Fiction is reality and reality is fiction (perhaps)

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3. Werkleitz Biennale 1998 sub fiction

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Texte zur 3. Werkleitz Biennale sub fiction 1998 sub fiction: Texte
Fiction is reality and reality is fiction (perhaps)

Hollywood ist die größte Illusionsfabrik der Welt. Immer auf der Suche nach dem Neuen, dem nächsten Zuschauer-Thrill und natürlich dem Kassenerfolg werden, egal welche Themen bzw. welche neuen Technologien die Phantasie der Produzenten streifen, diese sofort aufgegriffen. Es entstehen Drehbücher wie am Fließband. Die scheinbar „besten“ werden dann versehen mit zuschauerattraktiven SchauspielerInnen (dem Schlüssel zum kommerziellen Erfolg) in zumeist erfolgreiche „Blockbuster“ Filme umgesetzt und mit Tausenden von Kopien über den gesamten Globus gestreut. Diese zumeist „hausbackenen“ Fiktionen beherrschen die Phantasien von Millionen ZuschauerInnen auf der ganzen Welt und finden in der Regel mit immensem Kapitaleinsatz ihre Verwertungsmotoren in den „traditionellen“ Medien. Da die gigantische Kulturindustriemaschine Hollywood in all ihren Facetten nicht beleuchtet werden kann, soll zumindest einem kleinen Teilbereich während der Werkleitz Biennale Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Die neuen Kommunikationstechnologien ­ und insbesondere das Internet ­ sind seit einigen Jahren ein weltumfassendes Thema schlechthin ­ natürlich auch für Hollywood. Der Berliner Journalist Tilman Baumgärtel wird in seinem Vortrag „You’ve just been erased!“ die Virtualität und Immaterialität in Hollywood-Spielfilmen näher betrachten und thematisieren. Im Vordergrund seines Vortrages steht die Frage, wie das Unsichtbare sichtbar gemacht wird. Darin eingeflochten sind zahlreiche Beispiele aus Hollywood Produktionen wie etwa „Copykill“ und „Ghost in the Machine“.

Im Anschluß an den Vortrag ist als exponiertes Beispiel „Eraser“ in der ganzen Länge zu sehen. Ein Paradeexemplar für einen klassischen Fiction-Actionhelden ist Arnold Schwarzenegger. Im Science-Fiction-Klassiker „Terminator“ agiert Schwarzenegger als Mensch-Maschine aus der Zukunft in der Gegenwart. Auch in anderen Filmen belegt Schwarzenegger auf eindrucksvolle Weise, daß Simulation und Manipulation untrennbar verwoben sind mit unserer realen Welt und welche Auswirkungen dies auf unsere Körper hat. Um mit den Worten von Georg Seeßlen zu sprechen: ?Schwarzenegger-Filme sind einerseits (in der Regel) Filme über das Verhältnis von Körper und Gesellschaft, andererseits aber ­ und deshalb mußten sie immer intelligenter sein als ihre Kritiker ­ sind es Filme über die gefälschten Bilder der Welt ­ oder gar, wie in „The Last Action Hero“, über die Welt als gefälschtes Bild.“

Die Videoarbeiten des Programmblocks „Realfiction“ setzen ­ im Gegensatz zu den oben skizzierten Hollywoodfilmen ­ nicht an einer zuschauerattraktiven Fiktion an, sondern positionieren ihre Aussagen und Inhalte zunächst unmittelbar in unserer Realität. Von da aus schlagen sie auf unterschiedliche Weise einen Bogen in die Zukunft.

So entsteht in ?Blight“ aus der (De)konstruktion der Vergangenheit, der Erinnerung ein zutiefst emotionales Gebilde über einerseits den kollektiven Verlust und andererseits eine bedrohliche Vision über die möglichen Folgen der Zerstörung. Die AutorIn-nen von „A-clip“ richten ihren Blick direkt auf die Realität unserer Städte. Ausgrenzung, Gentrification sind nur einige der Themen, die in ihren Auswirkungen auf die Zukunft analysiert und auf ihre Folgen hin befragt werden.

Besonders bemerkenswert bei „A-clip“ ist der Umstand, daß die MacherInnen neuartige Wege der Distribution und Kommunikation gegangen sind. Umrahmt von Marlboromännern und Werbeschönheiten tauchen „A-clip“ als 35mm Kopie unvermittelt im Werbeblock der Kinos auf und schaffen durch ihre Andersartigkeit der Ästhetik und Botschaft zumindest einen Moment der Irritation und des Nachdenkens vor dem nächsten Griff zum Popcorn im bequemen Kinosessel. Konsequent weitergedacht könnte eine solche Form, eingestreut in die Werbeblocks der Fernsehprogrammanbieter, eine interessante, subversive Strategie sein. Es müßte doch mit geringen finanziellen Mitteln möglich sein, Werbezeit insbesondere bei den privaten TV-Anbietern in der zuschauerarmen Zeit zu erwerben und entsprechend mit „Störfaktoren“ zu bespielen. In anderen Ländern war es zum Beispiel für Stefaan Decostere möglich, zur besten „Primetime“ im Fernsehen solche Wege zu gehen. Im Belgischen Fernsehen BRTV hatte „Travelogue 5: Déjà-Vu“ seine Premiere. In den ersten Minuten bombardiert Decostere die Fernsehzuschauer mit einem ?Superzapping“ von „Realbildern“, deren Augen- und Kopfwirkung man sich nur durch um- oder abschalten entziehen kann. Ist diese körperliche Anstrengung überwunden, landet der Zuschauer in der phantastischen Welt von morgen. Am Beispiel Japans führt Decostere aus, daß in dieser neuen Welt die Simulation der Wirklichkeit in Themenparks eingebettet ist: Zeit, Ort, Natur und selbst das Wetter sind beherrschbar. Hier wird Fiktion zur Realität und die Realität zur Fiktion.