Die Entinstitutionalisierung der Gastfreundschaft – oder: Die Integration von unten

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5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Die Entinstitutionalisierung der Gastfreundschaft – oder: Die Integration von unten

Während Europa seit 1989 seine Bollwerke gegen den Kommunismus abgebaut hat, glaubt es sich jetzt von einem inneren Feind bedroht. 1 Die Gefahr von außen hat sich verändert und heißt nun nicht mehr Kommunismus, sondern Immigration und organisiertes Verbrechen – ein Wandel, der ausnahmslos alle Länder betrifft, mit denen über einen Beitritt in die EU verhandelt wird. Offensichtlich erfordert die Osterweiterung die ideologische Konstruktion eines gemeinsamen Auslands aller Länder des alten Kontinents und die Aneignung der institutionellen Praktiken der europäischen Gastfreundschaft. Um vollwertiges Mitglied der Europäischen Union werden zu können, müssen sich die Beitrittskandidaten verpflichten, eine sichere Grenze im Osten zu schaffen, die somit zur neuen östlichen Außengrenze Europas wird. Die Wanderungsbewegungen der ehemals kommunistischen Länder, die bis dato unerwünscht waren und als außereuropäisch galten, sind aufgrund dieser Zuwanderungspolitik zu innereuropäischen und akzeptablen Wanderungsströmen geworden. Grenzen schaffen, um größere Bewegungsfreiheit zu gewährleisten – eines der größten Paradoxe unserer Zeit.

Auch ist es eine Ironie der Geschichte, dass die Völker, die ein halbes Jahrhundert lang hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrt waren (seit dem Zweiten Weltkrieg und bis 1989 waren innerhalb Mittel- und Osteuropas nicht nur Migrationsbewegungen, sondern jegliche Auslandsreisen stark eingeschränkt) und in ihren Ländern von totalitären Regimes verfolgt wurden (und somit an erster Stelle der Asylberechtigten standen), genau diejenigen sind, die sich heute darauf vorbereiten, an dem Prozess der Koordination und Vereinheitlichung der Zuwanderungspolitik einer „Festung Europa“ teilzunehmen. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks wurden die rechtlichen Maßnahmen gegen die illegale Einwanderung und die „falschen Flüchtlinge“ verschärft. In Bukarest, Sofia oder Warschau spricht man davon, das Verfahren zur Bewilligung von Visa für „die Staaten der Negativliste“ an die vom Schengener Abkommen vorgesehene Regelung anzugleichen. Tatsächlich ziehen die Verhandlungen zur Einführung der Visumspflicht für Ukrainer, Russen und Moldawier eine neue Grenzlinie, einen neuen Eisernen Vorhang: die Grenzlinie der elektronischen Datenverarbeitung. 2

Während sich in Europa hinsichtlich der Migrationsproblematik eine Politik der „Schranken“ im offiziellen Diskurs und in den institutionellen Praktiken durchgesetzt hat, haben sich die Wanderungsbewegungen in Richtung Westen durch die Wiederbelebung einer privaten und anonymen Gastfreundschaft in Wirklichkeit von unten her entwickelt. In der Tat haben verschiedene Arten spontaner und individueller sozialer Integration auf informelle Weise die Maßnahmen der institutionellen Integration ersetzt und somit die - Entinstitutionalisierung der Gastfreundschaft eingeläutet.

Ich möchte anhand von drei Beispiele der Integration von unten, die ich während meiner Forschungen über die rumänischen Wanderungsbewegungen festgehalten habe (von 1989 bis zur Abschaffung der Visumspflicht im Januar 2002 in Deutschland, Frankreich und Italien) 3 , diese neuen Formen der Soziabilität zwischen Migranten und Einheimischen aufzeigen. Ihre Besonderheit lässt sich im Wesentlichen auf eine unreglementierte Verknüpfung von Mobilität, sozialer Integration, Arbeit und Übersiedlung zurückführen, also von Hospitalität (Besuchsrecht) und Gastrecht (Aufenthalts-recht).

Verbindungen zwischen Rumänien und Europa

Die rumänischen Wanderungsbewegungen, die in den neunziger Jahren im deutschen Einzugsgebiet, aber auch im gesamten europäischen Raum beobachtet werden konnten, sind nur auf dem geschichtlichen Hintergrund der Migration der Aussiedler aus Transsylvanien und des Banat, zwei rumänischen Regionen, in denen der Bevölkerungsanteil der deutschstämmigen Rumänen sehr hoch ist, zu verstehen. 4 Zu der Zeit, als alle rumänischen Bürger im kommunistischen Block eingeschlossen waren, stellte das Weggehen der Rumänendeutschen nahezu die einzig legale Ausreisemöglichkeit dar und avancierte somit für einen Großteil der Bevölkerung zu dem Idealmodell der Abwanderung ins Ausland. Die gelegentlichen Urlaubsaufenthalte und Familienbesuche deutschstämmiger Rumänen in der alten Heimat – ein hoch geschätztes und sehr begehrtes Recht, das einem erlaubt, uneingeschränkt zu kommen und zu gehen – haben lange die Auswanderungsfantasien der rumänischen Gesellschaft genährt. Daher ist es kein Zufall, dass Deutschland in den ersten Jahren nach dem Dezember von 1989 sowohl für die rumänischen „Aussiedler“ als auch für nichtdeutschstämmige Rumänen zum beliebtesten Einreiseland wurde. Die Deutschen aus Transsylvanien und dem Banat haben an ihre Mitbürger eine ganze Ideologie des „Wie und Wohin“ des Abwanderns weitergegeben. Ihr Wanderungsverhalten, ihre Verbindungen, ihre persönlichen Erfahrungen (beispielsweise hinsichtlich ihrer Ausgrenzung innerhalb der deutschen Gesellschaft), ihr Erfolg (besonders materieller Art), ihre Zielorte in Deutschland, ihre Vorstellungen über Europa usw. – dieser gesamte anthropologische Komplex der Migration der „Aussiedler“ prägt die Abwanderungsabsichten hunderttausender Rumänen, die Anfang der neunziger Jahre durch Europa ziehen.

Die Vorzüge, zwei Ländern gleichzeitig anzugehören, kommen erst nach dem Fall des kommunistischen Regimes zum Tragen. Infolge des Machtwechsels in Bukarest und der veränderten Politik gegenüber den „Aussiedlern“ in Berlin dürfen die Deutschen, die auf rumänischen Boden geboren sind, beide Staatsangehörigkeiten behalten. Somit verlieren sie ihren Besitz in Rumänien nicht und können in Deutschland ihre Rechte (soziale Rechte und Arbeitserlaubnis) in Anspruch nehmen. Die Tatsache, dass sie im Schengen-Raum als Deutsche und in ihrem Geburtsland als Rumänen gelten, verändert maßgeblich die Wanderungsbewegung der Rumänendeutschen.

Ihr Kommen und Gehen zwischen Rumänien und Deutschland verbindet Urlaub mit kleineren Geschäften, Hilfsaktionen und Ruhestand und nimmt manchmal die Gestalt einer definitiven Rückkehr an. Sie gehen immer an ihre Herkunftsorte zurück, selbst wenn es sich dabei nicht um historisch sächsische Regionen handelt, was für Städte und Dörfer gleichermaßen gilt. Ab 1989 werden aus den Ferienaufenthalten alternative Migrationen. Diese Art der Wanderungsbewegung betrifft vor allem Menschen im Rentenalter. Den Winter verbringen sie in Deutschland, den Sommer in Rumänien; der Bus ist hierbei das beliebteste Reisemittel.

Diese Bevölkerungsgruppe, die unter verschiedenen Bedingungen zwischen Rumänien und Deutschland hin- und herpendelt und die sowohl Rumänien als auch Deutschland ihre Heimat nennt, stellt das beste soziale Mobilitätskapital der Rumänen dar. Die deutschen Konsulate in Rumänien haben jedes Jahr etwa 180.000 Visa für rumänische Bürger ausgestellt, d. h. dreimal so viele wie die Konsulate der anderen EU-Mitgliedsstaaten. So liegt zum Beispiel Frankreich mit 50.000 bis 60.000 ausgestellten Visa an zweiter Stelle. Laut Angaben des deutschen Konsulats in Timisoara sind zwei Drittel der ausgestellten Einreisegenehmigungen Besuchsvisa (für kurze Besuchsaufenthalte), die man aufgrund einer Einladung eines deutschen Bürgers erhält. Diese Einladungen kommen zum größten Teil von Mitgliedern der „Aussiedler“ – Gemeinde. Jede Reise der deutschen Migranten nach Rumänien führt bei ihrer Rückkehr unweigerlich zu einer ganzen Reihe von Einladungen an ihre rumänischen Freunde, ihre Nachbarn und andere ihnen „Verpflichtete“ usw. Natürlich finden in dem strikten Rahmen eines „Besuchsrechts“ freundschaftliche Zusammenkünfte statt, aber der überwiegende Teil dieser Einladungen dient der Mobilisierung zehntausender Menschen, die keine andere Möglichkeit haben, sich im Schengen-Raum zu bewegen. Wurden Anfang der neunziger Jahre die „Besucher“ nach ihrer Einreise nach Deutschland zu politischen Flüchtlingen, stellt sich die Situation heute ganz anders dar. Tatsächlich sind einige der rumänischen Migranten, die sich in Italien, Spanien und Frankreich aufhalten und dort einer mehr oder weniger zeitlich befristeten Arbeit nachgehen, mit einem deutschen Visum aus Rumänien eingereist. In diesen Netzwerken gibt es die stillschweigende Übereinkunft, den deutschen Freunden, die die Ausstellung eines Visums ermöglicht haben, keine Unannehmlichkeiten zu bereiten. Ein Einvernehmen, das darauf abzielt, „im Computer sauber zu bleiben“ (in Bezug auf das Computersystem der Schengen-Länder) 5 . Diese Einreisestrategie findet sich in jedem untersuchten Beispiel wieder, wobei sie im deutschen Fall ein Ausmaß erreicht hat, das von keinem anderen Land übertroffen wird.

Unter den Bedingungen einer europäischen Politik, welche die Immigration auf Null bringen will, und der unüberwindbaren Kluft zwischen dem ehemaligen Exil und den wandernden Rumänen nach 1989 haben die Deutschen rumänischer Herkunft eine bedeutende Rolle für die rumänischen Wanderbewegungen gespielt: nämlich die einer nicht vorhandenen Diaspora. Durch ihre Bereitschaft, andere an ihren institutionellen Vorteilen teilhaben zu lassen und ihnen Zuwanderungsmöglichkeiten zu eröffnen, haben sie eine erste Verbindung zwischen Rumänien und Europa hergestellt.

Geschäftsstrategien

Auch wenn die „klassischen“ Repräsentanten des wandernden Migranten – der Unternehmer, der Student, der Praktikant und der Rentner – auf den Verkehrswegen zwischen Frankreich und Rumänien durchaus anzutreffen sind, bestechen sie durch große Diskretion. Im französischen Fall ist jedoch ein ganz besonderer Typ des wandernden Migranten zentral, der Außenseitertum, Mobilität und ein sehr aktives Hin und Her zwischen beiden Ländern miteinander verbindet. Die Verknüpfung dieser drei Faktoren hat entgegen der herkömmlichen Meinung eine noch nie dagewesene soziale Integration zur Folge und zwar dort, wo man es nicht erwartet: auf der Straße, und dort scheint der Ursprung des größten wirtschaftlichen Erfolgs der Wanderungsbewegung zu liegen.

Manche Migranten, die sich als Außenseiter schnellstmöglichst Einkünfte sichern mussten, haben sich in Frankreich mithilfe verschiedener Sammel-Aktionen über Wasser gehalten und haben es dabei sogar zu einigem Reichtum gebracht. Es handelt sich hierbei zum einen um den Handel mit alten Kleidern, gebrauchten Autoreifen, diversen Küchengeräten vom Sperrmüll und anderen Waren und zum anderen um direkte Geldeinnahmen durch Betteln, das Reinigen von Windschutzscheiben, den Verkauf von Straßenzeitungen, den Wiederverkauf von U-Bahn-Tickets, Straßenmusik sowie neuerdings das Knacken von Parkscheinautomaten und andere mehr oder weniger legale Aktivitäten. Die Roma sind wahrscheinlich mit mehr oder minder großem Erfolg die ersten rumänischen Bürger, deren Wanderbewegung zwischen Frankreich und Rumänien wirtschaftlich auf dem Sammeln diverser Waren beruht.

Aber das kommerzielle Sammeln ist nicht nur den wandernden Roma vorbehalten. Von 1993 bis 1995 bekamen die Roma auf diesen Parallelmärkten Konkurrenz von den wandernden Nicht-Roma, die mangels anderweitiger Einkünfte ebenfalls in diese vorstießen. Sowohl die Roma von Cluj als auch die Saisonarbeiter von Oas (einer Region im Norden Rumäniens) steigen, jeder mit seiner eigenen Strategie, in eines der lohnenswertesten und beständigsten Geldsammelgeschäfte ein, die man bis 1993 je in Frankreich gesehen hat: den Verkauf von Straßenzeitungen. 6 Die Besonderheit dieser „Prekaritätspresse“ (presse de la précarité) liegt nicht in der Qualität der Zeitung, sondern im Status des Verkäufers. Das ausgegebene Geld ist also eher als Spende denn als Kaufpreis zu verstehen; dies wird weiter durch die Tatsache untermauert, dass der Verkäufer die Zeitung in vielen Fällen behalten darf.

Während die Roma diesen Sektor aufgegeben haben, um sich in Frankreich oder einem anderen Land ganz aufs reine Betteln zu verlegen oder schlicht um nach Rumänien zurückzukehren, ist dieser Markt für die Bauern aus Oas zum Kerngeschäft geworden. Vor den Eingängen von Geschäften, Postämtern, Supermärkten sind die Rumänen pünktlich und jederzeit zur Stelle und haben es geschafft, ein sehr effizientes Verteilernetz aufzubauen und in der französischen Gesellschaft Fuß zu fassen. Nach sieben Jahren hat jeder Verkäufer „seine Stütze“ in Gestalt „seines Franzosen“ gefunden, einer Bezugsperson, die ermutigt und beschützt, die die Mobilität des Migranten sichert, die ihm eigenes Netzwerk zur Verfügung stellt und auf diesem Weg den Arbeitsmarkt für den Migranten öffnet. Auch wenn diese Prekaritätspresse zunächst einmal durch die „wirtschaftliche Nutzung eines sozialen Handicaps“ für Aufsehen gesorgt hat, hat sie dennoch eine wichtige Funktion bei der Integration dieser Migranten in die französische Gesellschaft – wenn auch nur am Rande – erfüllt. Verkäufer und Käufer bilden ganz offensichtlich ein Gespann, das zur Entwicklung einer neuen Soziabilität und individueller Solidarität außerhalb jeglicher institutioneller Strukturen der Gastfreundschaft beiträgt.

Familienanschluss

Kein anderes westliches Land hat so viele rumänische Migranten angezogen wie Italien. 7 Die tolerante Haltung gegenüber Migranten – legalen oder illegalen – und das verbreitete Gerücht, „Italien stelle Papiere aus“, haben große Einwanderungsströme in Richtung Italien geleitet. Um „diese Papiere“ zu erhalten, wenden sich die Einwanderungskandidaten nur selten direkt an die italienische Botschaft in Bukarest. Die gängige Strategie besteht darin, nach Italien einzureisen, sich vor Ort mit einer Arbeit durchzuschlagen, ohne vorher die nötigen Formalitäten zu erledigen, und sich dann im Nachhinein um eine „Regularisierung“ durch die Behörden zu bemühen. So gibt es immer eine Gruppe von illegalen Migranten, die auf Arbeitssuche ist, und eine weitere Gruppe, die schon Arbeit hat und versucht, ihre Papiere in Ordnung zu bringen. Sobald die Eingliederung in den Arbeitsmarkt gelungen ist, verringert sich die Migrationsbereitschaft und konzentriert sich auf die Ferienzeit. Auf den ersten Blick gewinnt man den Eindruck, „die gesamte Arbeiterklasse“ Rumäniens wurde nach Italien verschifft.

Dieser Eindruck verstärkt sich umso mehr, als es spezifisch rumänische Zuwanderungs- und Ballungsgebiete in den italienischen Städten gibt wie vor 1989 vor den großen Industriekomplexen in Rumänien. Vor den Bahnhöfen, den rumänischen Kirchen, den Suppenküchen der Caritas und auf den verschiedenen Märkten trifft man auf die Migranten (manchmal abends, aber vor allem samstags und sonntags), die sich innerhalb der Gemeinde ein Stelldichein geben. Die Mehrheit der Zuwanderer stammt aus ländlichen Gegenden und kennt das Migrantenleben schon von früheren Erfahrungen. Denn bevor sie sich im Ausland auf den Arbeitsmarkt gewagt haben, sind diese Migranten oder ihre Eltern verschiedenen Wanderungsbewegungen innerhalb Rumäniens gefolgt. Da sie schon vor dem Fall des kommunistischen Regimes saisonalen Arbeiten nachgingen und daher umherziehen mussten, spielt diese familiäre und gemeinschaftliche Angewohnheit bei der Arbeitssuche eine Rolle und wird als unmittelbare Erfahrung schließlich in der Ferne angewandt.

Im Rahmen dieser Arbeitswanderung fällt besonders die große Zahl an Frauen und Ehepaaren unter den Migranten auf. Die Statistiken bestätigen diesen Eindruck: Fast die Hälfte der rumänischen Arbeiter in Italien sind Frauen. Auch wenn der Familiennachzug als ein Grund für ihre große Zahl genannt werden kann, scheint doch der inoffizielle Arbeitsmarkt für Haushaltshilfen wesentlich zur Ankunft von Migranten in Italien beizutragen. Darüber hinaus sind auch unter den illegal eingereisten Migranten Frauen anzutreffen. Im Hauswirtschaftssektor werden offiziell fast 30.000 Stellen von Rumänen besetzt. Eine ausreichend hohe Zahl, um die Bedeutung der illegalen Migration zu veranschaulichen.

Diese Art der Beschäftigung innerhalb der italienischen Familie, die sich im Allgemeinen auf private Kontakte und ein Vertrauensverhältnis stützt, hat den raschen Erwerb eines sozialen Kapitals begünstigt, der für die Entwicklung einer Wanderbewegung unumgänglich ist. Diese Haushaltsnetzwerke haben sich als sehr effizientes Mittel sozialer, aber auch institutioneller Integration erwiesen. Es ist kein Zufall, dass das erste Verfahren zur Legalisierung der ausländischen Schwarzarbeiter in Italien mit dem Gesetz Nr. 943 vom 30. Dezember 1986 zusammenhängt, das hauptsächlich mit dem Ziel verabschiedet wurde, den zahlreichen Haushaltshilfen, die sich schon auf italienischem Boden befanden, die Möglichkeit zu geben, eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Erklärungen hierfür liegen sowohl in den Strukturen innerhalb der italienischen Familie als auch im System der Altersvorsorge. Diese italienische Besonderheit stellt wohl die soziale Grundlage der rumänischen Wanderungsbewegungen in Italien dar.

Integration von unten

Trotz der europäischen „Anti-Einwanderungspolitik“ ist es diesen rumänischen Migranten ohne Papiere, aber mit Freunden in einem Zeitraum von zehn Jahren gelungen, sich in den internationalen Arbeitsmarkt einzugliedern. Auch wenn sich die Behörden offensichtlich mit dem provisorischen und nicht-institutionellen Charakter ihrer Migration abfinden 8 , entspricht es dennoch den Tatsachen, dass nicht die staatlichen Institutionen, sondern die Zivilgesellschaften der Aufnahmeländer sowie Einzelpersonen zu dieser inoffiziellen Waffenruhe beigetragen haben. Jeder Migrant hat „seinen Arbeitgeber“, „seinen Franzosen“, „seinen Italiener“, „seinen deutschen Freund“, der ihn beschützt, in den Arbeitsmarkt eingeführt, ihm die Sprache seines Landes beigebracht und ihn vielleicht in seinem Heimatland besucht hat. Ob es sich dabei nun um eine spontane Solidarität oder einen wohlkalkulierten Nutzen handelt – Migranten und Einheimische haben damit begonnen, ein freundschaftliches Verhältnis zueinander aufzubauen, das die neuen Regelungen des Schengen-Raums zur Entmutigung von Einwanderung aufgefangen hat. Diese Art der sozialen Integration von unten, welche die Wanderungsbewegung tausender Migranten ohne finanzielles oder institutionelles Kapital in Gang gesetzt hat, stellt nicht nur jegliche Einwanderungspolitik, sondern vor allem ihr Fehlen infrage. Geben nicht vielmehr die Gewährung von Gastfreundschaft auf privater Ebene zwischen Bürgern und Migranten und die Entstaatlichung des „hospitium publicum“ entscheidend die Richtung für eine wahre europäische Zuwanderungspolitik vor?

Fussnoten

Dana Diminescu ist Forscherin am Maison des Sciences de l`Homme, Paris

1 Diese Tendenz lässt sich schon seit viel längerer Zeit beobachten, „sie begleitet ausgehend von dem politischen Prinzip der Transparenz jeglichen Versuch der Rationalisierung der Gesellschaft und hält mithilfe dieses Prinzips an der utopischen Zwangsvorstellung fest, jegliche Verhaltensweisen unter Kontrolle halten zu können“. René Schérer, Zeus hospitalier, 1993, ed. Armand Colin, Paris, S. 17.

2 „Nachdem Grenzlinien lange Zeit Teil von Landschaftsbildern waren, verlassen sie heute die geografischen Karten. Allgegenwärtig und in Dateiform treten sie nun plötzlich in den Konsulaten, den Bezirksregierungen und den Laptops von Polizeibeamten an einer gewöhnlichen Autobahnmautstelle in Erscheinung. Dies gilt ebenso für Visumsbewilligungen …“ Dana Diminescu, „Le système D contre les frontières informatiques“, in: Hommes et Migrations, n°1230, März/ April 2001, S. 28-33.

3 Auch wenn Rumänien jetzt zu den Nutznießern einer Regelung zählt, die den freien Verkehr im Schengen-Raum ermöglicht, und die Mobilität der Rumänen, auf die ich mich in diesem Artikel beziehe, mittlerweile nicht mehr so augenfällig ist, habe ich mich dennoch entschieden, diese drei Fälle (Deutschland, Frankreich, Italien) der rumänischen Wanderungsbewegungen zwischen 1989 und Januar 2002 (Zeitpunkt der Abschaffung der Visumspflicht) darzulegen. Sie sollen als Musterbeispiele für die Migration jeglicher illegaler Zuwanderungsgruppen dienen, denen keine legalen Zuwanderungsmöglichkeiten offen stehen und mit denen Rumänien noch bis vor kurzem auf der „schwarzen Liste“ der Drittstaaten stand, denen der freie Verkehr untersagt ist.

4 Die ersten Deutschen siedelten sich im 12. Jahrhundert in Transsylvanien an und stammten mehrheitlich aus Sachsen. In den sechziger Jahren wird ihr Wunsch, Rumänien zu verlassen und nach Deutschland zu emigrieren, deutlich spürbar. Zu dieser Zeit schränkt das sozialistische Rumänien die Bewegungsfreiheit seiner BürgerInnen aller Bevölkerungsgruppen ein. So gelingt es in den fünfziger und sechziger Jahren nur wenigen tausend Rumänendeutschen das Land mit Hilfe des Roten Kreuzes und im Rahmen der Familienzusammenführung zwischen Ost und West endgültig zu verlassen. Erst Ende der sechziger Jahre, als in Rumänien eine Zeit des politischen Tauwetters beginnt und 1966 die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Rumänien wieder aufgenommen werden (man denke an die Kontroverse über das 1978 von Schmidt und Ceausescu unterzeichnete Abkommen, das die Ausreise von 12.000 Deutschstämmigen pro Jahr gegen die Auslösesumme von 10.000 DM pro Person vorsah), lockern sich die Beschränkungen, was die Auswanderung der deutschen Minderheiten in stärkerem Maße ermöglicht. Heute umfasst die noch in Rumänien lebende deutsche Gemeinde schätzungsweise 200.000 Mitglieder.

5 Vgl. Dana Diminescu, „Le système D contre les frontières informatiques“, in: Hommes et Migrations, n°1230, März/April 2001, S. 28-33.

6 An dieser Stelle ist es sinnvoll, kurz auf diesen journalistischen Bereich neuer Prägung einzugehen, um die Gründe und die Auswirkungen der „Unterwanderung“ dieser so genannten „Wiedereingliederungszeitungen“ durch die Migranten aus Oas besser verstehen zu können. Diese besondere Presse wurde durch die sich verschärfende Wirtschaftskrise ins Leben gerufen und brachte in Frankreich seit 1993 eine ganze Reihe von Zeitungen hervor. Die Zeitung Le Macadam, die von so genannten „SDF“ (Menschen ohne festen Wohnsitz) auf der Straße verkauft wird, tritt in Paris zum ersten Mal am 11. Mai 1993 in Erscheinung und erobert schon am nächsten Tag die Straßen von Brüssel. Sie gehört zu einer großen Auswahl von Straßenzeitungen mit bezeichnenden Titeln, die Frankreich zwischen 1993 und 1998 überschwemmen: Faim de Siècle, Génération Sida, Spectacle d ́Ile de France, Sans-Abri, Le Galérien, 10 Balles, Euro Pass, Le Belvédère. Im Vergleich mit ähnlichen Zeitungen im Ausland zeichnet sich das französische Modell durch die Vielzahl an Titeln auf nationaler, aber auch lokaler Ebene aus. Alle diese Zeitungen verstehen sich als eine Antwort auf das Phänomen der Ausgrenzung und verfolgen das Ziel, den Obdachlosen durch den direkten Straßenverkauf eine Art Einkommen zu sichern. Laut einer Schätzung des Büros für Information und wirtschaftliche Voraussagen (BIPE) lebten im Dezember 1998 98.000 Menschen auf der Straße. Abbé Pierre erklärte hingegen 1993 in der ersten Ausgabe der Zeitung La Rue, in Frankreich seien 400.000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Der gemeinsame Nenner dieser Presse ist die Art und Weise, wie der gesamte Kreislauf vom Hersteller zum Konsumenten organisiert ist. Dabei müssen folgende Dinge beachtet werden: die Eingrenzung und Feststellung der Identität der Verkäufer (Personalausweis, Verkäufer-Hausierer-Verträge, Erkennungszeichen der Zeitungen), die Organisation des Vertriebs der Zeitungen (Großvertrieb oder durch Einzelpersonen), der Verkauf an öffentlichen Plätzen mit Ausnahme der Bahnhöfe und des U-Bahn-Netzes, die vom Verkäufer festgelegten Arbeitszeiten, der soziale Status der Verkäufer (Menschen in Not, Obdachlose, Migranten). Diese Tätigkeit knüpft zum Teil an die Tradition des Hausierhandels mit Zeitungen an, der Historikern wohl bekannt ist.

7 Am 1. Januar 2001 befanden sich 68.000 legal eingewanderte Rumänen in Italien (Quelle: Italienisches Innenministerium) und am 1. Januar 2002 um die 90.000 (Quelle: Italienisches Konsulat Bukarest).

8 Vgl. die ausgezeichnete Studie des Soziologen Andrea Rea: “Le travail des sans-papiers dans l’Europe panopticon”, in: Actes du Colloques Èconomie du bazar dans les métropoles euroméditerranéennes‘, Lames, MMSH, Aix en Provence, 29.-31. Mai 2002.