Tornitz und Werkleitz

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction
Tornitz und Werkleitz
Foto von Holger Kube Ventura
Foto von Holger Kube Ventura
Foto von Holger Kube Ventura
Foto von Holger Kube Ventura
Foto von Holger Kube Ventura

Vom Kultur- und Heimatverein sind es zu Fuß nur fünf Minuten zum Gemeinderatssaal von Tornitz, der sowohl als Gemeindebibliothek, als auch als Sitzungssaal für die Belange der Dorfbewohner genutzt wird. Es ist ein relativ kleiner Raum, dessen liebenswerter Charakter durch den Bücher-Wandschrank, den schönen graugrünen Kachelofen, die Plastikblümchen und die roten Lehnstühle an der hufeisenförmigen Tischgruppe irgendwo zwischen Wohnzimmer, Privatbibliothek, Büro und Round Table schlingert. An den Wänden befinden sich dokumentarische Fotografien vom Dorfleben, sehr ähnlich jenen Bildern, die als Ausstellungsstücke auch schon im Heimatmuseum zu finden waren. Überhaupt ist der Gemeinderatssaal – ganz unbeabsichtigt – nicht weniger Display als das Heimatmuseum, einfach dadurch, daß er in den Augen eines Fremden so exotisch wirkt. Hier nun präsentieren Martin Schmidl & Florian Haas den zweiten Teil ihres Beitrags zur 3. Werkleitz Biennale. Hatten sie vorher nur Ausschnitte ihrer Recherche zu Dorfgeschichte und Bewohnern in die bestehende Ausstellungssituation eingefügt, so findet sich hier nun gewissermaßen die Vollversion ihrer Arbeit – und zwar in Form des 100 Seiten starken Büchleins „Tornitz und Werkleitz“, das zu diesem Anlaß produziert wurde (Auflage: 1.000) und in einigen Exemplaren auf dem Lesetisch ausliegt, kostenlos zum Mitnehmen. In diesem Büchlein ist nun die ganze thematische Bandbreite der von Schmidl & Haas geführten Interviews nachvollziehbar: die Entnazifizierung Ende der 40er Jahre, der 17. Juni, das Schicksal der ehemaligen LPG´s, die Tornitzer DVU-Wähler, die Anwesenheit der Werkleitz Gesellschaft im Dorf, die Tornitzer Heavy Metal Band Gelbkreuz, Arbeitslosigkeit usw. Über die vollformatigen Bildseiten – deren Motive übrigens z. T. mit den im Heimatmuseum normalerweise präsentierten Bildern identisch sind – sind dabei jeweils Zitate und Statements der Befragten montiert. Und plötzlich entsteht ein hochkomplexes Bild der Gemeinde, das so gar nicht mehr zu jenem Image paßt, das ein Fremder beim vorherigen (Ausstellungs-) Spaziergang durch die Dorfstraßen bekommen haben mag.

In der Auswahl und im Ausschnitt, in der Inszenierung und Dramaturgie des gesammelten Materials von Schmidl & Haas liegt Dissonanz: Trotz des ausbleibenden Kommentars der Dokumentaristen entstehen unweigerlich „Prototypen“, deren Übertragbarkeit auf die Gemeinde eine vordergründig unschuldige Beschaulichkeit relativiert – „Was Ihnen nicht gefällt, mag durchaus Kunst sein, aber was hilft Ihnen das?“ lautete der Titel einer früheren Publikation über vergangene Projekte von Schmidl & Haas. Da der Gemeinderatssaal durch sein exotisch wirkendes Ambiente so inszeniert und unwirklich erscheint, wird aber im Gegenzug auch der Status der scheinbar neutralen Dokumentation in Frage gestellt und gewissermaßen fiktionalisiert. So gesehen, ist diese Ergänzung eines vorgefundenen Displays noch viel komplexer als jene, die die Künstler schon im Heimatmuseum vorgenommen hatten.Die Straße nach Tornitz führt direkt auf ein altes Gehöft zu, das von ehrenamtlichen Helfern des hiesigen Kultur- und Heimatvereins zu touristischen Zwecken nach und nach zu einem Heimatmuseum umgebaut wird. Bereits fertiggestellt ist die sogenannte Heimatstube im Wohnhaus des Gehöfts, die neben Gerätschaften und Kleingegenständen typischen Dorflebens auch alte und neue Fotografien sehenswerter Dorffeste etc. zur Schau stellt. Als Martin Schmidl & Florian Haas zum ersten Mal dieses Mini-Museum besichtigten (es ist gewissermaßen das „öffentliche Gedächtnis“ der Gemeinde), fiel ihnen auf, daß nur ein kleiner Ausschnitt dessen repräsentiert ist, was hier wohl Dorfgeschichte und -kultur war und daß viele Zeugnisse der Vergangenheit ausgespart bleiben. Sie führten daraufhin viele Interviews mit Dorfbewohnern, fotografierten, stellten Textausschnitte zusammen und ergänzten dann zur Werkleitz Biennale die Heimatstube mit den unkommentierten Ergebnissen ihrer Recherchen. Nun also finden sich zwischen einer Beschaulichkeit vom Erntedankfest bis zur antiken Mistgabel auch Hinweise auf die sozialistische Vergangenheit mit der SED, auf Zwangsarbeit in Tornitz, auf die Zeit der Wende, auf die Geschichte des alten Kinos in der Dorfkneipe etc. In dezente Bilderrahmen gefaßt, fügen sich die textüberlagerten Fotografien (fünf Computerscans) von Schmidl & Haas formal recht unspektakulär in das bestehende Display ein – sie sind erst bei genauerer Betrachtung der Sammlung zu entdecken. Obwohl diese Einfügungen wertungsfreie Dokumentationen der Erzählungen der Dorfbewohner sind, mögen sie provokant wirken, indem sie die zuvor widerspruchsfrei dargestellte Dorfidylle relativieren.

Martin Schmidl & Florian Haas (D), Tornitz und Werkleitz, Kultur- und Heimatverein Tornitz, Heimatstube, 5 Computerausdrucke, 33 x 50 cm, in Bilderrahmen 50 x 70 cm; Gemeinderatssaal Tornitz, Publikation „Tornitz und Werkleitz“, 100 Seiten, s/w, 11,5 x 16 cm, Auflage: 1.000, zum Mitnehmen

 

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