Theater der Tiere

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Filmprogramm
Theater der Tiere
14. 10. 2011

Schimpansen, die in Hose und Hemd mit Krawatte an Tischen sitzen und menschliche Manieren zeigen müssen, sind wahrscheinlich noch fast jedem aus Fernsehserien oder Zirkusübertragungen bekannt. Weniger bekannt sind aber – zum Glück natürlich – Szenen, in denen Eisbären mit ihren Trainern auf der Bühne sitzen und scheinbar lustig mit alkoholischen Getränken „einen heben“. In der Dressur für Zirkusse und Jahrmärkte war das Tier vor allem als lebende Karikatur menschlichen Verhaltens gefragt. Eine Inszenierung, die im frühen Film ungebrochen ihre Fortsetzung fand. Queerosites – Diving Horses ist ein besonders absurdes Dokument aus der Zeit tierischer Höchstleistungen im Dienste der menschlichen Unterhaltung: Pferde springen mit ihren Reitern von einer Art Zehn-Meter-Turm in einen Swimming Pool. Aber auch ohne Höchstleistungseffekt trägt die Dressur immer ihre Schatten ins Bild. In Theater der Tiere, einem sowjetischen Dokumentarfilm über ein berühmtes Tiertheater in Moskau, werden die Tiere im Prozess der Dressur wie im Akt der Aufführung vor dem Publikum gezeigt. Der Film macht auf bedrückende Weise anschaulich, warum die sowjetischen Artistenschulen im Umgang mit Tieren Weltruhm erlangten: Die Trainer hatten mit Pawlows Reflextheorie eine Lerntheorie zur Hand, die bei allen Tieren anwendbar war. Über den Zwangscharakter einer solchen Ausbildung vermögen jedoch die artistischen Leistungen der Tiere mit wedelndem Schwanz nicht hinwegzutäuschen. Es gibt aber auch in der Dressur der Tiere eine Dialektik. Zum einen lernten die Dompteure sehr schnell, dass man mit einem kranken, depressiven Tier nicht arbeiten kann, weil nur gesunde Tiere lernen. Zum anderen bot sich über das Tier in der Dressur immer auch die Möglichkeit des Einschlusses der Tiere in die Menschenwelt. Der Film Die Hinrichtung des wildgewordenen Riesenelefanten Arno, von 1910 bis 1914 in Deutschland gedreht, ist dafür ein Beispiel. Der wegen eines Vergehens gegen Menschen zum Tode verurteilte Elefant ist rechtlich noch nicht aus der Menschenwelt ausgeschlossen. Bis ins 18. Jahrhundert wurden etwa Pferde, die den Tod eines Menschen verursacht hatten, nach demselben Recht förmlich verurteilt und gehenkt wie Menschen, die das Gleiche getan hatten. Um jedes Missverständnis zu vermeiden: Das ist natürlich grausam und zu verurteilen, wie jede Todesstrafe zu verurteilen ist. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass in diesem grausamen Film der „rassistische Ausschluss der Tiere aus der Menschenwelt“, von der der Philosoph Jean Baudrillard spricht, noch nicht vollzogen ist. Die Tiere gehören auch in ihren Untaten noch dazu. Und der billigste Schluss in diesem Fall wäre jener, der behauptet, dass Tiere so nicht verurteilt werden dürfen, weil sie für ihre Handlungen ja nicht in unserem Sinne selbstbewusst zur Verantwortung gezogen werden können. Das stimmt natürlich, löst aber keines der hier anstehenden Probleme. Der Versuch einer Lösung des Konfliktes um die Tierhaltung wie die Todesstrafe müsste anders aussehen, besser eher so: Der Schriftsteller J. M. Coetzee erzählt, um der Behauptung zu widersprechen, Tiere seien zu stumm und zu dumm, um für sich zu sprechen, eine Geschichte um Albert Camus. Camus musste als kleiner Junge für seine Großmutter eine Henne aus dem Käfig holen und dann zusehen, wie sie der Henne mit dem Küchenmesser den Kopf absäbelte. Der Todesschrei der Henne hat sich Camus so eingeprägt, dass er 1958 eine Streitschrift gegen die Guillotine verfasste, die zur Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich beitrug. „Wer will nun behaupten, dass die Henne nicht gesprochen hat?“, schließt die Episode bei Coetzee.

Im Programm folgen die Filme der Entwicklung der Dressur bis zu ihrer beginnenden Kritik. In den Interaktionen des Künstlers William Wegman mit seinem Weimaraner Man Ray  versucht Wegman dem Hund erfolglos das Rauchen beizubringen. Das Ergebnis seiner Filme wie auch dieses Programms ist: In dieser Form der Dressur sollte man die Tiere besser weglassen. 

Filmprogramm

  • Man Ray rufen,  William Wegman, USA 1974, 1 min
  • Cockfight, No. 2, W. K. L. Dickson & William Heise, Edison Manufacturing Company, USA 1894, 1 min [Piano]
  • The Acrobatic Fly, Percy Smith, UK 1910, 3 min [Piano]
  • Zirkus Sarrasani im Weltkrieg: Die Hinrichtung des wildgewordenen Riesenelefanten Arno, DE 1914-18, 3min [Piano]
  • Gus Visser and his singing Duck, Theodore Case & Earl Sponable, USA 1925, 3 min
  • Spelling Lesson, William Wegman, USA 1973, 1 min
  • Queerosities – Diving Horses, Major Film Laboratories Inc., USA , 1 min
  • Chevrolet Leader News (Vol. 3, No. 2): Doggy Crowd gets ringside-seat at Pussy-weight Battle, Jam Handy Organization, USA 1937, 2 min (Ausschnitt)
  • Theater der Tiere, N. Agapowa, UdSSR 1950, 35mm, 38 min; Archiv Bundesarchiv-Filmarchiv
  • Smoking, William Wegman, USA 1977, 1 min
  • Second Nature – Fox and Crow, Guy Ben-Ner, UK/IL 2008, 11 min

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