Amerika als Projektionsfläche Ostdeutschlands

Root Event

Werkleitz Festival 2008 Amerika
Amerika als Projektionsfläche Ostdeutschlands

Amerika, du hast es besser

Als unser Kontinent, das alte,

Hast keine verfallenen Schlösser

Und keine Basalte.

Dich stört nicht im Innern

Zu lebendiger Zeit

Unnützes Erinnern

Und vergeblicher Streit.

Johann Wolfgang von Goethe *1

1) Amerika und Amerika

Amerika war von Karl-Marx-Stadt aus in nicht einmal einer Stunde mit dem Zug zu erreichen. Schon lange hatten wir uns diese Reise vorgenommen. Also packten wir endlich unsere Instrumente ein und machten uns auf den Weg: mein Schulfreund Florian Merkel und ich. Wir waren die einzigen, die an diesem Sonntag in Amerika ausstiegen. Unter den argwöhnischen Blicken des Zugpersonals und der wenigen in den Reichsbahnwaggons hockenden Passagiere trugen wir Florians Blechtrommel und die Wandergitarre meines Vaters zum Ausgang des Haltepunkts. Unser Reiseziel stellte sich weniger als Ansiedlung dar; es handelte sich eher um eine Fabrik mit ein paar dazu gehörigen Häusern, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet worden zu sein schienen und nun vor sich hinbröckelten. Der triste und menschenleere Anblick legte nahe, dass es wohl niemanden geben würde, in dessen blauem DDR-Personalausweis tatsächlich das Wort „Amerika“ als Wohnort eingetragen stand. Für unser Vorhaben aber war die Situation ideal: Wir bauten uns auf einer Brache vor dem Fabrikgebäude auf, legten eine ORWO-Kassette in den tragbaren Recorder und improvisierten etwa eine halbe Stunde lang vor uns hin. Dann gingen uns die Ideen aus. Es war auch höchste Zeit. Wir packten wieder zusammen, hasteten zurück zum Bahnhof. Wenig später kam der Zug, der uns wohlbehalten in unsere Heimatstadt bringen sollte. Dort saßen wir dann in Florians Kinderzimmer und hörten uns die Aufnahmen an: „Die Gehirne live in Amerika“2 … Das war im Spätherbst 1983. Leider ging die Kassette später verloren, und auch Fotos haben wir von der Session merkwürdigerweise keine gemacht; obwohl Florian ja Fotograf war. So verblasste dieses Erlebnis allmählich in der Erinnerung wie die Positionslichter eines Ozeandampfers im Nebel vor Manhattan – bis ich gebeten wurde, ein paar Gedanken an das Verhältnis zwischen Amerika und der DDR zu verschwenden. Die nachfolgenden Zeilen unternehmen diesen Versuch, dies rein assoziativ und subjektiv; Anspruch auf Vollständigkeit wird in keiner Weise erhoben.

2) Gut und Böse

Einer regionalen Lesart von Gerüchten zufolge fand der Ort „Amerika“ in der Nähe des Städtchens Penig bei Chemnitz seinen Namen durch den Umstand, dass er lange Zeit nur per Kahn über das Wasser der Mulde zu erreichen war. Dass man, um zu ihm zu gelangen, quasi „über den Teich“ gehen musste – was schon damals ein Idiom für das Übersetzen nach Amerika gewesen sein soll. Diese Interpretation widerstrebte mir instinktiv, warum genau, weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich diesen „Über den Teich“-Spruch zu lapidar fand: sowohl in Bezug auf den Ort bei Chemnitz, als auch in Relation für das „richtige Amerika“. Mir ist die Interpretation meiner Großmutter viel sympathischer, die behauptete, dass die kleine Ansiedlung aus Enttäuschung „Amerika“ getauft wurde: War man erst einmal dort angekommen, stellte man fest, dass daran doch nichts Besonderes war. „So ist es doch immer – oder?“, fügte sie hinzu. Aus den Worten meiner Großmutter spricht eine gewisse Volksweisheit. Aber Enttäuschungen sind dazu da, um gemacht zu werden. In das richtige Amerika konnte man nicht fahren –  also auch nicht davon enttäuscht werden. In der Hinsicht war Amerika für den deutschen Osten die ideale Projektionsfläche, weil als Utopieraum viel besser geeignet als die Sowjetunion. Selbst glühende Kommunisten kamen wortkarg aus der UdSSR zurück: Das als großes Vorbild auf dem Weg in die neue Gesellschaft gepriesene Land stellte sich bei näherer Betrachtung doch recht schnell als ernüchternde Angelegenheit heraus. Das überseeische Amerika hingegen war stets erhaben und in seiner Verheißung unantastbar. Es war einerseits konkret vorhanden: auf Landkarten verzeichnet, durch Bilder belegt, mit Produkten gegenwärtig. Andererseits blieb es mythisch, ein glitzerndes Shangri-La, durch keine Erfahrung je zu entzaubern. Allerdings war es nicht nur durch einen Ozean vom alltäglichen Erlebnisraum getrennt, es gehörte vor allem zur „anderen Seite“ – zum imperialistischen Weltsystem also und, mehr noch, es stand sogar an der Spitze dieses Systems. Für die ideologischen Lenker des Ostens stellte sich die latente Frage, wie mit diesem gigantischen Sehnsuchtsort nun eigentlich umzugehen sei.

Es gab in der Zeichnung der US-amerikanischen Geschichte im Verhältnis zur DDR einen deutlichen Bruch, der irgendwann unmittelbar nach den Nürnberger Prozessen zu datieren war. Zunächst standen die USA ja auf der richtigen Seite der Menschheit – als Alliierte der Anti-Hitler-Koalition hatten sie schließlich Deutschland vom Faschismus befreit. Aber danach müssen böse Mächte die Oberhand gewonnen haben. Wie, wann und warum wurde dabei nicht genau ausgeführt. Es gab die Kräfte des Guten ohne Zweifel noch immer, nur waren sie in den Hintergrund gedrängt worden. Dort arbeiteten sie gewiss weiter an der ganz großen Aufgabe, um auch Amerika schließlich auf den Weg zur klassenlosen Gesellschaft zu führen. Denn: „Es ist gewiss, dass die Karten von heute bereits morgen wieder veraltet sein werden. Denn wo heute noch nicht Sozialismus ist, wird morgen Sozialismus sein.“*3 Also galt es, in der Darstellung Amerikas eine Zwischenlösung aus Gut und Böse zu finden. Amerika in Freitagsgebeten mit Hasspredigten zu überziehen, wie das heute im Iran praktiziert wird, kam dann doch nicht in Frage. Die „Tod für Amerika! “-Rufe waren selbst in den kältesten Phasen des Kalten Krieges selten. Die Utopie völlig zu ignorieren war auf Dauer auch nicht ratsam, da sonst die Phantasien allzu wild ins Kraut geschossen wären. Was die Administratoren nun an medialen Zeichen unter diesem Aspekt aus Amerika in die DDR durchwinken konnten, musste sich in einem subtilen Spektrum zwischen Feind- und Freundbild bewegen. Keine leichte Aufgabe – leider war die DDR nicht isoliert genug, um eine flächendeckende Kontrolle zu realisieren. Die sanktionierten Informationen bewegten sich stets im Abgleich mit jenen, die über die bundesdeutschen Medien ins Land sickerten und gewöhnlich das strikte Gegenteil besagten. Wichtigstes Mittel, um die wenigen verbleibenden Leerstellen in diesem Informationskrieg zu besetzen, war die Erfindung eines „Anderen Amerika“.

3) Leerstellen und Planstellen

Unter dem Begriff des „Anderen Amerika“ wurden vor allem Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zusammengefasst, die gleichsam als allegorische Figuren für jeweilige Facetten der in den Hintergrund gedrängten Kräfte des Guten fungierten. Sie kämpften gegen alles, was die Verderbtheit des US-amerikanischen Systems besonders drastisch kennzeichnete, also gegen Rüstungsindustrie, Vietnamkrieg, Rassendiskriminierung, CIA, Ausbeutung oder Massenmedien, am besten gegen alles gleichzeitig. Die Exponenten des „Anderen Amerika“ teilten sich wiederum in zwei Gruppen: in die, welche vor Ort in ihrer amerikanischen Heimat wirkten, und jene, die in der DDR eine neue Heimat gefunden hatten. Zur ersten, zwangsläufig amorph ausfallenden Gruppe gehörten Prominente wie Louis Armstrong, Harry Belafonte, Pete Seeger, Jane Fonda, Angela Davis, Russel Means,4 zeitweilig auch Bob Dylan und Joan Baez sowie weitere Künstler und Politiker. Anders als diese unsicheren Kandidaten, die sich nur schwer festlegen ließen und ihre politischen Meinungen mitunter auch unberechenbar wechselten, gestaltete sich die zweite Gruppe. Das kleine Häuflein Berufsamerikaner in der DDR war überschau- und kontrollierbar. Sie hatten ihre Lebensmittelpunkte mit allen Abhängigkeiten nach Ostdeutschland verpflanzt und genossen vielfältige Privilegien. Sie durften im Gegenzug offiziell jedoch niemals völlig assimiliert sein: Kleidung, Akzent und Gebaren musste sie stets weiterhin als „richtige Amerikaner“ ausweisen, die von ihrer ostdeutschen Plattform aus beharrlich die Missstände in ihrer ursprünglichen Heimat anprangerten. Die berühmtesten Planstellen als Berufsamerikaner wurden durch Perry Friedman (1935–1995), Dean Reed (1938–1986) sowie Victor Grossman (*1928) personifiziert. Der aus Kanada stammende Folksänger Perry Friedman behielt sich eine gewisse Unabhängigkeit vor. Nachdem er 1966 in Ost-Berlin die staatliche Singebewegung in Form des „Oktoberklubs“ (vorher: „Hootenanny-Club“) mitgegründet hatte, lebte er zwischendurch auch wieder in Amerika, kehrte aber ausgerechnet im Biermann-Jahr 1976 in die DDR zurück. Über Dean Reed ist inzwischen genug geschrieben und gefilmt worden.*5 Seine Rolle als singender Cowboy von Honeckers Gnaden und sein tragischer Tod spiegeln die ganze Absurdität der scheinbaren Weltoffenheit wider, mit der sich das DDR-System zu schmücken pflegte. Victor Grossman ist der einzige noch lebende Vertreter des Trios, seine Biografie deckt einen langen Zeitraum der ostdeutsch-amerikanischen Beziehungen ab. Nachdem er eine Vorladung zum Militärgerichtshof erhalten hatte, setzte der in Bad Tölz stationierte Rekrut der US-Army sich 1952 nach Österreich ab, schwamm bei Linz durch die Donau6 und stellte sich der Sowjetarmee. Die Russen verhörten den Deserteur, tauschten seinen ursprünglichen Namen Steve Wechsler gegen den Decknamen Victor Grossman aus und schoben ihn in die DDR ab. Hier studierte er, arbeitete beim Rundfunk, im Verlagswesen und in der Akademie der Künste und schrieb einige Bücher über die USA. Da ihm als Deserteur hohe Haftstrafen drohten, konnte er nicht in seine Heimat zurückkehren. Seine Position als Berufsamerikaner übte er deshalb ausschließlich memorierend aus. Immerhin hatte er als Teenager das gesehen, worüber er schrieb.*7 Was ihn von Karl May, dem berühmtesten aller ostdeutschen Amerika-Besessenen, immerhin unterschied.

4) Karl May und Karl Marx

Am 10. Mai 1953 wurde Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt. Die vorher fast 800 Jahre gültige Ortsbezeichnung war über Nacht nominell zum Unwort erklärt worden. Post, die danach aus Trotz oder Vergesslichkeit im Adressenfeld noch die alte Bezeichnung führte, wurde gnadenlos retourniert, versehen mit dem Vermerk „Anschrift unbekannt“. Als Jahre später ein Spaßvogel aus der Westverwandtschaft einen Brief mit der Anschrift „Karl-May-Stadt“ an meine Eltern adressierte, passierte dieser ohne Probleme. Auf derartige Wortspiele waren die Kontrolleure des postalischen Grenzverkehrs offenbar nicht abgerichtet. Dabei hätte Karl May als Namenspatron viel besser zu Chemnitz gepasst. Karl Marx war nie in Chemnitz – Karl May hingegen sehr oft: Er wurde 1842 im nur 15 Kilometer entfernten Hohenstein-Ernstthal als Sohn einer armen Weberfamilie geboren, saß in Chemnitz wegen kleiner Betrügereien sogar im Gefängnis. Vielleicht hätte man 1990 nach der „friedlichen Revolution“ Karl-Marx-Stadt einfach in Karl-May-Stadt umbenennen sollen; dies hätte nur geringfügige Korrekturen bedeutet und wäre dem Tourismus vielleicht dienlich gewesen. Sowenig Marx je in Chemnitz gewesen war, sowenig kannte May Amerika von eigenem Angesicht. Was ihn nicht daran hinderte, Dutzende von Büchern voller haarkleiner Details über das Alltags- und Abenteuerleben von Trappern, Cowboys und Indianern zu verfassen. Diese Perspektive kennzeichnet vielleicht das romantische Verhältnis der Ostdeutschen zu Amerika am besten: Die DDR, in vielen Chefpositionen von fleißigen Sachsen wie Karl May besetzt, duldete und förderte die blumige Imagination eines fernen Shangri-La-Amerikas, solange diese Phantasmagorien nicht auf die Realwelt rückkoppelten. Bei den berühmten DEFA-Indianerfilmen handelte es sich eindeutig um Varianten von Karl-May-Szenarien, in denen edle Wilde vom Ansturm barbarischer Weißer bedrängt wurden – stets fanden sich unter den Weißen jedoch aufgeklärte Ausnahmemenschen, die sich mit den Indianern verbündeten und die Hoffnung auf eine Wendung hin zum Guten am Leben erhielten. Damit ließen sich aus DDR-Warte die Bausteine des aktuellen Weltkonstrukts leicht umcodieren: Die Indianer operierten stellvertretend für die unterdrückten Massen (und für die ausgebeuteten Völker der Entwicklungsländer), die guten Weißen standen für die „fortschrittlichen Kräfte“ (und also auch für ein „Anderes Amerika“) und die kaltschnäuzigen Eindringlinge verkörperten natürlich den Imperialismus schlechthin hinter all seinen abscheulichen Masken und Fratzen. Diese Schablone wurde in den DEFA-Indianerfilmen mit Exotik, Dramatik und Romantik verkleistert und bediente hervorragend die Sehnsuchtsdefizite  der protestantisch geprägten Ostdeutschen, die in ihrer von Bilder- und Reiseverbot geprägten Alltagserfahrung dankbar nach diesem Zipfelchen der Verheißung griffen. Ganz wie bei Karl May … Dass die Werke des emsigen sächsischen Landsmannes bis zur Mitte der 1980er Jahre in der DDR verboten blieben, tut dabei nichts zur Sache.*8 (Gleichzeitig war das Karl-May-Museum in Radebeul nie geschlossen worden, und die Karl-May-Straße in Hohenstein-Ernstthal konnte ihren Namen behalten.) Mit den ebenfalls auf Karl May zurückgehenden Indianistikgruppen erlebte diese Verheißung eine weitere, obskure Verpuppung. In ihnen wurden die aus den Szenarien des Autors übernommenen Konstellationen quasi entfiktionalisiert und in soziale Gruppenaufstellungen rückübersetzt. Da diese aber jeder Selbsterfahrung entbehrten, fehlte ihnen auch der mimetische Ansatz, der sonst solchen Spielformen eigen ist. Genauso gut hätten bayrische Bergbauern die Rituale baltischer Heringsfischer nachspielen können oder umgekehrt. Was vielleicht auch seinen Reiz hätte.

5) Deutsche und Indianer

Aber die Imaginationsbereitschaft im deutschen Osten war groß, möglicherweise gerade wegen der Isolation, der die eingemauerte Bevölkerung ausgesetzt war. Ein weiteres primäres Kennzeichen dieser Gesellschaft war der Mangel. Und wo Mangel herrscht, da wird zu Surrogaten gegriffen. Honig wurde aus Zuckerrüben und Tomatenketchup aus Möhren gebraut, Freizeitbastler schraubten aus Waschmaschinenmotoren und Kinderwagen eigene Rasenmäher zusammen, da diese im Handel schwer zu bekommen waren. Echte Indianer waren für die DEFA auch keine zu bekommen. Seit Die Söhne der Großen Bärin (DDR 1966, R: Josef Mach), dem Startschuss des Genres, wurden fast sämtliche Nachfolgefilme von der charismatischen Erscheinung Gojko Mitic geprägt, einem aus Serbien stammenden Kleindarsteller und Stuntman, der schon in einigen bundesdeutschen Karl-May-Verfilmungen mitgewirkt hatte. Auch die westdeutschen Produktionen waren ja teilweise in Jugoslawien entstanden, besetzten ebenfalls keine echten Indianer. (Winnetou wurde von einem Franzosen gegeben!*9) Im Nachhinein mutet es bizarr genug an, dass ausgerechnet Titos Jugoslawien zur Drehscheibe deutsch-deutscher Indianerphantasien werden konnte, wenn sich dazu auch praktische Erklärungen liefern lassen.*10 Für die ostdeutschen Zuschauer war Jugoslawien genauso weit weg wie Amerika oder die Bundesrepublik – nämlich unerreichbar. Es war also faktisch egal, wo die Sehnsuchtsorte aufgenommen worden waren, welchen Ethnien die Darsteller angehörten und wie hoch der Wahrheitsgehalt der Geschichten war. DEFA-Indianerfilme waren Märchenfilme, und so wurden sie auch wahrgenommen und konsumiert. Bemerkenswert an ihnen ist vor allem die Tatsache, dass sie zeitweilig tatsächlich von einem Massenpublikum akzeptiert wurden. Diesen Kurzschluss zwischen staatlich gelenkter Kulturpolitik und DDR-Bevölkerung gab es nur selten, mit zunehmender Bestandsdauer des Regimes immer seltener. Spätestens nach dem Machtantritt Hans Dieter Mädes als Generaldirektor des DEFA-Spielfilmstudios im Jahr 1977 büßte die DDR auch diese Bindung ein. Die Indianer in ihrer jugoslawisch-ostdeutschen Inkarnation hatten als Integrationsfaktor und damit als staatstragende Maßnahme ausgedient. Blutsbrüder von Regisseur Werner W. Wallroth (1975) war faktisch der letzte wirklich erfolgreiche Indianerfilm der DDR, der einigermaßen an die Popularität von Filmen wie Spur des Falken (1968), Tödlicher Irrtum (1970) oder Apachen (1973) heranreichen konnte. In Blutsbrüder spielte Dean Reed dann auch die am modellhaftesten auf seine Funktion in der DDR zugeschnittene Rolle des „Anderen Amerikaners“: Die eines lauteren Weißen, der nach einem Massaker an Indianern aus der US-Army desertiert und sich den Unterdrückten anschließt.*11 Zwischen 1977 und 1985 wurden in Babelsberg zwar noch vier weitere Indianerfilme gedreht, doch gingen diesen in zunehmendem Maße die Zuschauer verloren. Im letzten Film namens Atkins (1985) standen nicht einmal mehr Indianer im Zentrum der Handlung. Danach verzichtete die Studioleitung auf weitere Beiträge zum Thema. Vier Jahre vor dem Ende der DDR war das Utopiepotential in diesem Land bereits soweit verbrannt, dass man sich selbst bei der DEFA nicht länger entblöden wollte, vor leeren Sitzreihen an der Mär des edlen Wilden festzuhalten. Aber genau das war die Situation: Die Zeit der Märchenstunden war vorbei und der Zuschauersaal lichtete sich. Zuletzt war die DDR die Tabula rasa geworden, die Goethe an den Vereinigten Staaten so beneidet hat; wenn auch im umgekehrten Sinne.

Berlin 2008

1 Johann Wolfgang von Goethe, Den Vereinigten Staaten. In: Zahme Xenien.

2„Die Gehirne“ war und ist eine Experimental-Rockband, die 1983 in Karl-Marx-Stadt gegründet wurde.

3 Eberhard Heinrich: Die Karte zeigt, wohin sich die Erde bewegt. In: Herausgeberkollektiv unter Heinrich Gemkow: Der Sozialismus – Deine Welt. Ost-Berlin 1975, S. 26. Dieses Buch bekam jeder DDR-Jugendliche ausgehändigt, der sich an der Jugendweihe beteiligte.

4 Russel Means (*1939): Mitglied des American Indian Movement (AIM), der 1973 durch die Besetzung von Wounded Knee bekannt wurde. Seit er 1994 eine Rolle in Oliver Stones Spielfilm Natural Born Killers übernahm, arbeitet er vorrangig als Schauspieler.

5 Vgl. Der rote Elvis (D 2007, Dokumentarfilm von Leopold Grün) sowie das gleichnamige Buch zum Film von Stefan Ernsting. Siehe auch: www. deanreed.de

6 Teile Österreichs standen bis 1955 unter sowjetischer Besatzung, so auch Oberösterreich nördlich der Donau.

7 1994 reiste Victor Grossman alias Steve Wechsler erstmals wieder in die USA, wurde bei der Einreise verhaftet und nach längerer Befragung durch die US-Militärpolizei nach 43 Jahren dann offiziell aus der Army entlassen.

8 Das frühe Verbot nach 1945 basiert auf dem Umstand, dass Adolf Hitler mehrfach Karl May als seinen Lieblingsautor bezeichnet haben soll. Neben rassistisch auslegbaren Milieuschilderungen in einigen seiner Bücher spielte später auch schlichter Devisenmangel eine Rolle bei der Nicht-Verlegung: Die Rechte waren nach Kriegsende mit dem Karl-May-Verlag von Dresden-Radebeul nach Bamberg abgewandert. Die Rehabilitierung des Autors erfolgte im Rahmen eines unter Erich Honecker verstärkt auftretenden, theoretisch in keiner Weise reflektierten Traditionalismus, in dessen Rahmen auch Martin Luther und Friedrich der Große wieder in die Geschichtsschreibung zurück geholt wurden.

9 1992 löste Gojko Mitic auf den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg Pierre Brice als Darsteller des Winnetou ab.

10 Seit den 1960-er Jahren nutzen zahlreiche westliche Produktionsfirmen das Lohngefälle zur jugoslawischen Filmindustrie. In der DDR wiederum herrschte hingegen ein eklatanter Mangel an Schauplätzen.

11 Bemerkenswert auch, dass in diesem Film zahlreiche Nebenrollen mit Rumänen sowie mit Sinti und Roma besetzt wurden. In Der Scout (1983) griff man als Darsteller für das indianische Fußvolk übrigens sogar auf Mongolen zurück. Aber die Rollenverteilung in diesem aus lauter imaginären Größen bestehenden Bezugssystem war ohnehin zweitrangig.