neoimperialistische Verschwörung wie der Handel mit Nieren.

Die Betrachtung der aktuellen politischen Situation durch die Verschwörungslinse bringt Theoretiker zu dem Schluss, der Islam sei eine Antwort auf die Globalisierung. Eine Interpretation im Sinne der Epiphanie dagegen bemerkt, dass sich der Panislamismus wie ein roter Faden durch die Geschichte dieser Religion zieht und sieht, dass das Abebben nationalistischer Impulse, welches wir der Globalisierung verdanken, ihn zu neuem Leben erweckt hat. Mit anderen Worten stehen Islamisten der Globalisierung ganz und gar nicht ablehnend gegenüber, sie verdanken ihr vielmehr ihre neue Macht, wozu es sicher nicht gekommen wäre, wenn das Ganze ein von Amerika durchgeführter Plan gewesen wäre.

In der Kunstgeschichte wird die Verbreitung des Akademischen Realismus oft als Verschwörung gewertet. Schließlich wurde der Stil von imperialen Mächten eingeführt, was als Versuch verstanden werden könnte, dem eroberten Land die bevorzugte ästhetische Philosophie aufzuzwingen. Das mag bis zu einem gewissen Grad zutreffen, doch offenbart eine weitere Untersuchung interessante Unterschiede in der Art und Weise, wie die eroberten Länder diesen Stil verinnerlicht haben. Der erste bedeutende Realist des Subkontinents, Raja Ravi Varma, injizierte seiner Ölmalerei die Melodramatik der indischen Tradition. Chinesische Maler nahmen indes etwas von der Harmonielehre ihrer traditionellen Modelle auf und entwickelten einen sehr viel ruhigeren, meditativen Realismus.

Dank der Briten entdeckte Indien Tee und Cricket für sich, doch sind Tee und Cricket in Indien und Großbritannien sehr verschiedene Dinge. Eine Analyse der Variation lässt von beiden etwas Dauerhaftes aufscheinen, von Großbritannien und Indien, im Sinne einer Epiphanie, einer Offenbarung.

Ein Menü bei McDonald’s in Bombay ist vielleicht nicht gerade eine Offenbarung, dafür aber durchaus erhellend.

Bombay 2008