[work] of violence - Die Neue Ordnung

[work] of violence - Die Neue Ordnung
8. 7. 2000
D 2000

kuratiert von:

Krieg vernichtet alles, was Menschen aufgebaut haben, er ist die Perversion der Arbeit. Dennoch ist Soldat zu sein ein Beruf wie andere auch: Es gibt Ausbildungen, Hochschulen, Talente, Karriereleitern; schliesslich Renten. Und es gibt Arbeitslose.

Die mehr als sinnlose Freizeitbeschäftigung der jungen Soldaten in „Coup de Boule“ - sie schlagen mit dem Kopf gegen Türen - erinnert an Hospitalismus und lässt das Gefühl einer extremen Verrohung aufkommen. Es sind Übungen in Gewalt, der Fähigkeit, Bedürfnisse des eigenen Körpers zu missachten; einerseits physischer Ausdruck für die Akzeptanz antrainierter Wertlosigkeit des Individuums, andererseits aber auch Versuche die Zwangsorganisation symbolisch zu zerstören (und tatsächlich, die Spinde kriegen einiges ab).

„Es ist vorbei Johnny, es ist vorbei!“
„Nichts ist vorbei! Gar nichts! Ihr könnt nicht einfach aufhören. […] Wir sind durch die Hölle gegangen. […] Da drüben flog ich einen Hubschrauber, oder ich bin Panzer gefahren, ich war verantwortlich für eine Millionen Dollar Ausrüstung und hier krieg ich nicht mal einen Job als Parkwächter.“ Sylvester Stallone als Vietnamveteran in „Rambo“ (Kotcheff, Ted: First Blood (aka Rambo). USA 1982).

Den Zustand, den „The Crime That Changed Serbia“ aufzeigt, ist typisch für Gesellschaften nach verlorenen Kriegen, die oft sehr jung eingezogenen Soldaten sind durch eine grausige Ausbildung gegangen, die ihnen als zentrale Werte nur Überleben, Töten, Rauben, Vergewaltigen und Männerfreundschaft hinterliess. Im Zivilleben mit seinen vergleichsweise komplizierten Strukturen kommen sie nicht zurecht; als Verlierer und damit einhergehend Schuldige sind sie auch gar nicht willkommen (durchaus jedoch den mafiösen Banden). Die Ausformungen dieser sozialen Destabilisierung sind unterschiedlich, nach dem Ersten Weltkrieg legten Veteranenverbände in Italien und die Freikorps der Weimarer Republik den Grundstein für Faschismus und Nationalsozialismus; in dem individualistischen System der USA schlugen sich Vietnamveteranen in die Büsche und lebten dort ihr bizarres Weltbild weiter. Allen Protagonisten gemein ist, dass sie ihren gelernten Beruf einfach weiterhin ausüben.

Doch kann man diese Zustände auch in einem weiteren Kontext sehen: seit Jahren warnen Sozialwissenschaftler vor den Folgen der strukturellen Arbeitslosigkeit, die ganze Bevölkerungsgruppen dauerhaft von der Erwerbsarbeit ausschliesst. Dort bilden sich die, die in unserer Leistungsgesellschaft als unfähige Faulpelze stigmatisiert werden, oft genug einhergehend mit ethnischer Diskriminierung, ihre eigenen Wertesysteme, orientiert an den Idealen des Heldenzeitalters: Stärke, Kampf, Familie.

„Werden die sozialen Folgeprobleme des Umbruchs in Ostdeutschland und darüber hinaus Osteuropa nicht gelöst, dann zeichnen sich schon jetzt Konsequenzen ab, die mit Sicherheit zu ganz neuen Kosten führen werden, nämlich solchen der innerstaatlichen wie der Aufrüstung nach aussen: gegen Radikale, gegen Armutsflüchtlinge, gegen Opfer von Bürgerkriegen, gegen nationalistisch überwölbte soziale Konflikte im Osten u. a. m. Es geht um soziale Interessen. Wofür soll der Reichtum dieser Gesellschaft verwendet werden: für sozialen Frieden oder für Polizei- und Militäraktionen.“ (Huster, Ernst Ulrich: Unternehmen und Selbständige sind die Sieger im Verteilungskampf, Frankfurter Rundschau 1.9.1993)

Text von

Marcel Schwierin

Explore