Zaun schärfen

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Filmprogramm Streetism!
Zaun schärfen
1. 9. bis 17. 10. 2010
Zaun schärfen, 2010, © Leopold Kessler
Zaun schärfen, 2010, © Leopold Kessler

Streetism! (2013):

Eine weitgehend unbekannte Nische des auf Sicherheit spezialisierten Dienstleistungssektors ist das Zaun-Schärfen. Vor allem Gründerzeitvillen sind oft von sogenannten Lanzenzäunen umgeben, die symbolische Lanzenform wird durch Schleifen zu einer tatsächlichen Abschreckung. Das Video begleitet zwei Handwerker in Halle bei ihrer Arbeit.

 

Angst in Form (2010):

Ein Gartenzaun wird in Vorbereitung auf bevorstehende Konflikte angespitzt. Der Himmel über der Stadt Halle wird von den geschärften Spitzen eiserner Gartenzäune durchbohrt. Sie reflektieren die Sommersonne wie glänzende, aber gefährliche Schätze. Unschuldigen Passanten gefriert bei dem Gedanken, wie diese passiven Waffen den menschlichen Körper verletzen könnten, das Herz, und fiktive Eindringlinge erblassen vor Angst.

Leopold Kesslers neue Intervention nimmt ein rätselhaftes Objekt zum Ausgangspunkt, das an der Grenze von öffentlichem und privatem Raum verortet ist und diese Unterscheidung praktisch erst erschafft – den Zaun. Er macht dieses Objekt nicht nur zum Protagonisten seiner neuen Arbeit, sondern regt die hier ansässigen Hausbesitzer gleichzeitig zu einer scheinbar normalen, aber völlig neuen Aktivität an – dem Schärfen ihrer Zaunspitzen.

Der Künstler konnte verschiedene Einwohner von Halle überreden, an seinem Projekt teilzunehmen und diese Aktivität gleich einer einfachen und harmlosen Hausarbeit in ihren Alltag zu integrieren, so dass die Illusion entstand, dies sei nur eine weitere von Millionen kleiner täglicher Pflichten, die neben dem Gießen, dem Rasenmähen oder dem Rosenschneiden nun ebenfalls einfach zu erledigen ist. Kessler hat die absurde Aktivität des Zaunspitzenschärfens inszeniert und dann dokumentiert, um ein eindrucksvolles Bild zu schaffen, anhand dessen wir der gegenwärtigen Beschaffenheit des Verhältnisses zwischen öffentlichem und privatem Raum und den mit dieser Frage verbundenen gesellschaftlichen Ängsten nachgehen können.

Die meisten von Kesslers Arbeiten beschäftigen sich mit komplexen und vielschichtigen Fragen zum Thema des öffentlichen Raums; mit den Codes, den Trennlinien, den Normen und den unsichtbaren, aber mächtigen sozialen Regeln, die unser Verhalten bestimmen, wenn wir uns in ihm bewegen oder in ihm handeln. Kesslers Figur des bodenständigen Ingenieurs in der typischen blauen Uniform, der manchmal einen Werkzeugkoffer dabei hat, glaubt an die bürgerlichen Pflichten und kümmert sich um Dinge im öffentlichen Raum, die repariert oder im Sinne dessen, was Kessler als ihren eigentlichen Zweck ansieht, modifiziert werden müssen. All diese scheinbar so unbedeutenden Interventionen markieren einen sensiblen Bereich, an dem eine soziale und politische Kritik ansetzen sollte. Kessler interessiert besonders die Frage, wie soziale Beziehungen und Rollen in den öffentlichen Raum eingeschrieben werden, und sucht nach Rissen oder nach Gesten, mittels derer er ihre grausamen Automatismen offenbaren kann.

Eine Kritikerin hat in Bezug auf Kesslers Arbeiten die Vermutung aufgestellt, dass die Erschaffung dieser unbeirrbaren Figur dem Künstler helfe, selbst dann ruhig und präzise zu handeln, wenn seine Interventionen extrem subversiver oder gar absurder Natur sind. „Seine Überzeugung von der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Aufgabe scheint unerschütterlich.“1Und einer solchen Überzeugung bedarf es wohl auch, wenn er z. B. beschließt, das Wasser eines privaten Hotelpools in Form eines provisorischen Springbrunnens auf dem Bürgersteig in den öffentlichen Raum umzuleiten (Rotana Fountain, 2007) oder den Strom einer öffentlichen Straßenlaterne durch das Anbringen eines Steckers zu privatisieren.

Die Interventionen folgen einer bestimmten inneren Logik und Notwendigkeit, obwohl seine guerillahaften Aktionen weit außerhalb der Grenzen des öffentlich akzeptierten Verhaltens liegen. Kesslers spontane Auftritte finden immer unerwartet und ohne vorherige Genehmigung in unterschiedlichen urbanen Settings statt. In manchen Fällen „missbraucht“ er die Stadt und ihre öffentlichen Transportmittel auch, um die verschwendeten kreativen und innovativen Nutzungsformen aufzuzeigen, die den Bewohnern eigentlich offen stehen.

Wie Kessler selbst sagt, sind Humor und Ironie essentielle Bestandteile seiner Strategie: „Ich finde Risse in der allgemeingültigen Logik, indem ich dieser Logik bis zu einem bestimmten Punkt folge. Das ist wahrscheinlich so ähnlich, wie auch Slapstick funktioniert.“2Zäune zu errichten ist normal und gesellschaftlich akzeptiert, aber sich dafür einzusetzen, die Zaunspitzen zu schärfen und dann auch noch eine solche Anspitzaktion zu organisieren, zieht das Ganze unabdinglich in die Welt des Slapstick, wobei sich die Komik aus der Interaktion zwischen den Beobachtern und dem Schatten des Absurden entwickelt und gleichzeitig auf unterschwellige sozio-politische Muster und Brüche verweist. Es ist in Kesslers Œuvre nicht ungewöhnlich, dass eine Arbeit um einen symbolischen Akt herum entsteht, der eine gewisse dunkle Angst sichtbar macht, die für andere leicht als gemeinsame Erfahrung zu erkennen ist. In Depot (2006), einer weiteren absurd komischen und ironischen Arbeit, benutzt er das Leuchtschild einer Polizeiwache – um genau zu sein, den Platz hinter dem „o“ auf dem Schild – als persönliches „Schließfach“, in dem er sein Geld versteckt. Im Fall einer früheren Intervention, bei der sein Interesse den Mechanismen der kollektiven und künstlich produzierten Paranoia galt, versah er Straßenschilder entlang der Straßen Wiens systematisch mittels einer selbstgebauten Zange mit vermeintlichen Schusslöchern (Perforation cal. 10 mm, 2007).

In einer Hinsicht unterscheidet sich Defensive Measure allerdings grundlegend von seinen früheren Arbeiten. Kessler lädt hier erstmals andere ein, an der Erschaffung seiner verstörenden Bilder im öffentlichen Raum teilzunehmen – die Besitzer der Häuser und Gärten, die von diesen Zäunen umschlossen werden. Indem er die Rolle des Installateurs ablegt, tritt er in den Hintergrund und wird zur unsichtbaren Figur des Trainers, der die Hausbesitzer in ihre Tätigkeit einweist. Die Absurdität, die dem Akt des Erschaffens dieser passiven und aggressiven Waffen innewohnt, hat etwas beängstigend Pathologisches.

Trotz seiner präzisen politischen und sozialen Analysen bleibt Kesslers Sprache stets im Bereich des Poetischen, einer Poesie des Banalen, die den Blick schärft und uns verstehen hilft, wie mikroskopische Interventionen die sonst oft verborgenen Makrodynamiken sichtbar machen können.

(Text: Edit Molnár)

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1 Maria Anna Potocka, Artistic Repairs to the Public Space. In: Leopold Kessler. Ausstellungskatalog. Bunkier Sztuki/Malmö Konsthall, 2009
2 Gespräch zwischen Leopold Kessler und Jacob Fabricious. In: Leopold Kessler. Ausstellungskatalog. Bunkier Sztuki/Malmö Konsthall, 2009

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