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Mariette Dölle

Anna Molska in Zusammenarbeit mit Krzysztof Franaszek, The Site

Anna Molska (1983) war mit ihrer Zweikanal-Videoarbeit W=F*s(work) and P= W;t(power) die große Überraschung der 5. Berlin Biennale, 2008. Damals war sie die jüngste Teilnehmerin und sogar noch Studentin. Im Sommer 2008 schloss sie ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste in der polnischen Hauptstadt Warschau ab. Während ihres Studiums konzentrierte sich Molska hauptsächlich auf Neue Medien (Video und audiovisuelle Arbeiten), ein Fach, das von Grzegorz Kowalski gelehrt wird, der auch Lehrer anderer bekannter polnischer Künstler war, darunter Pawel Althamer, Artur Żmijewski und Katarzyna Kozyra. Grzegorz Kowalski bezeichnet seine Lehrmethode als „Partnerschaftliches Lehren“: ein Prinzip, wonach die Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Fragen und die Teilnahme an der Gesellschaft als ein Merkmal von Kunst ebenso wichtig sind wie der künstlerische Ausdruck selbst. Kowalski stellt seine Schüler vor die wichtige Entscheidung, Kunst entweder im geschlossenen, sicheren Milieu der Kunstwelt zu praktizieren oder mit starkem Engagement für die Gesellschaft.

Molskas Videoarbeiten zeigen oft eine Kombination beider Elemente, als ob sie auf der Suche nach einem Mittelweg durch diese divergenten Funktionen der Kunst sei. Einerseits ist beispielsweise in ihren Bildern arbeitender Menschen ihre Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen deutlich sichtbar. Sie interessiert sich hier für das Bild der Menschen, die gemeinschaftlich eine spezifische Aufgabe erledigen. Andererseits experimentiert Molska mit der Bildsprache der Avantgarde, zum Beispiel mit Bildern, die auf dem Kopf stehen, die sie in einen verfremdenden Kontext stellt, oder durch sehr starke Zooms. Im Ergebnis sieht man eine zweidimensionale, abstrakte Filmkomposition. Anna Molskas Arbeit basiert unübersehbar auf der Bildsprache der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, in der der Arbeiter und der Athlet eine Hauptrolle spielen. Es ist jedoch unklar, ob sich hier Geschichte als Tragödie oder Farce wiederholt.[1] Die hart arbeitenden Werktätigen treten in Molskas Video Work als ein Symbol kommunistischer Ideale auf, während die suprematistischen Flächen ihrer verfremdeten Bilder einen direkten Verweis auf die junge Avantgarde der Sowjetunion herstellen. Indem sie diese Referenzen einander gegenüberstellt, erkundet Molska die Spuren kommunistischer Vergangenheit im heutigen Polen. In ihrem Zweikanal-Video W=F*s(work) and P= W;t(power) sieht man zuerst einen Squashcourt, der mit roten Linien auf dem weißen Boden und den weißen Wänden markiert ist. (Rot und Weiß sind auch die polnischen Nationalfarben). Die weißen Bälle fallen in den Bildausschnitt – einzeln oder auch zu mehreren – doch die Ausgangskraft, die hinter ihren Bewegungen steht, bleibt unsichtbar. Was man sieht, sind abstrakte Muster aus roten Linien und Dreiecken des Spielfelds, die von den unregelmäßig fallenden Bällen unterbrochen werden, eine vage Reminiszenz an abstrakte, konstruktivistische Kompositionen. In der Parallelprojektion wird ein verschlammter Acker sichtbar. Arbeiter errichten ohne allzu große Eile ein wackeliges Eisengerüst im grauen Schlamm eines ausgetrockneten Tümpels. Nachdem sie das Gerüst zusammengebaut haben, wofür sie offensichtlich angestellt wurden, klettern sie auf die Konstruktion und machen sich miteinander bekannt. Das Gerüst verweist direkt auf die „menschlichen Pyramiden“, die an kommunistischen Propaganda-Aufmärschen teilnahmen. Der Arbeit liegt das verborgene, jedoch deutlich eingeschriebene Narrativ von Mut, Männlichkeit und Kraft zugrunde, vereint in der Figur des Arbeiters. Das Muster der Gehorsamkeit erinnert uns daran, wie Formen und Muster ein spezifisches Verhalten von Individuen und Gruppen verstärken und damit Gemeinsamkeiten und aufgabenorientierte Gemeinschaften formen.

Molskas Interesse an der Dokumentation von Arbeit und gemeinschaftlich arbeitenden Menschen wird auch in ihrem Projekt für Impakt in Utrecht sichtbar. Allerdings ersetzen diesmal Kunststudenten die Arbeiter als Subjekte des Videos. Im Zeitraum einer Woche, vom 2. bis 10. Februar 2009, dokumentierte Anna Molska in Zusammenarbeit mit Krzysztof Franaszek Tätigkeiten, die Studenten der Kunsthochschule Utrecht auf einem leeren Stück Land durchführten.

Als Impakt Anna Molska für den Winter 2008/2009 nach Utrecht einlud, schlug sie eine Arbeit vor, die während ihres Aufenthalts in Utrecht entstehen würde und in der es um die fortgesetzte Erforschung von Gruppendynamiken und angeleitetem/freiem Verhalten gehen sollte. Für ein Aufenthaltsstipendium scheint das ein naheliegender Ausgangspunkt zu sein, und doch war sie eine der ersten EMARE-Stipendiaten bei Impakt, die als Leitbild für die Entwicklung einer neuen Arbeit ausdrücklich den lokalen Kontext und die Gegenwart einbezog. Im Rahmen von Stipendien für Neue Medien ist diese Vorgehensweise eher selten, häufig hingegen nutzen die Künstler die technischen Möglichkeiten und das Expertenwissen der Mitarbeiter, um eine bereits vorhandene Arbeit voranzubringen, sie führen zielorientierte Recherchen durch oder die Endmontage eines Videos. Anna Molska wählte eine offene, experimentelle Vorgehensweise. Die Arbeit, die aus diesem Vorhaben erwachsen ist, ist eine „typische Molska“ mit allen Charaktermerkmalen ihres (noch jungen) Schaffens. Viele ihrer Arbeiten eröffnen mit einer kleinen, fast beiläufigen Beobachtung, in diesem Fall mit dem alltäglichen Blick auf eine Baustelle gegenüber ihrer Unterkunft in Utrecht. Im Video sieht man eine liegengebliebene Baustelle, die auf der einen Seite von einem Wohnblock und auf der anderen von einer Schnellstraße begrenzt wird. Es scheint, als seien die Bauarbeiten für eine Winterpause unterbrochen – die Pfützen sind eisbedeckt. Eine Gruppe Jugendlicher hat den Ort in Besitz genommen. Ihre teilweise sinnvollen, teilweise absurden Tätigkeiten werden aus einer dokumentarischen Perspektive festgehalten, mit einer fast unbeholfen wirkenden Kameraführung. Ein Junge bereitet Suppe und backt Pfannkuchen. Ein Mädchen wirft Kleidung über die gefrorenen Pfützen, bevor sie sie zum Trocknen aufhängt. Verschiedene Aktivitäten drehen sich um weiße Ballons. Eine Hütte wird gebaut und Musik gespielt. Ein Möwenschwarm wird mit Brot gefüttert. Die Kamera nimmt alles mit gleichem Interesse auf. In regelmäßigen Abständen verliest eine Stimme aus dem Off Fakten über das Stück Land.

Franaszek – ursprünglich ein Performancekünstler – und Molska gaben den Studenten lediglich minimale Anweisungen. Sie sollten für eine gewisse Zeitspanne anwesend sein und entweder individuell oder kollektiv agieren. Der Großteil ihrer Tätigkeiten wirkt wie ein Echo des alltäglichen Lebens, das sich früher in dem nun abgerissenen Häuserblock auf dem Gelände entfaltete. Aber bei wem liegt die Entscheidungsmacht darüber, was gezeigt wird? Alle Tätigkeiten wurden von den „Schauspielern“ ersonnen, Molska und Franaszek nahmen lediglich auf, was stattfand, und sammelten Bilder und Klänge, vorzugsweise so „amateurhaft“ wie möglich. Und doch geht der Aspekt des Dokumentarischen über den Umstand hinaus, dass sie vorhandene Menschen und Situationen als Ausgangspunkt nehmen. Hier ergibt sich eine interessante Variation zum Unterricht in Kowalskis Atelier, der so tiefen Eindruck bei Molska und anderen jungen Künstlern hinterließ und den sie erst vor kurzem abgeschlossen hatte. In Utrecht ersetzte Molska Teilnahme – die Konstruktion einer Situation, in der die Studenten maximale Kontrolle darüber haben, was sie lernen – durch die Macht der Teilnehmer über die Arbeit, die letztendlich jedoch sie als Künstlerin schafft. Den Studenten ist das bewusst und auch der Umstand, dass ihre Tätigkeiten irgendwann einmal von Molska und Franaszek einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden. Das ist der Grund dafür, dass sie in der holländischen Winterkälte außerhalb ihrer üblichen Umgebung, dem Atelier, die Verantwortung annehmen und ein leeres Stück Land zum Leben erwecken durch Aktionen, die manchmal charmant, manchmal unlogisch und immer inspiriert wirken. Später, wenn die Anweisung zur Wiederaufnahme der Bauarbeiten erfolgt, wird genügend Zeit für geordnete, verantwortliche und (scheinbar) logische Tätigkeiten sein. 


Teile des Textes sind in Zusammenarbeit mit Impakt entstanden.

[1] Michal Wolinski, Ania Molska. ‚Symbols of a Rust-Eaten Utopia‘. In: Metropolis M nr. 5, 2008

Anna Molska in Zusammenarbeit mit Krzysztof Franaszek, The Site

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