Der kurze Sommer der Euphorie: X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, 1973, Berlin/Ost

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5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Der kurze Sommer der Euphorie: X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, 1973, Berlin/Ost

Ein Gespräch zwischen: Simone Hain (sh), *1956 in Elsterwerda, ist Architekturhistorikerin und hat die Weltfestspiele als Siebzehnjährige euphorisch wahrgenommen. Wolfgang Kil (wk), *1948 in Berlin, ist Architekt und Architekturkritiker, er beobachtete das Gewühl – mit vierundzwanzig Jahren – aus der Distanz des Älteren. Ronald Lippok (rl); *1963 in Berlin/Ost, ist Musiker (to rococo rot, Tarwater) und Künstler. Ronald erinnert sich nur dunkel, da er 1973 erst zehn Jahre alt war. Ina Rossow (ir), *1975 in Halle/Saale, hat Kulturwissenschaften in Leipzig studiert. Die Weltfestspiele waren ihr Magisterthema und sie bearbeitet das Weltfestspiele-Archiv für die Werkleitz Biennale. Jochen Becker (jb), *1962 in Frankfurt am Main, schreibt über Stadtentwicklung und Kunst, ist cultural producer und Teil des KuratorenInnenteams der Werkleitz Biennale. Florian Zeyfang (fz), *1965 in Stuttgart, ist Künstler, Autor und Redakteur dieser Zeitung; er interessiert sich für die Reste des Internationalismus.

ir: Es ist erstaunlich, bei wie vielen die Weltfestspiele in Berlin einen bleibenden Eindruck hinterließen. Wir hatten in der Hallo Berlin und der Märkische Oderzeitung für das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt nach Zeitzeugen gefragt, und es hat uns erschlagen: Wir haben über 100 Anrufe und Briefe erhalten. Alle wollten ihre Erlebnisse loswerden und sprudelten schon am Telefon los, wie toll das doch alles war und was man doch unbedingt noch wissen müsste.

sh: Mein Erlebnis ist, was in den Straßen stattgefunden hat. Ich habe nicht eine Stunde geschlafen in dieser Zeit – im Stehen dann irgendwie mal, an eine Wand gelehnt. Man war total euphorisiert. Es wurden Signaturen gesammelt. Ich hatte damals so ein paar Sandalen mit viel Wildleder bis über den Knöchel, man konnte echt viel draufschreiben. Ich bin vielleicht die Einzige hier, von der ihr einen ungebrochenen Text zu den WFS haben könnt. Das war unser Festival, wir waren keine Jubelperser mit Winkelementen.

wk: Außerhalb der offiziellen Veranstaltungen war die Atmosphäre sehr wichtig. Ein bisschen Hippiefestivalgefühl, viele Leute mit Gitarren auf dem Alexanderplatz – auf der Erde sitzen, abhängen, sich in den Brunnen waschen. Dass nachts Leute auf den Straßen schlafen durften, war ein Novum für die DDR. Ich glaube, dass viele Leute abseits der Veranstaltungen nur eine gute Zeit haben wollten. Meine nachhaltigste Erinnerung ist, dass ich mich fürchterlich erkältet habe. Da ich die Nächte unterwegs war und morgens wieder zur Arbeit musste, war ich ständig müde und dachte: Mittags, wenn nichts los ist, wirfst du dich auf die Rasenflächen vor dem Fernsehturm und schläfst die Mittagspause durch. Als ich dann aufwachte, merkte ich, dass ich die ganze Zeit in einer riesengroßen Matschpfütze gelegen hatte. Die hatten den Rasen unter Wasser gesetzt, damit sich da keiner hinlegt. Das hab ich dann doch ein bisschen übel genommen.

sh: Die Generation meiner Eltern hatte bei den 51er Weltfestspielen auch diese Begeisterung. Das erzählen die sich, wenn eine Beerdigung ist: „Warst du auch bei den Weltfestspielen, wolltest du auch nach Berlin?“ 1 Dass ich 1973 als Teilnehmerin dabei war, bedeutete eine Auszeichnung. Ich war Gymnasiastin und für den Bezirk delegiert. Meinen Festivalauftrag muss ich wohl gut erfüllt haben – es ist in der Lokalpresse über mich berichtet worden. Meine Freundin und ich hatten über ein Jahr lang mit diversen Aktionen eine Menge Geld gesammelt. Wir hatten quasi einen kleinen Anteil an der Finanzierung des Festivals und fühlten uns folglich als Gastgeber.

ir: Es gab eine offizielle DDR–Delegationen, so wie es Länderdelegationen aus anderen Staaten der Erde gab. In jeder waren immer so 1000 Leute drin, wirklich nur die absolute Crème. Die haben sie vorher geschult: Es gab am Werbellinsee ein großes Camp, wo die Delegationen auf Linie gebracht wurden.

sh: Aber da waren die Bezirksdelegationen nicht dabei, wir wurden nicht geschult. Die Offiziellen wurden auf die internationalen politischen Foren und Tribunale vorbereitet – wie „Antiimperialistische Solidarität“ oder „Apartheid, heute und gestern“. Diese Foren waren nur zugänglich für die Leute, die eine Art Diplomatenrang hatten.

wk: Ich bin ‘72 mit meinem Architekturstudium fertig geworden und hatte ‘73 mein erstes Praxisjahr im Berliner Wohnungsbaukombinat. Mein Dienstsitz befand sich in der Magazinstraße dicht beim Alexanderplatz, insofern genoss ich den großen Vorzug, mitten in die Weltfestspiele hineinzugeraten. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich als Jahrgang ‘48 dafür bereits zu alt bin. Das meine ich nicht im physischen Sinne: Die damals bei uns als sehr spannend geltenden Jungen Unioner – u. a. Eberhard Diepgen und Klaus-Rüdiger Landowsky – waren alle noch sehr viel älter. Bei den Jusos weiß ich das nicht genau, die fielen mir optisch nicht auf. Von den Programmen habe ich mich nicht angesprochen gefühlt, dabei gab es natürlich auch Programmpunkte für Ältere, Reifere … Da ich in keiner Delegation war, hatte ich mir selbst überlegt, was man machen könnte. Da gab’s diese Diskussionsrunden auf dem Alexanderplatz, wo ich fassungslos zugehört habe, wie sich irgendwelche spontanen Ostler, und nicht nur FDJler, mit den Jusos und der Jungen Union gestritten haben. Natürlich war da die Stasi immer dabei. Aber die hatten es nicht leicht.

fz: Selbst die Junge Union war da? Interessant, dass die CDU es ihnen erlaubt hat.

wk: Die waren ganz stolz drauf. Es war wohl ein politisch kalkulierter Offenheitsbeweis seitens der DDR–Regierung, dass die „Junge Union“ mit einer eigenen Delegation kommen durfte. Sie kamen mit T-Shirts, auf denen ‚Junge Union‘ draufstand. Es war Willy–Brandt–Zeit, also Ost-Öffnungszeit, vielleicht war das deswegen. Es war in jederlei Hinsicht ein Öffnungsversuch, auf Biegen und Brechen. Ich war verblüfft, dass solche öffentlichen Straßendiskussionen überhaupt stattgefunden haben, das hatte ich denen nicht zugetraut. Die SED hat die Junge Union und die Jusos auch nur nach Ost-Berlin gekriegt mit dem Versprechen, dass alles in der Öffentlichkeit stattfinden kann. 2

sh: Es ging auch permanent hart zur Sache: von „Polizeistaat“ und „Orwell“ war besonders viel die Rede. Die im Westen wurden ja auch geschult. Ich hatte die ganze Zeit ein unglaubliches Kribbeln. Mein intensiver Wunsch war: Das wäre eine Probe, das könnte dann ein normaler Zustand sein. Sie lassen mal etwas zu. Wir waren uns zu jeder Zeit bewusst, dass es ein Ausnahmezustand ist.

fz: Die Weltfestspiele haben hier so etwas wie den Mythos der Einzigartigkeit. Aber sie fanden regelmäßig statt und wurden von Stadt zu Stadt weitergereicht.

wk: Nach Berlin war Havanna dran. Dann Pjöngjang. 3) Weststädte waren immer so eine Grauzone: In Helsinki oder Wien waren wie immer die DDRler nur als offizielle Delegation anwesend, aber viele PolInnen und TschechInnen auch privat. Und dadurch waren das erreichbare Städte. Das ganze Festivalsystem ist gebunden an den Internationalen Studentenbund mit Sitz in Prag.

ir: Die Weltfestspiele in Berlin zu haben, hatte natürlich den Vorteil, dass die DDR-Jugend ohne ein Visumproblem hinreisen konnte. Ich habe leider nicht untersucht, wie weit es auch nichtdelegierte DDR-TeilnehmerInnen bei anderen Festivals gab.

Pop

fz: Innerhalb der Werkleitz Biennale wurde das Thema „Westfestspiele“ als Rückprojektion aufgegriffen. Es geht um die Sicht auf die Aufbruchstimmung in den 70ern, auf die Ideen zu Internationalismus und Sozialismus – nicht nur in der DDR. Auch wenn diese Spiele eine staatliche Veranstaltung waren.

wk: Die SED war Anfang der ‘70er interessiert daran, ein Zeichen für den Machtwechsel in Richtung Honecker zu setzen und sich dabei der Jugend anzubiedern. Das klingt jetzt gemein, ist aber durchaus ernst gemeint. Man muss ja dieses Land nicht bloß als Unterdrückungsmaschinerie sehen – die hatten ja was vor mit dem Land. Es gab eine regelrechte Sucht nach internationaler Reputation, sich endlich gleichberechtigt in die globale Arena begeben zu können. Dann gab es eine ganz spezielle Traditionslinie der Jugendfestivals: Das waren immer auch Aktionen für eine Einheit Deutschlands – unter sozialistischen Vorzeichen natürlich. Oder diese patriarchalische Geste: Lassen wir sie mal ein Wochenende auf dem Tisch tanzen und nachher sind sie wieder besser an der Werkbank. Dass am Ende so eine Art „Woodstock“ rüberkam, das ist Zeitgeist, da stand für die Form gar nichts anderes mehr zur Verfügung. Die Musik wurde lauter, elektronisch, es gab viele Discos. Alles musste bunt sein, war Pop: Hört auf mit diesen dicken, fetten Parolen, dafür machen wir mal lieber die bunten Ballons. Ich kann mich an diese Farben erinnern, an diese komischen Kugeln, die da überall auf den Masten steckten, oder an die Bilder am Alexanderplatz. Das ist für mich auf merkwürdige Weise kleinlich und provinziell, aber es stand im Widerspruch zu dieser Heftigkeit der Bewegung, die zwischen den Leuten stattgefunden hat. Es gab keine Verkehrsregeln mehr. Leute liefen über die Straßen, sie trampelten auch alle Blumen nieder. Es war im positivem Sinne „laissez faire“, was dieser bürokratische Preußenstaat normalerweise nicht mit sich machen ließ. Polen saßen da und spielten Gitarre. Das sind natürlich Leute, die nach Berlin kamen, weil es bis Woodstock nicht gereicht hat. Die Motivation war schon die gleiche, auch wenn sie da aus ihrem Elsterwerda kamen, sich auf dem Alex das Maximum an Schrägheit abzuholen. Da macht jeder seins draus, und das macht auch die Generationserfahrung aus. Das war von den Veranstaltern gar nicht beeinflussbar.

Stadtdesign

wk: Zur internationalen Reputation der DDR gehörte, dass die Weltfestspiele ohne eine einzige politische Parole abliefen. In der ganzen Stadt hing nicht ein Transparent. Die einzige Stadtdekoration waren die berühmten Kinderbilder am Alexanderplatz. Die totale Abwesenheit von Propaganda war Teil des Programms, ein Umstand, der sich vor allem im Stadtdesign darstellte. Das Einzige, was mich als Architekt interessiert hat, war, wie sie es fertig gebracht haben, innerhalb eines Jahres ein völlig neues und für damalige DDR-Verhältnisse sehr unkonventionelles, sehr farbiges und äußerst rationelles Stadtmöbelprogramm zu entwickeln. Mit dem konnte man auch richtige Arenen oder Tribünen bauen.

ir: Den Einsatz von Transparenten kann man vielleicht als reduziert bezeichnen, aber es war schon Einiges im öffentlichen Raum vorhanden. Das offizielle Motto der X. Weltfestspiele „Für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft“ fand sich auf Plakaten oder als Schriftzug an Häusern und Fußgängerbrücken.

wk: Kann ich mich wirklich nicht dran erinnern. Aber selbst wenn, dieses offizielle Festivalmotto war ja weit entfernt von den Parolen, die sonst in der DDR jener Jahre überall plakatiert wurden.

ir: Omnipräsent war das Design: Fünf Farben standen symbolisch für die Blätter der Festivalblume und tauchten bei der Gestaltung von T-Shirts, Riesenwindmühlen oder Verkaufsbuden auf.

rl: Axel Bertram war als Chefgrafiker der Kunsthochschule Weißensee hierfür so eine Art Überdesigner. Er hat diese berühmte Blume entworfen, die ich letztens in meinem Garten wieder fand, als ich die Toilette renovieren wollte. Ich machte die Tapeten ab und dahinter war die Wand komplett mit diesen Festspielblumen dekoriert – private Archäologie. Die Kunsthochschule Weißensee hatte eine Designabteilung in der Tradition des Bauhauses, wo viele angewandte Sachen gemacht wurden. Unter anderem war deren Aufgabe, ein komplettes Design für ein Festival zu gestalten.

wk: Mit einem Studentenkollektiv hatte man gleich einen Kontext „Junge Leute“ zusammen. Junges Design. Das sind auch immer Signalgeschichten.

ir: Ansätze gab es schon bei den Weltfestspielen 1951, als Leute von der Designakademie Weißensee die Tücher für das Festival gestaltet haben. Da gab es auch wie 1973 Tücher, die gekauft werden konnten.

wk: Ich fand das Grafikdesign der Weltfestspiele ausgesprochen kleinbürgerlich. Die Spirale der Olympiade in München wirkte viel intelligenter, weil es ein abstraktes Zeichen war. Die habe ich damals als Silberanstecker an den Revers von Westanzügen gesehen und immer ganz fasziniert angeguckt, weil das eine tolle grafische Konstruktion war. Aber diese komischen Buttons der Weltfestspiele hätte ich mir nirgendwo anstecken wollen. Es waren so blasse ausgewaschene Farben …

jb: Die Olympiade in München ein Jahr vorher fand als eine Weltöffnung Westdeutschlands statt, wie auch als eine Art Entnazifizierung der Berliner Olympiade von 1936. Hierfür hatte Otl Aicher, der auch für BMW und die Lufthansa arbeitete, mit einem durchgängigen Farbdesign gearbeitet. Auch dort gab es ein internationales Programm – etwa südafrikanische und südamerikanische Musik.

wk: Geh mal davon aus, dass das optische Outfit der Weltfestspiele durchaus Reflex und Antwort auf die Olympiade sein sollte.

Nachwuchs von links

jb: Ich kann mich an ein Foto von Jesse Jackson neben Arafat erinnern: Da war der Politiknachwuchs am Start, der so etwas wie eine globale internationale Weltpolitik betreiben wollte. Der Auftritt von Arafat war für den Westen sicher eine Provokation – nach den Attentaten auf die israelischen Sportler ein Jahr vorher in München.

wk: Irgendwann in der Festivalwoche gehe ich so die Friedrichstraße entlang, und da kommt plötzlich ein Pulk von großen schwarzen Volvo-Limousinen mit quietschenden Bremsen vor dem Metropol-Theater zum Stehen: Arafat kam aus dem vierten Wagen raus und traf sich im Metropol-Theater mit Honecker. Angela Davis kann man ja vielleicht noch unter Politfolklore verbuchen, aber Arafat war damals schon eine ziemlich wichtige Figur im politischen Geschehen und hat reale Politik gemacht. Ich denke, die Weltfestspiele waren international auch mit einem ziemlich großen Stellenwert für die Politik der DDR verbunden. Mein Studium war voll mit Pop, Che Guevara war für mich auch bloß eine Ikone. Unsere eigentliche Politiklektüre war Marx, alles andere drumherum war nur schick: kein Grund, wegen Angela Davis durch Berlin zu rennen. Arafat war kein Spiel mehr, auch keine der vielleicht üblichen Festivalgeschichten – diese Autos waren echt und die Leibwächter hätten auch geschossen. Es war im Jahr nach dem Anschlag auf die Olympiade von München, Arafat war eine „anschlagsrelevante“ Person.

fz: Arafat im Sommer 1973 – da kam doch kurz danach der „Schwarze September“, als viele Tausend Palästinenser in Jordanien umgebracht wurden. Und Allendes Sturz in Chile war auch bald darauf … Das war politisch eine heiße Zeit.

wk: Bestimmt ist da auch viel hinter den Kulissen passiert. Ich bin ein einziges Mal in eine geschlossene Veranstaltung hineingeraten. Da ging es allerdings furchtbar gestelzt und bürokratisch zu, und eigentlich ging es um nichts – es war die blanke Repräsentation.

Internationales

fz: Wie war das Verhältnis zwischen West- und Ostdeutschen, und wie zu den anderen Nationen?

sh: Es wurde kreuz und quer diskutiert und besonders intensiv mit Lateinamerika geküsst, die waren uns neben den algerischen Franzosen und den kommunistischen Zyprioten, den palästinensischen Libanesen und arabischen Israelis schließlich am nächsten: national wie international nicht anerkannte Existenzen zwischen allen Stühlen. Ich kann mich an unglaublich interessante Diskussionen mit InderInnen erinnern. Da war Verwunderung, dass wir alle Englisch sprachen und uns fließend verständigen können … An der Marienkirche waren die heißen deutsch-deutschen Geschichten. Ich habe mich besonders mit den Zyprioten gut verstanden. Die waren auf ihrer ethnisch gespaltenen Insel solidarisch mit uns abgespaltenen Deutschen.

fz: Wie war es denn mit den USA? Wir wissen nur von Angela Davis. Hatten die auch Delegierte geschickt, hast du von denen einen Eindruck zurückbehalten?

sh: Die waren auch da: Laura Mingest oder Ben Ramirez. Genauso wie Mariella aus Prag oder ein paar prächtige Hippies aus Zakopane oder Marseille. Und die stattlichsten nonkonformistischen Exemplare hießen halt Wilhelm und kamen aus Kiel oder aus Leipzig. Hätte ich doch glatt für kolumbianischen Untergrund gehalten! Gefeiert wurden vor allem die Vietnamesen. Meiner Erinnerung nach waren das alles Kriegshelden. Total außer sich vor Glück erzählten sie mit Händen und Füßen, warum gerade sie in Berlin sein durften – meist ging es darum, wie viele Flugzeuge sie abgeschossen hatten, der eine kam auf 50 Stück. Das beliebteste Souvenir der Weltfestspiele waren Ringe aus Aluminium von den amerikanischen Flugzeugen.

jb: Konnten VertragarbeiterInnen auch zu den Weltjugendfestspielen gehen? Oder Auszubildende und Studierende, die nicht in der DDR geboren sind? Kamen die dann auch und besuchten „ihre“ Leute?

wk: VertragsarbeiterInnen gab es damals noch nicht. Im zweiten Fall hängt das zusammen mit dem jeweiligen Status des Landes, aus dem du kamst. Die Studenten, mit denen ich zusammen studiert habe, hatten ein sehr unterschiedliches Maß an Bewegungsfreiheit. Die Araber z. B., die Iraker, Jordanier, die hatten ganz viel Freiheit. Auch die Palästinenser, die bei uns damals nicht so heißen durften. Die oder die Griechen konnten sich völlig frei bewegen. Bei den vietnamesischen Studenten sorgte die vietnamesische Botschaft dafür, dass die immer schön an ihrem Platz blieben. Außerdem sprachen die so schlecht deutsch, dass sie sich nicht so gut im Lande bewegen konnten.

jb: Was bedeutet es, dass in einem Land, wo die X. Weltfestspiele mit solcher Intensität als internationalistisches Fest veranstaltet wurden, es nun Gegenden gibt, die von Neonazis zu „national befreiten Zonen“ erklärt werden?

wk: Schwer zu sagen. Vielleicht: Es sind in den Schulen formelhaft sozialistische Ideen, u. a. in Sachen Solidarität, vermittelt worden, aber und eigentlich hat das eigentlich niemanden tief im Innersten erreicht. Den Weltfestspielen wird von einigen Autoren nun häufig unterstellt, dass sie eine Möglichkeit waren, solche Solidarität persönlich zu erfahren und umzusetzen. Also überhaupt einmal einen Afrikaner zu treffen, von dem man die ganze Zeit schon hört und den man ansonsten nur solidarisch unterstützt, indem man Briefe schreibt, Blumen bastelt usw. Aber das mit den „national befreiten Zonen“ – das ist jetzt einfach ein anderes Land.

Internationalismus

fz: Ist Internationalismus für euch damals ein Begriff gewesen und was ist es heute?

wk: Mein Politikbegriff hat sich niemals nur mit DDR-Realität beschäftigt, das ging gar nicht. Wenn ich in der DDR irgendetwas politisch reflektiert habe, dann ging das immer nur im Weltzusammenhang. Mein Internationalismus ist ein anderer als der, der damals in der offiziellen Politik eine Rolle gespielt hat. Wie das da verhandelt wurde, war es ja eine Handlungsanweisung: Dass man solidarisch sein soll, dass man zu spenden und Briefe zu schreiben hat, also lauter symbolische Gesten. Dabei gab es so viele Leute, die wollten gern nach Kuba gehen, um bei der Zuckerrohrernte zu helfen, aber soweit ging die Solidarität nun auch wieder nicht. Schreibt mal lieber Briefe und tut zu Hause eure Pflicht. Aber natürlich brauchtest du mich nicht zu fragen, auf welcher Seite ich in der Sache stehe. Vietnam, Grenada, Chile usw. – insoweit sind ein paar antiamerikanische Reflexe bei mir durchaus rückverfolgbar.

fz: Internationalismus ist also Antiamerikanismus?

wk: Wie ich die Weltgeschichte bisher erlebt habe, spricht einiges dafür, nach dem Motto „Amerikas Feinde könnten meine Freunde werden“.

fz: Ein kubanischer Freund meinte: Internationalismus, das war für uns immer, irgendwelches Militär irgendwohin zu schicken.

wk: Wir mussten immer LKWs, Nähmaschinen oder Schlafzelte in die umkämpften Krisenregionen schicken, die Kubaner hatten außer Zucker nichts. Die schickten dann Soldaten in Größenordnungen von 10.000 Leuten nach Angola und Mozambique. Ich habe nie begriffen, wie ein kleines Land so viele Leute entbehren kann.

fz: Für manche stellt sich die Internationalismus-Frage heute neu.

jb: Internationalismus war ja oftmals eine staatliche Veranstaltung. Nun gibt es eine Globalisierung von unten als Globalisierungskritik. Das sind nicht mehr nur nationale Befreiungsbewegungen, sondern viel komplexere und auch transnationale Allianzen. Ein solches Verständnis hat mit dem 70er-Jahre-Internationalismus wenig zu tun.

Reise/Freiheit

sh: Ich hatte mich schon vorher an jeden Ausländer gehängt, der in meinem sächsischen Kaff Gröditz auftauchte. Dort gibt es ein großes Stahlwerk und in der Ingenieurausbildung ausländische StudentInnen: Kolumbianer, Angolaner, Vietnamesen. Ich hatte einige Zeit eine sehr intensive Freundschaft mit einem Vietnamesen. Und wenn der Kolumbianer nach München fuhr zu einem Freund, der dort studierte, brachte er mir Bücher über Lateinamerika mit. Zur Literaturbeschaffung brauchte ich diese Kontakte. Ich wollte damals Lateinamerikawissenschaften studieren und dann Journalistin werden. In meiner Generation war die DDR einfach zu klein und überhaupt nicht auszuhalten ohne diese Perspektive.

jb: Wie haben das die anderen Leute ausgehalten? Du warst später in Afrika, doch viele andere kamen überhaupt nicht weg. War das nicht viel härter, gerade wenn man während der Festspiele einen Hauch von dem, wie es sein könnte, erlebt hatte?

sh: Ich bin nach meinem 18. Lebensjahr bis kurz vor der Wende kaum mehr in der DDR gewesen, ich war sieben Jahre im Ausland. Viele Freunde sind zumindest ein Jahr an der BAM (Bahnverkehrsgroßprojekt Baikal – Amur – Magistrale) gewesen, oder sind durch die FDJ-Projekte bis Mozambique gekommen. Es gab diverse FDJ-Initiativen, um herauszukommen.

wk: Man musste sich flexibel verhalten, sich was einfallen lassen. Die es nicht geschafft haben, werden wohl in den Westen gegangen sein – es sind ja genügend in den Westen gegangen. Ab 1976 ging das erst richtig los. Die Arbeit an der Erdölleitung „Freundschaft“ – kurz „Trasse“ genannt – war offensichtlich zum Austoben, als Ventil gedacht. So viele wollten in die Wüste, in den Urwald, in den Matsch. Sie wollten einfach mal den Ernstfall, als Abenteuer. Da blieb nur noch Sibirien übrig. Zehntausende junge Leute waren an der Trasse. Für die spätere DDR war die Trasse ihr Wildwest–Mythos. Da wurden Filme drüber gedreht und Popgruppen zum Aufheitern „an die Front“ geschickt. Fast auf jeden Arbeiter kam ein Musiker, Schauspieler oder Filmemacher. Das war für dieses Land wie ein Abenteuerspielplatz – als Ersatzwelt und Bewährungssituation. Gas haben wir sicherlich auch gebraucht, doch dafür musste man nicht einen solch überdimensionalen Reisezirkus veranstalten.

ir: In kleinerer Form was das auch Trampen. Das war in den 70ern eine sehr wichtige Sache. Dieses Unterwegssein war wichtig: sich losgelöst fühlen, endlich mal nicht an irgendwelche Grenzen denken müssen. Alexander Osang hat das in seinem Text „Lohn der Angst. Bulgarien sehen. Und sterben“ auf den Punkt gebracht.

Kurzer Aufbruch

wk: Man hätte denken können, man lebte in einem geschlossenem System. Das stimmte aber gar nicht. Man war permanent beschäftigt, Veränderungen zu verarbeiten. Ob das nun echte waren oder Scheinbewegungen – es war jedenfalls eine große Suchbewegung in Gange. Diese Gesellschaft wurschtelte sich nach vorne. Und nach vorne hieß: in die Offenheit. Es gab einen Zukunftsbegriff, den man meinte anfassen zu können: In der Zukunft konnten nur Wohlstand und Freizügigkeit warten. Es hieß, wenn der Ulbricht tot ist, dann ist endlich Schluss mit Stalins Erbe. Dann kommt der etwas modernere Typ, Erich Honecker – der ist schließlich aus dem Saarland. Die Weltfestspiele unterstützten diese Idee. Es ist ja nicht so, dass all dies spurlos blieb: Danach ging es im heimischen Kulturbetrieb vorwärts. Es wurden wieder Filme produziert, das Zeitschriftenwesen entwickelte sich weiter. Es gab im Theaterbereich unwahrscheinlich spannende Sachen. Nicht nur im Politbüro, auch im Kulturbereich fand ein Generationswechsel statt, bis hinein in die Redaktionen. Neue Debatten kamen auf. Man hatte zwar das Gefühl, der Ausnahmezustand der Weltfestspiele ist über Nacht vorbei – aber die Vorwärtsbewegung ist damit nicht gestoppt, wie das noch 1968 gewesen war. Das endete erst 1976, mit der Biermann-Affäre. Von diesem Rückschlag hat sich die Gesellschaft dann allerdings nicht wieder erholt.

sh: Was blieb sind die Jugendclubs. Sie sind im Vorfeld als Festivalclubs entstanden, aus Eigenhilfen und -initiativen. Zunächst waren das Instandsetzungsgeschichten, auch in der Provinz. Das war etwas Autonomes. In dem Sinne waren die Spiele kein Betrug, diese Clubs lebten danach weiter.

Dann starb Ulbricht

sh: Und mittendrin in den Festen starb Ulbricht! Und alle dachten, jetzt fällt‘s aus. Wir standen auf dem Bahnhof, als die Nachricht kam. Unser FDJ-und Delegationsleiter sagte: Jetzt mal eine Trauerminute! Wir waren bis zu diesem Moment in extremer Spannung, ob dieser Arsch uns auch noch das letzte Ding versaut.

wk: Ich weiß von Freunden, die zu der Zeit bei der Armee waren, dass sie während der ganzen Festspielzeit Urlaubssperre hatten. Als die Nachricht kam, dass Ulbricht gestorben war, hieß es Aufsitzen!“, weil sie über Nacht die ganze Dekoration hätten abbauen müssen. Am nächsten Tage wäre die Stadt völlig kahl gewesen.

ir: Aber Ulbricht hat doch großväterlich–gütig auf dem Sterbebett gesagt: Feiert weiter!

sh: Dann Mitteilungen und Grußbotschaften von Egon Krenz als Obermacker des nationalen Vorbereitungskomitees. Der sagte sinngemäß: Wir legen ihn noch eine Woche auf Eis und es wird nichts am Programm gekürzt. Danach hieß es „Ey hey, wir sind die Fans von Egon Krenz“. Letztlich empfanden wir das Ganze als gigantische Versuchsanordnung. Es ging um eine einzige Frage, nämlich, ob die endlich Vertrauen zu uns Jungen haben würden. Und wir dachten, dass die Bonzen von nun ein Einsehen haben, bei den ganzen Restriktionen, und endlich wird ein Durchbruch, eine wirkliche Modernisierung stattfinden. Man könnte sein kleines Land am Ende vielleicht sogar dafür lieben … ‘68 war ich ja noch zu jung – nicht auszudenken, wenn Sozialismus auch noch Spaß machte? Und natürlich stand im Raum: Was wird der neue Mann machen Regierungswechsel? Personaltausch?

wk: Der Machtwechsel hatte doch schon längst stattgefunden.

ir: Ich glaube, ‘71 haben sie Ulbricht abgesägt.

sh: Die große Lockerungsübung war eindeutig Honeckers Handschrift. Diese ganzen Weltfestspiele waren eine unglaubliche und für deutsche Verhältnisse überraschend spontane Völkerumarmung. Und dieses schöne, fröhliche Fest schrammte und rammte nun beständig auf das alte und omnipräsente staatliche Abgrenzungs- und Sicherheitssyndrom. Momentweise war überhaupt nicht entschieden, wie es am Ende ausgeht.

Der Herbst der Euphorie

jb: Aber irgendwann hat sich der Ausnahmezustand „X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten“ verändert?

wk: Über Nacht! Abrupt wurde der Alexanderplatz gefegt. Während der Festspiele war die Weltzeituhr ein Treffpunkt, die war wie ein toter Briefkasten, wo die Leute vom ersten Abend an die Säule mit Mitteilungen zuklebten. Wir kannten das vorher nicht. Die ganze Woche blieb das so und man hatte sich an den Anblick gewöhnt. Und am Morgen danach wurde die Säule geschrubbt! Es wurde alles gesäubert, als unmissverständliches Signal: Es ist vorbei!

ir: Es gibt einen schönen Text von Reiner Kunze, „Nachhall“, da beschreibt er genau dieses Phänomen.

sh: Ich wurde vor dem Hotel Berolina, wo ich jeden Abend auf meinen Liebsten gewartet hatte, ermahnt: Jetzt ist Schluss. Ich war wütend, bei der Abschlusskundgebung bin ich heulend auf meine Stabü-Lehrerin (Staatsbürgerkunde) los. Sie hat mich in den Arm genommen. Sie hatte dieselbe Wahrnehmung: Die Zeit der Utopie ist vorbei. Ich war jeden Abend an diesem Hotel gewesen und habe mich dort mit einem Ökonomiestudenten aus Mexiko geknutscht – wir haben diese grauen Aufpasserjungs schon gegrüßt! Er war offiziell Mitglied des internationalen Vorbereitungskomitees und in der Jury für die Folklore. Es war die ganze Zeit über klar, ich gehöre zu einem der Gäste – aber ab heute ist leider Feierabend. Es ist nie Post angekommen, der Briefwechsel wurde unterbrochen.

fz: Aktiv unterbrochen?

ir: Ich kann es mir nicht vorstellen, dass die Briefwechsel von alleine eingeschlafen sind. Eine meiner Interviewpartnerinnen hatte einen Inder kennen gelernt. Sie hatte geplant, nach Kalkutta zu reisen. Doch der Kontakt ist irgendwann eingeschlafen, es sind einfach keine Briefe mehr gekommen. Man kann heute nicht nachvollziehen, ob er nicht mehr geschrieben hat oder ob die abgefangen wurden. Ein Ost-Berliner hat einen bundesdeutschen Juso-Menschen kennen gelernt, die sich gegenseitig Material zugeschickt haben, Bücher und andere Dinge. Der meinte, er hätte irgendwann mal einen handschriftlichen Zettel von der Staatssicherheit in seinem Briefumschlag gefunden.

Too Young To Be A Hippie

rl: Wir hatten damals Besuch von unseren amerikanischen Verwandten. Und ich habe in diesem Sommer Popmusik für mich entdeckt. Ich war zehn Jahre alt und hatte von meinem Onkel zur Jugendweihe einen lauten Kassettenrekorder geschenkt bekommen. Der Besuch der Amerikaner in diesem Sommer, dieses Festival, diese Musik … Die sind zu uns zu Besuch gekommen, die hatten mit den Weltfestspielen nichts zu tun. Ich habe eine Gitarre, sinnloserweise ohne sie spielen zu können, spazieren getragen. Ich bin den ganzen Tag mit dieser Gitarre rumgelaufen und gab den Musiker. An diese Atmosphäre kann ich mich erinnern: Dass viele Leute zusammen gesessen sind und dass es sehr quirlig war. Und auch, dass so viele „people of color“ da waren, was für Berlin auch ungewöhnlich war.

jb: Warst du später Punk? Und hattest die Westfestspiele als Hippiezeit abgeschrieben?

rl: Das lag zu weit auseinander, um sich als Punker im Nachhinein über die Weltfestspiele aufzuregen. Im Unterschied zu Bohemeszenen gab es in dieser Punkszene einfach keine Idee mehr, dass die DDR noch irgendwas wert sein könnte. Das war wirklich so eine Parallelwelt, die eine Szene geschaffen hat – auch eine sehr politische. Aber das waren eher nihilistische Sachen, man hatte kein Interesse an dem Staat, man wollte mehr sein eigenes Ding machen.

jb: Man hing wieder auf der Straße ab?

rl: Es gab zwei Treffpunkte. Einen auf dem Alex, dann gab es hinten noch Bierhallen, die unten im Fernsehturm drin waren. Dann gab es vorn Würstchenbuden, die waren auf der Seite vom Fernsehturm. Da hat man sich getroffen. Dann wurde der Alex gesäubert von den Punks. Die sind dann alle zum Kulturpark Treptow gegangen, weil es sonst keine Räume gab, und keine Clubs. Das erste Punkkonzert hab ich in der jugoslawischen Botschaft gesehen, wo ein paar Botschaftssöhnchen auf Punk gemacht haben. Der Spuk war auch ganz schnell vorbei, das ging über zwei Monate. Mein Bruder Robert wurde auf dem Alex als Punkrocker aufgegriffen und in einen Raum geführt, wo ein Verhör stattfand. Er wurde fotografiert und meine Eltern benachrichtigt. Die Polizei wollte wissen, wo er hin will, wen er treffen will, warum man so rumläuft, wer seine Freunde sind … Er hatte dann ein richtiges Verbot, den Alexanderplatz zu betreten.

Fußnoten

1 Während der III. Weltfestspiele 1951 in Berlin kam es am 15. August zu einem Marsch der FDJ nach Westberlin – angeblich auf Einladung des Westberliner Senats – , der brutal von der Westberliner Polizei beendet wurde. Die ostdeutschen Zeitungen brachten große Berichte und Fotos der Verletzten. Es ist nicht klar, inwieweit die FDJ die Reaktion der Polizei bewusst eingeplant hatte. Die FDJ war seit Juni 1951 in Westdeutschland verboten.

2 Achthundert offiziell Delegierte der Bundesrepublik aus über vierzig Jugend- und Studentenorganisationen nahmen am Festival teil, darunter die „Junge Union“. Über die Anzahl der mit einem Touristenvisum eingereisten BesucherInnen gibt es keine Angaben.

3 VII. WFS in Wien 1959, VIII. WFS in Helsinki 1962, IX. WFS in Sofia 1968, XI. WFS in Havanna 1978, XII. WFS in Moskau 1985, XIII. WFS in Pjöngjang 1989, XIV. WFS in Havanna 1995, XV. WFS in Algier 2001. Die WFS wurden vom Weltbund der demokratischen Jugend WBDJ organisiert, seit 1951 auch vom Internationalen Studentenbund ISB.