Ostdeutsche Antworten auf die Frage, was nach dem Tod kommt

Root Event

7. Werkleitz Biennale 2006 Happy Believers
Ostdeutsche Antworten auf die Frage, was nach dem Tod kommt

Ostdeutsche Antworten auf die Frage, was nach dem Tod kommt *1

Happy Believers?

Im Osten Deutschlands hat sich während der Zeit der DDR im Bereich von Religion und Kirche ein Traditionsbruch vollzogen, der historisch seinesgleichen sucht. Gehörten im Gründungsjahr der DDR noch 91 % der Bevölkerung einer der beiden Kirchen an, waren es im Jahre 1989 nur noch 29 %. Seitdem gingen die Zahlen weiter nach unten. Heute sind noch etwa 21% Mitglied der evangelischen und ca. 4% der katholischen Kirche2.

Was sich im Westen als religiöser Enttraditionalisierungsprozess im Kontext eines allgemeinen Wertewandels vollzog und zu einer zunehmend distanzierten Kirchlichkeit (vor allem, aber nicht nur bei den jüngeren Altersgruppen) führte, hatte in der DDR einen komplexeren Charakter. Hier kam es offensichtlich zur Überlagerung mehrerer Prozesse, an deren Ende kirchliche Bindung und die Selbsteinschätzung als „religiös“ auf einen weltweiten Tiefststand gesunken waren. Entscheidende Faktoren waren dabei: (1) ein kirchlicher Terrainverlust vor und während des Nationalsozialismus, der nach dem 2. Weltkrieg nicht wie in Westdeutschland (durch explizite staatliche Unterstützung der Kirchen und zivilreligiöse Rahmung der Verfassung) kompensiert wurde; (2) ein massiver Rückgang von Kirchlichkeit und Religiosität zur Zeit der DDR bis Mitte der 1960er Jahre aufgrund staatlicher Repression, Kultkonkurrenz und Weltanschauungskonkurrenz; (3) eine zum Normalzustand gewordene Konfessionslosigkeit, die ihrerseits sozialisierende Wirkungen entfaltete und (4) ein allgemeiner Wertewandelsprozess, der sich seit Mitte der 1960er Jahre in fast allen europäischen Ländern vollzog und in der DDR im Zuge der Herausbildung einer „arbeiterlichen Gesellschaft“3 eine besondere Dynamik entwickelte.

In der Konsequenz führten diese Entwicklungen zu einer im Vergleich zu Westdeutschland völlig andersartigen Struktur der religiösen und weltanschaulichen Landschaft.

Nach der Wende erwarteten viele, dass es unter den veränderten Rahmenbedingungen zu einer Revitalisierung des religiösen Lebens in den neuen Bundesländern kommen würde. Diese Annahme hat sich nicht bestätigt, doch ist die ,religiöse Lage’auch nicht einfach dieselbe geblieben. Besonders für die jüngeren Jahrgänge deuten die ALLBUS-Umfragen4 der letzten Jahre auf eine gewisse Öffnung gegenüber religiösen Fragen hin, vor allem auf eine deutliche Zunahme des Glaubens an ein Leben nach dem Tod.Hier ist bei der Gruppe der 18-29jährigen im Jahr 2001 gegenüber Umfragen zu Beginn der 90er Jahre mit 33,6% zustimmenden Nennungen eine Verdopplung der positiven Antworten zu verzeichnen. Ein ähnlicher, wenn auch nicht so stark ausgeprägter Befund ergibt sich bei der Frage nach der Relevanz von Magie, Spiritismus und Okkultismus. Insofern pluralisiert sich die religiöse Landschaft Ostdeutschlands – wenn auch in einem sehr geringen Ausmaß.

Im Rahmen eines DFG-Projektes5 ging von 2003–2006 eine Gruppe von Soziologinnen und Soziologen der Universität Leipzig diesen Prozessen genauer nach. Untersucht wurde, wie sich ostdeutsche Familien mit der staatlich forcierten Abkehr von Religion und Kirche in der DDR auseinander setzten, diese aktiv mit vollzogen, sich ihr entzogen oder widersetzten, und wie sie mit den veränderten Rahmenbedingungen seit der Wende umgehen.

Das Projekt näherte sich der Logik dieser Wandlungsprozesse über Familieninterviews, in denen Vertreter dreier Familiengenerationen gemeinsam die Geschichte ihrer Familie erzählten. Ergänzt wurden diese Darstellungen durch Fragen zu bestimmten Epochen der DDR- und Wende-Geschichte, zu Entwicklungen in Politik, Beruf, Freizeit, Schule und Religion sowie durch diskussionsgenerierende Stimuli.

Auf eine dieser Diskussionsfragen soll hier im Folgenden genauer eingegangen werden. Es handelt sich dabei um die Frage „Was glauben Sie kommt nach dem Tod?“.Dieses Thema gilt ja in der Regel als besonders‚harter’Prüfstein für die Unterscheidung religiöser oder nicht-religiöser Haltungen, bietet sich aber auch für‚Neuerungen’verschiedenster Art an.Die Antworten, die durch die Familien im Laufe der Diskussion entwickelt wurden, haben uns teilweise verblüfft. Eine Auswahl soll im Folgenden kurz vorgestellt werden.

Dass sich trotz der allgemeinen Durchschlagskraft der „wissenschaftlich-atheistischen Weltanschauung“6 und damit verbundener Haltungen vom Tod auch christliche Vorstellungen über die DDR-Zeit hinweg gerettet hatten, war bei der Durchsicht der Interviews schnell klar. Darüber hinaus kristallisierten sich jedoch entlang der Todesfrage eine Reihe von Antwortvarianten heraus, die sich insbesondere durch unspezifische Transzendenzbezüge auszeichneten.

Wir haben diese Antworten unter dem Begriff der „agnostischen Spiritualität“ zusammengefasst. Darunter verstehen wir Vorstellungen, die eine Grenzziehung sowohl gegenüber dem‚Materiellen’bzw.‚Materialistischen’als auch gegenüber traditionellen religiösen Vorstellungen mit sich führen. Agnostisch ist diese Spiritualität, weil ihr ein‚religiöses’Erfahrungswissen im Hinblick auf das, was prinzipiell für möglich gehalten wird, fehlt, und die Personen bisher auch nicht versucht haben, solches Erfahrungswissen über gemeinschaftliche oder individuelle Praktiken zu erlangen. Gleichwohl ist die Frage der Transzendenz, insbesondere die Frage, was nach dem Tod kommt, für diese Personen ein hoch relevantes Thema, und sie reagieren bereitwillig auf entsprechende Gesprächsstimuli. Hier zeigt sie sich nicht etwa in einer abstrakten philosophischen Reinform, sondern wird vielmehr kommunikativ – in Auseinandersetzung mit verschiedenen Möglichkeiten der Konkretisierung – erst generiert. Geschöpft wird dabei in synkretistischer Weise aus dem Fundus alter und neuer Deutungssysteme: der Religion, der Magie, der Parapsychologie, des Humanismus, aber auch der Wissenschaft und der medialen Kulturproduktion, insbesondere des Films. Dabei bleiben die inhaltlichen Bezüge gewissermaßen experimentell und dienen eher dazu, einer Suchbewegung Ausdruck zu verleihen als dass sie religiöse Glaubenshaltungen zum Ausdruck brächten.

Im Folgenden werden einige typische Antworten, die uns Familien bzw. einzelne Familienmitglieder auf die Frage nach dem Tod gaben, vorgestellt und das darin zum Ausdruck kommende Verhältnis zur Religion charakterisiert. Es lässt sich zunächst festhalten, dass in den Interviews nur noch selten und dann ausschließlich in der ältesten Generation explizit christliche Antworten auftauchten (gemeint ist der Auferstehungsgedanke). Interessant ist vielmehr, dass auch in christlichen Familien die Antworten auf die Todesfrage beträchtlich variierten. Viel eher wurde von einer „Hoffnung“ gesprochen, die man berechtigterweise haben dürfe, oder von einem „Geheimnis“, das man nicht lüften könne oder auch gar nicht wolle. Mit der Metapher des Geheimnisses wird in gewisser Weise ein religiöses Bilderverbot aufrecht erhalten und über den abstrakten Hinweis auf Hoffnung ein Transzendenzbezug angedeutet, ohne dass jedoch die positive Seite der christlichen Semantik zur Stützung dieser Hoffnung ins Spiel käme.

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen diejenigen Interviewpartner, die im Zusammenhang mit der Frage, was nach dem Tod kommt, eine explizit atheistische Haltung zum Ausdruck brachten und die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tode ablehnten. So antwortete eine ältere Humanmedizinerin (Jg. 1935) auf die Frage, was nach dem Tod käme: „Asche und nichts anderes. Das finden Naturwissenschaftler.“. Damit bewegt sie sich in der Linie dessen, was in der DDR als „wissenschaftlicher Atheismus“ bezeichnet wurde: ein weltanschauliches Bündnis von Szientismus und Atheismus, die sich wechselseitig stützten. Religion kommt in dieser Perspektive lediglich noch als irrationaler Rest in den Blick.

Eine andere Variante solcher atheistischen Haltungen sind Vorstellungen, bei denen der tote Körper nur noch in seiner Materialität in den Blick kommt. So zitiert eine der Befragten ihren Vater mit den Worten „Mein Vater hat immer gesacht: ‚Nich’ auf ’n Friedhof. Schmeißt mich auf ’n Komposthaufen, da bin ich noch zu was nutze.‘“. Eine solche Haltung ist christlichen Vorstellungen geradezu entgegengesetzt. Weder kommt dem Körper eine besondere Bedeutung zu (im Gegensatz zu christlichen Vorstellungen einer leiblichen Auferstehung), noch scheint die übliche Bestattungs- und Gedenkkultur, die den bestatteten Körper oder die bestattete Asche als Anknüpfungspunkt braucht, von Belang.

Diejenigen Todesvorstellungen, die wir im Folgenden unter dem Begriff „agnostische Spiritualität“ subsumieren wollen, sind nicht völlig inhaltsleer, sondern speisen sich aus verschiedenen Quellen. Diese erfüllen zum einen die Funktion, die grundsätzliche Erfahrungsferne der Frage, was nach dem eigenen Tod kommt, zu kompensieren. Andererseits stellen sie neue Semantiken zur Veranschaulichung bereit, die offenbar noch nicht in gleicher Weise als „überholt“ gelten, wie dies gegenüber klischeehaft geronnenen volksreligiösen Vorstellungen, aber auch gegenüber bestimmten christlich-theologischen Deutungen oft geäußert wird. Und schließlich erzeugen sie – gerade über den Anschluss an wissenschaftliche Theorien und Science Fiction – eigene Plausibilitäten, die dem „Irrationalen“ der Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tode eine neue „Rationalität“ unterlegen.

In mehreren Interviews wird im Zusammenhang mit der Todesfrage auf Berichte von Todesnähe-Erlebnissen eingegangen, die offenbar viele faszinieren und – ähnlich wie übersinnliche Erfahrungen – als Brücke zum Erfahrungsfernen fungieren. Aber auch Wiedergeburtsvorstellungen finden sich mehrfach – auch im atheistischen Umfeld. So sagt ein Mann (Jg. 1959) in Bezug auf seinen Tod: „’n Exotus gibt’s nich’, irgendwie kann nich’ des Gehirn off eenmal abschalten. Das gloob ich nich’ […] da siehste jar nüscht mehr oder was?“ Als seine Frau gegenüber dem Interviewer erklären will, dass es sich dabei um eine Reinkarnationsvorstellung handelt und ihr Mann irgendwann mal als „Blümchen auf die Wiese“ zurückkehrt, kontert er, dass er als anderer Mensch wieder zurückkehren will. Über die Frage der Reinkarnation wurde in dieser Familie offenbar bereits häufiger gesprochen. Bei dem, was der Vater entwickelt, handelt es sich sicherlich nicht um eine ausgefeilte religiöse Theorie, sondern eher um etwas, das den Schrecken beim Gedanken an den „Exotus“ (Exodus/Exitus) und das damit verbundene Ende der individuellen Person mildert. Die Wiedergeburtsvorstellung, die mit ihrem hinduistischen Ursprung freilich wenig zu tun hat, liegt dafür offenbar für viele leichter bereit als die christliche Idee der Auferstehung.

Ähnlich argumentiert eine andere junge Frau (Jg. 1974). Sie entwickelt den Gedanken, dass sich trotz des Zerfalls ihres Körpers in lauter Moleküle ihr Bewusstsein irgendwann wieder in einer anderen Person zusammensetzt: „Also was mit meinem Körper passiert, is’ mir eigentlich egal, weil der geht wieder in ’n Kreislauf über. Ich denke, dass es dann aber irgendwann so sein wird, dass, dass, dass, ähm, dass es einen Menschen gibt, der, der ich bin.“ Dass ihre atheistische Mutter daraufhin irritiert nachfragt „So was denkst du?“ zeigt exemplarisch, wie sich in diesen religiös-weltanschaulichen Wandlungsprozessen die Generationen auseinander bewegen, wobei die jüngere Generation aber auch Anregungspotenziale für die älteren Generationen bietet.

Andere Befragte greifen auf Science Fiction-artige Vorstellungen zurück und setzen sich damit von atheistischen wie von christlichen Vorstellungen gleichermaßen ab. So bemerkte ein junger Mann (Jg. 1973) im Laufe der Diskussion lakonisch, dass „irgendwann ma’ uns die grünen Männchen besucht haben oder wie auch immer und diese ganze Erde als Testobjekt eingerichtet haben“. Demnach wären wir Teil einer höheren Logik und die Frage nach unserem Tod erübrigte sich, denn die Verantwortung läge gewissermaßen außerhalb unseres Selbst.

Auch wissenschaftliche Theorien werden für die Argumentation herangezogen: So einigte sich eine katholische Familie nach längerer Diskussion auf die Formel eines „Energiehäufchens“, das nach dem Tode erhalten bleibt, und rekurriert dabei offensichtlich auf den Energieerhaltungssatz.

Zusammenfassend lässt sich die These formulieren, dass gerade in hochgradig säkularisierten Gegenden wie dem Osten Deutschlands die Annäherung an das religiöse Feld über den Weg einer „agnostischen Spiritualität“ führt. Allerdings bleiben solche Semantiken chronisch instabil, insofern sie kaum an Institutionen oder stabile Vergemeinschaftungsformen gebunden sind. Es artikuliert sich in ihnen aber gleichwohl eine Öffnung gegenüber religiösen Fragen, die gegenüber dem‚Materialismus’der DDR-Zeit etwas Neues ins Spiel bringt, in manchem aber auch an ihn anschließt.

Uta Karstein, Thomas Schmidt-Lux, Monika Wohlrab-Sahr

1 Zum Folgenden ausführlicher: Monika Wohlrab-Sahr, Uta Karstein, Christine Schaumburg Ich würd’ mir das offenlassen: Agnostische Spiritualität als Annäherung an die „große Transzendenz“ eines Lebens nach dem Tode. In: Zeitschrift für Religionswissenschaft 4/2005, S. 153-174.

2 Für eine aktuelle Übersicht siehe www. ekd.de/statistik/3217_mitglieder.html.

3 Wolfgang Engler: Über die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land. Berlin, 1999

4 Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften.

5DFG-Projekt: Generationenwandel als religiöser und weltanschaulicher Wandel. Das Beispiel Ostdeutschland. Leitung: Prof. Monika Wohlrab-Sahr, Universität Leipzig. Weitere Mitarbeiter neben den Verfassern des Artikels waren Mirko Punken, Anja Frank, Birgit Glöckl, Jurit Kärtner, Katja Schau und Christine Schaumburg.

6 A. Kosing, Wie sehen wir die Welt?, in Weltall, Erde, Mensch: Ein Sammelwerk zur Entwicklungsgeschichte von Natur und Gesellschaft, Berlin 1954, S. 13-24; vgl. des Weiteren Th. Schmidt-Lux, Wissenschaftliche Weltanschauung und Religion. Ein Beitrag zur Theorie des Säkularisierungsprozesses und seiner institutionellen Akteure am Beispiel der Urania, Dissertation an der Universität Leipzig, Leipzig 2006.