To Die For

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Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen

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Werkleitz Festival 2010 Angst hat große Augen Angst in der schwarzen Schachtel – Filmprogramm
Filmprogramm
To Die For
13. 10. 2010

kuratiert von:

In diesem Programm geht es um den Kampf des Individuums mit seiner Umgebung, mit sich selbst und den daraus resultierenden Ängsten. Die offene, globalisierte Gesellschaft bietet dem Einzelnen einen scheinbar unendlichen Kosmos an Entfaltungsmöglichkeiten: Beruf, Wohnort, Kultur, Spiritualität, Sexualität, alles scheint individuell entscheidbar. Doch der Zugewinn an Freiheit wird mit einer tiefen Verunsicherung erkauft: Wenn ich alles sein kann, wer oder was möchte ich dann sein? Zudem ist die Freiheit der Identität eine Scheinfreiheit. Wenn wir aus den uns anerzogenen und mitgegebenen Mustern ausbrechen wollen, merken wir möglicherweise nicht nur zum ersten Mal, dass sie überhaupt da sind, wir spüren auch die Wirkungsmacht des Anerlernten. Diese überlieferten Muster kämpfen mit einer gigantischen Bilderindustrie, die uns – meist aus schnödem Profitstreben – eine Unzahl an nachahmenswerten Scheinidentitäten präsentiert: photoshopgestylte Idealkörper in simulierten Phantasiewelten. Manche Menschen bewegen sich durch diesen Irr- und Irrsinnsgarten der Möglichkeiten mit scheinbar traumwandlerischer Sicherheit. Aber für die, die von dieser Bahn abweichen, beginnt eine oft lebenslange Odyssee: die Suche nach einer Identität als emotionaler Heimat. So schlagen die Filme dieses Programms auch einen Bogen von der Jugend bis zum hohen Alter.

Thine Inward-Looking Eyes von Thad Povey spielt mit der psychologischen Erwartungshaltung des filmgeschulten Betrachters. Die Blicke der Protagonisten und die spannungsgeladene Musik scheinen auf etwas Dramatisches zu verweisen, doch nichts passiert.

Muntean & Rosenblum sagen über ihre Arbeit: „Eines unserer Hauptthemen ist die heutige Idee des Subjekts und die Frage nach dessen Identität. Hat das Ich heute noch eine zusammenhängende Struktur?“1 In To Die For stehen junge Menschen wie ausgeschnitten auf einem Rastplatz herum, die Kamera fährt an ihnen entlang, während sie sich zentrale Fragen des Lebens stellen. Die statische Szenerie steht im Gegensatz zu den emotionalen Fragen der Protagonisten; eine Dualität, die sich in dem Barockgesang des Videos wiederholt. Einerseits wirkt er unter den modernen Protagonisten verfremdend, andererseits überhöht er die Banalität der Rastplatzkulisse und verweist auf eine sakrale Dimension.

Martin Brand begleitet in Station eine Bochumer Jugendclique. Man trifft sich zunächst am Bahnhof, fährt dann zu einem nach Hause, hängt dort ab, hört Musik, trinkt und kifft. Die Kommunikation unter den Jugendlichen ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar. Freundschaftliche Gefühle und Spannungen, Musikgeschmack und ideologische Verortung scheinen gleichermaßen schnell zu wechseln; der Film greift weder durch Kommentar noch Montage strukturierend ein. Zurück bleibt das Gefühl großer Orientierungslosigkeit, selbst politische Grundeinstellungen scheinen nur noch Geschmacksache zu sein: „Wir sind links, Alter und hören uns die Fascho-Musik an … ich mach gleich was Besseres an. Auf jeden Fall keine Fascho-Mucke, da komm ich im Moment nicht drauf klar. Nachher ja, aber nicht jetzt.“

In Apologies bringt Anne Robertson ihre permanenten Selbstzweifel auf die Leinwand. In manischer Abfolge entschuldigt sie sich: bei allen, die bei diesem Film mitgearbeitet haben – weil es so anstrengend war; bei allen, die bei diesem Film nicht mitarbeiten konnten – weil sie nicht noch mehr Helfer brauchte; bei allen Tieren, die sie je gegessen hat – sie hätte ja auch vegetarisch leben können; schließlich beim Betrachter dafür, dass er sich diesen Film angucken muss. Und vor allem entschuldigt sie sich dafür, dass sie sich ständig entschuldigt. Apologies dürfte ein in der Filmgeschichte einmaliges Werk sein.

Porträts alter Menschen waren eine Tradition des sowjetischen Kurzfilms. In Iliuzijos (Illusionen) von Diana Matuzevičienė & Kornelijus Matuzevičius wird jedoch kein verdienter Kolchosvorsitzender geehrt, sondern ein chronischer Außenseiter. Der Schriftsteller Jokubas Josade war als Jude und Litauer beständiger Verfolgung ausgesetzt, seine Familie wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Angesichts des stalinistischen Antisemitismus vernichtete er alle Zeugnisse seiner jüdischen Identität einschließlich seiner eigenen Schriften. „Ich bin einsam seit meiner Jugend. Es scheint, dass keiner mich versteht, niemand teilt meine Auffassungen. Ich spreche wohl anders als die anderen, aber ich weiß nicht warum. Ich glaube, dass ich nicht alles anders sehe als die anderen. Jeder ist eine vom anderen getrennte, ist eine ganz eigene Welt für sich. Niemand kann in den anderen hineinsehen.“2 Josade verleugnet das Scheitern seines Lebens nicht. In einer Welt, in der nur Erfolg zählt und Unglück schamhaft verborgen wird, ist seine Klage etwas vollkommen Fremdes. So wird er zum tragischen Helden, auf der Erkenntnis der existenziellen Einsamkeit des Menschen beharrend.

Marcel Schwierin

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1 „Cerith Wyn Evans in Conversation with Markus Muntean and Adi Rosenblum.” In: MUNTEAN/ROSENBLUM, To Die For. De Appel Foundation, Amsterdam 2002 (Ausstellungskatalog).
2 Jewsei Zeitlin, Lange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes (Long Conversations in Expectation of a Happy Death), Berlin 2000 [based on conversations with Jokubas Josade]

Filmprogramm

    • Thine Inward-Looking Eyes, Thad Povey, USA 1993, 16mm, col, 2 min
    • To Die For, Markus Muntean & Adi Rosenblum, Austria 2002, col, 13 min
    • Station, Martin Brand, Germany 2005, video, col, 15 min
    • Apologies, Anne Robertson, USA 1990, Super-8, col, 17 min
    • Iliuzijos – Illusionen, Diana Matuzevičienė & Kornelijus Matuzevičius, Lithuania 1993, 35mm, b/w, 21 min

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