Umfahrung, 21. März 1997

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4. Werkleitz Biennale real[work]
Umfahrung, 21. März 1997
DE 1997/1999
© Thomas Bruns
© Thomas Bruns
© Thomas Bruns

Die Stillegung und der Abbau der Gewächshausanlage Vockerode 1991 ist nur ein Beispiel für die De-Industrialisierung der ehemaligen DDR. Wieland Krause betreibt als Gemeinschaftsprojekt mit Johanna Bartl und Olaf Wegewitz seit 1996 die Archivierung von Bildmaterial, Dokumenten und Überresten der Anlage. Seine in diesem Zusammenhang entstandene Videoarbeit gibt modellhaft den Blick des registrierenden Betrachters wieder. Das unspektakulär in der Art eines Amateurvideos aufgenommenene Band, ein Umkreisen der Gewächshausanlage mit der Kamera aus dem Auto heraus, transportiert Staunen angesichts der Dimension der verlassenen Industriestätten. Als Anlage für die industrielle Produktion von Pflanzen – die Gewächshäuser wurden durch die Abwärme eines benachbarten Kraftwerks beheizt und die Nutzpflanzen ausschließlich mit Nährsalzlösung ernährt – steht die Ruine zugleich für einen Status Quo der Gegenwart der neuen Bundesländer und als ein Mahnmal für ein Modell von ‚Landwirtschaft‘, das sich von den Zyklen der Jahreszeiten sowie dem Einsatz von Arbeitskräften weitgehend abgekoppelt hat. Eine Gewächshaushalle wurde 1997 dem Archiv-Projekt übereignet und soll als selbstbegrünende Skulptur, begleitet von einer Archivcontainer-Datenbank, an anderer Stelle wiederaufgebaut werden.

Johanna Bartl, Wieland Krause, Olaf Wegewitz: Gewächshaus – Ein Kunstprojekt

Die Kultivierung von Nutzpflanzen zählt zu den wichtigsten und intelligentesten Findungen durch den menschlichen Geist. Durch geschickte Ausnutzung der natürlichen Verwandlungsfähigkeit der Organismen und Pflanzen gelang es, eine Folge von unzähligen Nutzpflanzen zu finden. Die Zeiträume solcher Formungen sind für das menschliche Maß beträchtlich. Geschickte Auslese und intensive Beobachtungen sowie das Spiel des Zufalls ermöglichten es, diese Zeitspanne zu beschränken. Künstlich geschaffene Biome, in denen es möglich wird, klimatische Naturzustände weitestgehend zu eliminieren lagen nahe, um die pflanzliche Entwicklungszeit zu verkürzen.
Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Naturzusammenhänge nicht so umfassend begreifbar sind, daß auch künstliche Biome alle Lebensweiten der Naturwelt enthalten können. Schon das natürliche Klima, dessen Zusammenspiel aus unzähligen Regularien und sehr komplizierten Energieverwandlungen besteht, zu imitieren, erwies sich als zu aufwendig. Drastische Vereinfachungsmechanismen wurden entwickelt um die faktische Unabhängigkeit des Pflanzenwuchses vom Naturwesen zu erreichen. Natürliche Einflussnahme konnte nur vorgebeugt werden, indem ein durch und durch künstlicher Lebensraum gebaut wurde. Nur Nährlösung und Gasgemische sowie Präventivmedikation können solche Systeme erhalten. Mit der verlassenen Gewächshausanlage von Vockerode ist nun ein solches Bauwerk aufgegeben worden. Die Gewächshausanlage Vockerode war mit einer Grundstücksfläche von 64 ha eine der größten Anlagen in Ostdeutschland. Die Gewächshäuser wurden durch die Abwärme des benachbarten Kraftwerkes Vockerode beheizt. Die dort angebauten Gemüsepflanzen wurden ausschließlich mit Nährsalzlösung ernährt, wuchsen also ohne Humusschicht heran. Mit der Stillegung des Kraftwerkes und dem Wegfall der kostengünstigen Abwärme wurde die Gewächshausanlage unrentabel. 1991 wurde die Produktion eingestellt. Die letzte Ernte, vertrocknete, mumifizierte Gurken, befand sich noch bis Februar 1997 in den zunehmend verfallenden Gewächshäusern. Die gesamte Anlage wurde 1997 beräumt und abgebaut, die Gewächshäuser wurden zerlegt und verkauft.
Das verzinkte Skelett einer Gewächshaushalle wurde den Künstlern vom Landkreis Anhalt-Zerbst übereignet. Diese derzeit eingelagerte Restarchitektur einer aufgegebenen Produktionsanlage wird in der Landeshauptstadt wiedererrichtet. Am neuen Standort entsteht das „ready-made“ dieser Metallkonstruktion vor der Umgebungsarchitektur und dem Himmel als graziles grafisches Zeichen von großem ästhetischen Reiz, Offenheit und Leichtigkeit vermittelnd. Im Vorübergehen ergibt die veränderte Perspektive immer andere Liniengefüge, eine sich mit der Umgebung verschränkte Struktur. Das Skelett des Gewächshauses wird zur Skulptur, die einerseits zeichenhaft an das Extrem industrieller Produktionsmethode erinnert, andererseits einen Raum optisch eingrenzt, ohne ihn von der Umgebung zu isolieren.
Dieser Raum wird von den Künstlern willkürlich zum „Naturraum“ erklärt und sukzessiver Begrünung freigegeben, offen zu allen Gegebenheiten des Standortes: Boden, alle natürlichen Einflüsse und die Nähe der „Zivilisation“ einschließlich gewollter und ungewollter Beeinträchtigung oder Zerstörung von Bewuchs. Im Boden vorhandene, durch Anflug oder von Vögeln eingebrachte Samen von Kräutern, Büschen, Bäumen werden ein einzigartiges Biotop in ständiger Wandlung des natürlichen Gleichgewichts hervorbringen. Der Raum wird zum Beobachtungsfeld für die Künstler, die Passanten und Besucher. Eine Wegführung macht den Raum begehbar. Hier soll ein zweckfreies Wahrnehmen von natürlichen Erscheinungen, Flora und Fauna in ihrer Vielfalt, Komplexität und Kontextbezogenheit ermöglicht werden. Es entsteht ein Freiraum – für die Pflanzen und für unser Denken, Nach-Denken, vielleicht ein neues Denken, eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen menschlichem Wollen und Natur anregend.


Behutsam integrierte Gestaltungen werden mittels verschiedener Medien/Materialien temporär und/oder dauerhaft Wahrnehmungs-und Erinnerungsebenen erschliessen. In Betracht kommen eine solarbetriebene Videoeinheit mit dokumentarischem Material, Gestaltung des Belags der Wegführung, mit dem Tageslicht korrespondierende plastische Elemente.


Die Entwicklung des Biotops wird von den Künstlern dokumentiert. Mit dieser Dokumentation wird das der vergangenen Nutzung gewidmete „Archiv“ in die Zukunft verlängert. Das „Archiv“ besteht aus der von den Künstlern zusammengetragenen Sammlung umfangreicher Information zu Geschichte und Struktur des Produktionsbetriebes, Karten- und Bildmaterial, Fundstücken, historischen Fotografien und Filmen, Gesprächsaufzeichnungen mit ehemals Beschäftigten, fotografischen/videografischen „Dokumenten des Verschwindens“. Dieses Material wird elektronisch gespeichert, so dass es eingesehen, abgerufen und ergänzt / aktualisiert werden kann (CD Rom und Internet). Erweiterbar und vernetzbar bildet es Ausgangspunkt, Materialsammlung und Austragungsort für die Teilnahme am aktuellen Diskurs zu den komplexen Zusammenhängen von Wirtschaftsgeschichten, sozialen Veränderungen, Ökologie, Naturbegriffen/Weltanschauungen.

Wieland Krause, DE 1997, Videoinstallation

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