XXL: Wenn Mode Grenzen überschreitet

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XXL: Wenn Mode Grenzen überschreitet
17. 8. bis 21. 8. 2008

„Mode 2.0 – Online ist alles erlaubt: baue Dir Deinen Avatar, kleide SIE und IHN so wie Du willst. Geschlechterrollen brechen hier auf, verschwimmen, verschwinden. Schlüpfe in einen neuen Körper und forme Dich, wie Du willst: der Bildschirm als Spiegel Deiner imaginären Identität.“

Die schöne neue Modewelt im Web 2.0, auf die Hörfunkreferentin und Autorin Tina Täsch anspielt, scheint keine Grenzen zu kennen. Hier wird der User zum Chirurgen: per Mausklick versteht sich. Je nach Gusto kann der eigene Avatar mit wenigen Tastenkombinationen auffrisiert, modelliert und eingekleidet werden.

Während Tina Täsch die schier grenzenlosen Möglichkeiten der schönen neuen Modewelt im virtuellen Raum ansiedelt, macht die Britin Jenny Tillotson, Pionierin auf dem Gebiet medizinischer Textilien, diese längst für die reale Lebenswelt nutzbar. So entwickelte sie 2003 in Anlehnung an Aldous Huxleys Scent Organ ihr Smart Second Skin Dress, ein Kleid mit eingewebten, hauchdünnen Schläuchen, durch die verschiedene Aromastoffe zirkulieren. Über kleine Klammern an den Ärmeln und am Saum des Kleides kann der Träger Duftstoffe absondern und damit manipulativ auf das Wohlbefinden seiner unmittelbaren Umgebung einwirken.

Hier, im Bereich intelligenter Textilien und experimenteller Mode, an der Schnittstelle zwischen Industriedesign, Informatik, Physik, Medizin und alltagstauglicher Casual Wear, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Wie sieht sie aus, die Mode der Zukunft? Und wie eine Branche, die keine Restriktionen mehr kennt? Fragen wie diese galt es im Rahmen des Textilworkshops „XXL: Wenn Mode Grenzen überschreitet“ zu erörtern.

Der Textilmarkt selbst scheint durch das ungebremste Wachstum internationaler Bekleidungsriesen den XXL-Zustand bereits erreicht zu haben. Schon ein Blick auf das einheitliche Stadtbild der Metropolen legt diese Vermutung nahe. So hat das dichte Filialnetz großer Bekleidungsketten wie Orsay, Pimkie, New Yorker, Mango und nicht zu vergessen Hennes & Mauritz langsam den Einzelhandel aus dem Stadtkern verdrängt.

Dass man die Masse der Konsumenten allerdings nur dann grenzüberschreitend für sich gewinnen kann, wenn man die Produktpalette nicht nur möglichst kostengünstig an den Endverbraucher weitergibt, sondern diese auch jenseits uniformer Einheitsware entsprechend ausdifferenziert, haben die Bekleidungsriesen längst für sich entdeckt. So bietet der schwedische Textilkonzern H&M – trotz aller augenscheinlichen Homogenität – ein äußerst umfassendes Angebot, um die individuellen Bedürfnisse seiner Kunden in schwarze Zahlen umzusetzen: von der Linie Impulse, die sich an trendorientierte junge Konsumenten richtet, bis hin zu LOGG, der hochwertigeren Kollektion von Basics. Die einzelnen Kollektionen werden im Geschäft im Sinne einer „Entmassung“ der Massenmode zielgruppenorientiert separat präsentiert. 2008 holte man sich gar die „Street Credibility“ von namhaften Musikern und Designern ins Haus, um auch die sozial engagierte und konsumkritische Jugend für sich zu gewinnen. Unter dem Motto „Fashion Against Aids“ haben auf Initiative von Ninette Murck, Gründerin der Non-Profit-Organisation Designers Against Aids (DAA), zahlreiche namhafte Designer wie Katharine Hamnett und Musiker wie Timbaland oder Rihanna unentgeltlich ein T-Shirt, einen Hoodie, eine Tasche oder ein Tanktop für H&M entworfen. Ein Viertel der Einnahmen aus der „Fashion Against Aids“-Kollektion sollen an weltweite Projekte zur Aids-Prävention gehen, so der schwedische Textilriese.

Politisches und sozialkritisches Engagement im Warenformat, preisgünstig und leicht konsumierbar für den Ottonormalverbraucher. Ob dieser die Botschaft auf seinem Shirt auch wirklich lebt, bleibt allerdings fraglich. Oft bedeutet sie dem Träger nicht mehr als eine modische Applikation, mit der man für einen kurzen Moment im Trend liegt, völlig austauschbar durch das nächste angesagte Produkt im Ladenregal. Eine Entwicklung, die in den 1990er Jahren ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Inmitten einer Flut von sinnentleerten Phrasen wie „Zicke“ oder „Pornostar“ wurden auch ursprünglich bedeutungsschwangere Insignien wie Hammer und Sichel oder politisch ambitionierte Motive wie Che Guevaras Konterfei zu kümmerlichen Hülsen reduziert. Die persönlichen Statements werden mittlerweile gewechselt wie das T-Shirt selbst.

Besonders plastisch wird die Banalisierung des Politischen durch die Mode in der Portraitserie von Christian Diaz Orejarena. Auf insgesamt 16 Bildern sind Menschen zu sehen, die das Wort „Rebell“ als modisches Design auf Ihren T-Shirts tragen. Mit welcher Absicht und mit welchem Bewusstsein diese modische Kleidung getragen wird, bleibt offen.

Es stellt sich die Frage, ob sich die Masse überhaupt noch über den Umweg der Mode für politische, soziale oder ökologische Themen mobilisieren lässt? Was der republikanische Präsidentschaftsanwärter Dewey bereits 1948 in einem mehr oder weniger holprigen Versuch in Angriff nahm, scheint für Barack Obama im Vorfeld der anstehenden Präsidentschaftswahlen hervorragend zu funktionieren: die Instrumentalisierung von T-Shirt & Co. für die eigene Wahlwerbung. So findet man in Online-Shops wie „Barackawear“ eine bunte Produktpalette, die sich enorm hoher Absatzzahlen erfreut. Vom T-Shirt mit Obama-Konterfei im punkigen Schablonen-Look über den Babystrampler mit Wahlslogan bis hin zum Obama-Sneaker von Nike: der modeaffinen Wählerschaft des Demokraten sind keine Grenzen gesetzt. Je präziser man Mode unter die Lupe nimmt, desto unwahrscheinlicher scheint es, dass sich auf diesem Terrain überhaupt noch Grenzen überschreiten lassen. Doch ein paar Situationen, in denen Mode Krach macht, sich artikuliert und Konventionen sprengt, konnten im Laufe des Workshops eruiert werden: Wenn Mode beispielsweise plötzlich keine Größen mehr kennt. So verzichtet die US-amerikanische Punkrock-Aktivistin Elisabeth Pickens ganz bewusst auf Größenlabels. Statt XS, S, M, L, XL und XXL steht in ihren Kreationen einfach nur „Fuck Sizes!“ Die in Paris lebende gebürtige Britin Lucy Orta enfernt sich noch ein Stück weiter von den eng abgesteckten Dimensionen industriell gefertigter Casual Wear in Richtung „XXL“. Sie inszeniert in ihrer Aktionskunst Mode als mobile Architektur.

Völlig kompromisslos gehen Künstler wie Erwin Wurm, Piotr Nathan, Louise Bourgeois oder Yuka Oyama mit Mode um. Sie entfremden T-Shirt, Feinstrumpfhose und Co. bis zur Untragbarkeit und sprengen mit ihren textilen Skulpturen jegliche Restriktionen konventioneller Mode.

Gerade hier, beim künstlich überhöhten, gebrauchsfernen Substrat von Mode, setzt auch der praktische Teil des Textilworkshops „XXL: Wenn Mode Grenzen überschreitet“ an. Vor dem Hintergrund des Festivalthemas sollten vom 17. bis 21. August 2008 Souvenirs im „XXS“-Format entwickelt werden. Dabei wurden textile Wahrzeichen aus dem US-amerikanischen Raum verhandelt: die Jeans, der Parka, die Bandana, das T-Shirt, das flauschige Holzfällerhemd und vieles mehr. Ziel war es, insbesondere den produkthaften Charakter des Souvenirs herauszuarbeiten. Denn warenhaft und gebrauchsfern wie die Mode selbst bleibt es ein „One-Hit-Wonder“: als Andenken an ein bestimmtes Ereignis oder eine Person aufbewahrt, auf ewig zum Staubfänger verdammt.

„(…) Charlie Chaplins Schuh’/ und Picassos Kamm/ von der Garbo eine Brille/ und von der Monroe einen Schwamm/ (…) sie lassen alle mal was liegen, die Großen dieser Welt/ und das sind die Souvenirs, die man überall erhält.“ (Bill Ramsey, Souvenirs, 1959)

Stephanie Müller leitete den Textilworkshop „XXL: Wenn Mode Grenzen überschreitet“ vom 17. – 21.08.2008.

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