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4. Werkleitz Biennale real[work]
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DE 1996/2000
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© Thomas Bruns
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© Thomas Bruns
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© Thomas Bruns

While… in der Turnhalle hinter dem Jugendclub bezog sich auf den Erlebnisbericht von Robert Linhart (1), einem der Intellektuellen der französischen Linken des Mai ‚68. Linhardt ging damals, vor mehr als 30 Jahren „in die Fabrik“, zu Citroön, um in der Arbeit dort die gesellschaftliche Realität kennenzulernen und Anknüpfungspunkte zur Arbeiterbewegung herzustellen. Anstelle einer kollektiven Identität der Arbeiterschaft stieß er jedoch auf ein komplexes Gefüge individueller Biografien und Beziehungen, in dem sich Gemeinsamkeiten und Interessen ständig neu formulierten. Der an einem Fernseharm neben einer Reihe von farbigen Spiegeln angebrachte Monitor zeigte die ehemalige Nachrichtensprecherin Dagmar Berghoff, die einen von Parreno gemeinsam mit StudentInnen und MitgliederInnen des Kunstvereins in Hamburg formulierten Text verliest, ein Nachdenken über das heutige Potential der Erfahrungen von Linhart: Die Vorstellung einer Fabrik, die entleert von der industriellen Arbeit nicht mehr Autos, sondern vielmehr menschliche Beziehungen produziert, in der Arbeiter Kaffee trinken, Gedanken austauschen und Spaß haben.

Das ursprünglich 1996 in Hamburg durchgeführte Projekt reflektierte Funktionsprinzipien und Selbstverständnis der Kunst im Gegensatz zu denen des Fernsehens und der Tagespresse - in einem mehrere Tage andauernden Workshop wurden gemeinsam mit den TeilnehmerInnen Texte, das Video ınd eine Ausstellung produziert. Die Arbeitssituation in den Ausstellungsräumen des Kunstvereins wurde zur Eröffnung quasi eingefroren, ein zum Stillstand gebrachter Prozess. Das Video wurde über die Dauer der Ausstellung in täglicher Wiederholung im Offenen Kanal gezeigt, eine andere Textvariante wurde als kurzer sich täglich wiederholender Beitrag im Radio gesendet, während verschiedene in der Gruppe produzierte Texte in täglicher Wiederholung im Feuilleton der Tageszeitung „taz“ erschienen.

Die Installation mit farbigen Spiegeln in der Sporthalle stellte eine Weiterentwicklung des Projektes dar, eine nächste Phase. Die Farbigkeit der Spiegelsegmente erschien, in Kombination mit der Bildschirm-Präsenz der mittlerweile in den Ruhestand getretenen Dagmar Berghof wie eine Referenz an eine historische Phase des Fernsehens, in der zu sendefreien Zeiten ein Testbild zu sehen war. Die Installation betonte ihre eigene Medialität, die Diskrepanz zwischen medialer Präsenz und erfahrener Wirklichkeit und die Anwesenheit des Betrachters als wesentlicher
Bestandteil der Ausstellung.

(1) Robert Linhart: Eingespannt. Erzählung aus dem Inneren des Motors. Deutsch, Verlag Volk und Welt, 1980 (frz. Original: L’tabli, Paris 1978)

Philippe Parreno: Fabrik der Wolken

„Vom Pferd steigen, um Blumen zu pflücken“, war ein Slogan einer Gruppe von 1000 Leuten in den 60er Jahren, der den Traum einer Gemeinschaft ausdrückte. 1967 entschloss sich eine Gruppe von französischen Intellektuellen, die Universität zu verlassen und als Arbeiter in Fabriken zu gehen. Sie nannten sich „L’Etabli“ (Eingespannt); ihre politische Partei hieß „La gauche proletarienne“ (Proletarische Linke). Ihre Absicht war, eine Revolution vorzubereiten und die Gesellschaft zu verändern.

1978 schrieb Robert Linhart, einer der führenden Repräsentanten der Bewegung, ein Buch über diese Zeit. „Citroön produziert keine Autos, sondern Beziehungen“, war für ihn der Schlüssel, wo sich seine eigenen Erfahrungen veränderten. Er beschrieb deshalb nicht die großen ideologischen Entwürfe, sondern konzentrierte sich auf persönliche Geschichten, z. B. von Christian, dem tuberkulösen Bretonen bis hin zu Sadok, den Algerier mit den asiatischen Zügen. Die Arbeiter werden nicht als revolutionäre Masse aufgefaßt, sondern als Individuen mit einer eigenen Geschichte akzeptiert. Wenn wir ihre Schriften heute lesen, wird deutlich, dass sie in der Tat ihr eigenes Leben verändert haben, egal ob sie eine Woche oder einige Jahre in der Fabrik verbracht haben, aber weniger die Gesellschaft allgemein. Trotz ihres Versagens im Großen, stellte sich durch die soziale Praxis und die daraus resultierenden Erfahrungen ein persönliches Glücksgefühl ein. Es erzählt vom Moment, in dem sich große Ideologien in private Erfahrungen verwandelten.

Stellen Sie sich jetzt vor, wir stehen vor diesem Moment, in dem sich alles verändert hat. Neben der Fabrik, die tausende Autos produziert, steht eine andere: Sie finden dort keine Fließbänder, keine Maschinen und auch keine Produkte im herkömmlichen Sinn. Die Arbeiter sitzen hier zusammen an Tischen, sie unterhalten sich und haben Spaß. Von dieser Fabrik gibt es keine Abbildung, Sie werden sie vergebens suchen. Dennoch führten die Gespräche zu persönlichen Beziehungen und möglicherweise auch zu Freundschaften. Sie hätten also Konsequenzen und veränderten die Beteiligten unmittelbar. Würde man die Fabrik von fern sehen, könnte man sich vorstellen, sie produzierte Wolken.

(Fernsehübertragung gesprochen von Dagmar Berghoff)

Ich möchte Sie informieren, daß die Fabrik der Wolken heute ihre Arbeit eingestellt hat. Das wichtigste Produkt dieses Unternehmens waren menschliche Beziehungen. Jeden Morgen setzten sich die Arbeiter an runden Tischen zusammen, tranken Kaffee und tauschten ihre Gedanken aus. Die Erzeugnisse der Fabrik konnten mit Recht als richtungsweisend bezeichnet werden. In Zeiten zunehmen- der menschlicher Verarmung ist es sinnvoll, systematisch Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

(Radio-Übertragung gesprochen von Dietmar Mues)

Autor des Textes

Corinna Koch & Christiane Mennicke-Schwarz

Philippe Parreno, DE 1996/2000, While…

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