Where do you want to go today?

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4. Werkleitz Biennale real[work]
Where do you want to go today?

Where do you want to go today?

Sichtweisen sind zu Präsentationsweisen geworden. Die digitale Entwicklung bewirkt einen Wirtschafts-Optimismus, der in seiner Unfähigkeit, divergierende ökonomische, soziale und kulturelle Positionen einzubeziehen, nie zuvor existiert hat.

„Ein erstaunlich hoher Prozentsatz, nämlich 87 % der in der IRC Untersuchung Befragten, gab an, sie seien unbesorgt darüber, dass der Computer ihren Arbeitsplatz überflüssig machen könne (…) Während es sein kann, dass der wirtschaftliche Aufschwung des letzten Jahrzehnts weiterhin neue Arbeitsplätze entstehen lässt und die Arbeitslosenzahlen gering hält, scheint es doch eine bizarre, weltfremde Vorstellung zu sein, dass Computer nicht eine Vielzahl von Arbeitsplätzen bedrohen.“ (DW) NetFuture # 103 (Internet und Isolation, Politik) Einer der Gründe für diesen Optimismus ist die Vorstellung, dass MANGEL an irgendetwas – eine der Haupttriebfedern der Wirtschaft in der analogen Welt – in der digitalen Umwelt keine Rolle zu spielen scheint. Informationseinheiten sind körperlose Erscheinungen, außerhalb von Raum und Zeit. Zusätzlich zu dieser Mangellosigkeit spielt ein weiterer Faktor eine Rolle in diesem „bizarren“ digitalen Optimismus: Die Dominanz der kreativen Fähigkeiten in der Informations-Ökonomie. Auf dieses Paradox wird sich unsere Präsentation konzentrieren. Kreative Fähigkeiten (Verbindungen statt Analysen, Sprunghaftigkeit statt Schlussfolgerungen), welche nicht auf formalem Weg erlernt werden können, sind die wichtigsten Eigenschaften eines Mitspielers in dieser neuen Ökonomie. Wissen wird ersetzt durch die Fähigkeit, von anderen Gewusstes aufzuspüren, und obwohl „Kreativität“ in der europäischen Schulpolitik eines der meistgenannten Schlagworte ist, unterscheidet die formale Ausbildung nicht mehr zwischen dem, „was Du bist“ und „was Du kannst“.

„Where do you want to go today?“

Wir sehen uns also einem dominanten Diskussions-Modus ausgesetzt, in dem das „Kreative“ als das „Normale“ gesehen wird. In solch einer Umgebung verliert die Dialektik zwischen Arbeit als einem positiven Wert in einem kreativen und selbst-verwirklichenden Zusammenhang, im Gegensatz zur Belastung durch entfremdende Arbeit, ihre Stichhaltigkeit. Wie es scheint, muss de Certeaus Konzept von „la perruque“, eine Kristallisierung dieser Dialektik, neu geschrieben werden. La perruque „ist die Arbeit des Arbeiters selbst, verkleidet als Arbeit für seinen Arbeitgeber. Was sie vom Klauen unterscheidet, ist die Tatsache, dass nichts von materiellem Wert gestohlen wird. Der Unterschied zur Abwesenheit während der Arbeitszeit besteht darin, dass der Arbeiter ja ganz offiziell anwesend ist. Beschuldigt, Material zu stehlen oder für seine Zwecke zu missbrauchen und die Maschinen des Arbeitgebers zweckzuentfremden, leitet der Arbeiter, der sich mit „la perruque“ erfreut, lediglich Zeit um, verwandelt sie in etwas Freies, Kreatives und eben nicht seinem Profit Dienliches.“ (de Certeau, Practice, S. 25) Wir erleben zur Zeit einen dominanten Diskurs, in dem „Freies, Kreatives und eben nur seinem Profit
dienliches“ sich decken. Wir müssen also neue Weisen finden, zu schreiben, zu denken und zu handeln, um mit einer Umwelt zurecht zu kommen, die in der Lage ist, mit einer Störung der Norm (Kreativität/Ausnahmezustand) als dem Normalfall zu funktionieren.

von Rob van Kranenburg & Guy van Belle 

http://simsim. rug. ac.be/staff/rob
Vortrag unter: http://simsim. rug. ac.be/staff/rob/fox/