werkleitz.com

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4. Werkleitz Biennale real[work]
werkleitz.com
DE 2000
© Thomas Bruns
© Thomas Bruns
© Thomas Bruns

Die Radioinstallation fügte sich fast nahtlos in die kleine Sammlung der Heimatstube im Heimatverein ein, in der Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, Fotografien und Urkunden vom Ende des letzten Jahrhunderts bis in die 60er Jahre, versammelt sind, alles persönliche Leihgaben von Einwohnern der beiden Dörfer. Eine seltsame mögliche Zeitverschiebung stellte sich ein - das via Radio für die nahe Zukunft anvi-sierte Unternehmen werkleitz.com holte die scheinbar stehengebliebene Zeit des Museums in die Gegenwart - und inszenierte sich zugleich als Teil einer Vergangenheit, die niemals stattgefunden hat. Eine kleinere Gruppe von AutorInnen aus dem größeren Zusammenhang des Inter-Radio-Kollektivs convex tv. hatte sich für die Werkleitz Biennale unter dem Namen werkleitz.com zusammengeschlossen. Fallbeispiel für das Projekt war die amerikanische Kleinstadt Halfway in Oregon, die auf Betreiben einer Marketingfirma offiziell den Namen half.com annahm. Das Vorhaben einer jungen Start-Up Internetfirma, sich in der ländlichen Umgebung von Tornitz und Werkleitz niederzulassen und das Dorf mit einem eigenen kommerziellen Internet-Portal auszustatten, wurde als Radio-Feature vorgestellt. In Form einer Ankündigung kommender Aktivitäten war die Audiostrecke der einzige Inhalt der Website, neben dem www-üblichen Baustellenzeichen. Über zwei Radios in der Heimatstube des Heimatvereins lief die Reportage, die neben der Berichterstattung über das spezifische Projekt werkleitz.com ebenfalls aufschlußreiche Informationen über die Entwicklungen auf dem Neuen Markt, Interviews mit Politikern, Begegnungen mit Venture-Kapitalisten und Stimmen der dörflichen Bevölkerung lieferte. Ein Firmenschild und Briefkasten am neuen Gemeindehaus in Tornitz wies auf den Firmensitz von werkleitz.com hin. Die Auswahl des neuen Gemeindehauses als Firmensitz wie auch die nonchalante Inbesitznahme des Heimatmuseums wirkten wie ein Spiegel einer vielerorts zu beobachtenden allmählichen Übernahme ehemals ‚öffentlicher‘ Funktionen und Dienstleistungen durch private Unternehmen, sei es Marketing eines Standortes, einer Gemeinde, oder Dienstleistungen in Bezug auf Fürsorge und Kommunikation.

Kurz nach der Eröffnung wurde über einen fingierten e-mail-Nachrichtendienst für Meldungen über die Entwicklungen auf dem Neuen Markt weit gestreut die Nachricht verbreitet, dass die JungunternehmerInnen an der Beschaffung des erforderlichen zusätzlichen Kapitals für werkleitz.com gescheitert waren.

www. werkleitz.com: Florian Clauß, Martin Conrads, Ulrich Gutmair, Kito Nedo, Kathrin Röggla, Stefan Schreck, Vera Tollmann, Stephanie Wurster

Text: Corinna Koch & Christiane Mennicke-Schwarz

Aus für „werkleitz.com“ - DotCom-Pleitenwelle erreicht Deutschland

Sie wollten von Tornitz aus das führende Portal am europäischen Markt errichten, und nun stehen sie vor dem Aus: „werkleitz.com“, eine der größten E-Commerce-Hoffnungen aus Deutschland. Überall staunte man über die geniale Geschäftsidee junger Unternehmer, eine kleine Gemeinde in Sachsen-Anhalt mit einem eigenen, umfassenden und kommerziellen Portal auszustatten: Der Slogan vom „global village“ sollte hier Wirklichkeit werden. Eine Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit sollte in einen blühenden Garten im internationalen Wettbewerb verwandelt werden. Und nun die frühe Pleite des Unternehmens - ein Zeichen dafür, daß Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit auf dem Neuen Markt am Ende ist? Ist das „Aus“ exemplarisch für eine ganze Reihe von Firmencrashs? Ein Vorbote für eine weitere Talfahrt am Neuen Markt? Sind die Taschen der Venture Capitalists zugenäht?

Heikle Fragen für junge Firmen aus der Internetbranche, denn gerade sie sind abhängig von den Launen der Kapitalgeber. Sind diese aber weiterhin bereit, ein höheres Risiko einzugehen, auch wenn die Geschäftsidee sitzt, der Businessplan stimmt? Die letzten Börsen-Monate haben die euphorischen Erwartungen der Marktbeobachter und Investoren getrübt. Über die „Grenzen des Wachstums“ hört man heute schon einzelne Protagonisten der New E-conomy munkeln. Die Kurse vieler Internetfirmen sind in der letzten Zeit bis zu 90 Prozent gefallen. Der Boom scheint vorüber zu sein. Auch die Großen unter den Internetfirmen machen zwar meist steigende  Umsätze, aber immer noch keine schwarzen Zahlen. Vorausgesagt wird, dass in der nächsten Zeit viele Internetfirmen denselben Weg wie werkleitz.com gehen könnten.

Eins ist klar. Die längste Zeit galt: In Deutschland herrscht Aufbruchstimmung in Sachen E-commerce. Über das Netz lassen sich alle Waren handeln. Aber nicht immer lassen sich Geldgeber für eine gute Geschäftsidee finden, die das Durchhaltevermögen und die Ausdauer haben, einem jungen Unternehmen unter die Arme zu greifen. Abzocken was geht, ist die neue Devise am Parkett.

Dabei galt es lange Zeit als idiotensicher, daß junge Leute, die eben noch ihre Freizeit im Netz verbracht haben, Jungunternehmer mit Option aufs große Geld werden. Doch die momentane Flaute trifft nicht nur die ganz Großen im Business - die Big und Global Players. Auch Geschäftsideen, die den E-Commerce aus den Knotenpunkten des Netzes in die Peripherie bringen, stehen zunehmend vor großen Schwierigkeiten. Aus der Traum: Mit werkleitz.com hat einer der größten Hoffnungsträger der Region in Sachen E-Commerce Pleite gemacht. Man musste kurz vor dem geplanten Börsengang die Notbremse ziehen, nachdem es nicht gelungen war, für den mit großen Anspruch angekündigten DotCom Auftritt der Gemeinde Werkleitz in Sachsen-Anhalt weiter Geld zu beschaffen. Werkleitz.com musste Anfang Juli die Türen wieder schließen. Statt als Agentur nur die Kontakte zu den verschiedenen Dienstleistern zu vermitteln, wollte man den Ort selbst ins Netz bringen. Der Traum, ein virtuelles Mediendorf zu errichten - ein tatsächliches Global Village mit E-Commerce und allem Drum und Dran, dieser Traum ist nun ausgeträumt. Für jeden Dienstleister - von der Metallverarbeitung über die Gastwirtschaft bis zu der Schweinezucht - wollte man hier ein dreidimensionales Häuschen errichten. 300 Anbieter und Kunden waren interessiert. Wo früher die LPG „Neuland“ auf den Feldern arbeitete, sollte ein kommerzielles Portal entstehen, das die gesamte Gemeinde, deren Bürger, Vereine und Betriebe - kurz: das gesamte Leben - an die globalen Wirtschaftskreisläufe anschließt.

Doch es sollte alles anders kommen. Denn der neue Gründungsboom unter-scheidet sich von der Gründerzeit der Wirtschaftswunderjahre in den alten Bundesländern. „Ein Multimediaunternehmen funktioniert nicht wie ein traditioneller Handwerksbetrieb, wo der Meister erst eine Maschine kauft, dann wartet, bis er sie abbezahlt hat, und sich dann überlegt, ob er einen Gesellen einstellt“, sagt Sigrid Kreis vom Multi-media Support Center im nahegelegenen Calbe. In der so genannten New Economy zählen Schnelligkeit und ein starker erster Auftritt: Nicht kleckern, sondern klotzen!

Da hat auch der Werbegag, Anfang Mai die Startups von Berlin, Magdeburg und Leipzig nach Werkleitz zu einem matchmaking event zu laden, nicht die gewünschte und notwendige Aufmerksamkeit der Venture Capitalists gebracht. Und dann zögerte man zu lange. Bald wurde das Geld knapp. Die laufenden Kosten fraßen das Bankdarlehen auf, die Venture Capitalists zogen ihr Geld zurück. Anfang Juli dann der Schlag in die Magengrube: Statt das Darlehen wie versprochen zu strecken, hatte die Bank das Geschäftskonto gesperrt, weil der Kredit verbraucht war. Werkleitz.com versuchte zu handeln. Vergeblich.

Nicht nur 300 Werkleitzer Bürger, denen neben einer virtuellen Heimat ein eigener Start in die Welt des elektronischen Handels versagt bleibt, werden sich nun nach einer anderen elektronischen Bleibe umsehen müssen, auch eine Reihe von Arbeitsplätzen in dem schon teilrenovierten Tornitzer Büro des jungen Start-up-Unternehmen gehen verloren. Und dort, wo eine der umfangreichsten Internetpräsenzen überhaupt entstehen sollte, prangt immer noch der Hinweis: „Under construction“.

Autor des Textes

werkleitz.com

Webseite

werkleitz.com, DE 2000, Audiostrecke

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