Tiergartentiere. Zoologische Gärten und die Faszination des künstlich Echten

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Werkleitz Festival 2011 ZOO
Tiergartentiere. Zoologische Gärten und die Faszination des künstlich Echten

I.

Die Fotografien stehen in den Wohnzimmern von Großmüttern oder kleben in längst wellig gewordenen Alben. „Ausflug in den Safaripark“ mag darunter stehen, „Berlin 1979“ vielleicht, oder „Madrid 1982“. In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren war es in Mode, Erinnerungsbilder an den Besuch im Zoo zu kaufen oder sie gegen Gebühr vor Ort selbst zu schießen. Zu sehen sind darauf manchmal betont mutig, manchmal verschreckt dreinblickende Kinder (besonders ängstliche kleine Zeitgenossen konnten sich von einem Elternteil begleiten lassen), Seite an Seite mit einem Zoobewohner, vorzugsweise einem jungen Löwen. Posiert wurde vor einem Hintergrund – in vielen Fälleneine Fototapete –, die weder auf das natürliche Habitat des menschlichen Kindes noch auf das des Tieres referierte, und der Fotograf legte großen Wert darauf, trotz der allseitigen Irritation eine möglichst vertraute, beinahe freundschaftliche Atmosphäre zwischen Mensch und Tier einzufangen.

Spätestens gegen Ende der 1980er Jahre war es vorbei mit diesen Bildern. Der Verdacht liegt nahe, dass sich Tiergärten angesichts von Waldsterben, saurem Regen und dem Aussterben von immer mehr Tierarten eher als Schlüsselinstitutionen einer modernen, ökologisch denkenden Gesellschaft darstellen wollten denn als zirkushafte Orte des Spektakels – da passte es nicht mehr, vor Phantasiehintergründen lächelnden Grundschulkindern gefangene Löwenbabys wie Plüschtiere über den Schoß zu legen. Dennoch lassen sich anhand dieser Fotografien Fragen stellen, die Aufschluss über die ungebrochene Attraktion dieser Räume seit dem 19. Jahrhundert bis heute geben können. Was ist das für ein Milieu, zu dem Tiere, Menschen und klischierte Umwelten im Zoo verschmelzen? Wie und auf welche Weise verändert es die Individuen, auf welche Art und Weise prägt es unser Bild der Natur? Wenn schon die Position, in die der Löwe und die Zoobesucher gebracht worden sind, für beide gleichermaßen unauthentisch wirken muss, was ist dann noch echt? Ist der Löwe ‚natürlich‘ in dieser Umgebung, oder handelt es sich nicht vielmehr um ein ‚künstliches Tier‘, um ein Wesen, in dem Natur und Kultur untrennbare Verbindungen eingehen, das ohne seinen spezifischen kulturellen Kontext gar nicht verstanden werden kann? Und ist der Zoo nicht die eigentliche Heimat dieser künstlichen Tiere – Wesen, die gleichermaßen auf Natürliches wie auf kulturell tradierte und sich stetig wandelnde Vorstellungen ihrer Beobachter verweisen?

II.

Zoos sind urbane Phänomene, und es ist kein Zufall, dass die Geschichte des Zoos eng mit der Entstehung der modernen Metropole verknüpft ist. Es handelt sich dabei um eine Entwicklung, die zunächst mit dem Ausschluss von (Haus-)Tieren „aus allen konkreten Lebens- und Arbeitskontexten der Moderne“ verbunden war: Rinder wurden durch Traktoren, Mähdrescher und andere landwirtschaftliche Maschinen ersetzt, Schafe durch Verfahren zur Produktion synthetischer Bekleidung, die Kavallerie wurde zugunsten von Panzerdivisionen ausgetauscht, Lasttiere verschwanden im Austausch gegen maschinelle Hilfsmittel, Brieftauben wurden durch Telefone ersetzt, Pferdekutschen durch Eisenbahnen und Automobile.1 Schlachthöfe und Tierzuchtbetriebe wurden systematisch dem Stadtraum ausgegliedert, Flüsse reguliert und damit ihrer ‚Wildheit‘ beraubt, unzählige Hygieneverordnungen erlassen. Gleichzeitig wurden Initiativen für Vegetarismus ins Leben gerufen, wurde Natur zum Gegenstand romantischer Sehnsüchte und edukativer Bestrebungen, bevölkerten Haustiere, ‚echte‘ und solche aus Stoff und Plüsch, die Wohn- und Kinderzimmer der bürgerlichen Haushalte. Die „offenbar unbeschränkte Lizenz zur Projektion“, die in Bezug auf heutige Schoß-, Kuschel- und Heimtiere zu konstatieren ist, hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert.2 Mehr denn je spielten sich Mensch-Tier-Beziehungen in dem Dazwischen von tief empfundener Nähe zum Tier und bedrohlicher Transgression des Tierischen in das menschliche Universum ab.

Die Entstehung Zoologischer Gärten seit etwa den 1830er Jahren kann dabei beiden Seiten dieser Dichotomie zugerechnet werden. Die dutzenden Zoos, die seit der Mitte des Jahrhunderts in ganz Europa gegründet wurden, waren mit ihren spezifischen Ästhetiken des Einsperrens, Ankettens und Abschließens ebenso physische Materialisationen der Furcht und des Unbehagens, die durch die unscharf gewordenen Grenzen zwischen Mensch und Tier ausgelöst wurden, wie Ausdruck einer neuen Natursentimentalität, die das Tier als Begleiter, Weggefährten, Lehrmeister und Spiegelbild begriff, das mitten in der Stadt, also im Zentrum der scheinbar ausschließlich menschlich dominierten Sphäre, zu finden ist.

Waren die Menagerien früherer Jahrhunderte Teil fürstlicher Repräsentation, stellten die von den neuen bürgerlichen Eliten gegründeten Zoologischen Gärten eindrücklich deren gesellschaftlichen Führungsanspruch und weltanschauliche Positionen aus, die dort in idealer Art und Weise naturalisiert wurden. Waren die „künstlichen Paradiese“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – Weltausstellungen, Gärten und Parks, Einkaufspassagen und Warenhäuser, Dioramen und Kinos – stets auch damit befasst, den idealen Bürger hervorzubringen –„gewissermaßen durch die künstliche Welt auch den künstlichen [zu] Menschen erschaffen“ –, so galt dies im Zoologischen Garten auf doppelte Weise: für die Besucher ebenso wie für die dort ausgestellten Tiere.3

III.

Durch einen Aufenthalt in der „freien Natur“, als die der Zoologische Garten angesehen wurde – noch heute stellen sich Zoos dieser Tradition folgend als ‚Oasen des Natürlichen‘dar – würde das Volk „langsam, aber nachhaltig versittlichen und einsichtsreifer werden“, so der Tenor der bürgerlichen Blätter des vorvergangenen Jahrhunderts.4 „Das Volk“ bezeichnete dabei kaum die neue bürgerliche Elite, sondern die große Masse des Publikums, die an diesem scheinbar unpolitischen Ort in die sozialen Grundlagen des bürgerlichen Wertekanons eingeübt wurde. Erholung und Freizeit wurden pädagogisiert und moralisiert, und der bürgerliche Zoo bot dazu einen idealen Ort. Das Tier, dessen „Familienleben“ und verständige Fügsamkeit in den ihm zugedachten Platz innerhalb der Naturgeschichte zur Schau gestellt wurden, geriet sowohl zum moralischen wie zum politischen Vorbild. Maßstab war dabei immer der menschliche Blick und seine Erwartungen, denen das Tier unbedingt gerecht werden musste. Tiere, die sich bereits „alle Erfahrungen eines Thiergartentieres“ angeeignet hatten,5 waren gefragt, die also gelernt hatten, ein bestimmtes Handlungsrepertoire zu beherrschen, dessen Basis der routinierte Wechsel aus Fressen, Spielen, Kämpfen und Paaren darstellte. Künstliche Tiere waren gefordert, Meister der kulturellen Mimikry, denen ein Überschreiten ihrer eigenen Klischeebilder in der Regel heftige Kritik einbrachte.

Schlafende Affen, versteckte Jaguare und vor sich hindösende Bären wurden von ihren menschlichen Zeitgenossen, die Eintritt gezahlt hatten, um sie zu sehen, mit Verachtung gestraft. Geradezu skandalös allerdings erschienen Zoobewohner, die nicht Idealtypen gemäß der in der bildungsbürgerlichen Lektüre beheimateten Fauna waren. „Entgegen den von Humboldt und Brehm aufgestellten Theorien, daß die Löwen monogame Veranlagung haben“, sei der Zoo-Löwe, wie es 1913 hieß, „ein höchst galantes Tier, das in Bezug auf die Zahl seiner Weibchen fast mit einem Sultan wetteifern kann“.6 Zwar trug dieser Wesenszug zur Unterhaltung des Publikums bei – schwerer wog allerdings die Tatsache, dass das Tier damit nicht mehr als Repräsentant seiner Art taugte. Referenzpunkt für die Beschauer waren die „nach der Natur“ gezeichneten Bilder in den naturgeschichtlichen Atlanten, die „naturnahen“ Schilderungen aus einem der meistverkauften Bücher der Zeit, Brehms Tierleben, und anderen populären Lehr- und Hausbüchern. Sie hatten die Definitionsmacht über das Normale, das Typische in der Natur inne, und jede Abweichung davon erzeugte tiefgreifende Irritationen.

Der Text eines anonymen Autors nahm am Ende des 19. Jahrhunderts eine ebenso ironische wie treffende Nacherzählung der Erwartungshaltungen von Zoobesuchern, der Differenzen von Ur-Bild und Ab-Bild und den daraus resultierenden Irritationen vor: „Besonders gebildete und überweise Besucher des Gartens“ seien über das Betragen eines Eisbären im Berliner Zoo an einem heißen Sommertag, an dem sich das Tier nicht im Wasserbecken, sondern an einem Schattenplatz an Land aufhielt, „förmlich empört“ gewesen. „Ihren naturgeschichtlichen Kenntnissen gemäß hat das Thier die moralische Verpflichtung, unausgesetzt zwischen den Eisschollen seines Bassins herumzutauchen“.7

Ganz ähnliche Konstellationen lassen sich bis heute beobachten: Wer hat noch nicht erlebt, wie man selbst oder andere Zoobesucher ratlos vor Gehegen stehen, in denen sich Tiere aufhalten, die so gar nichts mit den Protagonisten der Tierdokumentationen im Fernsehen zu tun haben? Während man heute das Leben noch so exotischer, kleiner oder scheuer Tiere aus nächster Nähe und in allen Details auf den Bildschirmen verfolgen kann, entziehen sich dieselben Tiere im Zoo allzu oft den dadurch erzeugten Erwartungen. Wer es gewohnt ist, durch in Baumhöhlen angebrachte Kameras hautnah der Geburt eines roten Pandas beizuwohnen, oder wer Alligatoren als permanent riesige Gnus reißende Räuber kennt, der muss sich vor den Gehegen zwangsläufig manchmal fragen, wie denn nun diese Erfahrungen mit denen im Zoo in Verbindung zu bringen sind.

IV.

Dass unspektakuläres tierisches Verhalten im Zoo mitunter als Störung empfunden wird, während man sich kaum je wundert, warum man selbst im Affenhaus auf Rindenstücken flaniert, die eigentlichen Bewohner jedoch auf Beton leben – kurzum: dass uns Natürliches unauthentisch vorkommt, während Bilder, die unseren eigenen Imaginationskulturen entstammen, unproblematisch echt wirken –, gibt Aufschluss über die Erfolgsstrategien Zoologischer Gärten, die sich strukturell seit mehr als hundertfünfzig Jahren kaum gewandelt haben. In ihrer Mischung aus Vertrautem und Unbekanntem, aus Original und Klischee zeigen sie weder unverfälschte Ausschnitte aus der Natur, noch sind sie ausschließlich künstliche Inszenierungen, ohne jeglichen Bezug zu den Lebenswelten, die sie darstellen. Ihr Geheimnis liegt in der Hybridisierung, in der Produktion einer spezifischen Zoonatur, halb echt und halb fake.

Daher stört auch die merkwürdige karibische Fototapete nicht, vor der sich über einige Jahre hinweg wechselnde, nicht minder merkwürdige kleine Gesellschaften versammelt haben: Sie bildet den Hintergrund einer Aufführung, die mit Bildern operiert, die aus allen Teilen der Welt– nicht zuletzt aus den Vorstellungs- und Erfahrungswelten der Besucher –zusammengetragen werdenund sich im Zoo zu einem klischierten Mikrokosmos fügen, derdie Trennung von Natur und Kultur systematisch unterläuft. Dass die Fotos von den Kindern und den Tiergartentieren nicht mehr gemacht werden, ist bedauerlich. Denn selten hat ein Souvenir so ehrlich Auskunft gegeben über den Ort, an den es erinnern möchte.

Abbildungen: Privatbesitz der Autorin. Mit herzlichem Dank an J. C. und F. Gras, A. Lamata.

1 Thomas Macho, Tiere in der Stadt. Ein flüchtiges Panorama. In: Wolfgang Kos, Walter Öhlinger (Hg.), Tiere in der Großstadt. Ausstellungskatalog zur 321. Sonderausstellung des Wien Museum / Hermesvilla: Tiere in der Großstadt. Wien: Eigenverlag 2005, S. 16.

2 Ebd., S. 17.

3 Florian Nelle, Künstliche Paradiese. Vom Barocktheater zum Filmpalast. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005, S. 15.

4 H. E. Richter, Der Zoologische Garten zu Berlin. Gartenlaube, 24, 1860, S. 379.

5 Maximilian Siedler, Mitteilungen aus dem Schönbrunner Zoologischen Garten in Wien. Der Zoologische Garten, 48, 1907, S. 11f.

6 Anonym, Neues Wiener Tagblatt, 29.4.1913, S. 2.

7 Anonym, Plaudereien und Skizzen aus dem Zoologischen Garten. Berlin 1896, S. 86.