Schnitt ins Leere

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5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Schnitt ins Leere

Erich Honecker und Angela Davis zusammen? Auf einem Foto? Als TeilnehmerInnen an ein und derselben Veranstaltung? Wer sollte sich heute darüber noch aufregen? Diejenigen, die trotz aller Unterschiede an einen gemeinsamen Kampf gegen den Weltkapitalismus glaubten, fanden es damals auch normal, dass der Staats- und Parteichef eines sozialistischen Ostblock-Landes und eine radikale US-amerikanische Bürgerrechtlerin, Feministin und Black-Panther-Aktivistin ein gemeinsames politisches Anliegen hatten: die Weltrevolution! Nur – wer glaubt heute noch an die Weltrevolution?

Und die andere Seite, die an so was ohnehin nie geglaubt hat, warum sollte sie sich heute über die seltsame Liaison von Honecker und Davis noch Gedanken machen? War das nicht nur ein sichtbar gewordener Beweis, dass jede linke Idee, jeder Akt linker Rebellion, sogar jeder Versuch, das kapitalistische System in Frage zu stellen, notwendigerweise in einer Art Totalitarismus endet? Honecker steht für ein repressives antidemokratisches Regime und dessen massive Menschenrechtsverletzungen, für die Berliner Mauer, für die Begrenzung und Unterdrückung von Meinungs-, Bewegungs- und allen anderen Freiheiten. Was ist sein Name für den heute hegemonialen liberaldemokratischen Blick, wenn nicht ein Synonym für den kommunistischen Totalitarismus und seine Verbrechen, für all jene Gulags und „killing fields“, für Stalin und Pol Pot, für das schwarze Buch des Kommunismus, das sich letztendlich in nichts von jenem des Faschismus und Nazismus unterscheidet?

Wer das gemeinsame Auftreten von Angela Davis und Erich Honecker heute noch als Problem empfindet, glaubt offensichtlich nicht an die große Erzählung vom ultimativen Sieg der liberalen Demokratie und ist nicht bedenkenlos bereit, die absolute Herrschaft des globalen Kapitalismus als gegeben hinzunehmen. Dass es eine Alternative gäbe, dass eine andere, bessere Welt möglich wäre – das stellen sich Menschen vor, die Unbehagen gegenüber dem gemeinsamen Porträt von Davis und Honecker empfinden. Sie sind es, die heute versuchen – mit Walter Benjamin gesagt –, dem Konformismus die Überlieferung von Neuem abzugewinnen und im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen. Nur, wie soll das gehen – mit diesem verdammten Foto, das, wie es scheint, jede kollektive Aktion gegen den globalen Kapitalismus, jedes antikapitalistische Solidaritätskonzept, sogar jede linke Kritik der bestehenden Verhältnisse kompromittiert?

Es war einmal eine „happy family“

Üblicherweise macht man mit dem Bild einer unangenehmen Vergangenheit das, was man so oft mit den Fotos einer kaputtgegangenen Ehe macht. Man nimmt die Schere und schneidet den ehemaligen Partner einfach heraus. Damit hofft man, ein Stück vergangenes Glück für die Zukunft zu retten, die Erinnerungen an die eigenen Illusionen und falschen Entscheidungen wegzuwischen und last but not least den bösen Partner symbolisch zu bestrafen. Nicht so sehr, um ihn zu verletzen, sondern vielmehr, um sich dadurch noch einmal zu vergewissern, dass er allein an allem Unglück Schuld hatte.

Wie funktioniert aber dieser Vorgang in unserem Beispiel, bei einem Fotoalbum aus dem Leben einer damals anscheinend glücklichen internationalistischen Familie? Die Rede ist von den Bildern der 1973 in Ostberlin veranstalteten „X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten“, in deren Rahmen auch das gemeinsame Auftreten von Angela Davis und Erich Honecker mit jenem Foto, das heute auf viele von uns so irritierend wirkt, dokumentiert wurde.

Natürlich schneidet man hier nicht die Person Honecker aus den Bildern heraus, sondern das, was er verkörpert – seinen totalitären Staat bzw. jene Szenen, die wie auch immer an dessen Uniformität und bürokratische Disziplin, an dessen ideologische Rituale und petrifizierte Hierarchie erinnern. Auf diese Weise wird man die streng choreographierten Massenakrobatiken in der Sportarena, die protokollarischen Versammlungen, die unerträglich langweiligen Grußformeln und Reden, kurz, die ganze offizielle Seite der Veranstaltung schnell los. Was danach von den Weltfestspielen der Jugend übrig bleibt, sollte das gereinigte Substrat des Internationalismus darstellen, und zwar in seiner von jedem staatlichen Patronat und ideologischen Missbrauch befreiten Spontaneität: das informelle Treffen von Jugendlichen aus den unterschiedlichsten Ländern unserer Welt, ihr authentisches, vollkommen ungezwungenes Zusammensein, ihr hippieskes, unreguliertes Sich-Kennen-Lernen … und – Angela Davis.

Im Kontrast zu dem senilen Oberapparatschik Honecker strahlt Angela Davis auch heute noch eine Reihe anderer Werte aus: schön und jung, black und poppig, gleichzeitig klassen-, rassen-, minderheiten-, geschlechtsbewusst und dazu überzeugend internationalistisch. Zweifellos verkörpert sie für die heutige postkommunistische Welt die antikapitalistische, antiimperialistische und antipatriarchalische Rebellion in einer viel attraktiveren Form als der von seinem eigenen Volk gestürzte Honecker. Außerdem bildet sie heute zu seiner ausgeschnittenen Gestalt nicht bloß einen Gegenpart, sondern auch eine Form der Kontinuität, weil sie dem, was er ins Grab mitnahm, anscheinend noch eine Zukunft verspricht. Als erwecke sie heute noch die Hoffnung, dass die emanzipatorische Essenz der kommunistischen Idee sich noch retten ließe. Diese Hoffnung ist es eigentlich, die so sehr auf der nachträglichen Trennung von Davis und Honecker besteht und den Schnitt in das glückliche Familienfoto des alten Internationalismus vornimmt. Die Motivation für diesen Eingriff ist also klar, sein ideologischer Charakter und seine politische Logik im gegenwärtigen historischen Kontext müssen jedoch noch geklärt werden.

Karneval

Was heißt es also, die Ränder gegen das Zentrum auszuspielen und damit das, was offiziell ausgeschlossen wurde, zum eigentlichen Mittelpunkt des ganzen Ereignisses zu machen? Zuallererst bedeutet es, die gegebene Hierarchie in Frage zu stellen; das, was unten war, nach oben zu kehren und das, was oben war, herabzusetzen bzw. es wie in unserem Fall aus dem gemeinsamen Porträt auszuschneiden. Diese symbolische Inversion von Zentrum und Peripherie, von high & low sollte, wie manche glauben, schon an sich eine emanzipatorische Wirkung haben. Wenn man die Bedeutung dieser Inversion in einem einzigen Bild erfassen will, bietet sich die Figur des Karnevals an.

Es ist bemerkenswert, dass Mikhail Bakhtin, in seiner berühmten Studie über Rabelais, das Phänomen des Karnevals im scharfen Gegensatz zum offiziellen Fest beschreibt. Der Karneval zelebriert eine Befreiung von der etablierten Ordnung und ihren dogmatischen Wahrheiten. Er kennzeichnet eine vorübergehende Aufhebung der hierarchischen Rangordnungen, Privilegien, Normen und Verbote. Für Bakhtin stellt der Karneval einerseits die populistisch-utopische Vision einer von unten gesehenen Welt dar und andererseits formuliert er im Fest – gerade durch die erwähnte Inversion der Hierarchie – eine Kritik der in der jeweiligen Gesellschaft bestehenden Herrschaftsverhältnisse, ihrer Hochkultur und ihrer diskriminierenden Praktiken. Der Karneval stellt die existierende Welt auf den Kopf, zumindest für eine Weile. Er ist die Welt der befreiten und befreienden Übertretung der festgelegten Grenzen, der Raum einer sozial anerkannten Transgression.

Seit der westlichen Rezeption von Bakhtins Rabelais-Studie in den Sechzigern hielt der Karneval als Modell, als Ideal und analytische Kategorie in der Literatur- und Kulturkritik Einzug. Kritische Einwände hinsichtlich einer Überschätzung seiner politischen Bedeutung gab es jedoch beizeiten. Es wurde nämlich allzu oft vergessen, dass Karneval in jeder Hinsicht eine genehmigte „Rebellion“ ist, dass er also ein von der herrschenden Autorität zugelassener und zeitlich begrenzter Hegemoniebruch, eine Art gängiges Überdruckventil für die aufgestaute soziale Unzufriedenheit darstellt und, was noch wichtiger ist, dass er keinesfalls mit einer revolutionären Aktion verwechselt werden darf.

Ebenso klar war allerdings, dass Bakhtins Werk in seiner ursprünglichen Form und in seiner ideologischen und politischen Motivation eine kryptische, antistalinistische Allegorie darstellt. Das Zelebrieren von Körperlichem und Erotischem, das Stimulieren von Zügellosigkeit und Transgression, das Relativieren und Verspotten von Autorität – alles, was Bakhtin in seinem Karnevalbegriff extrem positiv bewertet hat, wurde auch als eine offene Herausforderung des stalinistischen Autoritarismus verstanden. Kein Wunder also, dass sich die Figur des Karnevals bei jeder Auseinandersetzung mit der stalinistischen Ideologie und ihrer politischen Praxis als hervorragendes Mittel einer normativen Kritik gleichsam anbietet. Außerdem eröffnet sie der antistalinistischen Kritik eine viel breitere internationalistische Perspektive, nämlich einen direkten Anschluss an den linken Antiautoritarismus im Westen, und zwar sowohl in seiner theoretischen als auch in seiner praktischen Artikulation.

Die Rede ist natürlich vom sozial- und kulturkritischen Vermächtnis des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, das sich schon seit 1936 in seiner Analyse der kapitalistischen Herrschaftsform mit den psychosozialen Strukturen der Autorität befasst. Man denke nur an die berühmten Studien über Autorität und Familie bzw. an den in Amerika veröffentlichen Band „The Authoritarian Personality“. Die Studentenrevolte der sechziger Jahre ging das Problem der Autorität von der praktisch-politischen Seite an. Der Antiautoritarismus in seinen verschiedenen Formen wurde auch von den so genannten neuen sozialen Bewegungen thematisiert, die zur selben Zeit die westeuropäische politische Szene betraten und in der Folge stark beeinflusst haben. „Question Authority!“ war einer der meist ausgerufenen Slogans amerikanischer counter-culture der siebziger Jahre.

Der antiautoritäre Schnitt

Im Begriff des Karnevals scheint also die antikapitalistische Kritik schon damals eine Kategorie gefunden zu haben, deren emanzipatorische Bedeutung über die Grenzen der beiden Blocks hinaus erkannt wurde. Als ginge es auf den beiden Seiten des eisernen Vorhangs um ein und dieselbe Sache – die Autorität in all ihren Formen zu bekämpfen. Dasselbe gilt für den kritischen Eingriff, den wir heute in die damaligen „X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ vornehmen. Das Herausschneiden ihrer in der Gestalt von Erich Honecker verkörperten offiziellen Seite ist nur als ein antiautoritärer Schnitt zu verstehen. Das, was der Schnitt für die Nachwelt politisch zu retten bzw. dem heutigen Konformismus abzugewinnen versucht, nämlich das emanzipatorische Potenzial der kommunistischen und allgemein antikapitalistischen Bewegungen, lässt sich letztendlich auch im Begriff des Karnevals zusammenfassen.

Was der antiautoritäre Schnitt vom Gruppenporträt der X. Weltfestspiele nämlich übrig lässt, ist der internationale Megakarneval in seiner reinsten Form: ein globales Volksfest, ein freies, ungezwungenes „open air amusement“, das in unserer optimistischen Interpretation das offizielle Fest und seinen totalitaristischen Background parodiert, travestiert und so die vorgeschriebenen Rituale der offiziellen Autorität unzweifelhaft degradiert.

Bakhtin fasste den Sinn des Karnevals im Begriff des grotesken Realismus und lobte dessen prozesshaften, hybriden, mobilen Charakter, seine Transgressivität, Obszönität, seine Übertreibungen und Inversionen, seine Vorliebe für Andersheit, für Diversität et cetera. In der Groteske des Karnevalssah Bakhtin ausschließlich eine positive Kraft.

Leider sehen wir im Karneval nichts, was heute irgendwie an bewusste politische Artikulation und weniger noch an eine Art „quasi-revolutionären Ausnahmezustand“ erinnern könnte. Die karnevalisierten, von der Autorität des realsozialistischen Staates befreiten „X.

Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ evozieren etwas ganz anderes – eine Fantasie des heutigen liberalen Mainstreams von einem transnationalen kulturellen Raum (dem so genannten dritten Raum), in dem sich die Hybridisierung kultureller Identitäten und die so genannten Prozesse von kulturellen Übersetzungen und Verhandlungen abspielen; die Fantasie von einem Raum der Gespaltenheit und des kulturellen Crossover; vom Raum einer neuen transnationalen Kultur, die, wie Homi Bhabha betont, nicht auf der Exotik des Multikulturalismus, sondern auf der Einschreibung und Artikulation der Hybridität in Kultur beruht.

Der Internationalismus, der diese liberaldemokratische Fantasie hervorruft, ist kein politischer, sondern ein kultureller. Er setzt sich nicht etwa mit den ökonomischen und politischen Widersprüchen der heutigen Globalisierung auseinander, sondern mit sich überkreuzenden und gegenseitig vermischenden kulturellen Übersetzungs- und Verhandlungsprozessen. Er richtet sich nicht an die Subjekte einer radikalen politischen und sozialen Veränderung, sondern an die Helden einer neuen, internationalistischen, hybriden Weltliteratur. Er drückt nicht das politische Bewusstsein der Verdammten dieser Erde aus, sondern die Ideologie einer globalen, kulturellen und intellektuellen Elite. Und sein Antiautoritarismus hat schon längst die Zähne verloren.

Von der Kultur der Ordnung zur Ordnung der Kultur

Die Figuren der Rebellion aus der Zeit der Studentenrevolte sind heute ein integrierter Bestandteil des existierenden kapitalistischen Systems. In „The Conquest of Cool“ hat Thomas Frank am Beispiel der Werbe- und Modeindustrie gezeigt, wie der antiautoritäre Hype der Sechziger mit all jenen Forderungen nach Authentizität, Individualität, Differenz und Rebellion in den hegemonialen Mainstream der Neunziger transformiert wurde. Inzwischen ist auch die alte Welt der fordistischen Massenproduktion mit ihrem politischen Pendant, dem nationalen Wohlfahrtsstaat, in die Phase ihres unaufhaltsamen Zerfalls eingetreten. Die so genannte Flexibilität – und nicht die Autorität! – bestimmt im Wesentlichen die heutige kapitalistische Produktion. Ihre genuine Organisationsform wurde im magischen Begriff des „network“ gefunden. Der Druck einer für das fordistische Unternehmen typischen autoritären Hierarchie hat entscheidend nachgelassen. Heute wird eine spontane one-to-one-Kommunikation unter Netzwerkmitgliedern gefördert: Sie ist ein wichtiger Faktor der Produktivität geworden. Die Motivation wird nicht mehr durch eine äußerliche, repressive Disziplin stimuliert. Im Gegenteil, sie scheint von selbst zu entstehen, als ein internalisierter Ruf nach kreativer Selbsterfüllung in jedem neuen Arbeitsprojekt. Man fesselt heute die Angestellten nicht mehr an ihre Arbeitsplätze, sondern schickt sie nach Hause oder macht sie einfach mobil, auch mit Hilfe der neuen Telekommunikationstechnologie. Arbeit muss Spaß bringen und frei machen; sie wird am besten als „leisure“ ver- und gekauft. Als wäre die ganze Produktionssphäre eine Art ultraproduktiver Karneval geworden. Dieser spätkapitalistischen, karnevalesken Welt der flexiblen Akkumulation entspricht auch die dominante Struktur aktueller Subjektivität: das hybride, transnationale, transkulturelle, transsexuelle, trans gressive … oder, wie es Žižek passend beschreibt, das multipel perverse, postmoderne Subjekt ohne festgelegte väterliche Autorität, das zwischen verschiedenen Selbstbildern hin- und herspringt und sich selbst immer wieder neu erfindet. Sein Antiautoritarismus ist schon längst Teil des Problems, nicht der Lösung. So spielt er heute eine wichtige ideologische Rolle in der neoliberalistischen Demontage des Wohlfahrtstaates und dem Abbau von dessen, wie es heißt, belastenden, bürokratischen, entfremdenden, profitverhindernden und kapitalverschwendenden Strukturen. Dass dabei auch die schwer erkämpften sozialen Errungenschaften der Arbeiterbewegung zu Grunde gehen, kümmert die neue kapitalistische Klasse nicht. Die alten Formen des Klassenkampfes mit ihren zentralistisch organisierten Parteien und autoritär geleiteten Gewerkschaften haben in der schönen neuen Welt der liberaldemokratisch sanktionierten Subversion sowieso nichts zu suchen.

Der antiautoritäre Schnitt in die Vergangenheit schafft es offensichtlich nicht, dem Konformismus die emanzipatorische Überlieferung von Neuem abzugewinnen und im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen. Er wird selbst zum Akt des Konformismus, der die letzten Glutreste der revolutionären Tradition löscht. Die lange Geschichte seiner Kooptierung scheint heute zu Ende zu sein. Der Antiautoritarismus ist zur hegemonialen Praxis seines ehemaligen Feindes geworden.

So stellt uns der antiautoritäre Schnitt in diesem konkreten Fall vor eine schwierige Entscheidung: entweder Angela Davis mit Honecker als eine Sequenz des gemeinsamen Scheiterns, als ein schöner, nonkonformistischer, rebellischer Ausblick auf dem Weg in die Sackgasse des altrevolutionären Internationalismus – oder Angela Davis ohne Honecker, als Faschingsprinzessin eines quasi-subversiven globalen Karnevals. Nicht nur, dass man ihr selbst damit Unrecht täte. Die Wiedergeburt der internationalen politischen Solidarität aus dem Geist des feierlichen Populismus ist ebenso zum Scheitern verurteilt.

Der linke Wille ist hilflos nostalgisch geworden. Doch eine Nostalgie, die sich ihre Perspektive nur aus dem Rückspiegel holt, wird nie zur Kritik des Bestehenden, sondern zum Ressentiment der Be- siegten, das ihre Hilflosigkeit diesem Bestehenden gegenüber nur noch bestätigt.

Außerdem – wo gibt es diese Ordnung noch, die uns unterdrückt und an unserer Emanzipation hindert, eine Ordnung, gegen die man rebellieren könnte? Etwa in unseren in sich zerfallenden Nationen und hybridisierten kulturellen Identitäten? Oder in unseren globalpolitisch entmachteten Nationalstaaten? Es führt kein Weg zurück zur Vision einer Welt der in sich und voneinander befreiten Nationen, die sich demokratisch in eine globale Ordnung einfügen. Und so gibt es auch keinen Internationalismus mehr, in dessen Namen man die alte Kultur der Ordnung immer wieder von Neuem subvertieren könnte.

Es hätte vielmehr Sinn, die neue Ordnung der Kultur anzugreifen, da gerade die Kultur heute, in einer Welt der sozialen, politischen und ökonomischen Unordnung, zur einzigen Ordnungsvorstellung geworden ist.

Boris Buden (Wien) ist Publizist und Autor, Redakteur in der politischen Zeitschrift „Arkzin“ (Zagreb) sowie Mitarbeiter des Kulturmagazins „Springerin“ (Wien).