The Bill Meyers Tapes

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Werkleitz Festival 2008 Amerika

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The Bill Meyers Tapes
25. 10. 2008
DDR/US 1986

kuratiert von:

„Im Sommer 1985 lernte ich Claus Küchenmeister an einem Seminar für amerikanische Germanisten in New York State kennen. Ich erzählte ihm meine Idee für ein Videoprojekt über das Alltagsleben in der DDR. Zu der Zeit gab es kaum etwas darüber. Der Sinn der Sache war, die Feindbilder abzubauen. Mein Projekt interessierte ihn, und im Sommer 1986 ermöglichte er mir, in die DDR zu reisen. Ein Stipendium von der Rockefeller Stiftung finanzierte das Projekt.“ (1)

Wahrscheinlich wusste der Deutschlehrer und Germanist William „Bill“ Meyers aus Detroit damals nicht, dass Claus Küchenmeister – alias IM „Kaminski“ – ein Stasi-Mitarbeiter war. Das Videoprojekt wurde fortan durch das Internationale Pressezentrum in Berlin koordiniert, Betreuer war ein gewisser Hannes, ebenfalls Mitglied der „Firma“. Das erste Interview, das Bill Meyers mit der Familie Strassburger aus Dresden machen konnte, war dementsprechend sorgfältig choreographiert. Eine Musterfamilie der DDR erklärt den Amerikanern, warum das Leben in der DDR so gut ist – drei Jahre vor dem Mauerfall. Dennoch werden auch in diesem Interview Brüche deutlich, der Junge trägt ein keineswegs ideologiekonformes Mickey-Mouse T-Shirt – eine Hommage an den Gast? – und besonders in den Antworten der Frau Strassburger, einer Lehrerin, spürt man deutlich, dass sie weiß, dass der hier als Kameramann agierende Hannes von der Stasi ist.

„Zurück in Berlin sagte ich meinem Begleiter Hannes, dass ich gleich nach Hause fliegen könnte, sollten wir weiterhin nur solche Interviews bekommen. Wir müssten auch spontane Interviews machen, nicht nur vermittelte. Ich gab ihm eine halbe Stunde, eine Entscheidung zu treffen. Als ich aus der Foyerbar zurückkam, sagte er Ok, was mich ziemlich überraschte.“ (2)

In der Folge konnte Bill Meyers tatsächlich ziemlich ungestört arbeiten. Hannes hatte eine Geliebte und nutzte oft die Dreharbeiten, um unbeobachtet seinen Stelldicheins nachzugehen – bis die Sache aufflog, was auch das Ende von Bill Meyers Videoprojekt war. Noch erstaunlicher aber war die Tatsache, dass das gedrehte Material nicht zensiert wurde, ja nicht mal geprüft, offensichtlich vertraute man zu Unrecht der Hannesschen Wachsamkeit. In den zwei Jahren ihrer Zusammenarbeit filmte und interviewte Bill Meyers alle möglichen Seiten des DDR-Alltags: Familien, Passanten, Offizielle, Intellektuelle, er filmte in Zoos, Museen, Sportvereinen und Gedenkstätten. Da er ohne Team arbeitete und selbst keine Filmausbildung hatte, sind die Ergebnisse sehr direkt, keine ästhetischen Überlegungen stehen zwischen ihm und den Gefilmten. Insgesamt entstand so ein kleines Archiv der DDR-Alltagskultur, zig Stunden Material, alle ungeschnitten.

„Hugh. Ich begrüße meinen Freund aus den fernen Prärien.“ (Häuptling Powder Face, Radebeul)

Die DDR hatte zu Karl May ein zwiespältiges Verhältnis: Einerseits ging man mit seinen edlen Wilden und deren Rolle als Opfer des US-amerikanischen Imperialismus durchaus konform. Andererseits war Karl May chauvinistisch und gegenüber anderen Minderheiten – etwa Schwarzen und Juden – mehr oder weniger offen rassistisch. So blieb er lange Zeit ein unerwünschter Autor. Auch als im Zuge der amerikanischen 60er-Jahre-Western in der DDR ein regelrechtes Indianerfieber ausbrach, verließ man sich auf eigene Autoren und Verfilmungen, bewusst auch in Abgrenzung gegen den Karl-May-Kult und die Pierre-Brice-als-Winnetou-Verfilmungen in Westdeutschland (3). Als Bill Meyers 1986 das Karl-May-Museum Radebeul filmt, war der Autor – in bereinigten Editionen – schon wieder rehabilitiert. So entsteht in dem 13-minütigen Video ein seltsames Spiegelkabinett der Projektionen: Der Fantasie-Autor Karl May, der sich sein Amerika nur erträumt hatte, wird in einem kommunistischen Museum ausgestellt, das den Völkermord an den Indianern propagandistisch verwertet, und wird wiederum von einem Amerikaner gefilmt, der mit den Klischees des „Amis“ nicht das Geringste gemein hat und der gekommen ist, um den Amerikanern das andere „rote“ Feindbild zu nehmen, dabei vielleicht kaum weniger naiv als Karl May selbst. Wie in so vielen Interviews Bill Meyers’ ist auch hier spürbar, dass der interviewte Leiter des Museums sich der antiamerikanischen Propaganda im Hintergrund bewusst ist und vorsichtig versucht dagegenzusteuern. Ein behutsam tastender Dialog der Ideologien.

Karl May und der deutschen Indianerbegeisterung verdankt die DDR auch ihre wahrscheinlich seltsamste Kulturblüte: die „Kulturgruppen für Indianistik“. Aus einer Tradition der 20er und 30er Jahre kommend, bildete sich um Häuptling Powder Face (alias Johannes Hüttner) 1956 der Club „Old Manitou“, die erste  Organisation in der DDR, in der Erwachsene in ihrer Freizeit wie Indianer lebten. Im Laufe der 60er Jahre bildeten sich in der Nachahmung weit über hundert solcher „Volkskunstkollektive“, einige davon existieren bis heute. Wie Karl May hatten die Mitglieder dieser Gruppen weder Amerika noch Indianer je gesehen, versuchten sich aber dennoch in höchstmöglicher Authentizität, sie imitierten nicht idealisierte Universalindianer à la Winnetou, sondern konkrete Stämme, deren Riten und Kleidung (4). In Powder Face und die Kulturgruppe für Indianistik stellt der Häuptling in schönstem Sächsisch dem amerikanischen Gast verschiedene Tänze vor und auch die offizielle und trotzdem subversiv wirkende Einordnung der Indianer: „Menschen wie wir, die um ihre Rechte kämpfen.“ Im zweiten Teil des Bandes kommt es zu einer Cowboy-Aufführung. Da die offizielle Begründung der Indianistik in der DDR ja von der Pflege des Brauchtums einer von den USA unterdrückten Minderheit handelte, waren die unterdrückenden Cowboys von staatlicher Seite eigentlich nicht gelitten. Wahrscheinlich muss deshalb als Rechtfertigung für diese Darstellung eine etwas eigenwillige Beschreibung des Rodeos als indianische Tradition herhalten, um sich dann fröhlich dem Westernmythos samt Countrymusik zu widmen.


(1) Bill Meyers: Über meine Videoarbeit in der DDR. Unveröffentlicht 1998.
(2) Ebd.
(3) Vgl. Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer: Sozialistische Cowboys. Frankfurt/Main 2008.
(4) Vgl. ebd.

 

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