Globalism and Apathy - A Polemic

Root Event

4. Werkleitz Biennale real[work]
Globalism and Apathy - A Polemic

Marcel Schwierin: Globalismus und Apathie - Eine Polemik

„Mein Fahrer schwatzte drauflos: ‚Stimmt es, dass in London ein Mann vom Staat Geld bekommt, auch wenn er nicht arbeitet?‘ (…) Wenn das zuträfe, müsse London tatsächlich ein himmlischer Ort sein.“ (Shiva Naipaul)

Das Verhältnis zwischen Arbeit und Gesellschaft im ausgehenden Industriezeitalter ist paradox: Der uralte Menschheitstraum, die Befreiung von der Mühsal schwerster Arbeiten ist schon länger durch die Maschinen realisiert. Nun, im angehenden Informationszeitalter, kommt durch den Computer auch noch die Befreiung von den stupidesten, sich ewig wiederholenden Tätigkeiten, die die an sich dumme Maschine - man sagt, die „Intelligenz“ eines heutigen Rechners entspräche in etwa der einer Fliege - klaglos und mehr oder weniger zuverlässig erfüllt. Arbeit, die durch Computer wegrationalisiert werden kann, ist kaum wert, vom Menschen getan zu werden.

Gleichzeitig haben die grossen Industrienationen in den letzten, für sie weitgehend friedlichen Jahrzehnten einen ungeheuren Reichtum angehäuft, der jeden aus der Vergangenheit bekannten Wohlstand um ein Vielfaches übertrifft (so betrug das private Geldvermögen der Deutschen 1996 laut Bundesbank fünf Billionen Mark, in Zahlen: 5.000.000.000.000, ungeachtet aller sachlichen Werte wie Grundstücke und Häuser sowie des gesamten öffentlichen und kommerziellen Besitzes). Es sollten eigentlich die Voraussetzungen für eine ideale Gesellschaft gegeben sein. Dennoch will keine Freude aufkommen. Statt die frei werdenden Ressourcen menschlicher Arbeitskraft und Kreativität dazu zu nutzen, sinnvolle Arbeiten zu verrichten - sei es im Sinne angeblich unbezahlbarer Notwendigkeiten, wie zum Beispiel der Pflege, sei es im Sinne der Marxschen Menschwerdung durch freie Wahl der Tätigkeit - ist Arbeit zu einer knappen Ware geworden, um die erbittertst gestritten wird. Die arbeitswillige Bevölkerung zerfällt dabei in zwei Teile: Die einen Arbeitsplatz haben, arbeiten bis zum Umfallen, sowohl intensiv in Produktivität, als auch extensiv in Überstunden; Stresssymptome und daraus folgende Krankheiten nehmen rapide zu. (So fühlten sich laut einer Studie der Fachhochschule Köln 64 % aller Beschäftigten überfordert, 93 % fürchteten um ihren Arbeitsplatz. 85 % der Angestellten im mittleren Management sollen laut Hesse/Schrader Herz-Kreislauf-Beschwerden und Magen-Darm-Erkrankungen haben, 73 % „wegen ihrer schweren Last“ unter Wirbelsäulen- und Gelenkbeeinträchtigungen leiden.) Der andere, kleinere Teil der Arbeitswilligen dagegen tut überhaupt nichts mehr, weil sie keinen Arbeitsplatz bekommen, und wird davon krank: Alkoholismus, Depressionen etc.

Das Erstaunlichste jedoch an dieser tragikomischen Situation ist, dass man den Eindruck hat, niemand wolle sie ernsthaft ändern. Vor den Folgen der technologischen Arbeitslosigkeit durch Computer wird seit den 60er Jahren gewarnt. Gleichzeitig wurde in den USA ein Modell zur Lösung des Problems entwickelt, welches bis heute von vielen Wissenschaftlern befürwortet wird: das erwerbsunabhängige Grundeinkommen, das es dem Einzelnen ermöglicht, nach seinem Bedürfnis hinzuzuverdienen, oder aber auch eine ganz andere, nichtkommerzielle Tätigkeit auszuüben. Doch die gesellschaftliche Resonanz auf dieses und ähnliche Modelle ist, von dem Programm der Grünen einmal abgesehen, minimal. Stattdessen werden die immer gleichen Rezepte diskutiert, die ihre Wirkungslosigkeit schon seit Jahrzehnten unter Beweis stellen konnten: die Hoffnung auf unendliches Wirtschaftswachstum, Lohnsenkungen, Abbau von Arbeitnehmerrechten, Steuersenkungen für Vermögende („Leistung muss sich wieder lohnen“), Subventionen für Grosskonzerne, Vermeidung jeglicher ökologischer Hemmnisse. Keine dieser Massnahmen hat das Ansteigen der Arbeitslosigkeit verhindern können, dabei steht die digitale Rationalisierung der Arbeitswelt erst am Anfang. Das Internet etwa wird einen Grossteil der Trägermedien im Informationsbereich (CDs, Videos, Printmedien) einschliesslich ihrer gesamten Vertriebsstruktur schlicht verschwinden lassen - mit leicht absehbaren Folgen für den Arbeitsmarkt.

Hier stellt sich die Frage, warum unsere Gesellschaft dieser Entwicklung derart blind gegenüber zu stehen scheint, obwohl die überwiegende Mehrheit der Deutschen sie für das wichtigste Problem der Politik hält. Der kapitalistische Markt mit seinen „Gesetzen“ wird behandelt wie eine Naturgewalt, über die das Nachdenken allein schon ein Frevel sei, so als hätte der Homo Sapiens in den 100.000 Jahren seiner Existenz nicht 99.500 Jahre ohne Kapitalismus gelebt (und seine neueste Errungenschaft, die soziale Marktwirtschaft, ist gerade mal ein paar Jahrzehnte alt). Das von Francis Fukuyama postulierte Ende der Geschichte nach dem Mauerfall dürfte daran gemessen eine der masslosesten Selbstüberschätzungen unserer Gesellschaft sein.

Glaubt man den Propheten der Wachstumsidee, so müsste man die Marktkräfte allein nur walten lassen, um der ganzen Welt Wohlstand und Frieden zu bringen, doch stösst diese Ideologie schnell an die Grenzen der Nationalstaaten: 89 Staaten der Erde sind in den letzten zehn Jahren ärmer geworden, ein Drittel der Weltbevölkerung lebt in Armut, 800 Millionen haben nicht genug zu essen. Die 358 bekannten Dollarmilliardäre der Welt besitzen etwa soviel wie die Hälfte der Weltbevölkerung (alle Daten UN 1996). Selbst wenn der Kapitalismus seine nationalen Egoismen überwinden und die Dritte Welt an seinem Wachstum beteiligen würde, so stieße dies an eine zweite Grenze: die des ökologischen Gleichgewichtes. Zur Zeit verbraucht weniger als ein Viertel der Weltbevölkerung drei Viertel der natürlichen Ressourcen und produziert dafür auch drei Viertel der Abfälle. Wollte man nun alle Menschen der Erde über Wirtschaftswachstum auf unseren Wohlstandslevel heben, so würde die Umweltzerstörung entsprechend um ein Vielfaches zunehmen; was sich schon jetzt als globale Katastrophe andeutet, zur Gewissheit werden. Das Feilschen in Rio um marginale Prozentpunkte wäre angesichts dieser Steigerungen völlig obsolet.

Es scheint kaum vorstellbar, diese Situation aufzulösen, ohne dass die reichen Nationen der Welt, zu denen wir gehören, auf Teile ihres Vermögens verzichten müssten. Das über alles geliebte Auto, der kurzentschlossene Trip in ferne Länder, das eigene Heim, der Zweitfernseher, die Überfülle an exotischen Lebensmitteln; all das, was manche hier gerne als Existenzminimum für ein lebenswertes Dasein definieren würden, könnte verloren gehen. Da jedoch hört der Spaß auf, auch bei den Aufgeklärtesten; der Anteil von fünf Prozent, um den sich die Grünen einpendeln, scheint als Ausdruck schlechten Gewissens genug, birgt jedoch keine Gefahr realen Handelns.

Auch die im nationalen Vergleich Ärmeren scheinen sich der Tatsache bewusst, dass sie global gesehen im Reichtum leben, eine wirkliche Gerechtigkeit aber nicht an Staatsgrenzen Halt machen könnte. So werden keine Lösungen diskutiert, weiter entwickelt und erprobt, sondern Rituale veranstaltet, wie das „Bündnis für Arbeit“, an dessen Erfolg ohnehin niemand glaubt - ein Tanz um das Goldene Kalb.

Shiva Naipaul: Bombay no good, Sahib. Geo 12/1978
Hesse/Schrader: Die Neurosen der Chefs. München 1996
Studie der Fachhochschule Köln 1996. In: Frankfurter Rundschau 2.6.1996