The Performative Indoctrination Model: Colonialism without tears

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction

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The Performative Indoctrination Model: Colonialism without tears
D 1998

Bevor ich beginne, möchte ich zwei Tatsachen anschneiden. Öffentliche Deklamation ist ein Akt des Diktierens, und diktiert wird von einem Diktator. Ein Diktator ist jemand der spricht, während andere zuhören, jemand, der die Parameter eines Diskurses innerhalb einer Gruppe, einer Nation oder eines Reiches festlegt … ein Diskurs, der in Körper und Seele der Subjekte festgeschrieben wird.

Das Diktat wird im Manuskript verkörpert und das Manuskript war immer der Eingeladene, jedoch übelgenommene Gast am Tisch der Performance. Es gibt immer einen Kampf mit bzw. eine Nachgiebigkeit gegenüber dem Manuskript – die Stimme des Autors.

Die andere Frage, die ich ansprechen möchte, ist die Verwirrung zwischen den Diskursen der Propaganda, der Propagation und des Krieges. Mein Präsident, Bill Clinton, ist gekommen, um diese Verwirrung zu verkörpern. Als er wegen seiner Lüge, daß er Monica Lewinsky gefickt hat zur Verantwortung gezogen werden sollte, hat er sich nur umgedreht und den Sudan und Afghanistan gefickt, um eine Plattform für seine Beichte zu haben. „Der Mann hatte ein starkes Bedürfnis zu beichten“, wie man in der Kirche sagt. Das Beichten ist die Sublimation von einem körperlichen Orgasmus in einen moralischen. Es ist die Okklusion des Körpers des Performers durch den Textkörper. Der junge George Washington hatte gebeichtet, daß er die Axt seines Vaters genommen hatte, um einen Kirschbaum zu fällen. Im wahrhaft amerikanischen Stil konnte er nicht nur eine Kirsche abpflücken oder seine Unschuld leise verlieren, er mußte den ganzen verdammten Baum fällen. Vielleicht war diese Tat auch eine Art Rache. Also waren sowohl Clintons „Fucking Confession“ Performance als auch seine „Military Fuck“ Performance Kollus … Okklusionen.

Das Beben der Stimme, der Versprecher, das Stottern, die Atemnot im Lampenfieber, all die Symptome, die Performer bei ihrer Performance erfahren und ihr professionelles Können nutzen, um dies zu bewältigen … das sind Okklusionen. Die Okklusion ist das Zeichen des Aufstandes von Teilen des Körpers gegen die Diktatur der Großhirnrinde. Es ist ein performativer Bruch in zwei Richtungen: der Körper verstopft den Text; der Text verstopft den Körper. Es ist die Okklusion, die den Ausbruch von Ekstase und Furcht bei einem Diktator bezeichnet – der Text überwältigt, nimmt den Körper ein, aber der Körper kämpft darum, sich der moralischen Ellipse, die für die ekstatische Erleichterung erforderlich ist, zu erwehren.

(Pause, … senkt den Blick zum Funkmikrofon und entfernt es vom Kragen)

Wenn ich dieses Mikrofon wegnehme und … (verschluckt das Mikrofon)

Jetzt werde ich die Worte auf dieser Seite sorgfältig vorlesen … Aber egal wie sorgfältig ich sie vorlese, man wird den performativen Bruch hören, den Verrat des automatischen Nervensystems durch den Text und den Kampf gegen den Text durch den Körper – der Kampf resultiert in ein Bluten ethischer Vieldeutigkeit: die schlechte Tat, die arglistige Tat: die Tat der Kollusion. Schlechtes Handeln ist arglistig … das ist der Fall, wenn der Handelnde/Diktator sich scheinheilig darauf verläßt, daß ihn der Körper vom Faschismus des Manuskripts befreit … Und sich gleichzeitig darauf verläßt, daß das Manuskript ihn aus der Verantwortung für seine Handlung nimmt. Also kann ich in dieser Performance des Textes nur auf Okklus … Kollusion hoffen. Alles, worauf ich hoffen kann, ist Ok-kollusion, ein Tanz auf den Gräbern der Toten … Zeichen durch die Flammen.

(Video Prelude: Lee Weng Choy)

Warum hängen westliche KünstlerInnen und Intellektuelle immer noch an der Fantasie, daß Performancekunst im Westen etwas verändern könnte?

Das geschieht nur an Orten wie Südostasien, wo Performancekunst eine wirkliche Rolle spielt. Wenn ich das erklären darf: Jedesmal reinkarniert sich die Moderne da, wo sich der neueste Schauplatz des Geschehens befindet. Aber bleiben wir beim Thema kulturelle Modernität. Erinnern wir uns, wie New York moderne Kunst aus Europa gestohlen hat. Der Begriff postmodern entbehrt natürlich der Präzision; ein besserer Name wäre vielleicht schizo-chronische Modernität, wo der „neueste“ Schauplatz gleichzeitig die kulturellen Formen der Vergangenheit befördert, selbst wenn dieser in seiner kulturellen Entwicklung den vorhergehenden hinterherhinkt. Wenn ich die Ihnen sicherlich wohlbekannten Voraussetzungen meines Argumentes noch einmal durchspielen darf: New York lag lange hinter Paris als kulturellem Zentrum zurück; und selbst heute hat es noch nicht ganz aufgeholt, da es nie die Dichte europäischer Geschichte erreichen wird. In seiner Blütezeit in der Mitte des Jahrhunderts jedoch hat Amerika die Malerei weitergebracht und Europa überholt, obwohl es vorher nicht „richtig“ aufgeholt hatte. Europäismus war der erste Universalismus der Modernität. Als der Amerikanismus den Europäismus überholt hatte, hat sich der erstere als neuer Univeralismus aufgedrängt – deswegen ist der Begriff „amerikanische Modernität“ nicht so gebräuchlich wie „westliche Modernität“. Amerika hat sowohl Europa assimiliert, wie es auch selbst von der großen Fallkurve Europas assimiliert wurde.

Dasselbe, was mit europäischer Modernität geschehen ist, geschieht mit westlicher Modernität. Verschiebungen. Wir in Südostasien werden die postmoderne Kunst von den Amerikanern übernehmen. Lassen Sie sich nicht von der momentanen Wirtschaftskrise abschrecken. Wir werden es durchziehen. Die Zukunft der Modernität gehört uns.

Natürlich kämpft der Westen um das Überleben seiner kulturellen Postmodernität, und er hat einen guten Kampf geliefert – lange Zeit hat er Südostasien mit „fortschrittsüberwachenden“ kulturellen Agenten infiltriert. Wie sonst ließe sich der Boom in der Performancekunst und Installationskunst in Südostasien über die letzten zehn Jahre etwa erklären.

Aber schaut, was an ihren Universitäten passiert: Amerika mag die Informationszentrale der Welt noch für eine ganze Weile bleiben, aber die fortschrittlichsten intellektuellen Zentren in Amerika sprechen und publizieren fast nur noch über die asiatische Modernität. Wir werden ihre Avantgarde werden.

Hochachtungsvoll
Lee Weng Choy

(Video Lan Gen Bah)

Nehmen Sie dies als Warnung oder besser als Mahnung, obwohl „das Kleingedruckte in einem Vertrag“ vielleicht zutreffender wäre – oder vielleicht sogar „Gebrauchsanweisung“.

Lassen Sie mich von Lee erzählen. Lee Weng Choy. Wie Sie ganz sicher bemerken, lügt er. Er spricht, er lügt. So wie ich.

Aber zu sagen, daß Lee lügt, ist wie zu sagen, daß er spricht. Zu sagen, daß Lee seine Gedanken denkt, ist wie zu sagen, daß seine Gedanken sich ihn denken. Sie gehören mir. Ich meine, sie gehören mir genauso. Die Frage bleibt, ob es auch Ihre sind? In welcher Weise ist die heutige Theorie die Sprache, die uns spricht? Die für uns lügt, uns anlügt, über uns lügt?

Aber all das wußten Sie ja schon. Also ist das wie die Warnung auf der Zigarettenschachtel – wir alle wissen, daß sie überflüssig ist, aber es hat etwas Beruhigendes, gewarnt zu werden, daß unser Vergnügen uns umbringt.

Ihre et cetera
Lan Gen Bah

Vor zwei Jahren veranstaltete ein Gruppe regierungsunabhängiger Organisationen aus Asien eine Konferenz in Malaysia, die sich mit der Frage der Selbstbestimmung in Ost Timor beschäftigte. Die Konferenz dauerte 10 Minuten, bevor sie von einer eng mit der malaysischen Regierung verbundenen Gruppe, die Suhartos Druck, die Konferenz nicht zuzulassen, nachgegeben hatte, aufgelöst wurde. Die Menschen in Ost Timor haben seit der indonesischen Invasion 1975 für ihre Unabhängigkeit gekämpft. Es wird geschätzt, daß 200.000 BürgerInnen Ost Timors, etwa ein Drittel der Bevölkerung, getötet oder verschleppt wurden. Ost Timor ist einer der bedeutendsten Schauplätze des Völkermordes im zwanzigsten Jahrhundert und Suharto war ein bevorzugter Empfänger von Investitionen der Deutschen Bank.

In der Zwischenzeit hat mein Land, die USA, in den letzten 30 Jahren Milliarden Dollar für die Unterstützung der Militarisierung des Suhartoregimes ausgegeben, um sich einen stabilen Alliierten in Südostasien zu sichern, der offen für amerikanische Investitionen ist. Dies war Teil eines größeren Projektes, das die Herzen und Seelen der Menschen im asiatischen Pazifikraum und Europa fesseln sollte. Das Epizentrum dieses Projektes war Berlin. Alte Beziehungen aus dem kalten Krieg kommen wieder und wieder zum Vorschein, besonders in Zeiten wirtschaftlicher Krisen.

Als wir Ziele im Sudan und in Afghanistan angegriffen haben, hat Ihre Regierung unsere Rache in fundamentaler Weise unterstützt.Während die USA versuchen, die gegenwärtige kapitalistische Weltordnung durch „Staatsterror en gros“ beizubehalten, scheint Osama bin Laden zu hoffen, diese Ordnung durch „korporativen Einzelhändlerterror“ zu destabilisieren, um eine neue Ordnung entstehen lassen zu können. Osama sieht in den Vereinigten Staaten und ihren Einrichtungen wie FBI, NSA, NSC, CIA, den „think tanks“ und Tochtergesellschaften des militärischen Industriekomplexes das größte Netzwerk des Terrorismus weltweit. Auch Martin Luther King sah das FBI als inländische Terrororganisation. In letzter Zeit hat das FBI angefangen, sein Fachwissen auch außerhalb der USA einzusetzen. Aber staatliche Unterstützung und Propagation des Terrors ist nichts Neues. Als Konzept und Methode fand er seinen Platz mitten im Herzen der europäischen Aufklärung. Die Ära des Kolonialismus zeigt, daß das Aufkommen der Nationalstaaten und der Modernität untrennbar mit der Propagation des Terrors, wie die französische Revolution, verbunden sind.

Es ist uns klar, welche Vision der Weltordnung zu unterstützen Deutschland gewählt hat. Wir erkennen an, daß auch Ihr in die Frucht aus dem Garten irdischer Genüsse gebissen habt.

Um nun einen Schritt in die Vergangenheit zurückzugehen, hat sich der US-amerikanische Geheimdienst in der Zeit des Krieges in Vietnam entschlossen, daß es an der Zeit ist, unsere Militärausgaben im Ausland zu erhöhen, indem man einführte, was wir die drei A´s („accessing, assessing, addressing“) hinsichtlich der Informationsanforderungen freundlicher Regierungen nennen. Kurz gesagt war es an der Zeit, sich mit unseren Verbündeten in das Informationszeitalter zu bewegen. Aus dieser Analyse heraus wurde die CII, die „Cultural Intelligence Initiative“, geboren und ein weniger bekanntes Projekt innerhalb dieser Initiative, das National Peace-time Propaganda Project (NPPP). Ursprünglich wurde es vom Kontrollausschuß für Verteidigungsausgaben überwacht, in der Folge einer der 40 Ausschüsse des nationalen Sicherheitsrates, der auch verantwortlich für Geheimdienstaktivitäten in anderen Gegenden der Welt, vor allem Mittel- und Südamerika, ist.

Den ersten Kontakt mit dem „Network“ hatte ich 1989, kurz nach meiner Ankunft in Südostasien. Durch meine Forschungsarbeit in den letzten acht Jahren lernte ich KünstlerInnen und IdeologInnen, die in der Region arbeiten, kennen. Und aus unserer gemeinsamen Beobachtung heraus haben wir angefangen, eine Theorie der Performativen Propaganda & Indoktrination zu entwickeln, die wir liebevoll PIM („Performative Indoctrination Model“) nennen. Ich würde Ihnen nun gerne das Modell erläutern.

Zunächst jedoch sollte ich die Arbeit meiner zwei Kollegen vorstellen: Lee Weng Choy und Lan Gen Bah. Sie wurden von mir eingeladen, aus der Ferne einen Beitrag zu dieser Präsentation zu leisten, da sie sich gerade in Südostasien aufhalten, und waren einverstanden, Videosegmente zu schicken. Sie bestanden jedoch darauf, daß folgendes Dementi in das Gespräch aufgenommen wird, ich zitiere:

Im fortgeschrittenen Stadium arbeitet der Propagandist wie William Burroughs „hombre invisible“, der die anderen zuerst sieht und dadurch nicht sichtbar für sie bleibt. Und die Propaganda funktioniert wie ein gestohlener Brief, der nicht wahrgenommen wird, wenn er offengelegt ist. Um in diesem Bereich effizient zu bleiben, müssen wir dieser „hombre invisible“ sein und unsere Arbeit muß ein „gestohlener Brief“ sein.

In letzter Zeit haben Lee und Lan begonnen, neue kollaborative Formen dogmatischer Verbreitung zu erforschen, die sie ironisch als „Die Methode“, nach Stanislawski, bezeichnen.

Die Methode ist ein einmaliges Hybrid aus Kunst, Agitprop und Theorie, die sich Elemente aus Dada, Futurismus, früher sowjetischer Agitprop, faschistischer italienischer Agitprop, Fluxus, dem Theater von Brecht, Grotowski und Squat, Fanon, den Arbeiten von Guy Debord, der Situationistischen Internationalen, Hans Haacke und den Spektakeln von Goebbels und Speer aneignet. In Amerika haben wir die Arbeiten von Judy Chicago, Nam June Paik, Ronald Reagan, Bill Clinton, Paulo Freire und Augusto Bal in Anspruch genommen. In Asien haben wir uns Elemente aus vorkolonialen Ritualen und Performances, einschließlich Bangsawan, Wayang Kulit, philippinischer Sinakulo, marxistischer Sinakulo, der Arbeit vieler asiatischer KünstlerInnen und IdeologInnen wie etwa Aung San Suu Kyi, PETA, der Arbeit von „Fifth Passage“, Ho Chi Minh, Pauline Hanson, Mao Zedong, Lee Kuan Yew und PAP angeeignet.
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Meine eigene Arbeit, die sich mit der Veränderlichkeit von Anschauung und Identität beschäftigt, hat ebenfalls einen Platz in der Methode gefunden. Und natürlich die frühen Arbeiten von Lee Weng Choy und Lan Gen Bah. Die Agitationen Lans, die im allgemeinen durch die Massenmedien der Zielgesellschaften bekannt werden, schenken der Ästhetik der Kulturrevolution und dem „großen Sprung nach vorn“ Bedeutung. Während Lan zu großen Spektakeln tendiert, gräbt Lee rhizomatische Ranken der Formung von Repräsentation und Identität in der Zielgesellschaft aus. Die Methode ist auch von den Propagandaprojekten der kolonialen Mächte beeinflußt, die zuerst von Gelehrten aus dem Orient und strukturalistischen AnthropologInnen des 19. und 20. Jahrhunderts entwickelt wurden und nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Vereinigten Staaten wieder Verwendung fanden.

Lee & Lan haben diese westliche Propagandatradition mit dem stark paternalistischen Modell kombiniert, das in Singapur, China und Indonesien angewandt wird – ein Modell, das bis zu den Deva Raja-Kulten der Khmer und Sailendra Reiche im zehnten Jahrhundert und dem Reichsgericht in China zurückverfolgt werden kann.

Wir haben entdeckt, daß wir durch die Verwendung von im Grunde osmotischer Übertragung multipler, feiner Datenschichten die „Subjekt-Bevölkerung“ in unauflösbare paradoxe Zustände, erinnernd an Batesons Dilemma, versetzen können. Beim Versuch, die paradoxe Bindung, in der sie sich befindet, aufzulösen, wird die „Subjekt-Bevölkerung“ unbeabsichtigt zum Kollaborateur der eigenen Indoktrination.

(Pause)

Die Methode ist Volks-Spezifisch, Ereignis-Spezifisch, Orts-Spezifisch und äußerst selbstreflexiv. Um sich eines Begriffs aus der digitalen Welt zu bedienen, kann man die Methode als „rapid prototyping“ des sozio-politischen Kontextes betrachten und folgt, wenn möglich, monate- oder jahrelanger Grundlagenforschung in diesem Kontext.

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: eine ländliche Intervention in Indonesien mag eine zyklische Struktur haben; mit Absprachen, die sich nach Wasserrechten für Reisfelder richten. Solch ein Ansatz würde in einer postindustriellen Gesellschaft wie das urbane Singapur, Berlin, New York oder Jakarta offensichtlich nicht funktionieren. In diesen Gesellschaften des fortgeschrittenen Spektakels haben wir festgestellt, daß die Menschen nicht allein durch die Manipulation traditioneller Strukturen zu überzeugen sind, sondern vielmehr anfällig sind gegenüber der Ausbeutung der inhärenten Konflikte zwischen den Interessen der bürgerlichen Gesellschaft und denen des Staatsapparates oder denen zwischen hegemonischen und marginalisierten Gruppen – die letztere Methode ist besonders zutreffend auf das heutige Deutschland mit den bestehenden Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschland.

Die Methode wurde angewandt, um in der Zielgesellschaft ein „readymade“ System von Spektakeln, Anschauungen, Mythen, Ideologien, Ritualen und – nur wenn unbedingt notwendig – konstruierten Krise einzuführen.

Die Methode ist ein kulturelles Trojanisches Pferd, das den Anschein eines starken Zentrums kreiert, welches im Zusammen-hang damit stehen könnte, was wir „kulturelle Entitäten“ nennen; das sind traditionelle Arten der Produktions-, Klassen-, Ethnik- und Geschlechterrollen-Demarkationen.

Ich benutze den Begriff „readymade“ absichtlich, da Duchamps Konzept essentiell für unsere Forschung ist. Besonders seine „Standard Stoppages“ führten eine Forscherin in unserer „Theoretical Structures Task Force“ (TSTF) zu Poincares Theorie der Konvention und Maßnahme, die sie auf Phänomen-Profile aufstrebender Gesellschaftssysteme anwendet, z. B. Gesellschaften am Rande chaotischer Transformation oder Auflösung. Sie hat herausgefunden, daß die „Standard Stoppages“ – die die Ausübung beabsichtigter Zufälligkeit in einem vierdimensionalen Feld artikulieren – uns eine Technik anbieten, Verhaltensmuster zu bewerten, die in Gesellschaften beobachtet werden, die unter schwerem Druck stehen.

Obwohl der Strukturalismus in der postmodernen Ära krititisch angegriffen wird, sehen wir es als nützlich an, auf die Arbeit, die von strukturalistischen Anthropologen und Bürokraten der späten Kolonialzeit (Durkheim, Levi-Strauss, Malinowsky, Boas und Mead) geleistet wurde, zurückzugreifen, da sie es waren, die die Beobachtungsprinzipien entwickelt haben, die effektiv die kulturelle Komplexität zu grundsätzlichen sozialen Strukturen und ihren Zeittransformationen reduziert. Aus unseren Beobachtungen schließen wir, daß der bezeichnete oder nicht bezeichnete Zweck jeglicher Propaganda darin liegt, Diskontinuität im sozialen Bereich zu eliminieren oder zu reduzieren, eine scheinbar kontinuierliche Gegenwart zu präsentieren und das Chaos alltäglicher sozialer Beziehungen in einen zusammengehörenden ideologischen Bereich zu transformieren.

Wir haben fünf eigenständige Stufen eines erfolgreichen Propagandaprojektes in einer postkolonialen Gesellschaft festgestellt.

Manifestation

Gerade kurz vor einem Wechsel der Regierung oder der Gesellschaftsordnung oder bei einem Paradigmenwechsel in einem Wissensgebiet, wie der Kunst etwa, muß die Propaganda eine klare ideologische Alternative zum status quo bieten. Manifeste Propaganda: Das Manifest, das Traktat, das Pamphlet und die Karikatur sind die ursprünglichen Mittel dieser Übertragung. Obwohl wir normalerweise annehmen, daß Manifeste Undergroundpublikationen sind, die von Hand zu Hand weitergereicht werden oder von anonymen Agenten verteilt werden, ist das Manifest zuerst und zuvorderst performativ.

Manifeste werden von der Kanzel, im Gefängnis, vom Rednerpult, an der Straßenecke, in der Kneipe, in der Kunstgalerie gehalten oder im Internet geposted, wie im Fall von Commandante Marcos oder beim Unabomber.

Das Manifest stellt den Moment dar, wenn ein Propagandaprojekt sich in das tägliche Bewußtsein der Menschen drängt; buchstäblich in dem Moment, wenn das Projekt vor dem Hintergrund täglicher Realität manifest wird. Das Manifest fragt an … ruft das Volk aus … und evoziert den Erkenntnisreiz in einem immer größer werdenden Kreis von Menschen und treibt sie von der passiven Wahrnehmung zur aktiven Teilnahme.

Hybridisierung

Die zweite Stufe der Indoktrination, die „Hybridisierung“, beabsichtigt die Möglichkeit, eine neue performative Ordnung in den Köpfen und Herzen des Volkes zu eröffnen.

Die Anschauungen, die zunächst in Form des Manifestes präsentiert werden, gelangen in die Straßensprache, werden konsolidiert und hybridisieren hinein in die alltägliche Lebensführung.

Essentialisierung/Mythifizierung

Während der „Essentialisierung“ oder „Mythifizierung“ werden die beständigen Anschauungen und Vorurteile der hegemonischen Gruppe mit der neuen Ideologie veredelt, die so eine mythische Rechtfertigung und etwas Schicksalhaftes aus diesen historischen Assoziationen erzielt.

Die im 18. und 19. Jahrhundert in Europa und Amerika entwikkelten kolonialen „Wissenschaften“ der Eugenik wurden ursprünglich benutzt, um die Sklaverei in den Vereinigten Staaten und die Kolonialpolitik in Europa zu rechtfertigen. Viele dieser Anschauungen wurden von den Nazis übernommen, um ihre rassischen, ethnischen und kulturellen Säuberungen zu rechtfertigen.

Für Aimé Césaire, Schriftsteller aus Martinique, war der Faschismus ein zwangsläufiges Produkt der Kolonialzeit, es war der endgültige Kolonialismus im Kampf von Weißen gegen Weiße. Nicht im Besitz weitausgedehnter Kolonialreiche, wie einige seiner Nachbarn, verwendete Deutschland das Programm der Kolonisierung auf seine europäischen Nachbarn und wandte sich gegen das „Orientale“ im innern, wie Zigeuner, Juden und andere. Für Césaire bedeutete dieser Vorgang der Kolonisierung von Weißen durch Weiße den endgültigen Beweis des Barbarismus der weißen kolonialen Kultur. Der von der Aufklärung hervorgebrachte Humanismus ging Hand in Hand mit Ausbeutung, Imperialismus und Terror. Césaire sagte:

Es wäre tatsächlich wert zu untersuchen … welche Schritte von Hitler und Hitlerismus unternommen wurden, und zu enthüllen, daß der sehr vornehme, sehr humanistische, sehr christliche Bourgeois des 20. Jahrhunderts (in Europa) einen Hitler in sich hat, daß Hitler ihn bewohnt, daß Hitler sein Dämon ist, daß er inkonsequent ist, wenn er gegen ihn wettert und was er Hitler nicht verzeihen kann, ist nicht das Verbrechen selbst, das Verbrechen gegen die Menschheit, nicht die Erniedrigung der Menschheit als solcher, es ist das Verbrechen gegen die Weißen, die Erniedrigung der weißen Menschheit und die Tatsache, daß er kolonialistische Verfahren, die bis dahin exklusiv für die Araber in Algerien, die Kulis in Indien und die Schwarzen in Afrika reserviert waren, auf Europa angewandt hat.

Lan Gen Bah schickte die folgende Nachricht mit der Bitte, diese in das Gespräch zu integrieren:

Die Teilung zwischen dem Sowjet-Block und „dem Westen“ während des Kalten Krieges verlängerte die Kolonialzeit bis in das späte 20. Jahrhundert und erlaubte es der weißen Kultur, ob slawisch oder arisch oder angelsächsisch oder gallisch, die Dritte Welt aufzuteilen und zu imperialisieren, wie es die Kämpfe in Südamerika, Nikaragua, Kuba, Vietnam und Afghanistan zeigen. Farbe bleibt das bestimmende Zeichen der Herrschaft.

Während der Essentialisierung nun wird jedes Leid, das der Masse zugefügt wird oder von der Mehrheit der hegemonischen Bevölkerung an der Minderheit während der Aufruhr- und Konsolidierungsperiode verübt wird, einfach als letztes Kapitel in einer langen Geschichte „des Volkes“ in seinem Kampf um das Überleben und das Bilden einer Nation legitimiert.

In den USA kamen die Kämpfe um die Eugenik in letzter Zeit wieder an die Oberfläche. In einer Besprechung von Murray und Hernsteins „The Bell Curve“ äußerte Richard Lynn, ein einflußreicher Befürworter der Eugenik:

… die schwarze Unterklasse ist im Wachsen begriffen, teilweise aufgrund hoher Fruchtbarkeit und teilweise durch Einwanderung … Eine der wesentlichen Unterteilungen wird zwischen denen sein, die ausreichend intelligent sind zu arbeiten, und einer Unterklasse, der es an der erforderlichen Intelligenz mangelt. Die Unterklasse wird immer krimineller werden, da sie wenig zu verlieren hat … Es gibt eine Sache, worin die Unterklasse gut ist, und das ist das Produzieren von Kindern. Diese Kinder neigen dazu, die kümmerliche Intelligenz ihrer Eltern zu erben und ihren soziopathischen Lebenswandel zu übernehmen, um den Zyklus der Deprivation von Generation zu Generation zu reproduzieren. (Lynn, 1994)

Lynn äußert einen Standpunkt, der in den Vereinigten Staaten, Europa und Australien seit zwei Jahrhunderten angebracht wird. Es ist die koloniale Sichtweise, die damit in das 20. Jahrhundert gebracht wird. Essentialisierte Ideologie wird mit Real-Politik und mit dem mythischen heroischen Kampf um Sieg und Niederlage in der Gesellschaft verknüpft. Die aufrührerische Ideologie muß mit den kulturellen Institutionen Familie, Gesetz, Regierung, Religion, Wissenschaft, Kunst und Alltagsleben verwurzelt werden. Normalerweise werden an dieser Stelle Akademiker von der herrschenden Klasse hinzugezogen, um die Geschichte umzuschreiben, Ethnizität und Klassenverhältnisse umzuschreiben, um die neuen Machtverhältnisse linguistisch zu essentialisieren und zu begründen.

Die aufrührerische Ideologie muß an diesem Punkt in eine essentielle Grundlage transformiert werden und aus dem Blick verschwinden, um die Kraft zu behalten. Dies bringt uns zur Stufe der „Kulturierung“ oder „Kulturellen Propaganda“.

Kulturierung

An diesem Punkt ist die Propaganda nicht mehr richtungsbestimmt, zentrifugisch von den Zentren der Macht kommend, sondern wird multidirektional rhizomisch von der Basis verbreitet, während die Ausübung der Macht nicht mehr zu unterscheiden ist von der Ausübung des Alltagslebens.

Die Propaganda verschmilzt mit der Kultur, die sie erzeugt hat und die diese im Gegenzug erzeugt hat. Das Volk beginnt sich zu disziplinieren. Die Zähne zerkauen die Zunge. Neue Strukturen bezüglich Klasse, Ethnizität und politischer Ideologie, von den Akademikern während der Phase der Essentialisierung bezeichnet, werden jetzt durch die Medien und das Erziehungswesen auf die nächste Generation übertragen. Erziehung ist jedoch ein Teil einer größeren modernistischen sozialen Initiative, die im weiteren Sinn unter die angewandte Sozialwissenschaft fällt. Es liegt an den gemeinsamen modernistischen Idealen eines angewandten sozialen Kontextes, die Erziehung, Politik und Kunst im 20. Jahrhundert zu merkwürdigen Bettgefährten machen.

Das Konzept der Kunst als angewandte Sozialwissenschaft wurde erstmals 1917 von Alexei Gastev, ein führender Künstler der proletarischen Kulturgruppe, theoretisch behandelt und später von Stalin übernommen. Gastev glaubte, der Künstler sei ein Ingenieur hinsichtlich materieller Strukturen, aber auch hinsichtlich der menschlichen Psyche. Als Architekt kanalisiert der Sozialwissenschaftler das Volk mit der Errichtung von Büros und Wohnungen, die konstruktivistischen Prinzipien folgen. Als Künstler entwickelt der Sozialwissenschaftler Systeme, um ethnische und ideologische Unterschiede zu kontrollieren und libidinöse Impulse der bürgerlichen Gesellschaft auf öffentliche Spektakel wie Kunst und Film umzuleiten; am bedeutendsten jedoch ist die Gestaltung und Konstruktion der Partei. Die Partei fungierte im Gemeinwesen als Kapillare; weder Herz noch Kopf waren diese Endungen das Blut der Doktrin, Ideologie und Politik der Regierung, und die Empfindung wurde zu den äußersten Bereichen des Gemeinwesens getragen. In den Worten der konstruktivistischen Gruppe im Jahr 1921: „Die kollektive Kunst des heutigen Tages ist die Konstruktion des Lebens.“

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erkannte der militärische Industriekomplex der Vereinigten Staaten, daß ein verbesserter informationsverarbeitender Apparat benötigt wird, um die Voraussetzungen für einen glatten, ununterbrochenen Anstieg des globalen Kapitals zu schaffen. Jetzt mögen Sie denken, ich beziehe mich auf die Weltbank oder den IWF. Könnte sein, aber zunächst müssen wir die Aktivitäten der kulturellen Avantgarde betrachten, die das kulturelle Fundament gelegt hat, welches die Arbeit des IWF möglich macht. Angewandte Sozialwissenschaft im globalen Rahmen.

Ich beziehe mich auf die CIA … die Central Intelligence Agency, die Lee und Lan als die Apotheose des aufklärerischen Ideals des individuellen Wirkens, das durch den Staat umgesetzt wird, sehen. Und tatsächlich stand die CIA in vorderster Front der amerikanischen Kunstentwicklung seit den fünfziger Jahren, als sie eine Allianz mit größeren Museen, amerikanischen Industriellen und kolonialistischen Kapitalisten wie Rockefeller, Carnegie, Mellon, Getty und anderen eingegangen ist.

Die Enteignung und Ausstellung kultureller Artefakte der Dritten Welt in amerikanischen Museen ging Hand in Hand mit dem Herausziehen von Rohstoffen aus der Geografie der Dritten Welt, um amerikanische Fabriken zu versorgen, und erforderte die Errichtung gutausgestatteter Sicherheitskräfte in diesen Ländern, um ein sicheres Umfeld für amerikanische Investition zu gewährleisten. Wie es General Maxwell Taylor proklamierte: „Die Lehre aus Vietnam war, daß wir zu spät das Ausmaß der subversiven Bedrohung erkannt haben. Jedes junge aufstrebende Land muß ständig wachsam sein und diese Symptome beobachten, die sich zu einer katastrophalen Situation auswachsen können, wenn ihre ungehemmte Entwicklung es erlaubt. Wir haben gelernt, daß es einer starken Polizeieinheit und einer starken geheimpolizeilichen Organisation bedarf, um bei der Identifikation … der Symptome einer beginnenden subversiven Situation einen Beitrag zu leisten.“

Handelsgesellschaften und die Regierung haben sich zusammengetan, um eine ganze Reihe von Propaganda- und Überwachungsdiensten zu unterstützen, die in Handel und Spionage verwickelt waren. Ein geteiltes Berlin war der heiße Mittelpunkt dieser Dienste. Es war ein Teil der nationalen Politik der kulturellen Propaganda, die mit der Monroe Doktrin begonnen hat und während der Präsidentschaft von Teddy Roosevelt richtig in die Gänge kam. Die aufklärerischen Ideale der Freiheit und des „self-made man“ wurden verschmolzen, um eine einzige Ideologie des selbstdeterminierten Staates zu schaffen, mit einem manifestierten Schicksal, die Welt in die leuchtende Zukunft des laissez-faire Kapitalismus und der Demokratie zu führen.

Als dieser zornige Mann mir 1992 in Bangkok während der Strassenkämpfe der Demokratiebewegung gegenüberstand, habe ich begriffen, daß die US-Politik während der Sarit und Plaek Regime unerbittlich dazu geführt hat, daß in dieser Nacht vor dem Royal Hotel in Bangkok die Armee ihre M-16s auf die Bevölkerung gerichtet hat. Eine Woche zuvor gab es in Los Angeles Straßenkämpfe mit Afro-Amerikanern wegen des Urteils im Rodney King Prozeß, was enthüllte, daß eine Beziehung zwischen der amerikanischen Politik im Ausland und der amerikanischen Politik zu Hause eine Beziehung bestand.

Diese Politik umfaßte die Errichtung des Museum of Modern Art in New York durch die Rockefellers im Jahre 1939. Eine Reihe von Direktoren und Verwaltungsangestellten des MOMA arbeiteten mit dem „US Office of Strategic Affairs“ und der CIA zusammen. Das Museum of Modern Art und die CIA arbeiteten zusammen, um im Ausland Ausstellungen mit amerikanischer Kunst zu organisieren und die Avantgarde half mit, den „American Way of Life“ im Ausland zu fördern, eine Bemühung, die zusammenlief mit Eisenhowers „psychologischer Kriegführung“ während des Kalten Krieges und Kennedys Antikommunismusagenda. Die Idee war es, ein kulturelles Modell zu schaffen, das sich auf das Bild individueller Freiheit, wirtschaftlichen Fortschritts und angenehmen konsumeristischen Lebensstils gründet, bekannt auch als „American Way of Life“, der dem Sowjet Image von Kollektivisierung und persönlichem Opfer für das Wohlergehen des Staates gegenübergestellt wurde.

In den Worten eines Senators: „Wenn uns die Menschen verstehen, dann mögen sie uns, und wenn sie uns mögen, dann tun sie, was wir wollen.“

Die Arbeiterschaft und die Mittelklasse in Europa und im asiatischen Pazifikraum leisteten US-Propagandainitiativen kaum Widerstand, jedoch mußte die Intelligenz gewonnen werden und das erforderte Findigkeit und eine Strategie. Einrichtungen wie die „South East Asia Treaty Organization“, „US Information Agency“, „Fulbright Foundation“, „Peace Corps“, „University of Hawaii, East-West Center“, „Asia Council“ und „Asia Society“ wurden benutzt, um die Übernahme der antikommunistischen Agenda Amerikas zu untermauern, indem an die intellektuelle Elite strategisch wichtiger Länder entwicklerischer Humanismus weitergereicht wurde. Seit dem Ende des Kalten Krieges jedoch wurde die Arbeit amerikanischer Avantgardekünstler sowohl vom US-Kongreß als auch von unseren neuen konservativen Verbündeten in Asien, Osteuropa, Südamerika und Afrika argwöhnisch betrachtet.

Wie es der Minister für Information und Kunst in Singapur im Jahr 1994 ausdrückte: (Die Regierung) … „ist besorgt, daß neue Kunstformen wie Performancekunst und Forum-Theater – die kein Manuskript haben und zu spontaner Teilnahme ermuntern – eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, Sicherheit und Anstand darstellen …“ Der konservative US-Kongreß stimmte dem zu. Avantgardekunst, besonders feministische Kunst, homosexuelle Kunst, linkspolitische Kunst und Performancekunst scheinen keine gute Propaganda für den „American Way of Life“ abzugeben. Tatsächlich jedoch wird durch die Methode und PIM demonstriert, daß Performancekunst ganz genau die Werte des globalen laissez-faire Kapitalismus effektiv transportieren kann, denen sich unsere konservativsten Verbündeten angeschlossen haben.

Performancekunst kann die ausprobierte und wahrhaft koloniale Ideologie des „Fortschritt durch Reform“ transportieren … spezifisch die Reformation der Traditionen in der Gesellschaft, die die Globalisierung der Wirtschaft behindern.

Aber laßt uns offen sein: „Fortschritt durch Reform“ produzierte auch ein Informationssystem, das auf die Ausbeutung der Dritten Welt und den extravaganten Konsum der Ressourcen der Erde aufbaut und eine neue Informationsklasse hervorbringt. Information selbst wurde nunmehr das Mittel der Verteilung. Diese „Informationsklasse“ ist jetzt weltweit verteilt. Sie schließt alle in diesem Raum ein. Sie sind alle Teil der elitären Klasse der Informationskonsumenten. Die Werkleitz Gesellschaft ist ein Zentrum der Verbreitung und des Konsums von Information. Ob Sie es wollen oder nicht, mit dem Informationskonsum geht eine ideologische Matrix einher, die Sie bewußt oder unbewußt konsumiert haben. Und diese Matrix wird geschützt von einem fortgeschrittenen Propagandasystem, das uns letztendlich zur Stufe der Totalisierung führt.

Totalisierung

In dieser Stufe wird der Körper des individualisierten und informierten Konsumenten zum Gebrauchsartikel, wie es in der Situationskomödie, dem Doku-Drama oder der Werbung Ihrer Wahl zu sehen ist.

Das Leben selbst wurde in den fünfziger und sechziger Jahren zum Werkzeug der Propaganda, und so ist es auch noch heute. Die Bühne, der Rahmen, die Leinwand, die heroischen Ikonen der New Yorker Schule und Pop waren nicht mehr notwendig als das Leben selbst es genau so tat. Happenings und „Life-Like Art“ bezeichneten den Moment der Totalisierung unseres ideologischen Systems.Totalisierte Propaganda ist das Informationswaren-Schauspiel des Körpers und des Selbstes als Ideologie.

Das Indoktrinationssystem hat einen Grad der Effektivität erreicht, den totalitäre Systeme niemals hoffen könnten zu erlangen. Wir unterscheiden uns nicht mehr von unseren Methoden der Propaganda. Wir sind selbst-perfektionierende, selbst-kannibalisierende Agenten der Propaganda.

Im Licht Ihrer Politik der Nachgiebigkeit und Gefälligkeit gegenüber den Greueln auf dem Balkan, der Militärdiktatur in Burma, dem chinesischen Imperialismus in Tibet, dem fortgesetzten französischen und amerikanischen Kolonialismus im Pazifik und Ihrer 25 Jahre währenden aktiven Unterstützung des indonesischen Imperialismus in Ost Timor, Aceh, Irian Jaya … all diese Taten zeigen Ihre fundamentale Zustimmung mit den noch so imperialistischen und neokolonialistischen Aspekten des globalen Kapitalismus.

Wir sehen in Ihnen einen willigen (wenn auch kritischen und wettbewerbsfähigen) Partner.

Sie haben die Theologie des neuen Milleniums, von kulturellen Agenten hier und in anderen Ländern geformt zu werden, angenommen: Sie manifestieren und führen Ihr Leben als hochindividualisierte Informations-Lieferanten/Konsumenten, endlos das Schauspiel Ihrer Freiheit zu konsumieren konsumierend. Die Dialektik der industriellen Produktion wurde umgekehrt: Der Grad Ihres Konsums ist nicht mehr von Ihrem Vermögen zu produzieren bestimmt. Jetzt sind Sie frei, nur nach dem Grad Ihres Vermögens zu konsumieren, zu produzieren. Dies ist das Vermächtnis des IWF und der Weltbank. Deren Initiativen in dieser Region repräsentieren einfach nur die jüngste Rückordnung fehlgeleiteter Volkswirtschaften in die Matrix des globalen Konsumismus, an dem seit der Kolonialzeit gebaut wird
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Wir alle sind Agenten dieser neuen Weltkultur, und wir zählen Sie zu unseren stärksten Partnern in der gemeinsamen Arbeit, die vorherrschende Weltideologie und ihr performatives Propagandamodell zu perfektionieren, und zwar exakt durch die Kritik daran … wird die zukünftige Kultur unterstützt, durch die Kritik der gegenwärtigen Methode. Es ist eine der überragenden Stärken des Systems, daß wir keine Angst haben, die Produkte unseres „kritischen Kapitalismus“ zu kritisieren. Je beißender Ihre Kritik ist, desto transparenter und effektiver wird unser Propagandasystem.

Gemeinsam in die Zukunft!

(Lee auf Video)

Ich bin der letzte in einer ganzen Reihe von Langenbachs Prügelknaben. Sehen Sie, Ray Langenbach liebt es, öffentlich kritisiert zu werden – und er wird sich jede einzelne Kritik aneignen und assimilieren. Also wenn Sie in wirklich drankriegen wollen, sollten Sie ihn mit Zustimmung überschütten – aber ich schweife ab.

Sie werden Langenbach, da bin ich sicher, beim Performancekunst Symposium treffen. Schauen Sie, ob Sie feststellen, daß er eine Leseschwäche hat. Ich sollte Ihnen wohl sagen, daß seine Leseschwäche keinen körperlichen, sondern einen ideologischen Umstand hat. Das erklärt die innere Zusammenhanglosigkeit seines Diskurses, die Sie sicherlich feststellen. Ich bin zuversichtlich, daß Sie vertraut werden mit seiner Performance/seinem Vortrag.

Langenbach wird über das „Performative Indoctrination Model“ dozieren – PIM. Überlassen sie es einem Leseschwachen, das Akronym verschlüsselt zu buchstabieren. Ich, der ich weniger feinsinnig bin, hätte es wie folgt konstatiert: „Performative Indoctrination Model of Propaganda – PIMP!

Ein Pimp – das ist Langenbach und das seid Ihr alle – Ihr seid ein Haufen Pimps, Ihr pimpert alle für die amerikanische kulturelle Hegemonie – und einige von Euch wissen das nicht mal. Oder selbst wenn Ihr es wißt, wird es verleugnet – Langenbach macht das wissentlich.

Langenbachs ganze Unternehmung ist, sich selbst von seiner imperialistischen, kolonialistischen, rassistischen, sexistischen Schuld Absolution zu erteilen, indem er versucht, als liberaler Performancekünstler durchzugehen. Durch seine Konstruktion einer totalisierten Theorie und Methodologie versucht Langenbach, sich vollständig zu entblößen, nur um zu verstecken, was er in Wirklichkeit ist. Langenbach versucht, die Möglichkeit kritisiert zu werden, durch Selbstkritik zu verdrängen, indem er jede mögliche Analyse vorwegnimmt und sie sich aneignet, bevor jemand außerhalb seines Diskurses solch eine Position einnehmen könnte. Sein Projekt der Selbstreflexion jedoch verrät eine unterschwellige Hysterie, genau dem zu entsprechen, was er proklamiert zu tun.

Während er, meiner Ansicht nach zu Recht, sein Äußerstes versucht, Performance als Propaganda zu totalisieren, hängt Langenbach – unfähig, den irrelevanten humanistischen Liberalismus seiner Erziehung abzulegen – immer noch an einer geheimen Hoffnung, daß er nicht in der Lage ist, das zu tun.

Was Langenbach erlaubt, an den letzten Spuren seines Liberalismus zu hängen, ist seine Leseschwäche. Ohne diesen Defekt würde er wohl wirklich annehmen, daß es tatsächlich möglich ist, das „Performative Indoctrination Model of Propaganda“ zu perfektionieren.

Ray Langenbach (SG), The Performative Indoctrination Model: Colonialism without tears, Performance Gaststätte ‚Zur Post‘ in Tornitz, 1998

Text: Ray Langenbach, Briefe und Nachbemerkung: Lee Weng Choy

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