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Kunst und Arbeitsmarkt

Kunst und Arbeitsmarkt sind keine Gegensätze! Unter dem Stichwort „Kulturwirtschaft“ wird sowohl national als auch auf europäischer Ebene gegenwärtig intensiv diskutiert. Kulturwirtschaft wird heute in vielen Ländern Europas zu den relevanten und zukunftsbezogenen Wirtschaftssektoren gezählt und in manchen Städten und Regionen als wichtiger Faktor des Strukturwandels gewertet. Ihre wirtschaftliche Dynamik und arbeitsmarktpolitische Bedeutung werden hierzulande allerdings kaum zur Kenntnis genommen.

Dabei hat die Kulturwirtschaft für Sachsen-Anhalt schon eine Menge vorzuweisen:
• Die Gesamtumsätze der Kulturwirtschaft erreichten im Wirtschaftsjahr 1997 eine Höhe von ca. 3 Mrd. DM. Dies entspricht ca. 3 % der gesamten Wirtschaft in Sachsen-Anhalt und damit dem Volumen der Wirtschaftsbranchen „Land- und Forstwirtschaft“ und „Verkehr und Nachrichtenübermittlung“ (u. a. Bus, Bahn, Spedition, Reisebüros, Kurierdienste).
• Diese Umsätze werden von ca. 5.000 steuerpflichtigen Unternehmen erwirtschaftet und erfassen ca. 8 % aller steuerpflichtigen Unternehmen in Sachsen-Anhalt. Dies sind mehr als doppelt soviel wie in der Land- und Forstwirtschaft (3,5 %) und mehr als im Kfz-Handel etc. (4,4 %) oder im Bereich der Verkehrs- und Nachrichtenübermittlung (5,4 %).
• Im Bereich Kulturwirtschaft sind ca. 32.000 sozialversicherungspflichtige ArbeitnehmerInnen beschäftigt.

Diese Zahlen weisen sowohl auf die gestiegene zahlenmäßige Bedeutung arbeitsmarktrelevanter Kunst hin als auch auf die gestiegene Bereitschaft, die Künste unter ökonomischen Aspekten zu betrachten.

Für viele Menschen ist es selbstverständlich, dass Kreativität und Kultur zu den vitalen Kraftquellen unserer Gesellschaft zählen. Musik, Literatur und Bildende Kunst, Architektur und Design und anderes mehr sind Ausdruck eines vielfältigen kreativen, künstlerischen Schaffens.

Keineswegs selbstverständlich aber ist, dass diese Kreativitäts- und Kulturbereiche zu den wesentlichen Wachstumsbranchen unserer Wirtschaft gehören. Themen wie Buchmarkt und Internet, Musikindustrie und Digitalisierung, Bildende Kunst und Multimediatechniken, Film und audiovisuelle Industrie- und Telekommunikationsmärkte bestätigen uns dies täglich aufs Neue. Die steigende Nachfrage nach kreativen und kulturellen Leistungen, verursacht u. a. durch eine höhere Lebenserwartung und ein höheres Bildungsniveau wie auch durch die Zunahme der arbeitsfreien Zeit wird in fast allen europäischen Ländern registriert. Kulturtourismus, kulturelle Freizeitgestaltung und individueller Kulturkonsum über Fernsehen, Video, PC, Multimedia und Internet haben sich zu Kernbegriffen in der öffentlichen Debatte entwickelt.

Kultur ist eine wichtige Beschäftigungsquelle und ein Standortfaktor; sie leistet einen positiven Beitrag zur sozialen Integration und prägt maßgeblich das Potenzial einer Region. Die positiven Beschäftigungsaussichten dieses Sektors beruhen dabei im Wesentlichen auf der Entwicklung der Informationstechnologie sowie dem Wachstum des Dienstleistungssektors insgesamt.

Der Begriff der Kulturwirtschaft entzieht sich jedoch bislang einer genauen Definition. Was ist Kulturwirtschaft? Wie ist sie definiert?
Was zählt dazu, was nicht? Diese Fragen werden immer wieder gestellt. Für die einen ist Kulturwirtschaft heute ein wichtiges und wachsendes Segment der Wirtschaft in Europa, das neue Arbeitsplätze schafft. Andere warnen, wenn sie von Kulturwirtschaft sprechen, vor dem drohenden Ausverkauf der Kultur an die Wirtschaft. Für sie ist Kultur ein öffentliches Gut, das nicht der Ökonomie des Geldes geopfert werden darf, es sei denn die finanzielle Unterstützung kommt vom Staat.

Inzwischen dürfte in unterschiedlichen Forschungsansätzen klar geworden sein, das es sich bei der Kulturwirtschaft im Kern um einen Branchenmix handelt, der sich auf die privatwirtschaftlichen Kultur- und Medienbetriebe und -unternehmen bezieht. Sie umfasst damit alle erwerbswirtschaftlichen Aktivitäten, die für die Vorbereitung, Schaffung, Erhaltung und Sicherung von künstlerischer Produktion, Kulturvermittlung und/oder medialer Verbreitung Leistungen erbringen oder Produkte herstellen bzw. veräußern. Die Kulturwirtschaft schließt vor allem die Teilmärkte Musikwirtschaft, den Literatur- und Buchmarkt, den Kunstmarkt, die Film/TV- und Medienwirtschaft sowie die Darstellende Kunst und Unterhaltungskunst mit ein. Hingegen zählt der gesamte öffentlich finanzierte Kulturbetrieb in der Ausprägung von Theatern, Bibliotheken, Museen etc. nicht zur Kulturwirtschaft im engeren Sinne.

Die Chancen und Potenziale der Kulturwirtschaft möchte ich anhand einiger Leitsätze zur Kulturwirtschaft aus der sogenannten Essener Erklärung darstellen, die Ergebnis eines internationalen Fachkongresses im Mai letzten Jahres in Nordrhein-Westfalen war und derzeit auf europäischer Ebene diskutiert wird. Hiernach möchte ich den ökonomischen und kulturellen Stellenwert der Kulturwirtschaft mit folgenden Leitsätzen noch einmal deutlich unterstreichen.


Kulturwirtschaft stärkt regionale Potenziale und sichert nachhaltig regionale Beschäftigung

Die Kulturwirtschaft ist im besonderen Maße auf die bestehenden Traditionen und kulturelle Vielfalt in den Städten und Regionen angewiesen. In Zeiten der Globalisierung schärft sie durch ihre Produkte und Dienstleistungen das eigenständige Profil von Regionen und verbessert damit auch die Rahmenbedingungen der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung. Sie erzielt Beschäftigungseffekte außerhalb des öffentlichen Sektors. Die von klein- und mittelbetrieblichen Strukturen geprägten Branchen sind arbeits- und personalintensiv und in der Regel dauerhaft in lokale Milieus und regionale Netzwerke eingebettet.


Kulturwirtschaft ist ein eigenständiges Wirtschaftsfeld

Die Teilmärkte der Kulturwirtschaft sind ein breites Mosaik von miteinander verflochtenen Wirtschaftsbranchen. Diese Vielfalt ist aufgrund traditioneller statistischer Erfassungssysteme allerdings nur schwer erkennbar. Die Kulturwirtschaft muss daher ein eigenständiges Feld der Wirtschafts-, Kultur- und Städtebaupolitik werden. Nur so kann man der ökonomischen, arbeitsmarktpolitischen, sozialen, infrastrukturellen und städtebaulichen Bedeutung der Kulturwirtschaft gerecht werden. Für einzelne Teilmärkte der Kulturwirtschaft müssen sektoral angepasste Strategien und Projekte entwickelt werden, um die kulturwirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Städten und Regionen zu verbessern. Dadurch können vorhandene Strukturen gesichert und innovative Potenziale entwickelt werden. Existenzgründungen im Bereich der Kulturwirtschaft benötigen gezielte Fördermaßnahmen und individuelle Unterstützung, u. a. durch Informationen, Beratungen sowie Zugangsmöglichkeiten zum Risikokapital.


Kulturwirtschaft bedarf einer aktiven Kulturpolitik

Obwohl die Definition von Kulturwirtschaft weder öffentlich geförderte Aktivitäten und Programme, noch die von der öffentlichen Hand getragenen oder geförderten Kultureinrichtungen einschließt, gibt es gemeinsame Interessen und Wechselwirkungen im Sinne einer gewissen Arbeitsteilung. So bleibt z. B. im Bereich der Aus-, Weiter- und Fortbildung vor allem die musikalische Früherziehung
vorwiegend ein Arbeitsfeld des öffentlich geförderten Kultursektors. Demgegenüber bleibt die Verbreitung und Vermittlung der kulturellen Produktion im wirtschaftlichen Sinne weitgehend das Arbeitsfeld der Kulturwirtschaft.

Weiterhin orientiert der öffentliche Sektor in zunehmendem Maße Teile seiner Kultureinrichtungen erwerbswirtschaftlich und wächst damit in die Kulturwirtschaft hinein. Als Beispiele mögen hier der Museumsshop dienen oder das soziokulturelle Zentrum, das sich durch die Ausrichtung von Veranstaltungen ein kulturwirtschaftliches Standbein geschaffen haben. Damit entstehen Einrichtungen, die im Grenzbereich zwischen der öffentlich geförderten Kultur und der Erwerbswirtschaft angesiedelt sind. Zudem lassen sich in nahezu allen Teilmärkten der Kulturwirtschaft intensive Austauschbeziehungen zwischen dem öffentlich geförderten Kultursektor und der Kulturwirtschaft feststellen, die für die Entwicklung der Kulturlandschaft vielfach von erheblicher Bedeutung sind.

Durch das Land wird beispielsweise Künstlereinzel- und Filmförderung betrieben, die auch die Fähigkeiten und Kompetenzen der jeweiligen KünstlerInnen für ihr Bestehen am Markt stärken. In diesem Zusammenhang wurde es talentierten jungen Leuten ermöglicht, ihr erstes Drehbuch zu schreiben, ihren ersten Kurzfilm zu drehen oder mit Computer- und Internetauftritten zu experimentieren. Einige dieser NachwuchskünstlerInnen sind Dank der Förderung inzwischen in der Lage, marktfähige Film- und TV-Projekte zu realisieren. Es gibt aber auch Probleme im Zusammenwirken. Die negativen Auswirkungen der Tagesgagen bei TV-Auftritten von Schauspielern auf die Ensembletheater seien hier genannt.


Öffentlich geförderte Kultur und Kulturwirtschaft stellen keinen Gegensatz dar. Vielmehr bildet die öffentlich geförderte Kultur eine wichtige Grundlage für die Entfaltung der Kulturwirtschaft. Die Entwicklungen sollten von uns offen und kritisch beobachtet werden. Letztlich geht es um die Frage, wie die Kultur und die Kulturwirtschaft unter gegenseitiger Akzeptanz und Tolerierung ihrer unterschiedlichen Motive und Interessen, eine für beide Seiten sinnvolle und nützliche Verbindung eingehen können.

Das Land Sachsen-Anhalt ist gefordert, den Rahmen für eine diesbezügliche optimale Entwicklung zu schaffen. Wir können dabei an viele kulturelle und künstlerische Traditionen anknüpfen, die seit jeher neben den unbestreitbaren künstlerischen Werten immer auch wirtschaftlich relevant waren. Es geht jedoch nicht darum, Kunst und Kultur zu Markte zu tragen und kommerziellen Interessen unterzuordnen. Es ist jedoch an der Zeit, dass künstlerische Leistungen auch unter ökonomischen Gesichtspunkten analysiert und ökonomische Interessen deutlich angesprochen werden.

Gerd Harms