The Perfect Sound

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The Perfect Sound

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The perfect Sound

Verena Kuni

KATARINA ZDJELAR, The Perfect Sound

Katarina Zjdelar befasst sich in ihren Arbeiten mit dem Komplex von Sprache und Identität: Damit, wie Identität über Sprache, Sprechen und Sprache gebildet wird. Und damit, wie dieser Bildungsprozess über gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Konventionen und Machtverhältnisse beeinflusst und reguliert wird. In ihrer Videoarbeit The Perfect Sound (2008) beobachtet die Kamera einen Sprachtrainer und seinen Schüler. Gegenstand ist ein so genanntes „Accent Removal Training“, in dem die persönliche Sprachbildung — jener Akzent, der Auskunft über die individuelle, soziale und geografische Herkunft des Sprechenden gibt — zu Gunsten einer Anpassung an eine gesellschaftlich gesetzte Norm ausgelöscht werden soll.

Ding Dong

Ich verstehe die Sprachen. Ich verstehe die Sprachen nicht. Ich höre nur ihren Klang.

Vielleicht muss ich die Sprachen sehen, um sie zu verstehen. Die Sprachen, das Sprechen, die Sprechenden. Aber ich sehe nichts. Kein Bild. Nur Klang. Klang, der deshalb selbst Bild wird. Eine Stimme. Nein: Zwei. Stimmen, die sich aufeinander einstimmen. Als wollten sie miteinander ein Lied anstimmen. Sing Sang. Doch sie singen nicht. Sie summen. Erst eine. Dann die andere. Die Schwingungen überschneiden sich. Scheiden wieder. Verstummen. Schöpfen Atem. Summen. Verstummen. Und so fort. Eine von beiden spricht. Doch ich verstehe die Sprache nicht.

Als endlich ein Bild auf dem Schirm erscheint, ist längst klar: Das ist kein Sing- und schon gar kein Kinderspiel. Es sind zwei Männer, die dort sitzen. Einander gegenüber. Schnitt und Gegenschnitt. Das erste Bild ist ein Mund, ganz nah. Ein junger Mund, der dennoch viel zu alt erscheint für die Laute, die Silben, die er formt: Ding. Ding Dong. So nannte, sagt die Erinnerung, der Pädagoge Friedrich Fröbel die Erste Gabe, die er Kindern als Lernspielzeug zudachte. Ein Ball, an einer Schnur aufgehängt: Zum Tasten, Greifen und Begreifen. So wird, sagt die Erinnerung, im Kindergarten Kanon gesungen: Bru-der Ja-kob, Frè-re Jac-ques, dormez-vous, schläfst Du noch? Hörst Du nicht die Glocken? Ding Dang Dong. Das also formt der junge Mund. Er versucht, entspannt zu sein. Zugleich ist er ganz bei der Sache. Konzentriert. Ding. Ding Dong.

Schnitt, Gegenschnitt. Gleichwohl: Kein Dialog. Zwei Stimmen, doch nur eine von beiden spricht: Hold it. Stretch it. Gemeint ist der Mund, gemeint ist seine Stimme, gemeint ist der Laut, der geformt, gehalten und gedehnt werden soll. Im Bild – dem zweiten Bild – sagt das eine Hand. Sie fasst und formt auf ihre Weise den Laut, die Silbe. Schickt sie auf den Weg. Schickt sich dann an, das Echo einzufangen.

Kein Kinderspiel. Kein Dialog. Sondern: Sender und Empfänger. Aufnahme und Wiedergabe. Lektion und Repetition. Ein Exerzitium. Die Rollen zwischen den beiden Männern sind klar verteilt. Der eine, der Ältere lehrt. Der andere, jüngere lernt. Sprechen.

Ich verstehe die Sprachen. Ich verstehe das Sprechen nicht. Wem Sprechen selbstverständlich ist, mag das unverständlich sein. Doch genau so ist es: Sprache ist Sprechen. Sprechen ist das Formen von Klang. Unsichtbare Plastik: Wie der Klang geformt werden muss, weiß der Mund vom Ohr.

Hörst Du nicht die Glocken? Vom Ohr, das nicht hört, kann der Mund nichts erfahren. Taubstumm: Wer so genannt wird, ist gehörlos. Selten stumm. Und bleibt es doch oft. Nicht sprachlos: Sprache und Sprachen lassen sich lernen. In der Schrift. Von den Lippen. In den Gesten, in den Gebärden. Sehend, lesend. Wo gesprochen wird, ergreift die Hand das Wort.

Doch wie Worte formen, deren Klang man nicht kennt? Die man nicht hört, während man sie spricht? Roh klingt das in den Ohren derer, die hören und denen das Hören wie das Sprechen eingeboren ist. Nach Stöhnen und Stammeln. Auch das hören die gehörlosen Ohren nicht. Im Gesicht des Gegenübers ist es zu sehen. Das weiß oder meint zu wissen, wie Sprechen und Sprache klingen müssen. Ich verstehe die Sprachen. Ich verstehe das Sprechen. Ich verstehe Dich nicht. Ich verstehe das Sprechen nicht. Kein Dialog. Der Mund verschließt sich. Die Hand spricht ihre eigene Sprache. Das Gegenüber spricht sie nicht. Kein Dialog.

Sprechen wie die Hörenden sprechen: Das zu lernen ist möglich für den Mund, die Stimme, den Menschen, dessen Ohren gehörlos sind. Mit den Sprachen von Hand und Auge, Gesten und Gesicht. Von und mit ihnen lernt er: Worte zu formen. Unsichtbare Plastik, die sichtbar wird. Die ihm sichtbar gemacht werden muss, um das Formen zu lernen. Bevor sie wieder unsichtbar werden kann. Was nie geschrieben wurde, lesen. Was nie gesagt wurde, sagen. Das mimetische Vermögen: Kein Kinderspiel. Ein Exerzitium.

Darum also geht es hier. Allerdings aus einem anderen Grund und mit einem anderen Ziel. The Perfect Sound. Der perfekte Klang. Der perfekte Klang. Der perfekte Klang. Ding Dong?

Der perfekte Klang: Vom Stöhnen und Stammeln denkbar weit entfernt. Vielmehr: Reine Form. Sprache, Sprechen, Stimme als hohe Kunst. Warum dann: Summen, Schwingen, Ding Dong?

Ding Dong: Alles auf Anfang. So ist es. Die Sprache, das Sprechen, die Stimme, die perfekt klingen sollen. Der Mund, der Klang perfekt formen soll: Sie müssen vergessen. Gerade weil sie sprechen können. Ich verstehe diese Sprache. Ich verstehe diese Sprache nicht. Ich verstehe dieses Sprechen nicht.

Das Sprechen verlernen, um sprechen zu lernen: Kein Kinderspiel. Ein Exerzitium. Gerade wenn es nur um Grade geht. Das ist zu hören. Und zu sehen. Entfaltet wird – Bild um Bild, Klang um Klang, Geste um Geste – ein ganzes Vokabular. Jeden Vokal, jeden Konsonanten formen Hände und Lippen. Ein jeder ist eine eigene Lektion. Erst hören. Kein Bild. Nur Klang. So öffnet sich das Ohr. Lauscht konzentriert. Es weiß nun um sein Privileg. Schnitt, Gegenschnitt. Die Hand, die Hände. Das Gesicht, der Mund. Dann wieder die Hände. Unsichtbare Plastik als sichtbare Form.

Ding Dong: Alles auf Anfang. Ein Exerzitium. Zugleich: ein Lied. Bild um Bild. Klang um Klang. Unsichtbare Plastik als sichtbare Form. Zugleich jedoch: Eine Lektion von der Norm.

Der perfekte Klang. Die Flöte des Pan hat ihn besessen. Und, als seufzend er stand, die wehende Luft in dem Schilfe / Leises Geflüster erregt, das ähnlich ertönte wie Klage, / Wie er entzückt vom Zauber des Tons und der neuen Erfindung / Hatte gesagt: Das soll fortan uns beide vereinen. Am Anfang also auch hier: Das mimetische Vermögen. Auch diesen perfekten Klang formen Gaumen, Zunge, Mund. Erst um der Liebe willen. Wenig später schon: Im Wettbewerb. Um den perfekten Klang.

Von ihm zu sprechen unterstellt, dass es anderen Klängen mangelt an Perfektion. Wer aber misst den Mangel? Wer misst die Form? Wer spricht das Urteil? Wer setzt die Norm? Die beiden Männer stellen diese Fragen nicht. Es gilt allein das Wort, das werden soll: Zu perfektem Klang. Es gilt allein: Zu sprechen. Zu lernen. Sprechen zu lernen. Was nie gesagt wurde, sagen. Kein Kinderspiel. Ein Wettbewerb. Ein Exerzitium.

Ich verstehe die Sprachen. Ich verstehe die Sprachen nicht. Ich höre nur ihren Klang.

Nur den Klang? Vielleicht hat schon viel verstanden, wer den Klang zu hören überhaupt in der Lage ist. Den perfekten Klang muss man sehen, um zu verstehen.

 

Zitate (in der Reihenfolge des Erscheinens):

Laurie Anderson: Example #22. (Big Science, 1984).

Frère Jacques / Bruder Jakob. Traditionelles Volkslied/Kinderlied. Herkunft unbekannt (vermutlich Frankreich o. Spanien).

Walter Benjamin: Über das mimetische Vermögen (1933).

P. Ovidius Naso: Metamorphosen. (vor 8 n. Chr.; Übs. R. Suchier, E. Klussmann, A. Berg, 1855 ff.), I:13, 689-747 (Syrinx).

Katarina Zdjelar, The Perfect Sound

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