Der Klassenfeind im eigenen Kino

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Der Klassenfeind im eigenen Kino

Philipp Humpert: Der Klassenfeind im eigenen Kino

Hollywood war Dauergast in der DDR. Die unkommentierten Filmtabellen im Katalog listen die amerikanischen Filme, die in der DDR gezeigt wurden – also  eine offizielle Absegnung hatten (1). In Anbetracht des Systemkonflikts zwischen Ost und West eine Überraschung.

Noch in den 1950er und 60er Jahren wurden US-Filme zögerlich importiert, nicht nur aus politischen Gründen. Lizenzen ware teuer. Als jedoch 1965 im Rahmen des XI. Plenums des ZK der SED zwölf DEFA-Filme verboten wurden und die Kinos leer blieben, konnten im Herbst desselben Jahres sechs amerikanische Filme starten, zusätzlich zu denen vom Frühjahr und Sommer. Mehr als je zuvor.
Der extreme Anstieg der Filmimporte seit Anfang der 70er Jahre war schließlich durch die sich abzeichnende Entspannung im Kalten Krieg bedingt. Und durch die Entwicklungen in Hollywood selbst. Mit den gesellschaftlichen Unruhen Ende der 1960 Jahre in den USA geriet auch die Filmindustrie in ein Tief. Hollywoodfilme schienen den Bezug zur Gesellschaft verloren zu haben. Die Folge war ein Zuschauerschwund. Aus der Krise entwickelte sich das „New Hollywood“, dessen Filme Auswüchse politischer Gewalt und gesellschaftliche Probleme thematisierten. Die Plots passten gut in die staatliche Filmpolitik der DDR. Doch auch wenn die Zeit des New Hollywood in der DDR länger nachwirkte als in den USA, weil die Filme mit einer Verzögerung von bis zu zehn Jahren präsentiert wurden, zeigte man in den 80er Jahren zunehmend auch Blockbuster aus den USA. Darin lag die Einsicht, dass das DDR-Publikum sich nach einfachen Unterhaltungsfilmen sehnte. Der sozialistische Film konnte dies allein nicht erfüllen. Hinzu kam die Strategie des „Millionenfilms“, die zum Ziel hatte, mit einzelnen Streifen mindestens eine Million Zuschauer anzusprechen und die erzielten Einnahmen der chronisch unterfinanzierten DDR-Filmindustrie zukommen zu lassen. Das schien ein Weg aus der eigenen Krise.

Die politische Vorgabe, nach der 60% der Filme aus sozialistischen und 40% aus nicht-sozialistischen Ländern stammen durften, wurde zwar eingehalten. Betrachtet man den Anteil an den Vorstellungen, wurde sie jedoch geradezu ins Gegenteil verkehrt. Zu diesem Schluss kommt Dieter Drewitz nach einer Auszählung der Filmvorführungen in Magdeburg zwischen dem 1.1.1982 und dem 12.5.1983. Der Anteil der nicht-sozialistischen Filme betrug hier 65%, der Anteil der US-Filme allein 23%.
Amerikanische Filme wurden geliebt. Interessante Szenen daraus verschwanden immer wieder. Sie wurden nicht etwa von staatlichen Stellen zensiert. Filmvorführer, die solche Szenen sammelten, schnitten sie offensichtlich heraus. Bis auf sehr wenige Filme der Jahre 1988-1990 ist sie vollständig und wird demnächst noch ergänzt.

(1) Die Listen folgen dem Schema: DDR-Titel, Originaltitel, Produktionsjahr, Regie, Datum DDR-Kinostart.

Verwendete Quellen:
Katholisches Institut für Medieninformation Köln e. V. 1987. Filme in der DDR. 1945-86. Kritische Notizen aus 42 Kino Jahren. Druckerei Günter Wiesel, Dülmen.
Katholisches Institut für Medieninformation Köln e. V. 1991. Filme in der DDR. 1987-90. Kritische Notizen aus 4 Kino Jahren. Druckerei Günter Wiesel, Dülmen.
Günter Agde (Hg.). 1991. Kahlschlag: das 11. Plenum des ZK der SED 1965: Studien und Dokumente. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin.
Bundesarchiv-Filmarchiv (Hg.). 1967-1987. Filmobibliografischer Jahresbericht: (und Überläufer). Henschel, Berlin.
Rosemary Stott. 2007. Ein Kino der Pflicht und der Kür? - Die Funktion des westlichen Importfilms für das Lichtspielwesen der DDR. In: Views from Abroad. Die DDR aus britischer Perspektive, S. 153-160.
Rosemary Stott. 2006. Zwischen Sozialkritik und Blockbuster. Hollywood-Filme in den Kinos der DDR zwischen 1970 und 1989. In: Uta A. Baibier, Christiane Rösch (Hg.). Umworbener Klassenfeind.Das Verhältnis der DDR zu den USA. Ch. Links Verlag, Berlin.