Utopien vermeiden

Werkleitz Jubiläums Festival 2013
Utopien vermeiden
11. 10. bis 27. 10. 2013
DE 2013

künstlerische Leitung:

Leuchtschrift von Martin Conrath vor der Ausstellungshalle
© Wieland Krause
Filmkonzert – Sound 8 Orchestra
© Falk Wenzel
Filmkonzert – Sound 8 Orchestra
© Falk Wenzel
Publikum beim Symposion
© Falk Wenzel
AV Performance – Dream Cargoes
© Jeno Eugène Detvay
AV Performance – Dream Cargoes
© Jeno Eugène Detvay
Festivalbesucher in der Ausstellung
© Jeno Eugène Detvay
Festivalbesucher in der Ausstellung
© Jeno Eugène Detvay
Festivalbesucher in der Ausstellung
© Jeno Eugène Detvay
Festivalbesucher in der Ausstellung
© Jeno Eugène Detvay
Festivalbesucher in der Ausstellung
© Jeno Eugène Detvay
Festivalbesucher in der Ausstellung (vor der Arbeit von Tamás Kaszás)
© Jeno Eugène Detvay
Artist Talk – Sven Johne und Annegret Laabs
© Falk Wenzel
Marcel Schwierin, künstlerischer Leiter, bei der Eröffnung
© Jeno Eugène Detvay
Besucher im Ausstellungsbereich
© Jeno Eugène Detvay
Peter Zorn bei der Eröffnung
© Jeno Eugène Detvay
Florian Wüst, Kurator, stellt sein Filmprogramm vor
© Falk Wenzel
Im Festivalkino (auf dem Leinwand Sieben bis zehn Millionen von Stefan Panhans)
© Falk Wenzel
Konzert – The Schwarzenbach (Kammerflimmer Kollektief und Dietmar Dath)
© Werkleitz
Symposion – Nanna Heidenreich, Susanne Sachsse, Eva Peters (von links nach rechts)
© Falk Wenzel
Publikum beim Symposion
© Falk Wenzel
Publikum beim Symposion
© Falk Wenzel
Symposion – Dieter Daniels und Hannah Sieben
© Falk Wenzel

Werkleitz als konkrete Utopie

Anfang der 1990er Jahre, also kurz nach dem Fall der Mauer, begaben sich drei junge Braunschweiger Filmstudenten schwäbischer Herkunft1 auf die Suche nach einem großen Hause auf dem Lande, um darin das »Zentrum für künstlerische Bildmedien Sachsen-Anhalt«2 zu gründen. Fündig wurden sie mit einer alten Ziegelei in dem 300-Seelen-Dorf Werkleitz, das nicht nur Heimat, sondern auch Namensgeber der Werkleitz Gesellschaft wurde. Dieses Projekt trug in vielerlei Hinsicht utopische Züge. Die Idee des selbstbestimmten Lebens und künstlerischen Arbeitens auf dem Lande hatte ihre Wurzeln in der Aussteigerkultur, die schon in den 1900er Jahren an Orten wie Monte Verità ein anderes, besseres Lebensmodell formen wollte. Und die spezielle Verbindung von High-Tech, hier Medienkunst – Werkleitz vermietete zum Beispiel eines der ersten nicht-kommerziellen digitalen Videoschnittsysteme in Deutschland –, mit dem Landleben hat ihr Vorbild in der kalifornischen Hippiekultur.3 Gleichzeitig spiegelte sich in der Gründung von Werkleitz auch der Ausdruck eines zeitgenössischen utopischen Geistes, so sollten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht nur West – hier repräsentiert von den drei Schwaben – und Ost – hier repräsentiert durch ein unbeugsames Dorf4 – zusammenwachsen, nein, die ganze Welt sollte nach westlichem Vorbild eins werden5 und damit das »Ende der Geschichte«6 besiegeln. Konkreter äußerten sich diese Vorstellungen in der großzügigen Erweiterung der Europäischen Union, die Werkleitz in seinem Programm European Media Artists in Residence reflektierte.

Vielleicht das wichtigste utopische Moment der 1990er Jahre war das neue Medium, das Internet. Als Netzwerk tatsächlich physisch nur noch schwer verortbar, sollte es all die Ideen von weltweiter Kommunikation, von Gleichheit und von kostenloser Verteilung der Güter – wenn auch nur des geistigen Eigentums – leisten, die sich in der realen Welt nicht durchsetzen ließen.7 Für die Gründung von Werkleitz war es bedeutend, weil es die Illusion eines Medienkunstzentrums auf dem flachen Land ermöglichte und in allen Diskussionen über den Standort Werkleitz eine zentrale Rolle mit dem Argument spielte, dass der Standort eben keine zentrale Rolle mehr spiele. Konkret installierte Werkleitz einen der ersten Webserver Sachsen-Anhalts und gründete mit cinovid.org die weltweit erste Internet Datenbank für Experimentalfilm und Videokunst.8

Den bescheidenen Ruhm, den die Institution jedoch genießt, verdankt sie der Gründung der ersten Kunstbiennale Deutschlands, der Werkleitz Biennale.9 Ein spartenübergreifendes Kunstfestival in einem kleinen Dorf auf dem flachen Land, das aus der Perspektive der kunstbestimmenden Metropolen tatsächlich ein Utopia, ein Nicht-Ort war,10 das war etwas Besonderes, das zwar keine Massen anzog, aber doch, auch darin ganz Utopia, einen Mythos um sich schuf. So war auch Ulrich Wickert, der der Werkleitz Biennale das Label »documenta des Ostens«11 verlieh, selbstverständlich nie dort.

Den utopischen Momenten von Werkleitz ging es wie allen anderen utopischen Momenten, sie zerbröselten in der erbarmungslosen Mühleder Realität. Das Medienkunstzentrum ist längst in die Großstadt umgezogen, das Kollektiv des Gründungshauses in alle Winde zerstreut, der Server ist abgeschaltet. Das erträumte virtuelle Netzwerk, das das reale Dorf mit dem Global Village verbinden sollte, ist in der sehr viel konkreteren Zusammenarbeit in der Stadt aufgegangen: Werkleitz kooperiert seit seiner Ankunft in Halle (2003) mit immer wieder wechselnden Akteuren, Institutionen und Orten und schafft so eine andere, sehr viel bodenständigere Form des Kollektivs.12 Dem entspricht auch die Flexibilität der Formate. Im Jahr 2008 haben wir die Biennale in ein jährlich stattfindendes Festival variierender Größen gewandelt. Mal sind wir thematisch federführend, wie bei Utopien vermeiden, mal schließen wir uns anderen Projekten an, wie etwa bei Zoo oder Doppelgänger,13 und die Move Festivaleditionen wiederum entstehen aus dem EMAN Netzwerk.14 Die zunächst sporadischen Workshops expandierten zur internationalen Professional Media Master Class, die inzwischen fast den Charakter eines Aufbau-Studiengangs hat.15 ­­Werkleitz hat sich immer auch als Produktionsort von Medienkunst verstanden, so sind bei Utopien vermeiden (fast) alle Arbeiten des Ausstellungsparcours Neuproduktionen, die im Rahmen des Festivals entstanden.

Was also blieb von den ursprünglichen Ideen? In der Auflösung seiner phantastischen Pläne ging es Werkleitz nicht anders als der Zeit, in der es gegründet wurde: Die 1990er Jahre erscheinen im Vergleich zu der ressentimentgeladenen Gegenwart, in der Rechtspopulisten zuhauf in die Parlamente Europas einziehen, tatsächlich als ein utopisches Zeitalter. Aber auch wenn es unmöglich war, diese ohnehin kleinen Utopien Wirklichkeit werden zu lassen, so waren sie doch notwendig, um etwas Neues zu wagen und etwas Dauerhaftes – es handelt sich ja um ein Jubiläumsfestival – zu schaffen. Ganz im Sinne Robert Pfallers war utopisches Denken hier weniger Gesellschaftsentwurf, sondern Überwindung der Angst zugunsten eines selbst – zumindest aber anders – bestimmten Arbeitens.16

Mit der Entscheidung, 20 Kuratoren für das Jubiläumsfestival einzuladen, knüpften wir noch einmal an die Werkleitz Tradition der kuratorischen Kollektive an, bei denen monatelang jedes Detail der Biennalen prinzipiell diskutiert wurde. Natürlich wussten wir, dass unsere vom Effizienzgedanken zerfressene Zeit intensive Diskussionen zwischen den Kuratoren unmöglich machen würde, doch, so war unsere Idee, würden sich zwischen den vielen Positionen zum Utopischen und Nicht-Utopischen Verknüpfungen ergeben, die die seltsame Zwischenzeit,17 in der wir leben, unter vielen Schattierungen beleuchten. Und tatsächlich ergeben sich zwischen den Werken und Texten dieser Publikation Verbindungspunkte, die in einer homogenen kuratorischen Auswahl kaum zustande gekommen wären. War die Neonschrift Utopien vermeiden vom Anfang der 1990er Jahre18 der Ausgangspunkt für dieses Jubiläum, so könnte das nächste ebenfalls eine Leuchtschrift wählen: things are always better than you think and worse than you hope for.19 Wir danken allen Teilnehmern, Förderern, Kooperationspartnern und Teammitgliedern des Festivals!

Daniel Herrmann und Marcel Schwierin

1 Alexander Decker, Thomas Munz und Peter Zorn, der bis heute der Vorsitzende der Werkleitz Gesellschaft e. V. ist.

2 Dieser ursprüngliche Name wurde erst2007 geändert.

3 Vgl. Diedrich Diederichsen und Anselm Franke, The Whole Earth. California and the Disappearance of the Outside. Berlin 2013.

4 In seinem Text Ein Medienstandort auf dem Land vergleicht Holger Kube Ventura Werkleitz mit dem wehrhaften gallischen Dorf aus Asterix. taz, 18.4.2002, S. 17.

5 Vgl. auch Werkleitz Festival 2008 AMERIKA.

6 Francis Fukuyama, The End of History? In: The National Interest, Summer 1989. Am Ende der Idee vom Ende der Geschichte steht die furchtsame Defensive, die unsere Gegenwart beherrscht, vgl. das Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen.

7 Damit füllte der Mythos des Internets auch ein utopisches Vakuum, das das Ende des »real existierenden Sozialismus« hinterlassen hatte.

8 1996 unter dem Namen oVid zusammen mit der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und dem Stuttgarter Filmwinter gegründet.

9 Zwar wird das Gründungsdatum oft mit der ersten Werkleitz Ausstellung Tapetenwechsel von 1993 rückdatiert, tatsächlich entstand die Bezeichnung Werkleitz Biennale erst 1996 mit Cluster Images, jedoch war sie damit immer noch die erste regelmäßig stattfindende Kunstbiennale in Deutschland.

10 »[…] the strength of the show could be seen to lie precisely in the displacement it effected by taking politics out of parliament and art out of the museum – to bring them together in the unlikely setting of Werkleitz.« Jan Verwoert, 5th Werkleitz Biennial. In: frieze #71, 2002.

11 ARD Tagesthemen vom 31.7.2002

12 Für dieses Festival arbeiteten wir zusammen mit derBurg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, der Mimar Sinan Üniversitesi Istanbul, Radio Corax und der Zazie KinoBar. Der Ausstellungsort des Festivals war das Lager des ehemaligen Centrum Warenhauses.

13 Das Zoo Festival (2011) war eine Kooperation zum Tierfilm in Zusammenarbeit mit den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen. Vom Austragungsort, dem LuchsKino, konnte man über eine Hintertür direkt in den Halleschen Zoo gelangen, in dem weitere Arbeiten präsentiert wurden. Doppelgänger (2014) hingegen war eine Initiative des Halleschen Puppentheaters.

14 Das European Media Art Network ist der Nachfolger von EMARE.

15 Natürlich gab es in den 20 Jahren auch viele Projekte von Werkleitz, die nicht transformiert wurden, sondern einfach nur kläglich gescheitert sind und über die wir nur zu gerne den Schleier des Vergessens breiten.

16 Vgl. Robert Pfaller, Der Nicht-Ort und das nackte Leben in dieser Publikation, S. 31ff.

17 Vgl. zum Beispiel transmediale 2014: »The revolution is over. Welcome to the afterglow.« www. transmediale.de/content/afterglow [1.7.2014]

18 Utopien vermeiden (1991/92) von Martin Conrath, vgl. das Interview in dieser Publikation, S.16f.

19 Horizons (2013) von EgemenDemirci,S.107f.

Texte

Publikation

Werkleitz Jubiläums Festival 2013 Utopien vermeiden

Utopien vermeiden
Der Katalog zum Werkleitz Jubiläums Festival 2013, dt. und en., mit Texten von Robert Pfaller, Christoph Türke u. a.

8,- €

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