Es tut uns leid – aber wir haben keine Zimmer für Ausländer

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5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Es tut uns leid – aber wir haben keine Zimmer für Ausländer

Mitte der 70er Jahre erhielt ich als Teenager ein Stipendium für den Besuch eines stinkvornehmen Internats in der Schweiz. Drei Wochen lang heulte meine Mutter und bekniete mich, auf keinen Fall zu gehen. Sie bestand drauf, dass Schwarze in diesem berühmten neutralen Land nicht willkommen seien und ich als perfekt geröstetes menschliches Stück Gebäck in einem großen Backofen oder einer grauenhaften Gaskammer enden würde. Und damit nicht genug, Doktor Mengele würde aberwitzige Operationen an meinen Genitalien, meinen Kniekappen oder sonst einem Körperteil, das nach der Verbrennung übrig bliebe, ausführen.

Als ich 1993 nach Hamburg eingeladen wurde, um bei dem „Six Sex Weeks Festival“ im Schmidt- theater teilzunehmen, bekam meine Mutter einen Herzinfarkt. Während die Ambulanz sie ins Krankenhaus brachte, schrie sie unentwegt: „Ach Baby, geh nicht nach Deutschland, Mister Hitler wird dich umbringen!“ Meine Mutter war sicher, Hitlers abgetrennter Kopf werde in einem Einmachglas irgendwo in Argentinien am Leben erhalten und erteile seinen Anhängern auf der ganzen Welt kläffend Befehle. Sie vermischte eine faschistische Verschwörungstheorie Oliver Stones mit dem billigen Filmklassiker „Sie retteten Hitlers Hirn“.

Jahrelang fragte ich mich, ob die Eltern meines Idols Angela Davis wohl ebenso reagierten, als diese sich entschloss, Philosophie an der Universität Frankfurt zu studieren. Ich bin mir allerdings sicher, dass Angelas Mutter keine keifende Neurotikerin war, die zu übertriebener Schauspielerei neigte, wie das kürzlich verstorbene weibliche Oberhaupt meiner Familie.

Schwarze AmerikanerInnen reisen selten nach Europa, es sei denn, sie sind bei der Armee oder Entertainer. In der typisch schwarzen Vorstellung gibt es in deutschsprachigen Ländern nur hedonistische Blondinen und humorlose, autoritäre Gestalten. So differenziert und weltoffen Angela Davis auch gewesen sein mag – als sie 1964 in Frankfurt ankam, so glaube ich doch, dass es sie beunruhigte, bei ihrer Wohnungssuche rund um die Uni immer wieder zu hören: „Es tut uns Leid, aber wir haben keine Zimmer für Ausländer.“

Mit 16 beschloss ich, mich in Vaginal Davis umzubenennen, meine sexuelle Hommage an Angela Davis. Ich studierte damals Film an der Los Angeles Film Exposition oder damals Film X genannt. Ermöglicht wurde das Studium durch ein Programm für benachteiligte Jugendliche. Meine Dozenten waren legendäre Hollywood-Filmemacher wie King Vidor, Kameramänner wie James Wong Howe und Autoren wie Oscar Saul, der 1951 „Endstation Sehnsucht“ für die Leinwand adaptierte. Ich sah Filme aus aller Welt und kam zum ersten Mal mit den kranken und abgedrehten Welten von genialen Regisseuren wie Fassbinder und Pasolini in Berührung. Nachdem ich Angela Davis in einer Raubkopie des sowjetischen Dokumentarfilms „Unsere Freundin Angela“ sah, in dem sie die Sowjetunion besucht, Blumen geschenkt bekommt und Auszeichnungen entgegennimmt – während ihr Haarband ständig von ihrem riesigen Afro rutscht –, war ich von ihrer Erscheinung fasziniert und verschlang alles, was ich über sie zu lesen bekam.

Es war sehr naiv und vermessen von meiner zarten Teenagerseele, sich zur Marxistin zu erklären und darüber hinaus zur selbst ernannten Kommunistenführerin. Hatte ich überhaupt Anhänger? Nein, nur das starke und anhaltende Bedürfnis, meine eigenen Mythen zu gestalten. Ich dachte, wenn der Kommunismus gut genug für Angela war, ist er auch gut genug für mich. Und außerdem: Hatten Russen nicht riesige Schwänze? Vielleicht nicht so große wie die Israelis oder die Deutschen, aber trotzdem ziemlich kräftige.

In meinem verblendeten Zustand war ich entschlossen, eine neue utopische Bewegung anzuführen. Alles über Angela Davis zu wissen, reichte nun nicht mehr aus. Ich musste auch alles lesen, was sie las. Ich fing mit den Vorsokratikern an, machte dann weiter mit Platon und Aristoteles. Kants „Kritik der reinen Vernunft”? Daran berauschte ich mich den ganzen Tag. Alles was ich nicht in den Bibliotheken der Innenstadt oder der UCLA ausleihen konnte, klaute ich in der noblen Beverly-Hills-Filiale einer Buchladenkette. Ich ließ „Eros und Zivilisation“ von Herbert Marcuse zusammen mit Texten von Adorno und Horkheimer mitgehen. Ich war voll dabei. Natürlich verstand ich das meiste von dem, was ich las, nicht. Aber was machte das für einen Unterschied!

Als jemand, der in den späten 60ern unter ärmlichen Bedingungen in den berüchtigten Wohnsiedlungen und Ghettos von Watts und East Los Angeles aufwuchs, lernte ich auf Demonstrationen Sprechchöre und kämpferisch anheizende Tänze von Black-Nation-Aktivisten. Mein Lieblingsspruch aus dieser Zeit stammte von George Jackson und den Soledad Brothers, den ich später in das Repertoire meiner Post-Punk-Polit-Performance-Truppe, The Afro Sisters, aufnahm. Ab 1982 begannen wir jede Performance, indem wir unisono sangen:

„All we meet, walking down the street,

with nothing to eat,

and shackles on our feet,

don’t get any sleep.

Black power! black power!

destroy, white boy.“

Ich und meine Afro Sisters – bestehend aus weißen angelsächsischen Frauen und einem Latinomann, denen ich die Namen Clitoris Turner, Urethra Franklin und Fertile La Toyah Jackson gab – waren die ersten Performance-KünstlerInnen in Los Angeles, die eine selbstgemachte Punk- Ästhetik und eine All-Girl-Rhythm-and-Blues-Gruppendynamik mit der Rhetorik der Black-Power- Bewegung mischten. Das war in den frühen 80ern, lange bevor der 70er-Jahre-Retro-Chic in Mode kam. 1970 war Angela Davis auf der Titelseite des „Life Magazine“ und an den Wänden sämtlicher Postämter als die meist gesuchte Kriminelle Amerikas. Mein Low-Art-Performance-Parodie-Projekt würde nie eine solche Öffentlichkeit erreichen. Wie konnte ich dennoch etwas bewirken und den Lehren von Angela Davis treu bleiben?

Anfang 1999 führte mich ein früher Fan namens Chessler zum Essen aus, jemand, mit dem ich über die Jahre in Kontakt blieb. Mit 15 verliebte er sich in mich und bat seinen Anstandswauwau, ihn zu einer meiner Untergrund-Performances zu begleiten, in denen ich Patty Hearst and The Symbionese Liberation Front persiflierte. In meiner Version verkleideten sich die Afro Sisters und ich als Sexual-Eaze Liberation Army. Chessler erinnerte mich an mein zerbrochenes Manifest:

„Unbefleckte Kinder des WASP-Reichtums, unterstützt den Black-Power-Kampf. Umarmt den Dinge 1 in euch. Zerstört den bösen weißen Satan-Luzifer-Teufel-Mann und den Machtapparat seiner multinationalen Konzerne. Seht, wie eure Brustwarzen hart werden und eure Haut auf magische Weise dunkler wird, sobald Anarchie herrscht. Freut euch im wahnsinnigen Zustand sexueller Ausschweifung, und ihr werdet nie alt und faltig wie ein Pflaumenmännchen oder in der Sonne verbrutzeln. Steckt eure Schwänze dorthin, wo der Mund ist, und saugt die Milch von meiner großen schwarzen Brust. Ich werde euch am Leben erhalten und die richtige Nahrung geben, also tötet eure Mütter und Väter. Ich bin eure neue und bessere Elternfigur, die hohe Maßstäbe setzen wird, während ich euch meine dreckigen, dunklen, eingeborenen Urwaldtänze beibringe.“

Mein Schlachtruf war eine halbgare Mischung aus dem SCUM-Manifest und Helter Skelter. Bei der Aufführung ging es auch darum, dass die weißen Kinder die Sünden ihrer Vorfahren an der schwarzen Nation wieder gutmachten, indem sie mir dabei halfen, zum Zentrum einer neuen Machtordnung zu werden. Ich würde der charismatische Anführer eines neu errichteten schwarz-zentrierten Staates werden, in dem nur die attraktivsten weißen Jungs zu Fortpflanzungszwecken benutzt würden. Als Bienenkönigin würde ich den Samennektar dieser Jungs verwenden, um eine neue Generation von sexy Mulattenbabys zu produzieren. All das sollte nicht ernst genommen werden, doch Chessler, mit den Gedanken eines 15-jährigen heterosexuellen weißen Jungen und einem Schwarzen-Moses-Komplex, war beeinflussbar und fand meine Fantasia ziemlich auf- und erregend.

Nachdem Chessler seinen Abschluss an der Brown University gemacht hatte, nahm er eine Stelle bei einem multinationalen Unterhaltungskonzern an. Nicht weil ihn der Job dort reizte, er wollte den Konzern von innen sabotieren. Er und viele seiner Freunde sind inzwischen erfolgreiche Karrieristen und Industriebosse geworden. Als sie noch an der Uni waren, gründeten sie eine Geheimorganisation namens „The Madame DeFarges“. Ich hatte längst vergessen, dass ich in einer der Schmähschriften, die ich vor den Performances verteilte, geschrieben hatte, meine Gefolgsleute sollten „Mesdames DeFarges“ werden, bewaffnet mit sehr spitzen Stricknadeln, bereit und willens, die Augen des Feindes auszustechen.

Ich hätte mir nie träumen lassen, einmal Teil so einer Nach-Eliteuni-Version des Verbindungsspiels „Six Degrees of Kevin Bacon“ zu werden, mit mir in der Rolle Kevin Bacons. Eigentlich sind Chesslers „Madame DeFarges“ mehr wie „The Ellen James Society“ aus John Irving’s Roman „Garp und wie er die Welt sah”, mit dem Unterschied, dass sie sich nicht selbst verstümmeln. Die „Madame DeFarges“ haben zum Ziel, Chaos in der Welt der Unterhaltung anzurichten. Sie sind sehr erfolgreich gewesen. Der jüngste Aufruhr in der Musikwelt, bei dem KünstlerInnen gegen die Bosse der Plattenfirmen rebellieren, ist die Folge ihrer subtilen Manipulationen. Bald gibt es EMI, Sony Music Corp, Warner Bros, Capital und Universal/MCA nicht mehr. Das wird ein Segen sein. Und das ist erst der Anfang.

Aber was ist mit mir? Will ich wirklich solch ein wenig gütiger Despot und Symbol für politische und sexuelle Erfüllung werden? Ich bin in der Tat geschmeichelt von dem Umstand und bewundere wie die „Mesdames DeFarges“ versuchen, der Mittelmäßigkeit ihrer weißen bourgeoisen Klasse zu entkommen. Doch sich mir als Retter anzuschließen wird ihnen nur Unzufriedenheit und Desillusionierung bescheren. Angela Davis wäre für sie die bessere Wahl.

Meine Mutter sagte immer, ich lande mal im Knast. Würde ich ein Attentatsversuch wagen und überleben, hätte ich nichts dagegen, ins Gefängnis zu gehen. Ich mag das Gefängnis. Man muss keine Miete bezahlen, und Drag Queens kriegen die hübschesten und knackigsten Gefangenen ab.

Fußnoten

1 „Dinge“ bedeutet wörtlich dreckig, dunkel, verschmutzt, schwarz; es ist aber auch eine abschätzige Old-School Bezeichnung in der US-Schwulenszene für einen männlichen Schwarzen. Es bezieht sich auf weiße Männer, die nur von schwarzen Männern sexuell angezogen werden. Man nennt sie „Dinge Queens“.

Vaginal Davis, Doyenne des Punk-Rock-Drags, ist kulturelle Geschichtenerzählerin. Sie schreibt für LA Weekly, Dutch, New Music Express und Lingua franca. Ihr erster Roman, “„Mary Magdelene“, erschien 2003.