Yemmels

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction
Yemmels

Der Bahnhof ist zwar noch in Betrieb, das Gebäude aber ist seit Jahren stillgelegt, ausgeräumt und die meisten Fenster sind vernagelt, es steht zum Verkauf an Investoren. Im verstaubten, pastellfarbenen Foyer, wo früher Fahrscheine verkauft wurden, sieht man an den Wänden die ungelenken, flüchtigen Spuren des Zeitvertreibs und der „Zwischennutzung“ seit der Stillegung: Kritzeleien, Zeichnungen, Sprüche, Mini-Graffitis, Botschaften usw. von Jugendlichen, die ihren Edding-Stift allzeit bereit in der Tasche tragen. Über diese Spuren hat Adib Fricke seinen Biennale Beitrag in Form einer sechs Meter breiten Wandmalerei angebracht: „YEMMELS“ prangt es in großen, gelb-orangenen Lettern mit blau unterlegtem Schatten von der Wand in den Raum, der dadurch zum benannten Gegenstand wird. Dieses Wort ist aber eines von Frickes Protonymen, die keine Bedeutung haben und als Produkt seiner „The Word Company“ (seit 1994) zum Kauf angeboten werden, wobei mögliche Nutzerrechte von TWC genau geregelt werden. Malerisch absolut präzise ausgearbeitet steht „YEMMELS“ nicht nur formal in eiskaltem Kontrast zu dem verlassenen Ambiente des Bahnhofs: Als lautstark schweigende, anonyme Proklamation zwischen Product Placement und Parole konterkariert es die narrativen persönlichen Graffitis und bringt den Raum als Überschrift oder Bezeichnung von innen her aus dem Gleichgewicht. Man könnte „YEMMELS“ auch als hohles Versprechen, als marktwirtschaftlichen Einbruch in eine Ruine des Abbau Ost lesen: Brandneu und funktionslos reduziert dieser Fremdkörper die Botschaften und Spuren früherer Nutzung auf einen bloßen Hintergrund oder sogar Spielplatz, auf dem er sich ausbreitet. „Vielleicht ist es so, daß es ein Geben nie ohne ein Nehmen geben kann“ lautet einer der auf die Wand gekritzelten Sprüche, für die sich Adib Fricke bei seinem ersten Besuch besonders interessiert hatte.

Adib Fricke (D), Wandmalerei zur Biennale, Acrylfarbe auf Wandputz, 85 x 600 cm

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