Utopien vermeiden

Root Event

Werkleitz Jubiläums Festival 2013 Utopien vermeiden

Root Event

1. Werkleitz Biennale 1993 Tapetenwechsel
Utopien vermeiden
DE 1991/92
Martin Conrath, Neonleuchtschrift, © werkleitz 1993

Utopien vermeiden ist der Titel einer Arbeit von Martin Conrath (dem späteren Werkleitz Biennale Co-Gründer und -Leiter), die 1993 auf der ersten Werkleitz-Biennale Tapetenwechsel präsentiert wurde. Sie drückte bereits in der euphorischen Zeit der europäischen Einigung eine tiefe Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Versprechungen aus. Sie fordert den Entwurf einer wirklichen Zukunftsvorstellung, der sich bis heute nicht eingelöst hat.

Ein Interview zwischen dem Künstler Martin Conrath, Schöpfer der Arbeit Utopien vermeiden (1991/92), und Daniel Herrmann, künstlerischer Leiter von Werkleitz.

Daniel Herrmann: Deine Leuchtschrift Utopien vermeiden liest sich wie eine Aufforderung. Aber ohne Interpunktion kann ich mir beim Lesen wahlweise auch einen Ausruf oder gar eine Frage vorstellen. Wie liest du Utopien vermeiden heute?

Martin Conrath: Ich habe den Satz nie als Appell gesehen, eher als Statement, das es zu beweisen gilt. Für mich sind Kunstwerke experimentelle Anordnungen, die erst in Gang kommen, wenn sie genutzt, betrieben und ausgewertet werden. Utopien vermeiden stand am Beginn dieser grundsätzlichen Haltung zu Kunst und Gesellschaft, und an der hat sich für mich bis heute nichts geändert.

DH: Der Begriff „Utopie“ ist wertneutral, im Gegensatz dazu gibt es bei den Begriffen Dystopie und Eutopie klare Vorzeichen. Welche Utopien meinst du?

MC: Mir scheinen normative Zukunftsmodelle gleich welcher Wertigkeit sehr fragwürdig zu sein, da die Basis solcher „Hochrechnungen“ weder eindeutig festlegbar noch kontinuierlich bzw. stetig fortgeschrieben werden kann. Das öffnet der Manipulation allenthalben Tür und Tor. Marion1 und ich haben uns bis 2009 zehn Jahre lang mit den Wahlparolen deutscher Parteien nach 1945 auseinandergesetzt und diese ausgewertet. Das utopische Potenzial dieser Versprechen und Prognosen ist verschwindend gering, und der Rest ist für die Geschichte lächerlich genug.

DH: Die Arbeit entstand Anfang der 1990er, der Kalte Krieg war zu Ende, für einige war Rio Reisers Song Aschermittwoch die Hymne zur Katerstimmung der Deutschen Einheit. Auf internationaler Ebene war die Rede vom Ende der Geschichte.
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag nimmt zumindest im Rückblick die EU-Osterweiterung vorweg. Diesem Prozess hängt zugleich die Kritik einer Vereinnahmung an. Während im Sommer 1990 nach dem Ende der Fußballweltmeisterschaft fahnenschwingende Deutsche in Autokorsos durch unsere Innenstädte fuhren, formierten sich hier ein Jahr später Demonstrationszüge gegen den Golfkrieg. Spätestens hier wurde ein neuer globaler Konflikt offenbar.
Kurz, ich kann Utopien vermeiden als Empfehlung mit Bezug auf die oben knapp umrissene Situation der 1990er auffassen. Hat deine Arbeit mit alldem etwas zu tun?

MC: Ja, durchaus. Marion und ich hatten seit 1986 Kontakte zu KünstlerInnen in Ost-Berlin und Dresden. Wir haben die KollegInnen auch besucht und dabei intensiv politisch diskutiert. Utopien, deren Praktikabilität und Vernebelungsdramaturgie in politischen Argumentationen spielten bei diesen Diskussionen eine große Rolle. Im Spätsommer 1990 – man durfte auf dem Gebiet der ehemaligen DDR noch mit Ostgeld zahlen – waren wir auf Rügen und beobachteten, wie etwas der Marktwirtschaft Ähnliches Einzug in die Warenwirtschaft der alten DDR-Läden hielt. Die dabei zutage tretende Vereinnahmung, Verarschung und Rücksichtslosigkeit westlicher Strategen und Zwischenhändler bewirkte bei mir eine Katharsis des Utopiebegriffs im pragmatischen Sinn: Was ist tatsächlich angemessen machbar? Die später folgende Globalisierung hat diese kritische Haltung, die Angemessenheit abzufragen, nicht mildern können.

DH: Kannst du die Empfehlung, Utopien zu vermeiden, begründen und sei es allein aus damaliger Sicht.

MC: Nun, wenn man das Gedankenspiel einer zu verantwortenden Utopie so weit durchspielt, bis sich darin ein funktionierendes gesellschaftspolitisches Wirtschaftssystem erkennen lässt, dann wären dabei und dafür bereits derart viele und umfangreiche normative Regelwerke zu schaffen, dass einem der Utopiebegriff zwangsläufig abhanden kommt. Pragmatismus ist dann eher angesagt.

DH: Bei Werkleitz hing die Leuchtschrift 1993 an der Wand. Das Dorf hatte bis dahin sicherlich keine Leuchtschrift, aber vielleicht gab es an einer der Scheunenwände Aufrufe zur Stärkung des Sozialismus. In der Stadthalle Kehl hast du die Schrift über einer Couch zwischen zwei Grünpflanzen drapiert, das Arrangement wirkt ein wenig wie die Empfangssituation in einem Unternehmen. Ist Utopien vermeiden eine kämpferische Parole oder ein softer Slogan?

MC: Die Leuchtschrift wurde erstmals in der Galerie Waltraud Zimmermann in Breisach am Rhein gezeigt (24.05. – 05.07.1992), war also im privatwirtschaftlichen Kunstreich unterwegs. Dort hat sie größtenteils für Kopfschütteln und Unmut gesorgt, weil soviel Realismus in der Kunst nicht vermutet worden war und man glaubte, gerade die Kunst müsse doch hochfliegende Ziele vorbringen. In Werkleitz tauchte 1993 bei der Rezeption schon ein kleiner Schmunzelfaktor auf, weil in dem damals noch recht desolaten städtebaulichen Ensemble der Kleingemeinde vor allem Sparen und Bilanzen zu veranschlagen waren. Als dann bei der Eröffnung das (ich glaube) ostelbische Kammerorchester, in Frack und Abendkleid gewandet, auf Dielenstegen den komplett überfluteten Innenhof der alten Ziegelei im Gänsemarsch zur Scheune durchquerte, waren Utopien bereits anschaulich in weite Ferne gerückt. Sie zu vermeiden, ist also weder kämpferisch noch vorsichtig, es ist schlicht der sauberere Weg, Modelle und experimentelle Anordnungen zu untersuchen. Ich glaube zwar nicht an einen Eigenwert einer Demokratie, aber um deren entropisches Potenzial aufzuhalten, scheint es mir sinnvoller zu sein, widerständig gegen Konventionelles zu sein als projektiv für Zukünftiges. Zukunft ist nicht langfristig planbar und mittelfristig nur konsensuell zu verabreden.

DH: Der Carl Sandburg zugeschriebene Satz: „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“, beschreibt eine paradoxe Situation. Selbst der banale Satz: „Heute mache ich mal nichts“, beschwört Szenarien herauf, die das Gegenteil offenbaren. Wenn ich Utopien vermeiden als Handlungsanleitung lese – im Sinne von: So sollten wir das machen, damit dies und jenes eintritt – entdecke ich auch hier eine Paradoxie.
Werden wir Utopien vermeiden können?

MC: Das ist richtig, denn Utopien vermeiden erscheint in konstruktiver Hinsicht als die größte Utopie: Diese entstehen tagtäglich unausgesprochen oder nur skizziert immer wieder zuhauf. Die Listigkeit Martin Kippenbergers, als er bemerkte: „Heute denken, morgen fertig“, besteht nicht in dem utopischen Prospekt des Nichtstuns, sondern in der Konsequenz daraus: Heute denken, morgen auch.

Martin Conrath, DE 1991/92, 80 x 224 x 15 cm

Explore