Belief Systems among Media, Market, and Humanity

Root Event

7. Werkleitz Biennale 2006 Happy Believers
Belief Systems among Media, Market, and Humanity

Glaubenssysteme zwischen Medien, Markt und Menschen
Anke Hoffmann

Omnipräsenz und (Un-) Sterblichkeit
Der im letzten Jahr verstorbene Papst Johannes Paul II. wurde bekannt als der erste Medienpapst; er nutzte die öffentliche Bühne der Medien so bewusst, um die Botschaften der katholischen Kirche zu vermitteln, dass er selbst zu einer Ikone der Medienwelt wurde. Seine Omnipräsenz in der Öffentlichkeit erzeugte eine Gleichzeitigkeit des emphatischen Erlebens für alle Gläubigen.

Das Künstlerduo Korpys/Löffler hat in seiner neuesten Arbeit Für ein Leben nach dem Tod (2006) den Pontifex bei seinen öffentlichen Auftritten in Rom in seinem letzten Lebensjahr mit der Kamera begleitet. Während ihres Aufenthaltes in der Villa Massimo haben sie sich als Journalisten akkreditieren lassen, um die offiziellen Termine der römisch-katholischen Kirche auf den für Berichterstatter reservierten Plätzen zu verfolgen. Zwischen CNN, BBC und France2 drehten die Künstler das Material für ihren 75 minütigen Film.
Die filmische Arbeit, formal eine Dokumentation, ist eine vollendete Komposition aus Bild, Ton, Dramaturgie und Montage, die wegen (oder trotz) ihres repetitiven Rhythmus’ eine visuelle Faszination entwickelt. Die religionskulturellen Inszenierungen verfolgend, waren Andrée Korpys und Markus Löffler bei Messen, Audienzen und Segenssprechungen anwesend, in denen sich nicht nur die opulent ausgestatteten Choreografien um das als Leidender in der Nachfolge Christis auftretende Oberhaupt der katholischen Kirche beobachten ließen, sondern auch die Nebenakteure der Show: Journalisten, Bodyguards und Polizisten. Immer wieder rücken dunkle Anzüge ins Bild, ausgestattet mit Kameras und Handys, Rädchen im System eines Medienevents, gesteuert durch den Vatikan. Alle Beteiligten – ob Kardinäle beim Zupfen der Tischdecke, Medienprofis beim atemlosen Rapportieren oder die stoisch anwesenden Sicherheitskräfte – sind vereint in der Erzeugung eines nie endenden katholischen Bilderreigens, der über Fernsehbildschirme die Heiligkeit der päpstlichen Lichtgestalt millionenfach in die Häuser und Hütten aus‚strahlt’. Die Künstler richten ihren Fokus auf den medialen Missionierungsapparat, auf die Strukturen der Repräsentation von Macht und Autorität, auf Praktiken der Vermarktung und Eventisierung. Dabei wird die Intimität des Leidens, die sich als Erlebnishorizont massenmedial vermittelt, in ihrer vermeintlichen Unmittelbarkeit aufgebrochen.
Was bleibt, ist unser Wissen um das Ende als globales Medienereignis: „Er [Johannes Paul II.] hatte verstanden, dass nicht nur die Medien Bilder brauchten, sondern die Menschen … emotionale Bedürfnisse haben. Die medial gebotene Geschichte gipfelt schließlich in der Darstellung des Leidens und Todes eines nahbaren Papstes. … Beim Tod des Papstes offenbarte die ,Währung Emotion‘ schließlich ihre Kaufkraft … der kollektive Gefühlsaustausch vor und hinter der Kamera“.1 Selbst nach seinem Tod blieb Karol Wojtyla ein Medienstar, als er im virtuellen Beisein von Millionen auf der ganzen Welt im Pontifikalgewand über den Petersplatz getragen wurde. Er hatte den Massenmedien die vatikanischen Pforten geöffnet, dann öffneten sie ihm die Pforten in die Unsterblichkeit: Für ein Leben nach dem Tod.

aide moi o media 2:

In Erik Büngers neuester Videoarbeit Gospels (2006), eigens für die Biennale produziert, wird man von einer wahrlichen Lobpreisung und Anbetung überrascht. Wir begegnen Männern und Frauen, die – einzeln und nacheinander – einen Kanon der Verehrung für eine imaginäre Person anstimmen. Ihre Berichte ähneln sich in der Art, wie sie über SEINE Großzügigkeit, SEINEN Charakter und SEINE Weisheit sprechen. Ihre gesamte Aufmerksamkeit und Lobrede auf IHN präsentiert sich dabei ohne einen anschaulichen Kontext, der helfen würde zu verstehen. Ihre Berichte lösen einen vielstimmigen Gospelgesang voller Emotionalität und Dankbarkeit aus, dem eine allen gemeinsame Erfahrung zugrunde liegt.
Die Befragten sind keine Unbekannten, sondern Menschen, die wir verehren, preisen und lobreden: Schauspieler aus Hollywood-Produktionen wie Meryl Streep, Dustin Hoffman oder Drew Barrymore, um nur einige zu nennen. Sie sind es, die wir als Idole eines besseren Lebens betrachten, ihre Filmfiguren stehen für die erfolgreiche Bewältigung von Problemen und Katastrophen im Leben und färben auf die Darsteller ab. Sie sind unsere Vorbilder, HeldInnen und Schönheitsköniginnen. Als Produkt einer Glamor&Glory-Industrie sind sie anbetungswürdige Geschöpfe, denen wir die Worte von den Lippen lecken möchten. Und dabei geht es selten um das, WAS sie sagen.
Die Verabschiedung des eigenen Ichs in der Anbetung von Oberflächen der Medienwelt veranlasste den schwedischen Künstler Erik Bünger aus unzähligen Making-of-Interviews, die man als Bonusmaterial auf Film-DVDs vorfindet, eine Montage der gegenstandslosen Verehrung zu sampeln. Personenkult um Stars aus Musik, Film und Populärkultur sind Alltag: Medial inszenierte Heilsbringer einer modernen Welt. Die Einflechtung sakraler Symbole in Film- und Fernsehunterhaltung und die Übernahme von religiöser Sprache stellen den Kontext medialer Inszenierungspraktiken dar, welcher die Symbiose von Religionskultur und weltlicher Überzeugungsarbeit sowie die Frage nach der Religiosität in ein neues Licht setzen: Was ist Religion? Wer und was erfüllt religiöse Bedürfnisse? Wodurch wird Lebenssinn vermittelt?
„Film has never stood in a sacred context.“ schreibt Boris Groys. Seine Absage an die Heiligkeit des Mediums Film basiert auf dessen zu später Erfindung; unsere Kultur habe ihre Potenziale für die Sakralisation bereits an Ausdrucksformen der Malerei, Bildhauerei und Architektur, an Theater und Oper vergeben. 3 Trotz der offensichtlich profanen Natur der kommerziellen, medialen Bildkultur haben Film- und Fernsehunterhaltung quasi-religiöse Funktionen erlangt 4: mit ihren Narrationen über Leben, Liebe und Tod werden sie zu Vorbildern für die eigene Lebensgestaltung und Sinndeutung – und mit ihnen ihre Protagonisten.

Das Wort, seine Aneignung und die Doppelmoral

Die großen Konfessionen basieren auf einer Jahrtausende währenden Verkündung des ,offenbarten Wortes‘, aus der sich ethische Vorgaben für jeden Menschen und Verhaltensregeln für die Gemeinschaft ableiten lassen. Das ,offenbarte Wort‘ und die von ihm abgeleiteten Normen eröffnen zudem einen historisch bedingten Interpretations- und Verhandlungsspielraum. Dieses Angebot von Vieldeutigkeiten birgt auch eine Gefahr: Weil Religiosität mit Letzthorizonten zu tun hat, liegt bei aller religiösen Wirklichkeitsdeutung immer die Tendenz zum Selbstabschluss, zur Verabsolutierung, zur Totalsetzung zugrunde.“5 „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“ lautet das dritte Gebot im zweiten Buch Mose. Um jenen Missbrauch geht es in Double Bubble (2001), einer Videoarbeit von Maja Bajevic. Die Künstlerin inszeniert sich in unterschiedlichen Posen als selbstbewusste Sprecherin von zumeist männlich konnotierten Entlastungen des eigenen Tuns: „Ich befreie Menschen von ihren Sünden. Sie geben mir Geld. Alles hat seinen Preis“; „Meine Waffen bereite ich immer freitags vor. Samstags mache ich gar nichts.“; „Ich habe 55 Menschen erschossen während des Gebets. Im Namen Gottes“; „Ich bin nur Mitläufer. Sonst tue ich nichts. Gott ist mein Zeuge.“
Im selbstgerechten Rückgriff auf religiöse Dogmen aus Christentum, Judentum und Islam werden die Auslegungen als Eigennutz, Ichverlust und Menschenverachtung herausgestellt. Das künstlerische Moment der Verdopplung des Gesprochenen, einem Echo gleich, verstärkt die Wahrnehmung der Aussagen als Doppelmoral oder Doppelzüngigkeit. In der verbalen Vergewaltigung von Glaubensbekenntnissen stecken die fauligen Exzeme von Nationalismus, Fundamentalismus und Neototalitarismus religiöser Prägung.
Maja Bajevic stammt aus Sarajevo, einer Stadt, deren Bewohner die Auswüchse religiös begründeter Nationalismen teilweise nicht überlebten. Lüge und Scheinheiligkeit, Demagogie und Gewalt gegen Andere sind es, die die Künstlerin als Widersprüche und Verletzungen der religiösen Gefühle entlarven will.
Bei allen Formen der Umdeutungen von Offenbarungen bis hin zum Extremismus entstehen aber auch Fragen, ob die Verabsolutierungen nicht selbst bereits im niedergeschriebenen ,Wort‘ enthalten sind: „Steht der ,Name des Herrn‘ und sein offenbarter Aussagebestand ausschließlich für das Gute, während es die ,bösen‘ Menschen sind, die in Verfolgung ihrer schlechten Absichten dieses ,absolut Gute‘ deformieren und pervertieren? Oder trägt der Name des Herrn, der offenbarte göttliche Wille, nicht bereits die Wurzel zu seiner herrschaftlichen Anwendung in sich, so dass der Vorwurf des Missbrauchs als ein nachträgliches Ablenkungsmanöver anzusehen wäre?“6

Utopia im Schlussverkauf

Die Arbeiten der britischen Künstlerin Carey Young kreisen um Verwertungsregeln in Marktökonomien, Unternehmensstrategien und Eigentumsfragen kommerzieller Systeme. In I am a Revolutionary von 2001 thematisiert Carey Young die profane Ästhetisierung von gesellschaftlichen Utopien. In der Videoarbeit verfolgt man immer wieder eine Szene: Carey Young, im Business-Anzug, befindet sich in einem dieser Kaninchenbau-ähnlichen Büros mit panoptischen Ein- und Ausblicken in einen gläsernen Innenhof. Young wird von einem Rhetorik-Coach trainiert, um die perfekte Intonation eines einzigen Satzes zu üben, der als Teil einer Rede angenommen werden kann: „I am a revolutionary“. Unablässig wiederholt sie den Satz, wird korrigiert, versucht es aufs Neue: „I am a revolutionary“, um Glaubwürdigkeit und Überzeugung in das vorgetragene Bekenntnis zu legen. Aber es will ihr nicht gelingen, die radikal-politische Positionierung mit der Leidenschaft zu beleben, die ihr einst eigen war. Die Parole der Revolution ist längst zur Ware geworden, zum Gegenstand von globalisierten Marketingstrategien, zum Verkaufsartikel von T-Shirts, Turnschuhen und Heimelektronik. Die Vereinnahmung von gesellschaftlichen Utopien und radikalen Gegenentwürfen in die Werberhetorik der Populär- und Konsumkultur degradiert das wiederholte Bekenntnis zur Farce – und damit das Potenzial einer politischen Avant-Garde, deren Flügel gestutzt sind, weil selbst ihre systemkritischen Attribute zu Luxusartikeln werden: Punk heißt jetzt Gucci und Greenpeace heißt Bitburger. Mit der Adoption von gesellschaftlichem Engagement und der Trophäensammlung zukunftskritischen Personals als Aushängeschild erhöhen Firmen ihren Identifikationswert mit dem gewünschten Klientel: So wirbt die Jeansfirma Diesel mit gecasteten Demonstrations- und Weltverbesserungskollektiven, die in ihrer Oberflächlichkeit kaum zu übertreffen sind.
Offen bleibt, ob die Künstlerin Young mit ihren endlosen Versuchen die Aussage bis zum wahrhaftigen Glauben zu inkorporieren, tatsächlich auf eine Wiedererweckung des kulturellen und politischen Dissenzpotenzials und seiner Umwälzungsideen hofft.

Heilsbotschaften aus der Maschine?

Der britisch-australische Künstler und Kurator Richard Grayson thematisiert in seiner Arbeit Intelligence (2005) die moderne Technologie als ein mit Emotionen und Heilsversprechungen aufgeladenes Glaubenssystem. Die Visionen, die sich heute mit den Errungenschaften der Technologie verbinden, sind von der Macht des Allwissens charakterisiert, dem Versprechen, die Natur zu beherrschen und alles Unheil bekämpfen zu können.
Grayson präsentiert eine sonderbare Sammlung astrologischer Geburtshoroskope von weltpolitischen Figuren, die im Irak-Krieg und dem „Krieg gegen den Terror“ involviert sind, wie Condoleezza Rice, George W. Bush, Tony Blair, Saddam Hussein und Osama bin Laden. Die von Grayson in akribischer Feinarbeit gezeichneten Gestirnskonstellationen basieren auf computergeneriertem und daher vorprogrammiertem Material aus dem Internet. Das Computerprogramm7 kombiniert und arrangiert entsprechend den Positionen der Planeten vorbereitete Textbausteine. Das Resultat soll eine „Kartographie“ der innersten Motivationen und psychischen Potenziale einer Person darstellen, aus denen Sätze zu lesen sind, wie: „Your enthusiasm is so strong it can sometimes be a little too much making others uncomfortable.“
Astrologie ist gemeinhin keine Wissenschaft, wird jedoch als eine historische Vor-Wissenschaft und ein Wegbereiter der Astronomie verstanden, deren Ursprünge in der Arabischen Welt liegen. Als Pseudo-Wissenschaft ist sie im Westen vor allem im Internet weit verbreitet, wo viele ,aufgeklärte‘ Individualisten die Vorhersagungen auf ihre eigene Lebensgestaltung anwenden. Technisch programmierte Zukunftsdeutungen des World Wide Web finden so Eingang in populäre Weltdeutungs- und Glaubenssysteme.
„Die Verbindung von Astrologie mit dem Leitbild von Technologie, Kriegsführung und ihrer modernen Aufklärungs- und Informationsbeschaffung8 beleuchtet die symbolischen und emotionalen Aufladungen von Wissenschaft und Technologie …“ so Grayson, “ … die Arbeit artikuliert die Sehnsucht, die mit dem Projekt ‚Intelligence‘ (und den Träumen der Technologie) verbunden sind: Die Sehnsucht, ein System zu besitzen, dass das Unverständliche verständlich macht und so das Unerwartete und Bedrohliche abwendet. … Dieselbe Sehnsucht drückt sich im Glauben an die Wirkungen der Planeten und Sterne auf uns Menschen und das Leben aus, wie sie in der Astrologie systematisiert werden.“
Beide Erkenntnissysteme, die der rationalen Technik und der irrationalen Esoterik, offerieren Zukunft beeinflussen und unbekanntes Unheil abwenden zu können.9 Sind technische Entwicklungen die Heilsbringer unserer Tage? Ist der Glauben an die Problemlösungskapazitäten ungebrochen? Erwarten uns paradiesische Zustände, wenn Technologie und Wissenschaft sich endlich voll entfalten könnten?

Das Heilige und das Profane


Das Paradies steht für einen fernen Ort der Erfüllung und der Sorglosigkeit, ein Ort der Exotik und der Mystik, der nie erreicht werden kann und genau daher unvergänglich ist als Ideal und Gegenstand der Sehnsucht nach vollkommener Befriedigung. Das Paradies in den Religionen ist der jenseitige Ort des Seelenfriedens, da wo sich alles Streben auflöst im Unendlichen der Wunschlosigkeit. Miguel Rothschilds Paradies (2004) besteht aus Shampoo, Orangensaft, Eiscreme, Süßigkeiten, Buchtiteln und Touristenzielen. In drei fotografischen Installationen hat der argentinische Künstler Dutzende von Markenartikeln, Zeitschriftencovern und Buchdeckeln, die alle mit dem ‚Paradies? werben, zu einer Assemblage zusammengefasst. Äußerlich hat Rothschild sie den im Hochmittelalter beliebten Bleiglasfenstern mit ihren Allegorien aus christlicher Bildtradition nachempfunden, wie sie besonders in gotischen Kathedralbauten zu finden sind. Kapitalismus als Religion?  Was der Künstler spielerisch und mit Ironie darstellt, sind zum einen die Botschaften der Konsumindustrie, die statt nur ein Shampoo zu verkaufen, ihre Produkte zu wahren Heilsbringern aufstylen, weil sie helfen, den richtigen Mann zu treffen (Shampoo), Gesundheit bis an das Lebensende zu schenken (Orangensaft) oder ungeahnte tranceartige Glücksgefühle zu verschaffen (Eiscreme). Oder wir kaufen ein Ticket und fliegen wahlweise ins paradiesische Südafrika, Neuseeland oder Bora-Bora (und wollen eigentlich auch nie wieder zurück ins richtige Leben). Wir kaufen keine Produkte, sondern Versprechen, Heilsversprechen. Werbung und Konsumindustrie operieren mit den Sehnsüchten, den nie zu stillenden Wünschen nach Glück und Zufriedenheit. Aber die Zufriedenheit will sich nicht einstellen, der diffuse Zustand der Erfüllung bleibt ungesättigt: „Das Begehren des Menschen zielt immer auf etwas, das nicht benennbar ist. Und deshalb muss man kaufen und kaufen und kaufen.“10 Wider der ‚Entzauberung der Welt’ wird das Markenzeichen Paradies für die irdische Art der Verführung, der Verführung zum Konsum benutzt. Aber diese Verführung mündet nicht in der Erlösung, sondern in der Verschuldung. Schuld verbindet sich im weltlichen (Konsum-)Paradies und religiösen Paradies emblematisch: In der christlichen Moralerzählung sind Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden, weil sie Schuld auf sich geladen hatten, sie der Verführung nicht wiederstehen konnten. „Der Kapitalismus hätte das Christentum nicht ersetzen können, wenn er nicht wesentlich christlich, essenziell religiös, als Kultreligion und Schuldreligion auf die Ersetzung eines Mangels gerichtet gewesen wäre. Christlich am Kapitalismus, kapitalistisch am Christentum ist ihr parasitisches Verhältnis zur Schuld.“ 11

Wer Schuld auf sich lädt, kann sich durch Bußsakramente entlasten, so die christliche Lehre. Die Bußbeichte als Akt der Versöhnung mit der eigenen Verfehlung ist in modernen Zeiten von Titelblättern und Talkshows übernommen worden, in denen der Grad der vorgetragenen Intimität zumeist das Erträgliche übersteigt. Die Bloßstellung individueller Fehltritte in der Öffentlichkeit hat Konjunktur. Wer mehr der introvertierten Praxis der Reflektion zugeneigt ist, begibt sich auf das Sofa eines Psychotherapeuten – oder kreiert aus den unterschiedlichsten Ausprägungen und Einflüssen spiritueller Welterklärungsmodelle, deren Austausch zwischen den Kulturen aufgrund von Migration, Medien und Mobilität stark gefördert wurde, seine eigenen, ganz privaten Kulthandlungen.

Das Praying Project

Das Gebet ist eine zentrale Handlung vieler Religionen. Es versinnbildlicht die Kommunikation mit der Gottheit und mentale Introvertiertheit mit einem Erlösungsversprechen. Das Gebet als spirituelle Praxis war Gegenstand des Praying Project initiiert von Papo Colo, Künstler und Mitgründer von Exit Art, einer freien und privaten Kunstinstitution in New York. Im April 2005 luden Papo Colo und Jeanette Ingberman Performance-Künstler der Trickster Theatre Group ein, ihre privaten Vorstellungen von spirituellen Ritualen zu entwickeln und öffentlich – entgegen der eigentlichen Tradition des Gebets – in einer kollektiven Aufführung zu präsentieren. Drei Tage lang wurden 21 ausgewählte Performances simultan in den acht Fenstern der Galerie aufgeführt; manche dauerten eine halbe Stunde, andere sogar sechs Stunden. Die Unterschiedlichkeit der Aufführungen hätte nicht größer sein können und reflektierte den großen Spielraum der pluralisierten religiösen Lebenswelten mit ihren individuellen Ritualen wieder. Die Initiatoren beschrieben die Aktion als eine der beeindruckendsten und stärksten Aktionen in der 25-jährigen Geschichte von Exit Art.  Hintergrund der Aktion war die neue Bewertung von Religiosität und Religion in Bush’s Amerika, die in ihrer politisch motivierten christlichen Moral- und Freiheitsrhetorik einen exkludierenden Tonus entwickelt hat. Dem wollte Exit Art eine ganz private Reaktion entgegensetzen, in der das aktuelle Bedürfnis nach Spiritualität ausgelotet und ihm als soziokultureller Ausdruck Raum und Stimme gegeben werden konnte. „Die Praxis des Betens hat ein Ziel, als intimer Ausdruck ist sie heilsam und schöpferisch. Das Gebet ist möglicherweise die intimste und tiefgründigste unserer Ausdrucksmöglichkeiten. Entdecke deine ganz eigene Art des Betens – privat, öffentlich, intensiv, erhaben, verletzlich oder kraftvoll.“ heißt es im Call-Out der Galerie.

Mythologie und Moderne

Monika Oechslers für die Werkleitz Biennale neu produzierte Videoarbeit There Is Only One Life (2006) thematisiert unsere moderne Lebenswelt in der Reflektion von spirituellen und philosophischen Ideen. Die filmische Arbeit nimmt die gegenwärtig zu beobachtende Wiederverzauberung durch religiöse und mythische Konzepte als Ausgangspunkt, um die spirituelle Sinnsuche der Konsumgesellschaft jenseits von traditioneller Konfession und Doktrin zu beleuchten. Vergleichbar mit populärer Psychologie fungieren alternative Glaubenssysteme auch als Methoden der Selbstaufwertung und sind als solche gefragt. Die Künstlerin nimmt Rückgriff auf die Mythen der kabbalistischen Lehren, eine Glaubenstradition, die ihre Ursprünge in den Schriften des Judentums besitzt, sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts über okkulte Kreise, esoterische Strömungen und New Age Bewegungen verbreitet hat und populär wurde. Im Zentrum der künstlerischen Arbeit steht jedoch ein Bild-Roman, Promethea von Alan Moore. Der Roman in Form eines Science Fiction-Comics verbindet die wissenschaftlich-dominierte Perspektive mit den Mythen der Kabbala. Promethea, die zentrale weibliche Romanfigur, wird in ihren vier unterschiedlichen Inkarnationen von vier Darstellerinnen repräsentiert. Die Textfragmente bestehen aus Arrangements fiktionaler Referenzen der Erzählung Promethea, Texten des englischen Poeten William Blake und Songlyrics der Bands Verve und Radiohead. Platziert werden die Stellvertreter einer in populäre Sinnsuche eingeflossenen Weltreligionsmythologie in die Schauplätze der Gegenwart Londons: die Business-Landschaft des Canary Wharf, eine U-Bahn Station im Zentrum der Stadt und den historischen Abney Friedhofspark. There Is Only One Life setzt unterschiedliche Dialoge, Monologe und Schauplätze in einem zeitlich-historischen Sampling den weiblichen Charakteren (der Promethea) gegenüber, die selbst als Verkünderinnen für Referenzen aus Altertum, Klassik und Moderne stehen. In der Kombination von philosophischen Ideen, spirituellem Bewusstsein, poetischer Welterklärung und fiktionalen Figuren werden die symbiotischen Verbindungen unterschiedlichster Einflüsse aus Mythologie, Religionskultur und Aberglauben visualisiert, in denen sich der Wunsch nach Verzauberung, nach Identität und Transzendenz gleichermaßen ausdrückt.


1 Katrin Döveling: Feel the Pain, in: Ästhetik & Kommunikation, Heft 131, 2005, S. 98.
2 Titel einer Arbeit von Ecke Bonk, 1986/96. Das französische Palindrom, das man vorwärts und rückwärts lesen kann, artikuliert einen Hilferuf an die Medien, der mythisch aufgeladen wirkt und gleichzeitig die Medien als Heilsbringer persifliert.
3 Boris Groys: Iconoclasm as an Artistic Device / Iconoclastic Strategies in Film, in: Iconoclash Ausstellungskatalog, Karlsruhe 2002, S. 282.
4 vgl. auch Jörg Herrmann: Medienreligion unplugged, in: Ästhetik&Kommunikation, Heft 131, 2005, S. 19.
5 F. W. Graf: Die Wiederkehr der Götter, Bonn 2004, S. 208.
6 Hartmut Krauss: Missbrauch und/oder konsequente Radikalisierung des Religiösen?, in: Die Zehn Gebote Ausstellungskatalog, Dresden 2004, S. 86.
7 z. B. Indira oder Merlin
8 u. a. durch die CIA - Civil Intelligence Agency, wodurch der Titel der Arbeit Intelligence deutlich wird
9 Hollywood hat diese Verschmelzung zum Beispiel im Science Fiction-Thriller Minority Report (2002) thematisiert, in dem so genannte Precogs – in künstlicher Trance gehaltene ‚Medien‘ – als in der Zukunft lesende Gewaltverhinderer vorgestellt werden
10 Norbert Bolz: Das konsumistische Manifest, 2002, S. 99.
11 Werner Hamacher: Schuldgeschichte, in: Kapitalismus als Religion, hrsg. v. D. Baecker, 2004, S. 88.